Am Abend saß Valkyrie auf ihrem Bett und starrte das Handy in ihrer Hand an.
Sie hatte China bitten müssen, ihr eine Fahrgelegenheit zu besorgen. Immerhin war sie mit Skulduggery gekommen und ihr Auto stand zuhause. Es war unangenehm gewesen, doch die Älteste hatte keine Fragen gestellt, nur so unlesbar geguckt wie immer und ihren Assistenten beauftragt sie nach Hause zu fahren.
Nun saß sie hier, letzte Reste von Wut und ein schlechtes Gewissen im Magen. Und sie fragte sich, ob es zu früh war ihn anzurufen. Sie hatte geglaubt, dass sie sich gegenseitig verstanden. Skulduggery und Valkryrie, Lord Vile und Darquesse, seit sie achtzehn war, gehörten diese Namen einfach zusammen. Doch diesmal war es anders. Da war noch mehr. Etwas das sie noch nicht verstand. Etwas das Skulduggery ihr nicht sagte, weil er dachte, dass sie es nicht verstand.
Vielleicht war es wahr. Was, wenn es einfach keine Erklärung gab? Wenn sie nichts tun konnte, als zuzusehen? Wie mehr Menschen starben, wie er sich langsam auseinander wickelte, wie der Faden eines Garnballs, den man fallen ließ?
Sie fuhr sich über das Gesicht, um die Gedanken zu verscheuchen. Sie hatten schon ganz andere Sachen gemeistert und sie würden auch hiermit fertig werden. Er war nur stur. Sein Ego stand mal wieder im Weg.
Und sie würde ihres nicht ebenfalls zwischen sie kommen lassen. Sie drückte die Kurzwahltaste und atmete auf, als das Freizeichen ertönte. Immerhin war sein Handy an.
Doch ihre Erleichterung verpuffte bald wieder, als er nicht abhob. Auch nach dem dritten Anruf nicht. Sie atmete scharf aus und ließ das Handy sinken.
Für einen Moment starrte sie an die Wand, dann fuhr sie zusammen. „Nein", keuchte sie und sprang auf, um aus ihrem Zimmer zu rennen. Ohne Jacke oder Tasche stürmte sie die Treppe herunter und durch die Küche, in der Alice saß und Hausaufgaben machte. Diese sah verwirrt auf, doch Valkyrie bemerkte sie kaum.
„Steph?", rief ihre kleine Schwester, doch sie sprintete nur zu ihrem Auto, sprang hinein und gab Vollgas.
Sie wusste, dass es zu spät war, als sie gegen seine Haustür hämmerte.
„SKULDUGGERY!", schrie sie durch das Holz, doch er würde sie nicht hören können.
Das Haus war leer.
„Hm...", machte Nuce.
„Und das ist alles was sie gesagt hat?", fragte er, als sie entspannt im Flieger saßen. Die letzten zwei Stunden waren purer Stress gewesen.
Sie hatten den Einkauf nach hause gebracht, den nächsten Flug gebucht, zum Flughafen gehetzt und den ganzen Weg gerannt, um den Flieger noch zu bekommen.
Doch nun nippten sie jeweils an einem Becher mit Flugzeug-Kaffee, der erstaunlich gut schmeckte.
„Ja, das war alles."
„Hm...", machte Nuce.
Diamond sah zu ihm herüber. „Was denkst du?"
„Ach, ich finde es einfach seltsam. Sie schien mir eher wie jemand der sofort auf den Punkt kommt."
Diamond nickte. „Mir auch. Aber es scheint wirklich wichtig zu sein. Sie klang ziemlich unter Strom am Telefon."
„Hm..."
„Hörst du auf damit?"
Nuce lachte. „Sorry."
Die beiden Leibgarden trafen Valkyrie in einem Pub in Roarhaven. Es wäre nicht der erste Ort, der Diamond in den Kopf kam, wenn sie an Valkyrie Cain dachte. Doch als sie sah, dass die Detektivin ein Glas Whiskey auf dem Tisch hin und her schob und aussah, als hätte jemand den ganzen Tag lang Wasserboarding an ihr durchgeführt, hatte sie eine Ahnung warum.
Sie hielt nach ihrem Partner Ausschau, doch der war nirgends zu entdecken.
„Valkyrie", sagte sie, als sie am Tisch ankamen. Diese sah auf und Dye bemühte sich nicht geschockt auf die tiefen Ringe unter ihren Augen zu reagieren.
Sie setzte sich gegenüber von ihr und Nuce tat es ihr gleich.
„Ihr seid jetzt also Partner, was?", fragte sie.
„Sieht ganz so aus", lächelte Diamond. Sie wollte kühl sein, doch Valkyries Anblick hielt sie davon ab.
„Und, möchtest du uns sagen, warum du uns so dringend sehen musstest?", fragte sie.
Die Schwarzhaarige atmete tief durch und nahm einen großen Schluck ihres Getränks. Kurz verzog sie das Gesicht, dann stellte sie lautstark das Glas ab, als wolle sie ein Statement machen.
