4.
„Hey, wo wollen Sie denn hin?", polterte Sabrina und hechtete dem Besucher, der sie und den Empfangstresen so konsequent ignoriert hatte, hinterher. „Ich will zu Lisa Plenske", erwiderte der junge Mann, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. „Wer sind Sie und was wollen Sie von der Planschkuh? Sie können nicht einfach zur Mehrheitseignerin durchmarschieren. Das hier ist ein ordentliches Unternehmen", wies Sabrina Bruno auf sein Fehlverhalten hin. „Frau Plenske und ich kennen uns sehr, sehr gut, wenn Sie verstehen. Ich denke nicht, dass sie begeistert wäre, zu erfahren, dass Sie mich nicht zu ihr lassen wollten." – „Richard!", rief Sabrina den zweiten Geschäftsführer zu Hilfe. Dieser kam eher unwillig aus seinem Büro. „Was ist denn?", wollte er ungehalten wissen. „Der hier will zur Plenske." – „Und?", zuckte Richard mit den Achseln. „Wer ist er und was will er von Frau Plenske? Als Empfangsdame ist es deine Aufgabe, so etwas zu erfragen." – „Ich bin Bruno Lehmann", stellte der junge Mann sich vor. „Und ich möchte zu Frau Plenske." – „Ja, soweit waren wir ja schon", seufzte Richard. „Und warum möchten Sie zu Frau Plenske? Sind Sie ein Blumenbote?" Richard deutete auf den üppigen Strauß Tulpen in Brunos Hand. „Nein, kein Blumenbote, auch wenn ich die hier Lisa bringen möchte." – „Sind Sie etwa ein heimlicher Verehrer?", mutmaßte Richard provokant. „Nein, nicht heimlich, aber ich verehre Lisa durchaus." Richard und Sabrina verschlug es zeitgleich die Sprache, was Bruno sich zu Nutze machte, um sich wieder auf den Weg in das Büro der Mehrheitseignerin zu machen.
„Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Vorschlag zu unserem Produkt passt", unterbrach David Rokko Kowalski. „Wieso denn nicht? Das Konzept, das Sie bisher haben, passt einfach nicht. Wen soll das ansprechen? Zu modern für die Alten, zu spießig für die Jungen." – „Aber alles neu – Name, Spot, das Gesicht? Nee, also…" – „David", raunte Lisa ihrem Kollegen zu. „Ich weiß, du hängst an Mariella, aber sie ist in Boston und das Produkt ist hier. Wir müssen das, nachdem du es so groß angekündigt hast, auch durchziehen. Ich sage es nur ungern, aber Kowalskis Vorschläge sind gut." – „Schön, dass ihr euch einig seid", erwiderte David trotzig. „Ja, so wie du und ich uns einig waren, Herrn Kowalski einzustellen", versuchte Lisa David zu beschwichtigen. „Richtig, aber nicht damit er alles auf den Kopf stellt!" – „Mir wächst gleich ein Bart", warf Rokko ein. „Melden Sie sich noch mal bei mir, wenn Sie wissen, was Sie wollen." Mittlerweile war der Werbefachmann genervt. Er mochte seine neue Chefin – sie war schon irgendwie speziell genau wie er, aber seine Geduld hatte Grenzen. Wieso um Himmels Willen konnte sie diesem Seidel-Schnösel nicht sagen, dass es so gemacht wurde, wie sie wollte, weil sie der Boss war und nicht anders? „David, wir werden Herrn Kowalski dieses Konzept ausarbeiten lassen", ergriff Lisa plötzlich das Wort. „Kerima hat zu viel investiert, um jetzt auf Risiko zu spielen." – „Wenn du meinst", knurrte David. „Ja, meine ich." Lisa hatte gerade ausgesprochen, als die Tür zu ihrem Büro aufflog. „Hallo schöne Frau!" Einen Augenblick sah es so aus, als würde ein Mann mit einem Tulpenstrauß als Kopf in der Tür stehen. „Bruno?", fragte Lisa verwirrt. „Ja", strahlte er, als er die Blumen sinken ließ. „Ähm, ich glaube, wir sind hier fertig", wandte Lisa sich an Rokko und David. „Das glaube ich auch", schmunzelte Letzterer. „Kommen Sie mit auf einen Kaffee, Kowalski?", wollte David von dem Werbefachmann wissen. „Dann können Sie mir ja noch mal sagen, warum die Kampagne mit meiner Verlobten schlecht ist."
