Liebe Lee,

Wie geht es dir? Wie läuft es mit deiner neuen Arbeit?

Ich nutze die Mittagspause, um dir diesen Brief zu schreiben. Also sitze ich hier in meinem Büro und sortiere meine Gedanken. Es war schön, dich nach einer Zeitspanne von mehreren Monaten wieder gesehen und mit dir gesprochen zu haben.

Danke, dass du mich in meinem Zustand nicht alleine gelassen hast, sondern mit mir gemeinsam nach Hause disappariert bist.

Ich hatte gestern ein längeres Gespräch mit Eric und möchte dir mitteilen, dass es uns wieder besser geht. Als du und ich uns das letzte Mal sahen, war ich von meiner Arbeit müde und erschöpft, was wohl auch der Grund für meinen Gefühlsausbruch war.

Es tut mir leid, dass ich mich beim Trinken des Elfenweins nicht gemäßigt habe. Das ist mir mittlerweile wirklich sehr unangenehm.

Ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du mir zugehört hast. Aber möchte dich dennoch darum bitten, den gesamten Inhalt unseres Gesprächs wieder zu vergessen.

Ich müsste dringend mit dir persönlich sprechen; besser heute als morgen. Doch ich fürchte, ich werde mir erst in einigen Tagen dazu die Zeit nehmen können.

Bitte Lee, melde dich bei mir, so bald, wie es dir nur möglich ist. Bis dahin möchte ich dich inständig darum bitten, keine unüberlegten Schritte zu unternehmen und gewisse Dinge für dich selbst zu behalten.

Liebe Grüße
deine Freundin Charlotte


Kaum hatte sie den Brief zu Ende gelesen, faltete Lee diesen sorgsam zusammen und ließ ihn neben sich liegen.

Sie wusste, dass Charlotte mit den gewissen Dingen Perseus Piton alias Severus Snape meinte.

Lee lag auf ihrem Bett, die Beine angewinkelt. Müdigkeit drohte sie zu übermannen, denn Lee hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Doch jetzt wollte sie nicht einschlafen, galt es doch, noch einen weiteren Brief zu lesen. Dabei ahnte Lee bereits, was in ihm stehen würde, denn Clarkes Briefe variierten in ihrem Inhalt nicht.

Herzhaft gähnte sie und schloss die Augen. Nur ein paar Minuten würde sie jetzt hier liegen bleiben, die Augen geschlossen halten und die Ruhe um sie herum genießen.

Nur ein paar Minuten, nur ganz kurze Zeit.


Als Lee wieder erwachte, brauchte sie einige Augenblicke, um sich zurechtzufinden. Kaum aber hatte sie begriffen, dass sie wohl mehrere Stunden geschlafen hatte, setzte sich Lee im Bett ruckartig auf.

„Verdammt", murmelte sie und warf einen Blick auf den kleinen Nachttisch aus dunklem Holz.

Die dicke rote Kerze, die auf ihm stand, war fast zur Hälfte niedergebrannt. Neben ihr lagen sowohl Lees Zauberstab, wie auch ein weiterer, zusammengefalteter Brief.

Clarkes Brief.

Lee griff nach diesem, faltete ihn auseinander und begann zu lesen.

Madeleine…

So fing jeder seiner Brief an, ohne ein Wort der Begrüßung. Nicht mit Liebe Lee, Guten Tag Lee oder wenigstens An Lee begann es, sondern einfach nur mit ihrem richtigen, vollständigen Namen.

Dabei nannte Lee schon seit Jahren niemand mehr Madeleine. Niemand außer Clarke Mason, ein alter Freund Ihres Vaters.

Lee seufzte und erinnerte sich spontan daran, wie ihr Rufname entstanden war. Als kleines Kind war es ihr unmöglich gewesen, den langen, komplizierten Namen in richtiger Weise auszusprechen. Doch was sie damals von sich gegeben hatte, hörte sich an wie Lee, woraufhin ihr Vater damit begann, sie so zu nennen.

Als Lee älter wurde und lernte, ihren vollständigen Namen korrekt aufzusagen, da gefiel er ihr nicht besonders. So blieb es bei Lee.

In den nächsten Tagen solltest du wieder zu mir kommen. Wir müssen unsere Übungen wiederholen.
Schreib mir schnell zurück, wann du Zeit hast.

Er schrieb selten mehr als zwei, drei Sätze. Seine krakelige, schwer leserliche Handschrift war Lee schon lange zuwider. Achtlos zerknüllte sie die Mitteilung.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der Lee die Hoffnung gehegt hatte, Okklumentik ohne fremde Hilfe zu erlernen. Aber schon bald war ihr die Sinnlosigkeit eines solchen Plans deutlich geworden und so hatte sie sich, kaum dass sie in England angekommen war, auf die Suche gemacht und Clarke Mason aufgespürt.

Er war überrascht gewesen, Lee zu sehen. Sehr überrascht. Zuerst, da hatte er ihrer Erzählung keinerlei Glauben geschenkt, denn er konnte nicht begreifen, wieso sein alter Schulfreund Aaron seinen Nachnamen von Makintosch in Rains geändert haben sollte.

Doch als Lee Berichte ihres Vaters über die gemeinsame Schulzeit gegenüber Clarke erwähnte, erkannte er, dass sie jene Schilderungen und jede Anekdoten nur von einem Menschen gehört haben konnte: Aaron Makintosch, seinem früheren besten Freund, der sich irgendwann ganz plötzlich nicht mehr bei ihm gemeldet hatte, ohne dass Clarke je erfahren hatte, wieso.

Er war voller Verwunderung gewesen, als Lee ihm den Grund nannte, weshalb sie ihn aufgesucht hatte; sie wollte die Kunst der Okklumentik erlernen und da Lee von ihrem Vater wusste, wie groß Clarkes Begabung war, sollte er sie ihr beibringen.

„Aber es könnte Jahre dauern, bis Sie wirklich gut wären", hatte Clarke gesagt und Lee hatte daraufhin geantwortet:

„Zeit spielt für mich keine Rolle."

Clarke hatte Lee dann lange angesehen, ehe er gesagt hatte:

„Aaron hätte das nie gesagt. Sie sehen ihm auch nicht sonderlich ähnlich, aber wahrscheinlich gehen Sie nach ihrer Mutter."

Jener Satz hatte Lee einen schrecklichen Stich verpasst.

Mittlerweile war sie gut, sogar sehr gut. Es stellte für sie kein allzu großes Hindernis dar, ihren Geist zu verschließen. Alles, was Lee dafür benötigte waren Ruhe, Konzentration und das Gefühl der Selbstüberzeugung. Von Beginn an hatte sie in ihre Fähigkeiten geglaubt und nie an sich gezweifelt.

Nicht ein einziges Mal.

Clarke Mason war ein Mann, der kaum lobte, jedoch oftmals Kritik anbrachte. