Snape saß, düster vor sich hin starrend, an seinem Schreibtisch und hatte das Gefühl am Fuße eines Berges zu stehen und zu beobachten, wie sich am Gipfel einige Felsbrocken lösten, die bald eine gewaltige Lawine auslösen würden, die dann mit zerstörerischer Wucht unausweichlich auf ihn zukam. Dabei hatte er sich, wenn er ehrlich zu sich war, selber in diesen unmöglichen Schlamassel hinein manövriert. Was als gut gemeinter Plan begonnen worden war, hatte sich verselbstständigt, war schnell zu einem Dilemma ausgeartet, das er nicht mehr hatte stoppen können, und mutierte nun zu einer regelrechten Katastrophe.
Er dachte daran, wie harmlos es eigentlich begonnen hatte. Er hatte Hermine nie ganz aus den Augen verloren und als er irgendwann bemerkte, wie Minerva, mit der Hermine immer eine freundschaftliche Beziehung verband, begann sich ernsthaft Sorgen um ihren ehemaligen Lieblings-Schützling zu machen, hatte er begonnen die damaligen Lebensumstände seiner ehemaligen Schülerin genauer unter die Lupe zu nehmen.
Bereits nach kurzer Zeit musste er feststellen, daß das, was er bis dato in Erfahrung gebracht hatte, ziemlich erschreckend war. Hermine war dabei ihr Leben zu ruinieren. Das einst selbstbewußte, intelligente junge Mädchen war dabei sich in eine frustrierte, unselbstständige und verunsicherte Eremitin zu verwandeln.
Sie hatte ihren Kampfgeist verloren und stellte sich keiner Herausforderung mehr, sondern gab schnell auf und versuchte nur noch den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Als er ihre vergangenen Beziehungen sondierte, stellte er fest, dass sich dieses Verhalten auch dort widerspiegelte. Sie hatte ihre Partnerwahl so angelegt, Beziehungen zu Männern aufzubauen, in denen sie die Führung hatte. Sie konnte in diesen Beziehungen nicht wachsen und auch nicht daran arbeiten, so daß diese auch meist nach relativ kurzer Zeit wieder frustriert von ihr abgebrochen wurden.
Ohne sich ganz klar zu sein, wie er es anstellen sollte sie irgendwie auf den, seiner Meinung nach, richtigen Weg zu bringen, wußte er doch, daß er ihr helfen wollte. Wobei ihm der Zufall in die Hände spielte, als er eines Abends in einem Restaurant, in dem er eine Kleinigkeit gegessen hatte, an einem der Nachbartische ihren Namen fallen hörte. Ein junger Mann, der mit dem Rücken zu ihm saß, erzählte seinem Bekannten, er habe sich mit ihr für den nächsten Abend verabredet und wo sie sich treffen wollten.
Snape hatte sich keinen genauen Plan zurecht gelegt, wie er ein ernstes Gespräch mit ihr beginnen wollte, aber er war zur entsprechenden Zeit an der Ecke der Gasse, in der sie die Verabredung hatte, an der er ihr Erscheinen vermutete und wartete dort auf sie. Als Hermine mit ziemlicher Verspätung und offensichtlich etwas abgehetzt erschien, entschied er spontan sie an einen ruhigen Ort zu bringen, um ihr einmal ausführlich ins Gewissen zu reden. Nachdem er sich bei ihr bemerkbar gemacht hatte, begannen die Dinge allerdings schon leicht aus dem Ruder zu laufen. Er hatte eigentlich nur verhindern wollen, daß sie sofort merkte, wer er war, als er sie hinterrücks zwang mit ihm in den Hinterhof zu kommen. Aber ihre Reaktion, oder besser gesagt die Tatsache, daß sie sich nicht energisch wehrte, sondern eigentlich relativ abwartend gab, hatte ihn dazu verleitet sie vorsichtig zu küssen. Er hatte sie mit der kleinen zärtlichen Geste nur beruhigen wollen, da er zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen war, daß sie ihn explizit zwar noch nicht erkannt, aber zumindest für einen Bekannten gehalten hatte. Als er bemerkte, wie ihr Körper auf seine Annäherung reagierte, wurde ihm bewußt, daß er nicht mit einem jungen Mädchen, sondern mit einer erwachsenen Frau, deren Mut und Intelligenz er immer Respekt gezollt hatte, hier alleine in der Dunkelheit stand.