„Was machst du denn hier?", wollte Lisa von Bruno wissen, als die beiden Männer ihr Büro verlassen hatten. „Ich hatte Sehnsucht nach dir", gestand Bruno. „Hier, ich habe dir Blumen mitgebracht. Ich wusste nicht, welche du magst, aber ich fand die hier sehr schön." Lisa nahm die Tulpen in Empfang. „Das sind meine Lieblingsblumen", gab sie zu. „Die sind wirklich schön. Danke." Schüchtern ging Lisa auf Bruno zu und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. „Ich find's süß, wie scheu du immer noch bist… nach allem, was zwischen uns schon war", grinste dieser. „Das ist ja nur… weil… naja… das alles noch so neu für mich ist", stotterte Lisa. „Gut, dann zeige ich dir noch mal, wie eine ordentliche Begrüßung zwischen uns beiden aussehen sollte", zog Bruno sie erst auf und dann an sich, um sie zu küssen.
Rokko rührte gedankenverloren in seinem Kaffee. Wie sollte er Kerimas Geschäftsführer denn nur klar machen, dass das bisherige Konzept nicht schlecht war, sondern suboptimal? „Sie haben Frau Plenske doch gehört, Kerima braucht jetzt einfach einen Aufwind. Den wollen Sie doch auch, oder? Außerdem ist es für Ihre Psyche vielleicht auch besser, wenn Sie langsam Abschied von Ihrer Ex-Verlobten nehmen", versuchte er David deshalb zu erklären. „Hm", knurrte dieser. „Vielleicht hat Mariella aber auch nur eine Phase und kommt zu mir zurück." – „Ja", seufzte Rokko. Menschen mit Liebeskummer waren ihm zuwider, deshalb wollte er David weder widersprechen noch in seine Jammerei mit einsteigen. „Wer war das eben eigentlich?" – „Wie meinen?", entgegnete David. „Der Mann, der eben in Frau Plenskes Büro gekommen ist." – „Das war Bruno mit den vielen Tulpen. Was haben Sie denn gedacht?" – „Keine Ahnung. Sonst hätte ich nicht gefragt", antwortete Rokko ungehalten. „Ist er etwa Frau Plenskes Freund?", lenkte er dann aber versöhnlich ein. „Möglich. Mir erzählt sie ja nichts mehr." – „Klingt, als würden Sie das bedauern", diagnostizierte Rokko. „Ja… nein… nein, eher nicht. Ich meine, ich bin ganz froh, dass sie mich nicht mehr so anschmachtet." Rokko lachte verächtlich auf. „Von Frau Plenske angeschmachtet zu werden, dürfte ja auch eine echte Bürde sein." – „Unken Sie nur, aber mir waren ihre Gefühle irgendwann zu viel. Von daher freue ich mich natürlich, dass sie jemanden gefunden hat. Andererseits… ich weiß auch nicht. Mir wäre wohler, wenn sie mit mir reden würde – so wie wir es vor diesem Bruno getan haben… nur für den Fall, dass sie… dass sie…" – „An einen Schürzenjäger gerät wie Sie selbst einer sind", mutmaßte Rokko. „Ich hätte es jetzt feinfühliger ausgedrückt, aber ja, ich mache mir Sorgen, ob sie vielleicht an den Falschen geraten sein könnte." – „Was wir ihr natürlich nicht wünschen", fügte Rokko hinzu. „Ich nicht", provozierte David ihn. „Noch Kaffee?" – „Nein danke", lehnte Rokko ab. Irgendwie fühlte er sich ertappt. Es war ihm nicht entgangen, dass in Lisa Plenske Facetten steckten, die den meisten Menschen verborgen blieben. In seiner Vorstellung hingegen gab es niemanden außer ihm, der diese Facetten an die Oberfläche bringen konnte. Tja, und nun gab es einen Bruno.
