Es fühlte sich an wie ein typischer Morgen danach.
Nur, dass sie eben nicht die ganze Nacht gefeiert hatte, sondern sich um jemanden gekümmert hatte, der ihre Hilfe gebraucht hatte.
Geplagt von Kopfschmerzen weigerte sich Jayden vehement ihre Augen zu öffnen.
Stattdessen zog sie sich ihre Bettdecke über den Kopf und stieß die Luft in einem leisen Seufzen aus.
Sie hatte wahrscheinlich nur einige wenige Stunden geschlafen, nachdem es draußen noch immer hell war und die Sonne unerbitterlich durch ihre Fenster schien.
Aber irgendetwas hatte sie geweckt, doch sie konnte noch nicht genau sagen, was es gewesen war.
Ein leises Klopfen an ihrer Zimmertür ließ sie dann erkennen, was, oder besser, wer sie geweckt hatte.
Für einen winzigen Moment verfluchte sie Dumbledore dafür, dass er sie gebeten hatte, Remus hier bei sich aufzunehmen.
Dann hätte sie vielleicht noch ein paar Minuten schlafen können. Aber diesen Gedanken verwarf sie sofort wieder.
Schließlich hätte sie auch 'Nein' sagen können.
Aber sie war nicht der Typ, der andere hängen ließ.
Oftmals war es auch ihre Selbstaufgabe, die sie schon das ein oder andere Mal in große Schwierigkeiten gebracht hatte.
Sie war niemand, der 'Nein' sagte. Eigentlich sagte sie das nie.
„Komm rein!", versuchte sie so laut wie möglich unter ihrer Bettdecke hervorzubringen.
Am leisen, langsamen Knarren der Tür erkannte sie nun endgültig, dass es nicht ihre Hauselfe war.
Diese wäre wahrscheinlich auch nicht so höflich gewesen und hätte an ihre Tür geklopft, sondern hätte sie sofort aus dem Bett geworfen, indem sie ihr die Decke geklaut hätte.
Langsam linste Jayden hinter ihrer Bettdecke hervor.
„Hey. Ich... Ich wollte dich nicht wecken, aber... Naja, Debby meinte du müsstest wieder ins St. Mungo und deswegen dachte ich...", druckste Remus herum und versuchte sich an einem scheuen Lächeln.
Er sah ein wenig besser aus als noch vor ein paar Stunden.
Sie konnte zwar erkennen, dass er wohl noch einige Male geweint hatte, aber er schien sich allmählich gefangen zu haben.
Darüber war sie absolut froh und erleichtert, denn sie konnte nicht mitansehen, wie andere Leute litten.
Und wenn es dann auch noch um Menschen ging, die sie mochte, war es nur umso schlimmer.
Jayden setzte sich in ihrem Bett auf und strich sich die schwarzen Haare aus der Stirn.
„Hier riecht es eindeutig nach Kaffee.", gab sie von sich, ein Gähnen unterdrückend.
Remus setzte sich neben sie und reichte ihr eine Tasse mit ihrem Lebensrettenden Elixier.
Lächeln nahm sie es entgegen und nahm einen tiefen Schluck. Dann atmete sie tief durch und musterte ihn, wohl wissend, dass sie es nicht gerade unauffällig tat. Aber sie suchte nach Anzeichen. Dafür, dass es ihm wirklich besser ging.
Dass sie sich nicht getäuscht hatte, und dass es ihm geholfen hatte hier zu sein. Wo er keine Erinnerungen hatte, die ihn verfolgten.
Wobei es fast schon naiv war zu glauben, dass es ihm hier besser gehen würde, nur weil er zum ersten Mal hier war.
„Was starrst du mich so an?", fragte er und zog skeptisch die Augenbraue nach oben.
Jayden lächelte ihn nur vorsichtig an, legte ihm für einen Moment die Hand auf die Schulter und sagte nichts.
Woran erkannte man, dass es jemandem besser ging, der alles verloren hatte?
Gar nicht. Denn es konnte einem nicht besser gehen. Wahrscheinlich niemals. Von wegen Zeit heilt alle Wunden.
Ihr Blick wanderte zu ihrer Uhr und sie seufzte ziemlich laut. Sie hatte noch exakt 51 Minuten, bis ihre Schicht im Krankenhaus anfing.
„Hör zu, ich muss nicht unbedingt arbeiten gehen. Ich finde bestimmt jemanden, der meine Schicht übernimmt.", meinte sie leise, während sie sich aus ihrer Decke schälte und ihre Beine über den Bettrand schwang.
Jetzt saßen sie genau nebeneinander und Jayden wartete ab, was er sagen würde.
Sie würde hier bleiben, wenn er sie brauchen würde. Wenn er sie darum bitten würde.
Das hatte sie sich felsenfest vorgenommen. Sie würde nicht einfach weggehen und ihn alleine lassen, so, wie man sie allein gelassen hatte.
Das war schrecklich, und sie wollte nicht, dass sich jemals jemand so von ihr verraten fühlte, wie sie es noch heute tat.
„Ich komm' klar. Ich war schon immer ein Einzelgänger, also mach' dir bitte keine Gedanken", gab er ihr als Antwort zurück.
Und wie deutlich die Traurigkeit in seiner Stimme mitschwang, war auch nicht zu überhören. Selbst wenn sie taub gewesen wäre.
„Du bist aber nicht mehr allein."
„Ich will dir nicht zur Last fallen. In ein paar Tagen bin ich wieder weg, wenn ich etwas eigenes gefunden habe."
„Du kannst so lange bleiben wie du möchtest. Und du fällst mir nicht zur Last."
Seine letzten Worte ließ sie unkommentiert. Bis er etwas eigenes gefunden hatte.
Wen versuchte er eigentlich zu belügen? Er war ein Werwolf. Wie sollte er denn etwas eigenes finden, wenn man schon grundsätzlich keine Werwölfe einstellte? Und selbst bei den Muggeln erfreute sich das monatliche Fehlen keiner großen Beliebtheit.
Und eine Wohnung zu bekommen, ohne ein festes Einkommen nachweisen zu können, war im Grunde genauso utopisch.
Aber Jayden hütete sich davor so etwas anzusprechen. Denn sogar sie besaß ein gewisses Maß an Taktgefühl.
Den Rest ihres Kaffees leerte sie mit einem Zug und stellte die Tasse auf dem Tischchen neben ihrem Bett ab. Ihr fehlte es sichtlich an Motivation, als sie aufstand und sich noch einmal ausgiebig streckte.
„Also gut. Ich bin heute Abend um zehn wieder hier", fing sie leise an, während sie ihn mit einem strengen Blick ansah, „und du wirst dich hier wie Zuhause fühlen. Wenn du etwas brauchst, dann sag' es Debby. Sie wird sich darum reißen dir behilflich zu sein."
Und ohne auf eine weitere Erwiderung zu warten, verschwand Jayden im angrenzenden Bad.
Als sie hinter sich die Haustüre geschlossen hatte, atmete Jayden erst einmal tief durch.
Sie würde diese Schicht schon irgendwie überstehen, dann würde sie nach Hause kommen und weiter versuchen Remus aufzumuntern, abzulenken und... Ja, was und?
Sie wusste nicht was sie wirklich tun sollte. Sie fühlte sich absolut überfordert mit der ganzen Situation.
Sie wollte ihm helfen, wirklich. Aber sie war nicht gut darin. Sie war gut darin oberflächliche Bekanntschaften zu haben und zu pflegen.
Sie konnte sich wirklich für Menschen aufopfern, vor allem in ihrem Job. Aber wirklich für jemanden da zu sein.
Jayden hatte keine Ahnung, was sie tun sollte.
Deswegen versuchte sie einfach das zu machen, was immer klappte: Verdrängen und so tun, als ob alles in Ordnung wäre.