Durch die Erkenntnis, daß die Frau sich offenbar körperlich auch zu ihm hingezogen fühlte, hatte er sich zu mehr hinreißen lassen, bis die Sache komplett aus dem Ruder gelaufen war. Nach ihrer überstürzten Flucht war ihm klar, nun hatte er einen ernsthaften Anlass ein Gespräch unter vier Augen mit ihr zu suchen. Nicht nur um sich zu entschuldigen, sondern um auch endlich zum eigentlichen Kern seines Anliegens zu kommen.
Auch zu einem zweiten Treffen verhalf ihm der Zufall, als er sie an ihrem Arbeitsplatz aufsuchen wollte, weil er diesmal lieber einen neutralen Ort wählen wollte und dort durch Zufall mitbekam, wie einer ihrer Vorgesetzten ihr den Auftrag gab etwas aus dem Archiv zu holen. Anhand des im Foyer ausgehängten Gebäudeplans, hatte es keine Schwierigkeit dargestellt herauszufinden, wo sich das Archiv befand.
Nachdem er den Gewölbekeller erreicht hatte, war es ihm eine gute Idee erschienen, sich ihr unbemerkt zu nähern und deswegen die Lampen ausfallen zu lassen. Allerdings hatte er es sich nicht verkneifen können, sie wegen ihres Benehmens beim ersten Treffen aufzuziehen, was eine für ihn unerwartete Reaktion ihrerseits auslöste, indem sie sich wie eine Furie versuchte auf ihn zu stürzen.
Da er sie in der Dunkelheit nicht durch einen unbedachten Zauber verletzen wollte, fiel im nur ein ziemlich profanes Mittel ein, wie er sie zumindest halbwegs ruhig stellen konnte – Fesseln. Daß die Situation durch die aufgestauten Aggressionen und dem Umstand, wie sie schon wieder nach kürzester Zeit körperlich auf ihn reagierte, erneut ausartete, hatte nicht in seiner Absicht gelegen. Es tat ihm später aber auch nicht leid, da er nun sicher war, daß sie wußte, mit wem sie es zu tun hatte und sich nur unwissend stellte, um ihren Stolz zu wahren.
Danach beschloss er sie erst einmal in Ruhe zu lassen und sich lieber eine andere Taktik zuzulegen, damit er sie aus ihrem selbst gebauten Schneckenhaus wieder ins Leben holen konnte. Während der folgenden Tage, in denen er sie weiter unauffällig beobachtete, fiel ihm auf, wie sie begann aus sich heraus zu gehen und wieder etwas selbstbewußter wirkte und auftrat. Er forcierte noch einmal ein „Treffen", dieses Mal mit dem festen Vorsatz, sie dazu zu bringen, sich endlich sich selbst und ihren Bedürfnissen zu stellen und vielleicht auch zu ihrer Anziehung zu ihm zu bekennen.
Daß sie zwischenzeitlich begonnen hatte Nachforschungen nach „ihrem Täter" anzustellen, war ihm aufgefallen und verwunderte ihn auch etwas, da er immer noch davon ausging sie wußte, wer er war. Daß sie eines Abends in sein Büro geschossen kam und ihn lautstark beschimpfte, hatte er so nicht erwartet. Und als sie sich etwas beruhigt hatte und er mit ihr ein halbwegs vernünftiges Gespräch beginnen konnte, musste er feststellen, daß die Tatsache, daß er es war, dem sie sich seit bei diesen Überfällen mehr als freiwillig hingab, immer noch nicht begriffen hatte, wollte oder konnte.
Obwohl ihm spätestens nach diesem Gespräch hätte klar sein müssen, wie sehr die ganze Situation bereits eine ungesunde Schieflage erreicht hatte und sich langsam zu einer bösen Posse zu entwickeln schien, war er nicht mehr in der Lage noch korrigierend einzugreifen. Irgendwie hatte sich die ganze Geschichte verselbstständigt. Er hätte damals schon wissen müssen, wenn es etwas gab, was sie als ihr höchstes Gut erachtete und bis aufs Blut verteidigen würde, war es ihr Stolz.
