So, erst einmal noch ein offizieller Dank für das nette Review :)
Und hier dann wie versprochen heute das nächste Kapitel. Ich hoffe es gefällt euch:D
Für mich war es ehrlich gesagt beim Schreiben mein Lieblingskapitel, das mir am meisten Spaß gemacht hat (ich weiß nicht, ob das für mich spricht lol)
Kapitel 4
Als sie am nächsten Tag während Arithmantik wieder Malfoy gegenüber saß, konnte sie sich nicht einmal wirklich über seine Beleidigungen ärgern. Noch hatte sie nicht genug Mitleid mit ihm, um sie ganz ignorieren zu können, doch so wie früher konnte er sie nicht mehr verletzen. Eigentlich fand sie es sogar ein wenig albern von sich selbst, dass sie immer noch nicht überhören konnte, wenn er sie „Schlammblut" nannte. Irgendwann musste doch der Tag kommen, an dem es in ein Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus ging. Wieso zuckte sie immer noch leicht zusammen, wenn sie dieses Wort hörte?
Trotzdem zeigte sie weiter keine Reaktion mehr. Genau wie Harry hatte sie keine Lust, sich mit jemandem zu streiten, der ihr psychisch unterlegen war. Tatsächlich hatte sie beobachtet, dass Harry Malfoy nur angesehen und nichts gesagt hatte, als er ihn beim Frühstück getroffen hatte. Hermine hatte schon an ihrem Platz gesessen, und Ron redete gerade wieder über sein Essen, so hatte sie nicht hören können, was Malfoy gesagt hatte. Aber sie kannte Draco ja, und sie hatte sein Gesicht dabei gesehen. Sie war erschrocken darüber. Er sah nicht mehr so unterschwellig traurig aus, wie am Tag zuvor, sondern hatte wieder diese unglaubliche Arroganz in seinen Zügen. Das war aber nicht, was Hermine Sorgen machte, sondern der Blick in seinen Augen. Sie konnte keinen anderen Namen dafür finden als schiere Bosheit und Wut. Seit sie Malfoy kennen gelernt hatte, wusste sie, dass er nicht die Inkarnation der Liebe war, aber noch nie hatte sie seine Augen so kalt gesehen, oder konnte sie sich nur nicht erinnern? Auch wenn er Streit anfing und sie „Schlammblut" nannte, hatte er immer etwas lebendiges in seinen Augen gehabt, wie jeder Mensch. Und zumindest manchmal wenn sie ihn zufällig sah, hatte er sogar fast glücklich ausgesehen. Als sie gesehen hatte, wie Malfoy Harry hinterher sah, hatte es ihr eiskalte Schauer über den Rücken gejagt. War das wirklich derselbe Junge, den sie letzte Nacht beobachtet hatte? Der passiv durch die Gänge schlich und womöglich sogar geweint hatte? Es war nicht einmal heiße, flackernde Wut, die sie sah...es war die Art von kalter Wut, die erst hervorkam, wenn sie lange genug geschwelt hatte. Es klang paradox, doch als Hermine darüber nachdachte, wie sich solche Wut anfühlte, kam sie zu dem Schluss: emotionslos. Man fühlte sich nur noch kalt, leer und taub. Alles war egal, alle Gedanken drehten sich nur noch um das Problem, das die Wut verursacht hatte.
Während sie Malfoy gegenüber saß, fragte sie sich, was wohl der Auslöser für seinen Hass gewesen war. Sie sah in seine stumpfen Augen, und danach schnell wieder weg. Wie am Tag zuvor saßen sie nur und taten nichts, was mit dem Unterricht zu tun hatte. Draco hatte nichts aufgeschrieben, und Hermine wagte nicht, ihn anzusprechen. Nachdem er sie routinemäßig beleidigt hatte, hatte er nur noch geschwiegen. Sie wusste nicht mehr, welches Gefühl nun stärker war. Das Mitleid oder die Angst, die sie vor ihm verspürte? Immer, wenn Professor Vektor in ihre Richtung sah, versuchte sie, möglichst beschäftigt auszusehen. Anscheinend gelang es ihr, denn sie wurden nicht verwarnt. Sie hielt ständig Ausschau nach einem neuen Partner und war mehr als erleichtert, als sie zu Blaise Zabini wechseln konnte. Nicht, dass der so ein angenehmer Partner gewesen wäre, aber Hermine fühlte sich überall wohler als bei Malfoy. Wenigstens redete Blaise.