Als sie im St. Mungos ankam, verschwand sie schnellst möglich in dem kleinen Raum, der als ihr Büro bezeichnet wurde.
Sie knipste das Licht an und hob ihren Heilerumhang vom Boden auf.
Sie hatte ihn gestern in der Eile einfach fallen lassen, als sie mit Remus zum Apparationspunkt gegangen war.
Auf ihrem Schreibtisch lag noch die Watte, mit der sie seine Wunden notdürftig versorgt hatte.
Er hatte sich geweigert sich vernünftig von ihr helfen zu lassen. Sie hatte auch zuerst vergeblich versucht herauszufinden, wie er sich verletzt hatte.
Bis sie selbst darauf kam, dass er sich beim Apparieren wohl beinahe gesplintet hätte.
Glücklicherweise war es dazu nicht gekommen.
Stumm schüttelte sie ihren Kopf und räumte ihren Schreibtisch mit einem Wink ihres Zauberstabs auf.
Dann griff sie nach den Unterlagen der Patienten, straffte ihre Schultern und verließ ihr Büro wieder, in der Hoffnung dass die Routine ihr die Sicherheit geben würde, die sie heute so dringend benötigte.
Aber erstens kam es immer anders, und zweitens als man denkt.
„Dr. Hope?"
Fast schon erschrocken zuckte Jayden zusammen und drehte sich zu der Person um, die sie angesprochen hatte.
Sie wusste, dass sie diesen Mann schon einige Male gesehen hatte. Aber sie erinnerte sich beim Besten Willen nicht an seinen Namen.
Sie wusste nur, dass er vom Ministerium war. Sein grimmiger Blick musterte sie von oben bis unten und er schien irgendetwas zu suchen.
„Ja, die bin ich. Was kann ich für die Herren tun?"
Hinter dem grimmig drein blickenden Mann stand noch ein Jüngerer, Jayden schätzte ihn nur wenige Jahre älter, als sie selbst war.
Seine blonden Haare fielen ihm lässig ins Gesicht und auch seine stahlblauen Augen ergänzten das Bild eines ziemlich reichen Reinblüters perfekt.
Aber irgendetwas an ihm irritierte sie. Sie konnte aber nicht benennen, was es war.
„Wir sind auf der Suche nach einem gewissen Mr. Lupin. Uns wurde mitgeteilt, dass sie die Letzte waren, die ihn gestern gesehen hat.", gab der Grimmige von sich.
Irgendetwas in Jayden zog sich zusammen und sie verspürte Angst.
Sie wusste nicht, was genau diese Kerle von Remus wollten, aber sie hatte das dringende Bedürfnis ihn zu beschützen.
Oder zumindest irgendetwas zu tun.
„Kann sein. Was wollen sie von ihm? Und, vor allem, würden sie mir vielleicht erst einmal sagen, wer sie eigentlich sind?", gab sie stattdessen zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Souveränität war eine Eigenschaft, die Jayden wirklich nicht besaß.
Aber in genau diesem Moment musste sie genau das sein. Souverän, stark, unerschütterlich. Keine Unsicherheiten zulassen.
So tun, als ob sie genau wüsste, worum es hier eigentlich ging.
„Er muss eine Aussage machen."
Mehr war anscheinend aus dem Grimmigen nicht herauszuholen.
Deswegen wendete sie sich dem Jüngeren zu und machte einen Schritt in seine Richtung. Allerdings ließ er sich nicht von ihr beirren oder gar einschüchtern.
Er blickte sie nur gelassen an und wartete, was sie wohl tun würde.
„Ich werde ihnen nicht sagen, wo er ist, solange sie mir nicht sagen, was sie genau von ihm wollen."
„Wir sind vom Ministerium, mehr müssen sie nicht wissen. Und was Lupin angeht..."
