Kapitel 4 Beste Freunde?

Bellas Sicht

Einatmen… ausatmen… einatmen… ausatmen. Ich musste mich konzentrieren, ich musste es bis ins Reservat schaffen. Dort durfte ich zusammenbrechen.

Meine rechte Hand musste gebrochen worden sein als ich Edwards Hände wegschlagen wollte. Ich umklammerte das Lenkrad noch fester, der Schmerz in der Hand lenkte mich ab von einem noch viel, viel schlimmeren Schmerz. Atmen Bella, atmen. Nicht daran denken. Nicht an dein Herz denken, das gerade in Scherben zerbricht. Es ist nicht der Weltuntergang. Es ist nur meine Welt die untergeht. Und Emmett's Welt. Als ich in seine Augen sah, tat es noch viel mehr weh. Nicht denken, nicht - ein lautes Krachen auf der Beifahrerseite.

„Geh aus meinem Wagen!" schrie ich Edward an. Nicht weinen Bella, atmen! „Bella, bitte sei nicht böse…" er sagte es mit seiner weichsten Stimme die er hatte.

Ich musste ihn ignorieren, ich konnte ihn nicht ansehen! Sobald wir auf Quileute Land sind, muss er sowieso verschwinden. Er steckte seine Hand aus um mich zu beruhigen. Noch einmal Schlug ich mit aller Kraft, die ich als kleiner, zerbrechlicher Mensch habe, gegen seine Steinharte Hand. Ich hörte noch mehr Knochen in der Hand knacken.

„GEH!" kreischte ich jetzt hysterischer als jemals zu vor.

Doch er blieb, er redete auf mich ein. Ich verstand kein Wort, ich konzentrierte mich und fing an zu zählen. 758 Sekunden später sprang er plötzlich aus der Tür. Ich hatte es geschafft, hier konnte er nicht herkommen. Ich fuhr bis vor Jakes Haus und hielt entkräftet an. Ich zog die Beine auf den Sitz hoch und umklammerte mich mit meinen Armen. Ich begann hysterisch an zu weinen und hyperventilierte.

„BELLA!" Jacob riss die Wagentür auf, nahm mich in die Arme und trug mich ins Haus in sein Zimmer. Dort setzte er sich auf das Bett und hielt mich wie ein Kleinkind auf den Armen. Billy war zum Glück noch bei der Arbeit, wenn er mich so sehen würde, würde er es bestimmt sofort meinem Dad erzählen.

„Bella Schatz, bitte sag mir was los ist?" seine Stimme klang verzweifelt.

Ich konnte nicht reden, ich klammerte mich fester an seine warme nackte Brust. Er verstand, was ich brauchte. Jacob nahm mich fester in den Arm und streichelte mir sanft den Kopf. „sch… sch… Bella Schatz" Seine grossen, warmen Hände streichelten meine Wirbelsäule hoch und runter. Ich konnte mich langsam wieder beruhigen. Ich fühlte mich so warm bei Jake. Mein Atem ging wieder langsamer und nach zwei Stunden hatte ich mich an seiner Brust ausgeheult.

„Willst du mir erzählen was passiert ist Schatz? Du musst nicht wenn du nicht willst." Sagte er sanft, während sein Kopf auf meinem war.

„Edward." Die Luft blieb mir weg, ich durfte nicht noch einmal anfangen zu weinen. „ Edward hat, er hat…" die Tränen tropften gleich wieder aus meinen Augen und ich begann schneller einzuatmen, und vergass dabei das ausatmen. „Oh Jake!" ich drückte meinen Kopf fester in die Einbuchtung zwischen Hals und Schulter. Ich holte tief Luft, „…hat mich betrogen, Edward hat mich mit der Freundin seines Bruders betrogen!" Mehr konnte ich nicht mehr sagen. Seine Muskeln spannten sich an und ich spürte wie sein ganzer Körper zu beben begann. Ich wusste, dass es unglaublich gefährlich ist, so nah an einem Werwolf zu sein wenn er dabei ist sich zu verwandeln. Aber Jake hatte sich schon wieder unter Kontrolle. Er atmete schwer ein und aus und sagte nichts. Vielleicht hatte er sich doch noch nicht völlig unter Kontrolle.