„Was ich euch gleich erzähle ist eines der bestbehütetsten Geheimnisse der magischen Welt. Ich muss wissen, dass ich euch vertrauen kann, dass niemand anderes hiervon erfährt."
Nuce und Diamond wechselten einen Blick.
„Schweigepflicht gehört zu unseren Diensten", stellte Diamond dann klar. „Und ich nehme an, dass wir uns selbst keinen Gefallen tun werden, dieses... Geheimnis weiter zu erzählen. Wahrscheinlich wird das zu unangenehmen Konsequenzen führen."
Valkyrie nickte. „Gut, dann beantwortet mir vorher eine Frage: Was wisst ihr über Lord Vile?"
Nuce schnaubte. „Lord Vile? Wie kommst du darauf?"
„Nicht viel", sprang Dye ein, bevor Cain einen Kommentar machen konnte. „Er war ein dunkler Magier, der auf Mevolents Seite gekämpft hat, im Krieg. Er wurde als der Todbringer angesehen, war einer der mächtigsten Totenbeschwörer aller Zeiten, wenn nicht einer der mächtigsten Zauberer generell. Und einer der bösesten. Im Krieg verschwand er und tauchte später im Kampf gegen Darquesse wieder auf."
„Und tut es noch", ergänzte Nuce.
„Wirklich?", fragte Diamond.
„Ja, wirklich. Er wurde hier und da in Irland gesichtet, hat weiter getötet. Aber keiner weiß genau, ob Menschen nur Geister sehen. Wortwörtlich."
„Ziemlich akkurat", lobte Cain und prostete ihnen zu, bevor sie einen weiteren Schluck ihres Whiskeys nahm.
„Lass mich raten: Es geht um Vile. Ist er wieder unterwegs?"
„So kann man es nennen", bejahte Valkyrie. „Ihr kennt wahrscheinlich die Geschichte darüber wie Skulduggery gestorben ist."
Diamond verzog das Gesicht. In der Tat hatte Dexter ihr knapp von den Umständen erzählt. Sohn und Frau getötet, schließlich zu Tode gefoltert. Ein paar Jahre später kam er als Skelett wieder.
„Nach seinem Tod fand er sich als ein Haufen Knochen wieder, setzte sich zusammen und wollte zurückkehren. Doch all der Schmerz und die Wut hielten ihn davon ab, sein altes Leben wieder zu betreten und die unbeantworteten Fragen über seinen Tod konnten dort nicht beantwortet werden."
„Warum erzählst du uns das?", fragte Dye. Sie hatte ein unangenehmes Gefühl bei der Sache. Sehr. Unangenehm.
Valkyrie ignorierte die Frage und fuhr fort. „Er ging zum Tempel der Totenbeschwörer. Und das was er dort lernte... Das was passiert war, hat ihn... gespalten. Er wurde Nekromant. Er wurde... Lord Vile."
Diamond starrte ihn an.
„Was?", keuchte Nuce neben ihr, doch sie konnte nicht reden. „Das ist ein Witz!"
Cain antwortete nicht, sondern leerte nur das Glas.
„Das ist ein verdammter Witz!", rief er und sie sah ihn stumm an.
Diamond stützte ihr Kinn auf ihre Hände. Es machte Sinn. Immerhin war Skulduggery im Krieg eine Weile lang verschwunden gewesen. Und genau zu dieser Zeit war Vile aufgetaucht.
„Das ist unmöglich", flüsterte sie jedoch, ihre Stimme langsam zurückkehrend. Sie fühlte sich irgendwie taub. „Er ist Elemente-Magier."
Valkyrie schüttelte den Kopf. „Es ist selten aber nicht unmöglich."
Nuce starrte sie nur mit offenem Mund an und fuhr sich langsam durch die Haare.
„Was ihr verstehen müsst... Vile und Skulduggery sind zwei unterschiedliche Menschen. Als die Rüstung sich selbstständig gemacht hat, waren sie sogar zwei getrennte Personen."
„Was, du meinst wie bei einer gespaltenen Persönlichkeitsstörung?"
„Ziemlich genau so", nickte Valkyrie. „Und genau in diesem Moment ist er Vile. Ich weiß aus sicheren Quellen, dass er nie länger als ein oder zwei Tage so bleibt. Jetzt sind es beinahe vier."
„Wow... Einfach wow..."
„Wieso wir? Wieso erzählst du uns das?", fragte Nuce heiser.
„Die Dunkelheit...", murmelte Diamond und Valkyrie nickte.
„Was?", er sah sie verständnislos an.