Er machte eine bedeutungsschwangere Pause und blickte nur für eine winzige Sekunde zu dem anderen Mann herüber, als ob er sich eine Erlaubnis holen wollte. Jayden fürchtete, dass es ihr gar nicht gefallen würde, was als nächste kam.
„Er muss bestätigen, dass Black der Geheimniswahrer der Potters war. Damit können wir ihm den Mord an den Potters ebenfalls nachweisen und müssen uns nicht weiter mit ihm beschäftigen.", antwortete der Blonde jetzt.
Jayden wusste nicht was sie sagen sollte. Jetzt verstand sie so langsam, was Remus gemeint hatte.
Allerdings sickerte langsam eine weitere Information in ihr Bewusstsein durch.
Von welchen weiteren Morden sprachen diese Männer?
Was zum Teufel war hier los?
„Haben sie denn heute noch keine Zeitung gelesen?", blaffte der Grimmige sie wieder an, kramte in den Tiefen seines Umhangs und zog einen Tagespropheten hervor.
Wortlos drückte er ihn Jayden in die Hand. Es war eindeutig eine Sonderausgabe, das fiel ihr sofort auf.
Nicht recht verstehend, worum es hier überhaupt ging, faltete sie das Blatt auseinander und sie glaubte im nächsten Moment, dass ihr Herz stehen bleiben würde.
'Black verhaftet'
Im ersten Moment begriff sie den Sinn nicht wirklich. Stattdessen wanderten ihre Augen einige Zeilen weiter nach unten.
'13 Muggel auf offener Straße ermordet... Von Pettigrew fehlt jede Spur... Geheimniswahrer der Potters? Zeugen gesucht...'
„Ich weiß nicht, wo er ist...", murmelte sie leise, ihr Blick weiter auf den Propheten gerichtet.
Das Bild einer verlassenen Straße. Ein riesiger Krater. Und sonst nichts.
Nichts anderes zierte die Titelseite der Zeitung. Aber Jayden wollte nicht wissen, was dort passiert war.
Sie fürchtete sich vor der genauen Antwort und ihr wurde übel bei dem Gedanken, an die Worte, die sie gelesen hatte.
Eilig faltete sie die Zeitung wieder zusammen und drückte sie dem Älteren der beiden in die Hand.
Sie straffte ihre Schultern erneut und versuchte sich nichts weiter anmerken zu lassen.
„Es ist richtig, dass ich ihn gestern gesehen habe. Aber wo er jetzt ist, weiß ich nicht. Und jetzt entschuldigen sie mich, ich habe zu arbeiten."
Dass sie gegen Ende etwas schnippisch geklungen hatte, war ihr egal.
Jayden war innerlich einfach nur vollkommen aufgewühlt und hatte keine Ahnung was sie tun sollte.
Sie hatte Angst. Vor allem um Remus. Sie wusste nicht, wie er darauf reagieren würde, wenn er den Tagespropheten lesen würde.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wendete sie sich von den beiden Männern ab und versuchte so gelassen wie möglich den Gang entlang zu gehen.
Als sie um die Ecke gebogen war, beschleunigte sie ihre Schritte, bis sie vor einer Toilette ankam.
Ohne Zeit zu verlieren, fiel sie davor auf die Knie und musste sich heftig übergeben.
Ihre zitternden Hände umklammerten das Porzellan und sie hatte das Gefühl, dass sich alles um sie herum drehen würde.
Jayden konnte sich nicht erinnern, wann ihr das letzte Mal so schlecht gewesen war.
Als sie sich nach einigen Minuten beruhigt hatte, lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Fliesen der Wand und schloss ihre Augen.
Ihr war immer noch übel, aber ihre Gedanken kreisten nur darum, was sie tun sollte. Wie sollte sie Remus das alles beibringen?
Sofern er es nicht schon wusste. Und zu allem Überfluss konnte sie nicht im geringsten einschätzen, wie er überhaupt reagieren würde. Wütend? Niedergeschlagen? Oder einfach gar nicht?
