VIERTES KAPITEL: APFELKUCHEN UND GRUSELGESCHICHTEN

Am nächsten Morgen trafen Davids Freunde schon früh in seinem Haus ein. Zuerst befürchtete er, dass die anderen wegen der kleinen Planänderung unzufrieden sein würden, doch seine Sorgen waren völlig unbegründet. Er brauchte die anderen gar nicht vom neuen Reiseziel zu überzeugen. Sie stimmten auf der Stelle zu, nachdem David ihnen von den Geschehnissen des Vortags erzählt hatte. Michael und Richard hatten keine Einwände, und besonders Julia schien völlig aus dem Häuschen zu sein.

„Ich werde also wirklich Ash Ketchum treffen?" fragte sie euphorisch. „Den Ash Ketchum? Den aus Alabastia?"

„Äh ja, aber..." wollte David entgegenhalten, doch er bekam keine Chance.

„Oh Mann, ich glaub' es nicht! Ich werde wirklich Ash Ketchum aus Alabastia treffen! Er ist ja so süß!" schwärmte sie.

„Hey, Erde an Julia! Der Mann ist fünfzig, sogar seine Tochter ist älter als du!" sagte David.

„Das verstehst du wieder mal nicht", erwiderte Julia mit einer halb gespielt, halb genervten Gesichtsausdruck. „Das Alter ist überhaupt nichts Negatives. Im Gegenteil, die Jahre haben ihn nur weiser gemacht. Er sah verdammt gut aus, als er zwanzig war: schwarze Haare, durchtrainierter Körper, und diese Augen erst... Ach, was rede ich? Er sieht heute immer noch gut aus!"

„Ich bekomme gleich einen Brechreiz", murmelte Michael.

Zur Erleichterung der Jungs wurden Julias Schwärmereien von der Türklingel unterbrochen. David öffnete die Tür und ließ Rachel eintreten. Mit kurzen Worten begrüßte sie seine Freunde und wandte sich dann ihm zu.

„Es hat sich leider etwas geändert", sagte sie zu David. „Ihr müsst ohne mich losgehen. Ich habe eben einen Anruf von meinem Chef erhalten, er möchte mich unbedingt sehen."

„Sie haben einen Chef?" fragte David etwas überrascht. „Ich dachte, Sie wären Arenaleiterin?"

„Das bin ich zwar, trotzdem sind wir Arenaleiter nicht so unabhängig, wie wir es uns manchmal wünschten", sagte Rachel mit einem leichten Seufzer. „Wie dem auch sei, ihr werdet alleine aufbrechen müssen. Ich werde mich mit euch in Dukatia City treffen."

„In Ordnung", sagte David.

„Da wäre noch etwas", fügte Rachel hinzu. „Ich hoffe nicht, dass ihr in Schwierigkeiten geratet, aber falls doch, müsst ihr in die Dunkelheit der Nacht gehen und nach einer Elfe suchen. Sie wird wissen, was zu tun ist."

„Was soll das bedeuten?" fragte David verwirrt. „Das verstehe ich nicht."

Doch die blonde Schönheit hatte sich bereits abgewandt und war auf dem Weg zurück zu ihrem Wagen. „Gute Reise, und viel Glück!" sagte sie, bevor sie einstieg und davonfuhr.

Die vier Freunde packten ihre restlichen Sachen zusammen. Ein letztes Mal überprüften sie, ob sie an alles gedacht hatten.

„Pokédex, Pokétch, Pokébälle, unsere Pokémon...", zählte Michael einzeln auf. „Ich glaube, wir haben alles. Und wenn nicht, können wir es ja immer noch im nächsten Supermarkt kaufen."

Dann brachen sie auf. Zum ersten Mal in ihren jungen Jahren brachen sie ohne ihre Eltern zu einer längeren Reise auf. David hatte befürchtet, dass ihm der Abschied von seinem Haus schwer fallen würde, doch dem war nicht so. Fröhlich vor sich hin pfeifend machte er sich mit den anderen auf den Weg.