Wohl noch nie zuvor war Hermine glücklicher gewesen, dass eine Unterrichtsstunde vorbei war. Sie rannte geradezu aus dem Raum, um nach Harry und Ron zu suchen. Leider hatte sie nicht viel Zeit, denn während Harry und Ron in der nächsten Stunde frei hatten – die Chance auf eine Freistunde hatten sie sich nicht nehmen lassen – hatte Hermine einen freiwilligen Zusatzkurs in Wahrsagen belegt. Doch sie spürte, dass die Zeit für Spielchen nun endgültig abgelaufen war, sie musste mit Harry reden.
Ron sah Hermine schon von Weitem kommen. „Was ist denn mit Hermine los?" fragte er Harry erstaunt. „Sie rennt doch sonst nie so...in der Schulzeit, meine ich. Bis zur nächsten Stunde hat sie doch noch Zeit genug, so weit ist der Astronomieturm auch nicht weg. Oh, sie kommt zu uns!" Harry drehte sich um und sah Hermine auf sie zukommen. „Hi, Hermine...was ist denn los?" begrüßte er sie. „Harry...wir müssen reden" keuchte sie. „Worüber?" wollte er wissen. Tatsächlich dachte er gerade nicht an Malfoy. Er fragte sich, was Hermine wohl hatte. Sie wusste doch, dass er für Ginny Weasley schwärmte, oder? Nicht, dass sie jetzt entdeckt hatte, dass er ihre große Liebe war! „Später" antwortete sie mit einem kurzen Blick auf Ron. Aha! War Ron der Auserwählte? Moment, vielleicht ging es ja gar nicht um Hermines Liebesleben...Harry stand auf dem Schlauch. „Hey! Wollt ihr mich komplett ausschließen?!" rief Ron beleidigt. „Nein, überhaupt nicht...aber mit dir wollte ich nach Harry noch reden" beschwichtigte Hermine. „Warum immer erst danach?" „Das werde ich dir dann auch erklären...aber vermutlich wirst du es dann schon von selbst verstehen. Mach dir keine Gedanken..."
Und schon war sie wieder weg. Harry fühlte sich fast in seiner Theorie bestätigt. Sie wollte also auch noch mit Ron sprechen! Er grinste in sich hinein. „Was lachst du? Ich finde das überhaupt nicht komisch!" schnauzte Ron, immer noch eingeschnappt. „Hey, ruhig, Ron...sie wird schon ihre Gründe haben" erwiderte Harry. Ron schwieg, aber sein Gesicht sagte alles, er hatte nun sehr schlechte Laune. Auch während der Freistunde besserte sie sich nicht wirklich. Die beiden Jungen saßen am Ufer des Sees in der Sonne. Die ganze Zeit über blickte Ron nur grimmig vor sich hin und sprach kein Wort. Auch Harry sprach ihn nicht mehr an. Er hatte noch eine Weile lang versucht, Ron aufzuheitern und ihm klarzumachen, dass Hermine ihn sicher nicht ausgrenzen wollte. Doch wenn Ron schlechte Laune haben wollte, ließ er sich nicht so leicht davon abbringen. Das wusste Harry nur zu gut, und so hatte er schließlich aufgegeben. Gegen Ende der Stunde stand Ron auf. „Wohin willst du?" fragte Harry. „Ich werde jetzt mal gehen, damit du und Hermine ungestört sein könnt". Mit diesen Worten drehte er sich um und ging in Richtung Schule. Harry seufzte, als er ihm hinterher sah.
Er wusste, dass es für Ron oft nicht leicht mit ihnen war. Harry war der Held der Zaubererwelt, Hermine die Einserschülerin in allen Fächern. Ron hingegen war alles andere als ein Held, und auch in der Schule hatte er Schwierigkeiten. Er hatte nichts besonderes, außer einer großen Familie. Und die machte ihm noch zusätzlich Probleme, schließlich war sie der Grund für viele Hänseleien, die Ron ertragen musste. Harry konnte sich gut vorstellen, wie Ron sich fühlen musste, wenn er glaubte, von den glorreichen Zwei ausgeschlossen zu werden.