Severus schüttelte den Kopf als er versuchte sich darauf zu konzentrieren, wie er nun die neue Situation, die eigentlich ursprünglich auf seinem damaligen Verhalten beruhte, handhaben sollte. Er hatte keinesfalls vor Hermine tatsächlich beim Leiter des Schulministeriums anzuschwärzen, allerdings auch nicht die geringsten Ambitionen, seinen Ruf und seine Stellung zu verlieren, weil Miss Ich-habe-alles-unter-Kontrolle in ihrem Freundeskreis Bemerkungen in Bezug auf seine Person fallen ließ, die Fremde vollkommen falsch interpretierten.
Als er am späteren Abend auf dem Weg zur Bibliothek die Prüferin vor sich in einem Gang sah, beschloss er spontan, mit ihr noch einmal die Konversation zu suchen, um das Missverständnis auszuräumen, Es interessierte ihn zwar nicht im Geringsten, was diese biestige kleine Person von ihm persönlich hielt, aber daß Hermines unbedachte Äußerung ein falsches Bild auf die gesamte Schule werfen würde, das musste er natürlich verhindern.
Während er auf Dora zuging, bemerkte sie ihn und sah ihm ernst entgegen.
„Wir werden uns unterhalten", sagte er schroff und wollte sie am Arm in das nächstgelegene leere Klassenzimmer ziehen, um Ruhe für das Gespräch zu haben.
Dora entriss ihm jedoch ihren Arm und schnauzte: „Sagt wer??"
Er schaute sie halb verzweifelt an: „Sage ich, also kommen Sie schon."
„Ach und was Sie sagen ist Gesetz, oder wie darf ich das verstehen?" konterte Dora in schon wieder ziemlich aggressivem Ton und wich noch einen Schritt zurück.
Snape seufzte, weil er nicht verstehen konnte, wieso diese Frau sich so aufführte. Er wollte sich doch nur mit ihr unter vier Augen unterhalten, ohne daß ständig Schüler oder Lehrer an ihnen vorbeilaufen würden, aber sie stellte sofort das Nackenfell auf und kläffte ihn an wie ein bissiger Straßenköter.
Er atmete tief durch und versuchte es nochmal.
„Miss Backyard, ich habe nicht vor Sie aus dem Fenster zu werfen, was vermutlich auch zwecklos wäre, denn Sie fliegen garantiert auch ohne Besen,..."Doras Gesicht verdunkelte sich immer mehr..."ich möchte mich mit Ihnen noch einmal in Ruhe wegen des offensichtlichen Missverständnisses unterhalten, das Her... , also Miss Granger, mit ihrer unbedachten Äußerung heraufbeschworen hat."
Er sah sie leicht angespannt an und hoffte nun zu ihr durchgekommen zu sein.
Dora sah ihm intensiv ins Gesicht, als versuche sie in seiner Mine zu lesen und meinte dann brummig: „Also gut, 10 Minuten – und keine dämlichen Tricks, sonst sorge ich dafür, daß Sie jegliche Familienplanung vergessen können, falls sich solche Überlegungen für Sie überhaupt lohnen."
Snape und Dora verbrachten länger als 10 Minuten in einem intensiven Gespräch und als beide den Klassenraum verließen, ging eine ziemlich nachdenkliche aussehende Dora sofort in ihre Räume. Dort angekommen, ließ sie sich in einen Sessel fallen und versuchte das Gehörte einmal zu verdauen. Snape hatte ihr einen groben Umriss seiner „Beziehung" zu Hermine geliefert und mehrfach betont, daß Hermines Äußerung aus diesem Zusammenhang stammte. Obwohl er nicht ins Detail gegangen war, hatte Dora doch den Eindruck, daß da mehr passiert sein musste, als gelegentliche „Zusammenstöße", die „dazu geführt hatten" daß die beiden nun ein „etwas gespanntes Verhältnis" hatten.
Sie musste grinsen, als sie daran dachte, wie vorsichtig und bedacht dieser knurrige Kerl versucht hatte seine Worte zu wählen, wahrscheinlich, damit er sich so unverfänglich wie möglich ausdrückte um ihr keinen Ansatzpunkt zu weiteren Spekulationen zu geben.- Aber in einer Sache war sich Dora sicher, wer sich so vorsichtig ausdrückte, hatte Angst sich zu verplappern, hielt also dementsprechend Informationen zurück....