„Wisst ihr", sagte Michael nach einer Weile. „Wenn wir in Azalea City ankommen, müssen wir unbedingt Eve und Henry Danton besuchen. Sie sind mit meiner Familie befreundet, und Eve macht den besten Apfelkuchen, den ich je gegessen habe. Der ist so göttlich, den müsst ihr einfach probieren!"

„Moment mal", sagte Julia. „Du bist wirklich so unverschämt, um unangekündigt bei denen aufzutauchen, und dann soll sie auch noch einen Apfelkuchen für dich backen?"

„Ich bin nicht unverschämt", erwiderte Michael grinsend. „Sie backt nämlich jeden Tag einen. Und Besuch haben die beiden auch gerne."

„Na dann, nichts wie hin", sagte David.

„Da wäre noch was", fügte Michael hinzu. „Henry ist schon ein wenig älter und redet manchmal etwas wirres Zeug. Er ist überzeugt von allen möglichen Verschwörungstheorien. Ignoriert es einfach, wenn er euch damit nervt."

„Wenn's weiter nichts ist", sagte Julia gelassen.

PKMN

Azalea City war eine nette Kleinstadt, nur wenig größer als Viola City. In der Hauptstraße standen zwei Reihen kleiner Einfamilienhäuser. In genauso einem wohnten Eve und Henry. Es war tatsächlich so, wie Michael gesagt hatte: als die vier Freunde eintraten, wurden sie begrüßt, als wären sie alle schon eine Ewigkeit mit dem Ehepaar bekannt. Während Eve in die Küche ging, um heiße Schokolade zu machen, setzten sich die Freunde an den großen Esstisch. Der Duft von Apfel und Zimt erfüllte den Raum.

Schon wenig später saßen alle am Tisch versammelt, aßen Apfelkuchen und tranken heiße Schokolade. Sogar die Pokémon der vier Freunde, Teddiursa, Haspiror, Endivie, Pichu und Karnimani hatten kleine Stücke abbekommen.

„Der Kuchen ist wirklich sehr lecker, Mrs. Danton", sagte David. „Michael wollte unbedingt, dass wir ihn probieren."

„Das freut mich", antwortete Eve mit einem Lächeln. „Ich weiß, wie sehr Michael meinen Kuchen liebt. Einmal hat er sogar einen ganzen Kuchen allein gegessen."

„Was? Wirklich?" fragte Julia überrascht.

Michael nickte. „Mir war zwar hinterher für den Rest des Tages schlecht, aber ich war glücklich", erzählte er. „Ich werde ihn vermissen, wenn wir jetzt auf die Reise gehen."

„Ich kann dir ein paar Stücke einpacken", schlug Eve vor, und Michael nahm das Angebot ohne zu zögern an.

„Ihr geht jetzt also auf die große Reise, auf die alle Teenager irgendwann gehen", sagte Henry und brach damit sein Schweigen. Sein Tonfall war seltsam und irgendwie unheimlich. „Ihr müsst vorsichtig sein, denn in letzter Zeit laufen in der Gegend ein paar ziemlich merkwürdige Gestalten herum. Erst vor ein paar Tagen habe ich hier in der Nähe einen zwielichtigen Typen gesehen..."

Seine Erzählung wurde von Eve unterbrochen „Bitte, Henry. Du machst den Kindern noch Angst!" sagte sie vorwurfsvoll.

„Nein", sagte David. „Es macht uns keine Angst. Bitte erzählen Sie weiter, Mr. Danton."

„Also, ich kam gerade aus dem Steineichenwald", setzte Henry seine Geschichte fort. „Da stand dieser Mensch am Ortseingang. Alles an ihm war irgendwie seltsam. Er trug einen schwarzen Umhang, Handschuhe und eine Maske, die zur Hälfte schwarz, und zur Hälfte weiß war. Ich dachte zuerst, er wäre einer dieser wandernden Artisten. Aber er machte gar nichts, sondern stand nur bewegungslos da. Ich meine, er bewegte sich überhaupt nicht. Auch als ich an ihm vorüber ging, reagierte er nicht."