Trotzdem war es übertrieben gewesen, wie er reagiert hatte. Als wenn er nicht ganz genau wusste, dass Harry und Hermine jetzt gar keine Zeit hatten, sich zu treffen, weil sie direkt im Anschluss an die Freistunde noch eine Stunde Zaubertränke hatten. Harry verzog das Gesicht. Er hatte überhaupt keine Lust auf Snape. Na ja...das war ja nichts Neues. Wann hatte er sich schon einmal auf Zaubertränke gefreut,Im ersten Schuljahr' beantwortete er sich die Frage selbst. ,Als du Snape noch nicht kanntest'. Unwillig stand Harry auf. Wenn er nicht wieder einmal mächtig Ärger mit Snape haben wollte, musste er sich beeilen.
Genau wie Harry erwartet hatte, war Ron schon zu den Kerkern vorgelaufen. Auch Hermine war bereits da, die er aber keines Blickes würdigte. Beide standen sie voneinander abgewandt im Gang und sahen stur in entgegengesetzte Richtungen. Wieder seufzte Harry. Das konnte ja heiter werden. Seine Theorie, dass Hermine mit ihm über Ron sprechen wollte, löste sich langsam aber sicher immer mehr in Luft auf. Dies sah nach allem aus, aber nicht nach Liebe. ,Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der hier noch erträgliche Laune hat' dachte Harry. Er hatte kaum zu Ende gedacht, als ihm schon klar wurde, dass das nicht stimmte. Angesichts der bevorstehenden Stunde mit Snape und dem Gezicke zwischen seinen beiden besten Freunden war auch ihm bereits die gute Laune vergangen.
Es schien tatsächlich ein Tag zu sein, der keinem passte. Auch Snape schien wunderbar schlecht gelaunt zu sein. Das war zwar nicht neu, aber es diente nicht gerade dazu, Harrys, Hermines oder Rons Laune zu bessern. Ron weigerte sich, mit Hermine gemeinsam an einem Kessel einen Schlaftrank zu brauen. „Dann werden Sie eben alleine arbeiten, wenn Sie meinen, so schlau zu sein, Mister Weasley!" zischte Snape und zerrte ihn zu einem Kessel in der äußersten Ecke des Kerkers. Harry hörte, wie die Slytherins schadenfroh lachten. ,Am besten, ich falle heute so wenig wie möglich auf' nahm er sich vor. Er stellte sich zu Hermine und fing an, die Zutaten für den Trank klein zu schneiden. Eigentlich hätte er sie jetzt fragen können, über was sie mit ihm reden wollte, aber er wagte es nicht. Erstens wollte er ja nicht auffallen, zweitens war es klar zu sehen, dass auch Hermines Laune sich höchstens noch verschlechtert hatte. Wenn er sich recht entsinnen konnte, hatte er sie höchst selten so gereizt erlebt. „Pass doch auf, was du machst", schnauzte sie ihm zu, als ihm versehentlich das Messer aus der Hand fiel. „Etwas mehr Aufmerksamkeit, wenn ich bitten darf...Potter...auch Sie, als unser Held, sind noch lange kein Meister auf allen Gebieten!"
Harrys Plan, nicht aufzufallen, hatte also nicht funktioniert. Schnell bückte er sich nach dem Messer. Er fing an, die Zutaten so schnell zu zerkleinern, wie er nur konnte, als..."POTTER!" Vor Schreck zuckte er heftig zusammen, und fast wäre ihm das Messer wieder heruntergefallen. „Was fällt Ihnen ein, Ihre Wurzeln mit diesem schmutzigen Messer weiter zu schneiden?!?! Haben Sie noch nie etwas von Sauberkeit gehört?" ,Das sagt genau der Richtige' schoss es Harry durch den Kopf. „Sie werden SOFORT das Messer waschen und sich neue Wurzeln holen!" knurrte Snape ihm zu. „Und 5 Punkte Abzug für Gryffindor, wegen Unsauberkeit..."
