Kapitel 4
Sie hatte Greg an der Universität kennen gelernt. Während sie Lehrerin für Mathematik und Physik werden wollte, hatte er Betriebswirtschaft studiert und nach einer gemeinsamen Mathematikvorlesung hatte er sie angesprochen.
Greg Winston war groß, schwarzhaarig, hatte braune Augen und ein gewinnendes Lächeln; er sah blendend aus, ja, blendend war das richtige Wort, denn erst nach einer Weile hatte Ann festgestellt, wie anders es hinter dieser tollen Fassade aussah. Zuerst war alles wie im Bilderbuch gewesen; es hatte ihr geschmeichelt, wie wichtig sie Greg anscheinend war. Er holte sie oft ab, verbrachte sehr viel Zeit mit ihr. Doch dann merkte Ann, wie Greg zunehmend begann hatte ihr Leben zu kontrollieren. ‚Diese Freundin passt doch nicht zu dir…das ist kein Umgang für dich, diese Farbe und dieser Stil passen nicht zu dir…. der Aerobic-Kurs nimmt zu viel Zeit weg, die du besser mit mir verbringen könnest… warum willst du den Bus nehmen, wenn er ich dich genauso gut abholen kann?'….Es war schleichend und Ann fühlte sich zunehmend unwohl, ohne den Finger darauf legen zu können. Eines Abends, nachdem Greg gegangen war, machte sie die Tür hinter sich zu und dachte darüber nach, wie ihr Leben aussah. Was sie sah, gefiel ihr nicht. .Auf was für einen Weg war sie da geraten und konnte man das Liebe nennen, was Greg für sie empfand? Auf seine Art sicher, doch sie fühlte sich, als bekäme sie keine Luft mehr. Nach einer schlaflosen Nacht und einem weiteren Tag, den sie, statt zur Uni zu gehen, grübelnd zu Hause verbrachte, rief sie Greg an und machte Schluss. Erst dann begann der Albtraum: Er rief sie an, nach den Seminaren stand er an der Saaltür oder wartete an ihrer Haustür, bis sie ihm damit drohen musste eine einstweilige Verfügung gegen ihn zu erwirken. Selbst dann ließ er nicht locker. Mit einem Greg Winston machte man nicht Schluss. Greg war ein Einzelkind und kam aus reichem Haus. Er war gewohnt, dass alles so lief, wie er es wollte.. Er rief manchmal mitten in der Nacht an, sagte aber nichts – Ann wusste, dass es Greg war, aber nicht, was sie tun sollte. In der darauf folgenden Zeit verbrachte sie viel Zeit mit ihren Freundinnen und achtete darauf, dass sie möglichst nicht allein war. Sie kaufte sich einen Anrufbeantworter und ein neues Handy und war froh, dass sie kurz darauf ihr Studium abschließen und eine Stelle in Manchester antreten konnte.
Vielleicht war es Anns Art, die es Greg leicht gemacht hatte zu dominieren. Sie war freundlich, hilfsbereit und gutmütig. Seit der Erfahrung mit Greg war sie vorsichtiger geworden und hatte sich geschworen, nie wieder einen Mann in ihr Leben zu lassen, der meinte sie kontrollieren zu können. Doch wenn sie ehrlich sich selbst gegenüber war, hatte sie diese Angst bei jedem Mann gehabt, der näheres Interesse an ihr hatte. So war sie Single geblieben ohne es eigentlich zu wollen. Sie flirtete auf einer oberflächlichen Ebene, ging aus, aber fast nur in der Gruppe und beschränkte sich auf nette Männer, nette, langweilige Männer. Sie hatte zugelassen, dass die schlechte Erfahrung ihr Leben bestimmte.
Allerdings, stellte Ann grimmig fest, habe ich nicht zugelassen, dass mich das zu so einem Kotzbrocken macht wie Paul Andrews. Wieso ergreife ich auf einmal Partei für diesen Mann? Habt ihr Probleme? Kommt zu Ann, sie hat Verständnis, oh, Mann. Tatsache ist, dass er sich in der Schule unfreundlich und distanziert verhält und noch nie ein nettes Wort für mich hatte. Was zerbrech ich überhaupt mir den Kopf über Paul Andrews – wahrscheinlich weil ich schließlich nicht tot bin und nur eine Tote hätte übersehen, wie fantastisch Paul Andrews aussehen konnte.
Paul starrte Ann noch einen Augenblick nach und ging dann ins Haus, wo Fiona schon in der Küche herumklapperte. Natürlich war ihm aufgefallen, wie entgeistert Ann Beresford ihn angestarrt hatte. In der Schule lief er wie der Inbegriff des Spießers herum und wenn er nach Hause kam, konnte er die Kleider nicht schnell genug loswerden und in Jeans und T-Shirt schlüpfen. Das war nicht er, der ihn da aus dem Spiegel anschaute. Aber wer war er eigentlich? Die letzten Monate hatte er sich in die Arbeit gestürzt um sich abzulenken. Vielleicht war es Zeit über sich selbst nachzudenken. Später, dachte er, nahm eine Pfanne aus dem Schrank und ließ sich von Fiona beim Kochen helfen.
Wo war die Sekretärin schon wieder? Dies war nun schon das dritte Mal in einer Woche, dass Paul seine Arbeitsblätter für den Geschichtsunterricht selbst kopieren musste, jeweils sechs Seiten für dreißig Schüler. Das konnte eine Weile dauern. Die Tür stand einen Spalt offen und noch bevor er den Kopierer anschalten konnte, hörte Paul im Nebenraum Stimmen; Ann Beresford und Britney Sheer, die Musiklehrerin, unterhielten sich. Paul verzog das Gesicht. Es interessierte ihn nicht uns ging ihn auch nichts an, was Mrs. Sheer am Wochenende gemacht hatte, bei welcher Kosmetikerin sie gewesen war und welche tolle Nagellacksorte sie gefunden hatte. Offenbar interessierte es Ann Beresford auch nicht sonderlich, denn sie blieb recht einsilbig. Schon wollte Paul sich bemerkbar machen, da wechselte Britney Sheer das Thema.
„Sag mal, wie ist denn der Andrews so privat? Du hast ihm doch den Brief von Simmons gebracht."
Paul war klar, was jetzt folgen würde. Auch wenn er nicht viel über seine Kollegen wusste, so hatte er schnell gemerkt, dass Britney Sheer die schlimmste Klatschbase an der Schule war.