„Dieser… Dieser mieser, dreckiger Blutsauger!" Ich spürte wie er seine Hände auf meine Rücken zusammen krampfte. Ich hatte es immer gehasst wenn Jacob solche Wörter benutzte, aber jetzt war es mir einfach egal, ich liess ihn weiterschimpfen. Irgendwie tat es auch gut, dass Jacob all die Dinge sagte, die in meinem Kopf herumschwirrten.

Ich passte meinen Atemrhythmus dem von Jake an, und so beruhigte sich langsam mein Körper.

„Habt ihr Eis Jake?" fragte ich plötzlich, als ich den stechenden Schmerz in meiner Hand fühlte. Auf seinen fragenden Blick schaute ich runter auf meine Hand. „Hat ER dir das angetan? Sie ist ja schon voller blauer Flecken!" wieder begann sein Körper etwas zu beben, aber nur kurz.

„Nein, nicht direkt, ich hab zweimal seine Hand weggeschlagen. Und dabei hat's geknackst"

Jacob platzte fast vor Lachen „Du bist echt taff Bella Swan, verprügelst Vampire"

„Kannst du deine Finger bewegen?" fragte Jacob.

Ich versuchte die zu strecken und sie wieder zu beugen. Zu meinem Erstaunen, funktionierte es ohne grössere Schmerzen. Ich wollte mein Handgelenk kreisen lassen, doch zuckte dabei zusammen.

„Ich glaub es ist was am Handgelenk" vermutete ich.

Jake holte mir Eis zum Kühlen, dann legte er mir eine improvisierte Schiene an, damit bis morgen nicht noch mehr kaputt gehen konnte. Jacob meinte, es sei vielleicht nur angeknackst und nichts gebrochen.

„Jake wann kommt Billy nach Hause?" fragte ich, als ich ruhig an seine warmen Brust gelehnt war.

Er schaute auf die Wand gegenüber von seinem kleinen Bett. „hmm so in einer halben Stunde, warum?"

„Ich möchte nicht dass Billy mich so sieht, sonst weiss es Charly innerhalb von zwei Minuten auch."

„Ja unsere Väter sind die schlimmsten Kaffee-Tratsch-Tanten auf der Welt!" sagte er aufmunternd. Ich musste sogar ein bisschen darüber lächeln, weil ich mir Billy und Charly in alten Spitzenkleidern vorstellte, wie sie an einem Weissen Tischchen sitzen und Kaffee und Kuchen geniessen. Als Jake bemerkte, dass er mich ein wenig zum Lachen gebracht hat umarmte er mich stürmisch und lachte bei derselben Vorstellung grölend auf. „Oh Bella du bist so schön wenn du lächelst." Ich schenkte ihm ein breites Lächeln. Wow wie stellte er es nur an, dass ich mich bei ihm so frei fühlte.

„Möchtest du, dass ich zu dir komme?" Er stockte kurz, „ich meine damit du nicht alleine bist heute Nacht?" fragte er, und wurde unter seiner bronzefarbener Haut etwas Rot.

„Nein Jake, das wird schon gehen. Du hast mich gerade so aufgeheitert! Du bist der Beste. Danke!" Ich drehte meinen Kopf leicht und gab ihm einen kleinen Kuss aufs Schlüsselbein. Er nahm mein Kopf zwischen die Hände und gab mir einen süssen Kuss auf die Stirn. „Ich bin immer für dich da Bella Schatz."