Die Slytherins gröhlten. Harrys Miene verdunkelte sich. Unsauberkeit! Waschen! Sollte Snape doch erst einmal seine Haare waschen, bevor er Vorträge über Hygiene hielt! Widerwillig tat Harry, wie ihm befohlen worden war. Als er zurück kam, erwartete Hermine ihn mit noch schlechterer Laune als zuvor. Zu seiner Überraschung galt sie nicht ihm, weil er Fehler gemacht hatte, sondern Snape, wie er ihren gegrummelten Kommentaren zu sich selbst entnahm. „Hermine...alles klar?" fragte er vorsichtig. „Nein, natürlich nicht!" erwiderte sie. „Ich bin sooo auf Hundertachtzig! Wenn ich dir einen Tipp geben soll, lass mich in Ruhe, ich platze gleich!" Harry dachte, dass es wohl besser war, ihr zu gehorchen. Sie und Ron hatten bereits Streit, so wie es aussah, es wäre wohl nicht vorteilhaft gewesen, wenn Hermine und er sich auch noch in die Haare gerieten. Und er hatte immer noch nicht vor, Snape mehr als notwendig aufzufallen.
Bis zum Ende der Stunde arbeiteten sie also schweigend nebeneinander. Nur ab und zu warf Harry Hermine unauffällige Blicke zu, um zu sehen, ob sie sich wohl schon wieder ein wenig abgeregt hatte. Er war mehr als erleichtert, als sie ihre Sachen zusammenräumen konnten. Diese Stunde hatte ihn wirklich geschafft. Als er vom Instrumentenschrank zurück an seinen Platz kam, sah er sich um und stellte fest, dass Ron anscheinend noch genauso sauer war wie zuvor. Das erkannte er daran, dass er nicht mehr im Kerker war. Normalerweis war Ron nicht sehr scharf darauf, alleine durch Gebäude zu streichen, die hauptsächlich von Slytherins genutzt wurden. Wenn er darauf verzichtete, zumindest auf Harry zu warten, war er eindeutig noch nicht auf Versöhnung aus. Gedankenverloren lief Harry auf die Kerkertür zu. Hermine und er waren fast die letzten. Lavender Brown und Parvati Patil eilten an ihm vorüber, Snape hatte den Raum schon in Richtung seiner Privaträume verlassen. Als Harry auf dem Flur stand, erwarete er, dass Hermine auch kommen würde. Wo blieb sie denn?
Im Kerkerraum warf Hermine noch einen Blick auf Malfoy, der extrem langsam seine Sachen in die untersten Fächer der Regale zurück ordnete. Wollte er einen Preis im Aufräumen gewinnen, oder was sollte das? Crabbe und Goyle hatte er schon vorausgeschickt, damit sie seine Tasche in seinen Schlafraum brachten. „Willst du nicht endlich gehen, Granger? Oder hoffst du, dass ich dich leidenschaftlich verführe, wenn wir alleine sind?" Hermine blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Blut begann bereits wieder zu kochen. So eine Frechheit! „Du verstehst meine Worte wohl nicht? Tja, ich kann eben kein schlammblütlerisch!" Er richtete sich auf und kam ein paar Schritte auf sie zu. „Verpiss dich, wenn du zu dumm zum Gehen bist, gehe ich..." Weiter kam er nicht, weil er mit Harry zusammenstieß, der gerade wieder zurück in den Raum kam, um nach Hermine zu sehen.
„Ach, sieh an...da ist ja dein Freund Potty!" Harry antwortete nicht. Er war zu beschäftigt damit, seine Brille zu suchen, die ihm bei dem Zusammenstoß von der Nase gefallen war.
„Halt dein dreckiges Maul, Malfoy!" knurrte Hermine. Harry hatte inzwischen seine Brille wieder aufgesetzt. Er sah von Hermine zu Malfoy und wieder zurück. Ja, wenn Malfoy nicht aufpasste, würde sie an die Decke gehen. Harry fragte sich, ob er das wirklich wollte. Hatte er die Ohrfeige im dritten Jahr schon vergessen? Aber auch ihm war nicht entgangen, dass Draco heute besonders hasserfüllt aussah. Innerlich wappnete Harry sich schon einmal für einen leidenschaftlichen Streit.