„Danke, dass du mich zu diesem Spaziergang überredet hast", wandte Lisa sich an Bruno. Händchen haltend liefen sie entlang der Spree und genossen das sonnige Winterwetter. „Du hast so süße, rote Wangen bekommen", lächelte er sie verliebt an. „Danke. Sag mal, musst du nicht zur Arbeit?" – „Ich habe mir heute frei genommen – nur für dich. Meister Pönke versteht das schon. Ein bisschen kann ich ja auch heute Abend noch nacharbeiten." Lisa drückte Brunos Hand fester. „Das ist so lieb von dir, aber handle dir meinetwegen keinen Ärger ein, ja?" – „Du wärst es zumindest wert", schmunzelte Bruno. „Sag mal, was machst du am Wochenende?", wollte Lisa von ihm wissen. „Wieso? Hast du Pläne?" – „Naja, ich dachte, es wäre nett, wenn ich dich mal mit zu mir nehme und dich meinen Eltern vorstelle." – „Du meinst, ich sollte zuerst in die schwiegerelterliche Höhle des Löwen?", schmunzelte Bruno. „So ungefähr", gestand Lisa. „Meine Familie ist mir eben sehr wichtig und... naja… ich mag dich eben sehr gerne und wir sind jetzt schon ein paar Tage zusammen. Ich möchte ihnen diesen Entwicklungsschritt einfach nicht vorenthalten. Verstehst du?" – „Tue ich", lächelte Bruno. Mittlerweile kam er sich schlecht vor, dass er Lisa zwar seine kleine Wohnung in Kalehne gezeigt hatte, aber seine Mutter und ihren Ehemann mit keinem Wort erwähnt hatte. Vielleicht war es auch besser so, dass Lisa und Herr Lehmann sich bisher nicht kannten. Er war ja ein echter Kotzbrocken und Lisa ziemlich schüchtern. „Und wenn das gut läuft", ging er dann wieder auf Lisas Vorschlag ein. „Coache ich dich für ein erstes Treffen mit meiner Mutter und Herrn Lehnmann." – „Herrn Lehmann?" – „Ja, der Ehemann meiner Mutter. Er ist nicht mein leiblicher Vater und er hat mich das immer spüren lassen." – „Das tut mir leid. Kennst du deinen leiblichen Vater gar nicht?" – „Nein. Ich habe meine Mutter bekniet, mir seinen Namen zu sagen. Ich habe sogar ihre persönlichen Sachen durchsucht, aber kein Hinweis." – „Du weißt, dass du auf Herausgabe des Namens klagen kannst?" – „Ja, weiß ich", seufzte Bruno. „Aber das will ich meiner Mutter dann doch nicht antun. Sie hat sicherlich ihre Gründe…"
„Was hältst du davon, wenn ich morgen zu dir nach Kalehne komme?", schlug Lisa vor, als Bruno und sie aus dem Fahrstuhl in das Kerima-Foyer traten. „Klingt…" In diesem Moment wurde Bruno von dem Klingeln seines Handys unterbrochen. Lisa konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen – ihr Klingelton war die Titelmelodie von Pippi Langstrumpf, Brunos Klingelton war die Titelmelodie von Karlson vom Dach. Da war also wieder so eine kleine, scheinbar belanglose Gemeinsamkeit. Lisa lächelte – eigentlich passte Bruno gut zu ihr und er gut zu ihr. Okay, ihre Beziehung hätte nicht mit einem Stelldichein im Vollrausch beginnen sollen, aber ansonsten war es doch sehr schön zwischen ihnen beiden. „Ja, Mama… Nein, Mama… Berlin… Ja, ich kann heute Abend zum Essen vorbeikommen… Nein, das ist kein Problem." Mit einer Grimasse deutete Bruno Lisa an, dass ihn das Gespräch mit seiner Mutter nervte. „Ja, bis später." Bruno klappte sein Handy zusammen. „Wo waren wir? Du wolltest zu mir nach Kalehne kommen? Gerne", grinste er Lisa an. „Wir könnten lecker kochen und hinterher…" Bruno trat an Lisa heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr. „Klingt verführerisch – im wahrsten Sinne des Wortes", lächelte sie. „Bis morgen." Sie legte ihre Arme um Brunos Hals und zog ihn dicht an sich heran. „Ich liebe dich", flüsterte sie ihm zu, bevor sie ihn küsste. „Ich muss dann", verabschiedete Bruno sich in einem bedauerlichen Tonfall. „Ist gut. Wir telefonieren nachher?" – „Ja", lächelte er.
