„Rokko

„Das ist doch ganz wunderbar gelaufen. Hast du gesehen, wie begeistert die Presse war?", lobte David die Präsentation einige Tage später. „Ja, habe ich", strahlte auch Lisa. „Hey, lass uns das feiern gehen. Wie sieht es aus? Ein Drink in der Tiki-Bar?" David setzte einen Augenblick eine gespielt nachdenkliche Miene auf. „Ich weiß ja nicht…" – „Ja, ja, Alkohol am Steuer", lachte Lisa. „Aber ich verspreche dir, ich trinke nicht zu viel." Entsetzt sah David zu Lisa herunter und schluckte. „Nun guck doch nicht so bedrippelt", zog sie ihn auf. „Ich habe gescherzt, David." – „Das habe ich gemerkt", meinte dieser trocken. „Ich finde es nur schade, dass unser Wettsaufen jetzt ausfallen muss." In diesem Moment ging der Fahrstuhl auf und es trat jemand zum Vorschein, mit dem Lisa nicht gerechnet hatte. „Rokko!", entfuhr es ihr fast schon geschockt. „Du kannst dich also noch an mich erinnern", erwiderte dieser verbittert. „Sie sind Rokko Kowalski?", fragte David und hielt ihm auch gleich die Hand hin. „David Seidel", stellte er sich vor. „Warum hast du nicht zurückgerufen, nicht geschrieben oder dich sonst irgendwie gemeldet?", ignorierte Rokko Davids Versuch, höflich zu sein. „Ich kann damit leben, wenn dir unser Kuss nicht so viel bedeutet hat wie mir, aber nicht mit dieser Ungewissheit. Ich will wissen, woran ich bin." – „Rokko, ich… ich…" – „Du bist einfach nur zu feige, Stellung zu beziehen", presste Rokko verächtlich hervor. „Lisa", zischte David, als er merkte, dass Rokko einen Knopf im Fahrstuhlinneren betätigte. „Als guter Freund muss ich das einfach für dich tun", rechtfertigte er sich und gab Lisas Rollstuhl einen Schubs, so dass sie sich plötzlich neben Rokko wieder fand, als die Fahrstuhltür sich schloss. „Rokko, bitte", nahm Lisa das Gespräch wieder auf. „Ich wohne nicht weit von hier. Du könntest mit zu mir kommen und wir reden ganz in Ruhe, bitte."

„Schön hast du es hier", rang Rokko sich ein paar anerkennende Worte für Lisas neues Zuhause ab. Lisa rollte an das Sofa heran und nahm dort Platz. „Machiavelli, kuscheln", wandte sie sich an den Golden Retriever, der sich über seinen Lieblingsbefehl sichtlich freute. Überschwänglich sprang er zu Lisa auf das Sitzmöbel und legte seinen Kopf auf ihrem Schoss ab, in der Hoffnung, Lisa würde ihm die Ohren kraueln. „Es freut mich, dass Machiavelli sich gut bei dir eingelebt hat", stellte Rokko möglichst neutral in den Raum. „Aber mich würden ganz andere Dinge interessieren." – „Rokko", begann Lisa ruhig. „Es ist ja nicht so, als hätte mir dieser Kuss nichts bedeutet. Es ist nur… das liegt völlig außerhalb meines Erfahrungsbereichs. Ich meine, es hat mich doch schon niemand geküsst, als ich noch… normal… war. Das macht in meinem Kopf alles keinen Sinn, Rokko." – „Es macht in deinem Kopf keinen Sinn, dass ich mich in dich verliebt habe? Dass ich dich nicht auf deine Hülle reduziere, sondern das ganze Lisa-Plenske-Paket will? Dann ist dir wirklich nicht zu helfen!" Aufgebracht drehte Rokko sich um und wollte zur Tür. „Machiavelli, Tür zu", befahl Lisa dem Hund, der sofort aufsprang und sich vor der Ausgangstür aufbaute. „Was hast du gesagt?", fragte Lisa Rokko dann fassungslos. „Dass ich mich in dich verliebt habe. Ich möchte mit dir zusammen sein, aber ich möchte nicht ständig gegen deine Selbstzweifel ankämpfen müssen. Ich möchte, dass du mir vertraust und immer du selbst bist. Ich würde mich ja auch nie für dich verbiegen." Lisa musterte Rokkos violetten Anzug und schmunzelte – dass er damit in seinem kleinen Heimatort nicht aneckte… „Ich würde ja jetzt aufstehen und rüberkommen, um dich zu küssen…", wagte sie plötzlich einen Vorstoß. „… aber ich sitze gerade so bequem", scherzte sie. „Du könntest allerdings zu mir kommen und dir deinen Kuss abholen…"