Kapitel 4

Malcolm rieb sich die Augen und gähnte ausgiebig. „Ich entdecke hier rein gar nichts…" Seit zwei Tagen nun studierten er und Dulann die Aufzeichnungen, ohne auch nur die geringste Schwachstelle gefunden zu haben.

Der Minbari schien seinen Arbeitseifer aber noch lange nicht verloren zu haben. Immer wieder ließ er bestimmte Szenen ablaufen und las sich die ergänzenden Anzeigen durch. „Faszinierend! Die Geistereinheit muss mehrere Tage mit der Beobachtung verbracht haben!"

„Uns? Was bringt uns das schon. Wir wissen, wann Wachwechsel sind – und dass sie uns keinen Angriffspunkt bieten. Selbst die Anzahl der Schiffe und Kreuzer, die ständig um die Station herum versammelt sind, bringt uns nicht weiter." Malcolm seufzte resignierend. „Als die ‚Valen' vernichtet wurde, griffen uns drei Kreuzer an. Hier sind immer mindestens vier dieser Schlachtschiffe auf Patrouille…"

„Wir könnten ihnen ja wieder explodierende Rettungskapsel schicken…" Dulann's Humor traf auf taube Ohren. Malcolm war einfach zu müde und frustriert, um noch darauf einzugehen.

„Schon etwas gefunden?", fragte Captain Martel und setzte sich zu den beiden Offizieren an die Konsole, wobei er Kaffee für Malcolm und Julak-Tee für Dulann mitgebracht hatte.

„Rein gar nichts…", stöhnte Malcolm auf und trank dankbar einen Schluck aus seiner Tasse.

„Das stimmt so nicht ganz…" Dulann spielte zum wohl hundertsten Mal die gleiche Szene ab, dann ließ er das Bild einfrieren. „Diese Versorgungstore hier sind nicht so stark bewacht. Außerdem wird der Geschützturm hier links immer zur gleichen Uhrzeit von der Sonne geblendet. Wenn der rechte Geschützturm ausgeschaltet wäre, könnte ein kleiner Gleiter wie der Na'Ril dort durchbrechen."

„Ja, so ungefähr lautet auch Sikara's Plan. Das Problem ist nur, dass der Gleiter immer noch zur Hälfte Schrottwert besitzt und wahrscheinlich nicht einsatzbereit ist, wenn wir bei der Basis eintreffen." Auch David hatte sich Kaffee mitgebracht und trank einen Schluck.

„Es würde uns helfen, wenn du verrätst, was sie ungefähr vor hat…", meinte Malcolm und leerte seine Tasse. Er hatte einmal behauptet, sobald der Kaffee an Bord der ‚Liandra' ausgehen würde, wäre er bereit für eine Meuterei – aber nach den etlichen Kannen, die er in den letzten Tagen konsumiert hatte, konnte er sich durchaus einige Tage ohne Koffein vorstellen.

David schüttelte den Kopf. „Nein. Sie meint, je weniger von ihrem Plan wissen, desto besser."

„Sie hat nicht vor, zurück zu kommen, nachdem sie in der Basis ist, oder?" Dulann sprach aus, was er bei seinem Freund zu erspüren glaubte.

„Lass es mich so sagen: ich bin nicht mit ihrem Vorhaben einverstanden, aber wenn ihr keine Alternative findet, werden wir so handeln müssen, wie sie meint."

„Darum soll Na'Feel auch nicht bei der Reparatur des Gleiters helfen, oder irre ich mich? Weil du hoffst, dass er nicht einsatzbereit ist und wir anders vorgehen müssen?"

„Dulann, halte dich aus meinem Kopf heraus." Der Captain hatte sich zwar mit der Zeit daran gewöhnt, dass sein Erster Offizier fast immer seine Gedanken erriet, aber dass er sie dann auch immer aussprechen musste, ärgerte ihn.

„Hat wenigstens Tafeek etwas Brauchbares gefunden?", fragte Malcolm gähnend und kniff mehrmals die Augen zusammen.