Als wir raus zu meinem rostigen Truck liefen, hielt Jacob meine Hand fest in seiner. Er meinte, er wolle nicht, dass ich noch umkippe. Es störte mich eigentlich auch gar nicht, es war einfach schon immer so zwischen uns gewesen. Ich setzte mich in den Truck und er umarmte mich noch einmal. Er löste sich ein wenig von mir, immer noch zu mir hinuntergebeugt, dass wir auf Augenhöhe waren. Seine Hände lagen zart an meinem Gesicht und er gab mir einen süssen Kuss auf den Mund. Mit dem unvergleichlichen Jacob-Lächeln richtete er sich auf und verabschiedete sich von mir.

Während ich die Strasse nach Hause fuhr, musste ich über den Kuss nachdenken. Ich wusste nicht was der Kuss für ihn bedeutete, und ich wusste auch nicht genau was er für mich bedeutete. Es war kein Kuss voller Leidenschaft, es war nur ein so süsser kleiner Kuss.

Charly war noch nicht zu Hause also machte ich in der Küche das Essen. Ich musste mich solange wie möglich beschäftigen, denn das Gefühl der Freiheit, das ich mit Jake hatte, verschwand langsam wieder. Spätestens wenn ich oben alleine im Bett liegen werde, würden die Erinnerungen wie Messerstiche auf mein Herz einstechen. Ich nahm ein paar Crevetten und brat sie mit Knoblauch und Zwiebeln an, währenddessen setzte ich heisses Wasser für die Nudeln an und schüttete die halbe Packung der Nudeln rein. Ich stellte beides auf eine mittlere Stufe damit ich ins Bad gehen konnte.

Ich sah nicht so schlimm aus, wie ich erwartet hätte, meine Augen waren schon gar nicht mehr so rot vom Weinen und nachdem ich mir kaltes Wasser ins Gesicht spritzte und meine Haare gekämmt hatte, war ich der Meinung, dass ich doch schon wieder recht vorzeigbar aussah.

Die Nudeln waren schon fast al dente so schüttete ich noch Rahmsosse zu den zerkleinerten und angebratenen Crevetten.

„Bella?" rief Charly von der Haustür her.

„Hi Dad, ich bin in der Küche."

Charly kam gerade nachhause als ich die Nudeln aus dem Wasser geholt hab und die Crevetten-Rahm-Sosse darüber gekippt hab. Er atmete den leckeren Duft ein und setzte sich sofort an den Tisch. „Hallo Bella, das riecht phantastisch!"

Wir assen gemeinsam, aber redeten nicht viel, eine der besten Angewohnheiten meines Dads. Es schien ihm wirklich zu schmecken, denn er verputze drei Portionen. Nach dem er fertig war, räumte ich alles ab und begann den Abwasch zu machen. In meinen Kopf versuchte ich irgendwelche Sachen zu finden, die mich noch weiter ablenken könnten. Mit Charly TV schauen oder etwas lesen, war beides nicht wirklich interessant genug um die schlimmen Gedanken zu verdrängen, Wäsche hatte ich erst vor drei Tagen gemacht, Hausaufgaben hatte ich keine, da wir im Moment Ferien hatten. Ich hatte den Abwasch fertig und schlurfte zur Treppe.

„Gute Nacht Dad"

„Ich geh besser auch mal ins Bett, viel zu tun auf dem Revier. Schlaf schön Bells" sagte Charly.

Als ich mir ein paar kurze graue Stoffhosen und ein weisses Shirt als Pyjama angezogen hatte, legte ich mich ins Bett. Drüben hörte ich Charly schon leise schnarchen.

Ich machte die Augen zu, und das letzte bisschen Normalität, dass ich bei Jacob fühlte, verpuffte.

Ich sah Edwards und Rosalies Gesichter vor mir, wie sie sich umarmen und küssen… ich krallte meine Finger in das Kissen und unterdrückte einen Schrei, doch die Tränen rannen wieder über meine Backen und tropften auf mein Arm und mein Bett.

Plötzlich spürte ich eine eiskalte Hand auf meinem Arm, und ich drehte mich erschrocken um.

„Emmett?"