„Ähm... Als wir dich gesucht haben... Damals, als ich dich beschützt habe, da musste ich Skulduggery einmal kristallisieren, um ihn vor Pistolenschüssen zu schützen", erklärte sie und wedelte mit ihrer Hand, um auf ihre Kräfte hinzuweisen. „Als ich an seiner Magie ankam, habe ich da etwas... Dunkles in ihm erkannt. Es war irgendwie versteckt. Ich konnte spüren wie unglaublich mächtig es ist, aber bevor ich näher nachsehen konnte, musste ich zurückziehen. Du wolltest doch immer wissen, warum ich den beiden Detectives gesagt habe, sie sollen sich von uns fern halten, oder? Tja, das war der Grund."
Nuce hob nur die Augenbrauen und sah aus als würde er gleich vor zu viel Information umfallen.
„Valkyrie musste es jemandem sagen, der schon eine Ahnung hatte. Um den Kreis der Wissenden nicht unnötig auszuweiten. Außerdem wusste sie, dass ich ihr glauben würde. Und ich nehme an, dass sie unsere Hilfe braucht."
„Ganz genau", nickte diese. „Nicht einmal Darquesse war mächtig genug ihn zu töten. Ich alleine habe keine Chance gegen ihn."
„Du willst ihn..."
„Nein!", sie schüttelte sofort den Kopf. „Ich will nur nah genug an ihn herankommen, um Skulduggery zu erreichen. Vielleicht kann ich ihn dazu bringen wieder durchzudringen. Dazu bringen, die Kontrolle zu übernehmen. Ihr beide", sie deutete auf Diamond, „ihr könnt mich lange genug schützen und mir helfen ihn zu schwächen, bis ich nah genug dran bin."
„Was heißt nah genug?"
„Das wird sich dann zeigen."
Diamond atmete tief durch. Sie konnte immer noch nicht ganz fassen was sie gerade erfahren hatte.
„Hört mal, es ist natürlich eure Entscheidung, ob ihr mir helfen wollt... Aber... China..."
„Die Obermagierin?"
„Ja, die. Sie hat mir eine Frist gesetzt. Wenn ich es in zwei Tagen nicht schaffe ihn wieder zurückzuholen wird sie drastischere Maßnahmen ergreifen müssen. Und ich... weiß nicht mehr was ich tun soll..." Sie legte ihr Gesicht in ihre Hände.
„Woher weißt du, dass du ihn zurückbekommen kannst?"
Sie schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht... Ich weiß nur, dass er da drin ist und dass er kämpft."
Es herrschte eine Weile lang betroffene Ruhe.
Diamond spürte noch immer ein unangenehmes Kribbeln im Magen. Der Gedanke an das Gefühl von der Dunkelheit, welches sie in Skulduggery gefunden hatte, jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Doch trotzdem wusste sie eins: Sie würde Valkyrie helfen.
„Wie... wie kannst du damit leben? Sein Partner sein?", fragte Nuce irgendwann.
Valkyrie lachte auf. „Ich? Ich glaube ich bin die allerletzte Person die über ihn urteilen sollte."
Nuce schnaubte. „Das könnte man so sagen, ja."
Diamond legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Was ist also dein Plan? Wie willst du ihn finden?"
Nuce neben ihr schüttelte ihre Hand ab. „Du ziehst das nicht wirklich in Betracht, oder?"
Sie sah stirnrunzelnd zu ihm herüber.
„Das ist nicht dein Ernst! Du willst dich da doch nicht reinziehen lassen!"
„Nuce...", begann sie.
Er stand mit einem Ruck auf. „Das...", begann er, doch schloss dann den Mund und ging.
Diamond seufzte und sah, wie Valkyrie ihm verzweifelt nachblickte.
„Mach dir keine Gedanken, ich rede mit ihm. Es ist ihm nur alles zu viel gerade."
Und er ist nicht der beste Freund von einem der toten Männer, hing sie in Gedanken dran.
Valkyrie sah nicht überzeugt aus, doch nickte.
„Und ich brauche auch eine Pause...", seufzte sie und stand auf. „Ich rufe dich an, ja?"
Damit ging sie ihrem Partner nach, den erstarrten Blick der Detektivin im Rücken.
„Ich brauche dringend einen Drink", murmelte Nuce auf dem Weg zum Hotel.
„Ich auch", stimmte Diamond zu.
„Du willst denen wirklich helfen, nicht wahr?", fragte er und klang dabei müde.
Diamond lächelte ihm zu. „Das ist meine Devise. Es ist unsere Devise, das weißt du... Wir..."
„... sind nicht da um zu entscheiden was gut und was böse ist. Wir sind da um Menschen zu beschützen", beendete er für sie. „Ich weiß. Aber wir schützen niemanden, wir sollen jemanden angreifen."
„Wir schützen Valkyrie vor Vile. Und Skulduggery vor sich selbst."
Er seufzte. „Ich kann das nicht so wie du. So zu akzeptieren..."
„Dann lass es", sagte sie sanft. „Du musst rein gar nichts akzeptieren. Du sollst nur deinen Job machen."
Für einen Moment schwieg Nuce, dann seufzte er und wuschelte durch seine Locken.
„Okay. Lassen wir es angehen", verkündete er dann.