„Das hat er allerdings. In unseren Datenbanken fanden sich nur wenige Informationen über gelegentliche Handelskontakte der Allianzvölker mit den Brissakk, aber da Sikara ihm das komplette Dossier ihrer Einheit übergeben hat, wissen wir sogar, was deren Lieblingsspeise ist. Und Bürger G'Kar würde darin wohl eine Bestätigung für seine These über ‚zivilisierte Völker' sehen." Martel verdrehte die Augen. Seit seiner ersten Begegnung mit dem legendären Narn ging ihm die Geschichte mit den Schwedischen Hackbällchen einfach nicht mehr aus dem Kopf.

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In Frachtraum Acht ordnete sich das Chaos langsam. Auch wenn es Sikara nicht gefiel, ständig den Drazi um sich zu haben, konnte er ihr doch verschiedene Werkzeuge und Maschinenteile bringen. Sie selbst schonte sich so weit wie möglich und Firell äußerte sich zufrieden über die Fortschritte bei ihrer Genesung.

Als Tafeek den Frachtraum betrat, waren von der Kriegerin nur die Beine und Füße zu sehen, die aus einer Wartungsluke in der Hülle heraus hingen.

„Tirk? Ich bräuchte jetzt den Spannungskonverter…" In die Tiefe des Wartungsschachtes hinein gerufen, klang ihre Stimme seltsam hohl. „Tirk? Bist du noch da?"

Tafeek schaute sich um, konnte den Drazi aber nirgendwo entdecken. „Nein, er ist nicht hier."

Nach einer kurzen Pause schob sich Sikara mühsam aus dem Wartungsschacht und blickte erstaunt zu dem Politoffizier hoch. „Er kann doch nicht schon wieder beim Essen sein!" Sie stand auf und durchwühlte einen Haufen Ersatzteile, bis sie einen passenden Konverter gefunden hatte. „Ich schwöre, ich bin in meinem ganzen Leben noch keinem Wesen begegnet, das so derart viel Nahrung aufnehmen konnte wie dieser Drazi…" Damit krabbelte sie wieder zurück in den Wartungsschacht. „Gibt es einen Grund, warum du hier bist?", fragte sie und wieder klang ihre Stimme so hohl und undeutlich, dass Tafeek genau hinhören musste.

„Ich wollte dir den Datenkristall zurückgeben."

„Ich sagte doch, dass du ihn nach Minbar bringen sollst. AU!" Sie krabbelte wieder aus dem Schacht und schüttelte ihre Hand aus, an der sie einen elektrischen Schlag abbekommen hatte. „… und ich hatte Tirk gesagt, er solle den vorderen Schaltkreis deaktivieren… Hört eigentlich irgendwer hier auf mich?"

„Es ist nicht sicher, wann wir wieder nach Minbar zurück fliegen.", meinte Tafeek und folgte Sikara in das Innere des Gleiters, wo sie angestrengt an einer Konsole arbeitete.

„Der vordere Schaltkreis IST deaktiviert… aber warum ist dort Spannung?", wunderte sie sich und wendete sich einer anderen Konsole zu. „Wenn die Werft und die Basisstation zerstört sind, spielt Zeit erst einmal keine Rolle mehr… warum, in Valen's Namen… ach, hier. Nicht gut… gar nicht gut…", murmelte sie und zwängte sich an ihm vorbei in den hinteren Bereich der winzigen Kabine, wo sie eine Abdeckplatte entfernte und das Gesicht verzog. „Das alles hier würde schneller gehen, wenn… könntest du bitte schauen, ob draußen noch irgendwo Dreierleitungen sind? Nicht angeschmorte?"

„Ich habe leider keine Ahnung, wie eine Dreierleitung aussieht."

„Lang, durchsichtig, drei Kabel in einem. Lernt ihr Anla'Shok eigentlich gar nichts über Schiffstechnik?" Sie biss sich auf die Lippen und murmelte einige leise Flüche in die Öffnung.