„Dreckig? Dein Blut ist dreckig, Granger." Hermine zuckte zusammen, Harry sah wie heiße Wut in ihr hochflammte. Sie machte einen Schritt auf Malfoy zu und sah ihm gerade ins Gesicht. „Oh jaaa...Blut...gutes Thema...wollen wir mal über Blut reden?" zischte sie leise. Malfoy sah genauso überrascht aus, wie Harry sich fühlte. Was war das denn? Er wurde nie richtig schlau aus diesem Mädchen. Da erwartete man einen Streit, und sie begann, irgendwelchen Nonsens zu reden. Wieder einmal entwich ihm ein Seufzer. „Komm Hermine, lass doch gut sein...verdirb uns den Tag nicht noch mehr wegen ihm". Harry versuchte sie mit sich zu ziehen. Er fühlte ihren rasenden Puls an seinen Fingern. Noch einen Moment blieb sie heftig atmend stehen und starrte Malfoy feindselig an. Dann wandte sie sich tatsächlich zu Harry um.
Er hörte Draco lachen. Hermine erstarrte. „Herzlichen Glückwunsch Potter, du scheinst das Schlammblut ja gut dressiert zu haben. Wie arm, Granger! Ein Wort vom Narbengesicht und schon springst du..." Harry konnte nicht schnell genug reagieren, so bekam er Hermines Arm unsanft zu spüren als sie sich losriss. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn, als seine Zähne sich in seine Lippe bohrten. Für einen Moment schloss er die Augen. Doch wie so oft hatte er nicht die Zeit, sich um seinen Schmerz zu kümmern. Sobald er die Augen wieder öffnete, sah er Hermine vor Malfoy stehen, ihre Hand fest um seinen linken Unterarm geschlossen. „Wer" begann Hermine drohend, „hat hier wohl die meisten Narben, hmmm? Kannst du mir das sagen?" Malfoys Gesicht spiegelte deutlich die Schmerzen wider, die er bei dieser Berührung spürte. Er versuchte, sich aus Hermines Griff zu befreien, doch sie hielt ihn nur noch fester. „Lass...los..." keuchte er. „Na, tut's weh?" Hermine zerrte verbissen an seinem Ärmel, so gut sie es eben konnte, während sie gleichzeitig den Arm festhalten und Malfoy abwehren musste. „Willst du uns dein reines Blut nicht einmal zeigen, so dass wir wenigstens mal welches gesehen haben? Aaach, da ist es ja". Harry wunderte sich wieder einmal darüber, welche Kraft Hermine entwickeln konnte. Sie hatte es tatsächlich geschafft, Malfoys Arm zu entblößen und krallte nun ihre Finger direkt in die Wunden, die mittlerweile aufgerissen waren und bluteten.
Draco riss die Augen auf, als er mit einem schmerzerfüllten leisen Stöhnen in die Knie ging. Er blickte zu Harry, der dem Schauspiel vollkommen überrumpelt zusah. Tränen des Schmerzes schossen ihm in die Augen und ihm wurde heiß. Nein! Das war das Letzte was er wollte! Als wenn seine Situation nicht schon demütigend genug wäre...er würde jetzt nicht zulassen, dass er auch noch heulte! Seine Versuche, sich Hermines Griff zu entreißen, waren nur noch halbherzig, er hatte deutlich gespürt, wer von ihnen beiden im Ernstfall stärker war. Verdammt, er hätte besser ein Mädchen werden sollen! Oder eben kräftiger...aber nicht so wie er jetzt war. Zwar brachte ihm sein hübsches Äußeres Vorteile bei Mädchen, aber das half ihm nun auch nichts. Außerdem hätten die sicher kein Problem damit, wenn er ein paar Muskeln mehr hätte. Draco betete inständig, dass niemand in den Kerkerraum kommen würde. So viel Scham, wie er dann gebraucht hätte, besaß er gar nicht. Jedenfalls fühlte er sich so, als würde jedes kleine Bisschen gerade jetzt aufgebraucht. Potter! Sicher war es der schönste Moment seines Lebens, ihn buchstäblich am Boden zu sehen. Und Granger...er hatte nie geahnt, dass sie eine solche kleine Sadistin war. Dass sie nicht in Slytherin gelandet war, lag sicher nur an ihren Muggeleltern! Er hatte sie wohl die ganzen Jahre unterschätzt. Wenn sie nur endlich ihre Finger von ihm nehmen würde! Es brannte und stach wie Feuer, sicher würden sich die Wunden entzünden. Draco konnte nichts dafür, so sehr er sich auch dagegen wehrte, die Schmerzen waren so beißend, dass ihm nun doch eine Träne aus dem Augenwinkel floss. Schnell wischte er sich mit seinem freien Arm über die Augen. Na toll...wahrscheinlich dachten die beiden jetzt, dass sie ihn klein gekriegt hatten. Er konnte ihnen ja schlecht erklären, dass es nur der Schmerz war, der ihn zum Weinen brachte.