„Vielleicht war er eine lebende Statue", überlegte David. „Die verdienen sich ihr Geld damit, dass sie stundenlang irgendwo herumstehen, ohne sich zu regen."

„Der Gedanke ist mir auch kurzfristig gekommen", stimmte Henry zu. „Aber er hatte so eine seltsame dunkle Aura um sich herum. Das konnte ich spüren, glaubt mir! Und nachdem ich kurz im Supermarkt war, um noch ein paar Dinge einzukaufen, war er weg. Einfach so, wie in Luft aufgelöst. Ich sage euch, der war mir nicht geheuer!"

„Das war ein Pantomime", sagte Michael mit Nachdruck und vollem Mund. „Er hat einfach seine Nummer beendet und ist weitergezogen."

„Und was ist dieser Aura, die er um sich herum hatte?" hakte Henry nach.

Darauf wusste auch Michael keine Antwort, und es entstand eine gespannte Stille.

„Nun, auf jeden Fall wünsche ich euch eine schöne Reise", sagte Eve etwas verlegen. „Und kommt gesund wieder!" Damit war das Thema des Alten Henry vom Tisch, und sie redeten wieder über andere Dinge. Dennoch wurde David das Gefühl nicht los, dass hinter seiner Geschichte mehr steckte als nur die Hirngespinste eines alten Mannes.

PKMN

Es war bereits dunkel geworden, als die vier Freunde das Haus der Dantons verließen. Sie beschlossen, im Pokémon-Center zu übernachten und erst am nächsten Morgen weiter zu gehen, wenn es wieder hell war.

Für einige Minuten schwiegen sie alle und konzentrierten sich nur auf ihre Schritte. Plötzlich fragte David:

„Sagt mal, glaubt ihr, was der Alte Henry erzählt hat?"

Die anderen schienen das Thema schon längst abgetan zu haben und waren daher umso überraschter, als David es wieder auf den Tisch brachte.

„Du grübelst immer noch darüber?" fragte Michael.

„Mir schien, als wäre er ziemlich überzeugt gewesen von dem, was er da erzählte", sagte David.

„Ich sagte doch, dass er an alle möglichen Verschwörungstheorien glaubt", erwiderte Michael. „Zum Beispiel ist er auch der Überzeugung, dass die Pokémon von Außerirdischen hierher gebracht und ausgesetzt wurden. Du solltest dem keine Beachtung schenken."

„Da ist aber die Sache mit der Aura, die der seltsame Mann gehabt haben soll", wandte David ein. „So etwas habe ich erst letztlich gesehen." Er erzählte seinen Freunden vom Kampf gegen das Mitglied vom Team Neo, und davon, dass auch sein Simsala eine Aura hatte.

„Ja, aber das war auch ein Pokémon", sagte Michael, der unbeeindruckt von der Sache schien. „Dass das Team Neo seltsame Sachen mit Pokémon macht, ist längst bekannt. Schon als Giovanni noch lebte und die Organisation noch Team Rocket hieß, haben sie alles Mögliche versucht, um die Pokémon zu kontrollieren. Seitdem sein Sohn Francesco die Führung übernommen hat, hat sich die Organisation stark vergrößert, und ihre Aktivitäten sind noch rätselhafter geworden. Aber darum sollen sich die Rockys kümmern. Wir halten uns da schön raus."

„Ja", sagte David nachdenklich. „Vielleicht habt ihr Recht."

„Die Unterhaltung hat mich hungrig gemacht", sagte Michael. „Ich brauche dringend noch was zum Essen!"

„Du hast schon wieder Hunger?" fragte David ungläubig. „Du hast vier Stück Apfelkuchen gegessen!"

„Fünf", korrigierte Richard.

„Na und?" fragte Michael. „Das war nur Kuchen, aber ich brauche jetzt was Anständiges. Ich gehe mal schauen, ob ich in der Stadt noch etwas zum Essen finde. Will jemand mitkommen?"

Doch alle lehnten ab.

„Also dann, bis nachher", rief Michael und verschwand in der Dunkelheit.