Tafeek hatte schon öfters Menschen, ganz zu schweigen von Na'Feel, mit Maschinen sprechen hören. Wobei letztere eher beleidigend schrie als sprach, aber noch nie einen Minbari. „Wenn ich ein Techniker wäre, hätte ich es wohl gelernt."

„Techniker…" Brummelnd verließ sie die Kabine und kam gerade wieder zurück, als er ihr folgen wollte. „Ich bin auch keine Technikerin wie eure Narn… aber ich weiß, wie ich mein Schiff zusammen halten muss." Grob riss sie einige verbrannte Kabel aus der Öffnung und warf sie durch die Luke nach draußen. „Entweder, du hilfst mir hier oder du suchst nach dem verfressenen Drazi." Sie schloss die neuen Leitungen an und zwängte sich wieder an Tafeek vorbei nach vorn, um die Konsolen zu überprüfen. „Aber sei mir nicht im Weg!"

„Es ist, wie Sarah schon vermutete: ein Himmelfahrtskommando, oder?"

Sikara seufzte und drehte sich zu ihm um. „Nicht für euch, wenn ich diesen Schrotthaufen rechtzeitig zusammengeschraubt bekomme. Wolltest du das hören?"

Da er nicht wusste, was er darauf antworten sollte, verließ er den Gleiter wortlos. Dann drehte er sich noch einmal um und meinte: „Ich werde dafür sorgen, dass der Kristall nach Minbar gelangt."

„Wie schön.", antwortete sie sarkastisch und vertiefte sich wieder vollständig in ihre Arbeit.

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„Weißt du, was mir an der ganzen Sache nicht gefällt?", fragte Malcolm und leerte eine weitere Tasse Kaffee.

„Nein, aber ich schätze, du wirst es mir gleich sagen…", antwortete Dulann, starrte aber weiterhin auf den Bildschirm vor ihnen.

„Wie du sagtest, die Geistereinheit müsste einige Tage bei der Station und der Werft verbracht haben, um all diese Informationen zu sammeln, die Aufzeichnungen zu machen und so weiter… da kam mir ein Gedanke: WIE haben sie das unerkannt geschafft?"

Dulann löste seinen Blick von den Aufnahmen und schaute Malcolm erstaunt an.

„Ich meine, als wir das erste Mal auf ‚Die Hand' trafen, da konnten uns deren Schiffe problemlos orten. Wir benutzten den normalen Tarnmodus der Minbari, der damals im Krieg die Schiffe der Erdallianz in einige Schwierigkeiten gebracht hatte. Alsooo… wie haben sich die Tak'sal getarnt? Oder haben sie sich vielleicht gar nicht tarnen müssen, weil sie sich als Verbündete angeboten hatten?"

„Malcolm Bridges, zu viel Kaffee macht dich paranoid", konstatierte Dulann, obwohl sich in seinem Hinterkopf gewisse Zweifel zu regen begannen.

„Sikara behauptet, ihr restliches Team wäre getötet worden. Was, wenn sie übergelaufen sind?" Bevor der Minbari etwas entgegnen konnte, fuhr Malcolm unbeirrt fort: „Und was, wenn auch SIE übergelaufen ist und jetzt einen Teil der Allianzflotte zu dieser Station und der Werft lockt, wo sie ganz sicher vernichtet wird? Botschafter Kafta sagte damals, die Übermacht sei so einschüchternd, dass es nur zwei Möglichkeiten gäbe: dienen oder sterben."

„Wenn ich dich recht verstehe, sollten wir also eher herausfinden, was diese Frau uns verschweigt, statt uns auf die sinnlose Suche nach Schwachstellen in der Verteidigung der Station zu begeben, die es wahrscheinlich sowieso nicht gibt?"

„Hundert Punkte für den Minbari zu meiner Linken! Und wer von uns unterbreitet das jetzt David?"