In diesem Moment wurde Harry bewusst, was sich überhaupt gerade vor seinen Augen abspielte. Bis jetzt war er einfach zu überrascht gewesen, hatte sich nicht rühren können. Doch als Malfoy sich die einzelne Träne abwischte, kam wieder Leben in ihn. Mit ein paar schnellen Schritten war er bei den beiden und fasste Hermines Arm. „Genug jetzt!" rief er. Doch Hermine lockerte ihren Griff nicht. „Hermine! Das reicht!" schrie Harry. Er zog mit beiden Händen an ihrem Arm und schließlich ließ sie los. Malfoy saß auf dem Boden und hielt sich den schmerzenden Arm. Harry schüttelte Hermine. „Was ist mit dir los?" fragte er sie ungläubig. „So kenne ich dich gar nicht!" Sie warf einen Blick auf ihre blutverschmierte Hand. Nach einigen Sekunden blickte sie auf zu Harry. Langsam klarte ihr Gesicht auf, die hemmungslose Wut wich aus ihren Augen. „Ich weiß es nicht" flüsterte sie. „Ich konnte mich einfach nicht mehr halten..." Harry schüttelte den Kopf. „Das war zu viel, Hermine". „Ich weiß...aber er hat mich so provoziert...und er hat es mit Absicht getan!" Hermine spürte bereits die quälende Reue. Streit war eine Sache, eine Ohrfeige konnte sie noch vertreten, aber jemanden demütigen, zum Bluten und zum Weinen bringen zugleich war etwas ganz anderes. Noch vor ein paar Stunden hatte sie Mitleid mit Draco gehabt, hatte gedacht, er könne sie nicht mehr wie früher verletzen, und nun tat sie selbst ihm dies an! Geschockt sah sie herab auf ihn, der versuchte, das rinnende Blut mit seinem Ärmel weg zu wischen. „Lass das" sagte sie leise, „oder es wird sich entzünden". Er sah auf. „Das wird es sowieso, Granger, du hast deine Finger darauf gedrückt, schon vergessen?" Ihm fehlte die Kraft, um sie zu beleidigen. Jetzt, wo sie ihn losgelassen hatte, fühlte Draco sich nicht nur beschämt, sondern auch auf eine unerklärliche Weise müde. „Und abgesehen davon, was kümmert es dich eigentlich?" fügte er leise hinzu. Hermine antwortete nicht. Sie ging zu einem der Waschbecken und wusch sich ihre blutige Hand. Anschließend holte sie sich einen kleinen Kessel, ein sauberes Tuch aus einer Schublade und füllte den Kessel mit Wasser. Wieder zurück tauchte sie das Tuch in das Wasser. „Zeig deinen Arm her" bat sie. Alles in Malfoy sträubte sich dagegen, ihr noch einmal seinen Arm zu zeigen, doch er war zu müde, um Widerstand zu leisten, und wirklich Lust auf eine Diskussion hatte er auch nicht. Also streckte er ihr widerwillig seine Wunden entgegen. Er wusste, dass sie ihm nicht noch weiter schaden würde. So sadistisch sie in ihrer Wut gewesen war, so friedlich war sie normalerweise, das musste er zugeben. Und jetzt war sie wieder lammfromm. „Ich denke, es wird brennen" warnte sie unsicher. Malfoy lachte gequält auf. „Es wird brennen...Granger, mal ehrlich, es hat heute schon länger gebrannt". Wieder flammte ein heißes Schuldgefühl in Hermine auf. Schnell, doch vorsichtig, drückte sie das Tuch auf die blutigen Stellen. Draco zuckte kurz zusammen. „Entschuldigung...für alles. Ich weiß nicht, was mit mir los war". „Steck dir deine Entschuldigung sonstwo hin", antwortete Malfoy schlapp.
Harry sah zu, wie Hermine bedächtig das frische Blut wegwischte. Doch jedes Mal, wenn sie das Tuch zum Auswaschen in das Wasser eintauchte, trat augenblicklich neues aus den offenen Schnitten aus. Letztlich legte sie das gefaltete Tuch der Länge nach über alle Wunden. „Halt es bitte eine Weile fest" sagte Hermine vorsichtig, dann stand sie auf, schüttete das Wasser weg und säuberte den Kessel. „Das müsste reichen" stellte sie fest, als sie zurückkam. „Du kannst mir jetzt das Tuch geben". Wieder ging sie zum Waschbecken und spülte das Tuch gut aus. „Man sieht fast nichts mehr...aber ich werde es trotzdem noch einmal nachwaschen" murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „So...eins noch..."
Hermine kramte ihren Zauberstab aus ihrer Umhangtasche, während sie sich Draco näherte, der inzwischen wieder stand. „Zeig mir noch einmal deinen Arm". „Du kriegst wohl nie genug, was? Mach doch gleich ein Foto davon und rahm es dir ein!" Noch immer war Scham das stärkste Gefühl, das ihn beherrschte, abgesehen vom Wundschmerz. „Nun gib schon..." bat Hermine. Malfoy stöhnte verzweifelt auf. Er wollte nur noch weg. Wenn er nicht so erschöpft gewesen wäre, wäre er niemals so lange geblieben. Aber er fühlte sich immer noch unsicher auf den Beinen. Vielleicht gab Granger ja endlich Ruhe, wenn er sie noch einmal sehen ließ. Was machte es noch aus? Er hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. Wenn sein Vater wüsste, dass er sich innerhalb weniger Minuten von einem Mädchen hatte besiegen lassen, einem Schlammblut noch dazu! Wenn er wüsste, dass sie es geschafft hatte, sein Geheimnis zu offenbaren, ihm solche Schmerzen zuzufügen, dass er doch tatsächlich vor ihren Augen in die Knie gegangen war und geweint hatte! Und dass sie ihn dann in ihrem verfluchten Mitleid auch noch verarztet hatte...Malfoy hoffte, dass Lucius es nie erfahren würde. Hermine stand immer noch mit ihrem Zauberstab in der Hand neben ihm. Gequält sah er in die andere Richtung, als er noch einmal seinen Ärmel hochkrempelte. „Desinfectio". Ein kleiner grünlicher Blitz schoss aus Hermines Zauberstab hervor. „Mehr kann ich nicht tun...vielleicht hilft es, und es entzündet sich nicht. Aber..." sie zögerte. „Vielleicht...wäre es besser, wenn du zu Madam Pomfrey gehst..." Sofort drehte Malfoy sich ganz zu ihr um. „Nein! Niemals! Ich will nicht, dass es jemand weiß! Schlimm genug, dass ihr es wisst! Und wagt es ja nicht, jemandem davon zu erzählen...von gar nichts, was gerade war! Sonst..." ihm fiel keine passende Drohung ein. Alles wäre ihm lächerlich vorgekommen. Immerhin konnte er schlecht mit Schlägen drohen, nachdem Hermine ihn zu Boden gezwungen hatte. Er versuchte, seine Arroganz wieder aufzubauen, doch es wollte ihm nicht gelingen, weil er immer wieder vor sich sah, wie er dabei wohl ausgesehen haben musste. Draco wusste, er selbst würde über jeden, den er so schwach gesehen hatte, nur noch lachen können. Ihm war bewusst, dass aufgesetzte Arroganz im Moment nur lächerlich wirken konnte. „OK...wir werden schon nichts erzählen" beschwichtigte Harry. „Aber dir ist klar, dass diese Sache noch nicht vorbei ist, oder?" „Sagt mal, was wollt ihr eigentlich von mir?!? Lasst mich einfach in Ruhe! Ich brauche kein Mitleid von euch!" Malfoy wandte sich zur Tür. „Wolltet ihr mich demütigen? Gut, das ist euch gelungen, jetzt könnt ihr euch darüber freuen und lachen, so viel ihr wollt. Aber habt ihr denn immer noch nicht genug? Was wollt ihr noch? Den letzten Rest Selbstachtung, den ihr mir noch gelassen habt?!?" Er drehte sich noch einmal langsam um. „Lasst es einfach sein. Ich will keine Hilfe von euch" sagte er tonlos. Harry fand, er sah sehr müde aus. Er blickte zu Hermine, die ihn zurück ansah. Als er wieder zur Tür schaute, war Malfoy bereits verschwunden.
Es vergingen ein paar Sekunden, bis Harry sich wieder an Hermine wandte. „Du hast es gewusst?" „Das ist doch wohl offensichtlich, oder?" Sie drehte sich um und ging zu ihrem Platz, wo immer noch ihre Tasche auf sie wartete. „War es das, worüber du reden wolltest?" Hermine nickte. „Wie lange weißt du es schon?" Mit der Tasche in der Hand machte sie sich auf den Weg zur Tür, und Harry folgte ihr. „Seit gestern, in der Arithmantikstunde habe ich es gesehen, als er seine Haare gecheckt hat. Du hast ihn vorgestern Abend gesehen, stimmt's? Darum hattest du so komische Laune". Harry nickte. „Stimmt". Er dachte nach. „Aber gestern hast du nichts davon gesagt..." „Ja, ich war ein bisschen sauer, weil du mir nicht erzählen wolltest, was mit dir los war. Außerdem war Ron dabei, und es muss ja nicht gleich jeder wissen" sie sah ein wenig traurig aus, als sie Ron erwähnte. „Nichts gegen Ron...ich hätte auch mit ihm gesprochen. Aber darauf müsste ich mich vorbereiten. Mit dir hätte ich gleich sprechen können, weil du es schon wusstest". Sie traten auf den Flur hinaus und gingen langsam in Richtung der großen Halle. „Ich verstehe was du meinst, Herm. Aber er kann das ja nicht wissen. Weißt du was? Ich werde mit ihm über Malfoy sprechen und es ihm erklären. Du kennst Ron...das wird er verstehen" schlug Harry vor. Hermines Gesicht wurde schlagartig fröhlicher. „Oh ja, das ist gut! Danke, Harry!" Sie strahlte ihn an. Mittlerweile konnten sie bereits die Stimmen der Schüler hören, die beim Mittagessen in der großen Halle saßen. „Meinst du, er ist da?" fragte Harry, als sie an der Tür zur Halle ankamen. „Wer? Ron?" fragte Hermine zurück. „Nein, ich meinte Malfoy!" Er spähte durch die Scheibe in der Tür, sah ihn jedoch nicht. Hermine schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht. Er sah müde aus". Harry stimmte zu. „Ja, stimmt. Ich glaube es auch nicht". Gerade wollte er die Tür öffnen, als Hermine ihn zurückhielt. „Du solltest dir erst einmal das Blut aus deinem Gesicht waschen" riet sie ihm. Blut? Welches Blut sollte er denn schon im Gesicht haben? Doch dann spürte er seine Lippe wieder. Sie hatte ihn die ganze Zeit über geschmerzt, aber er hatte es nicht wahrgenommen. Abgesehen davon, dass sie geblutet hatte war sie auch noch etwas angeschwollen. „Oh...ja...richtig. Warte einen Moment" und schon war er in einem der Jungenwaschräume verschwunden. Kaum eine Minute später kam er frisch gewaschen wieder heraus. „Nun aber schnell...ich habe wirklich Hunger, nach all dem Stress".
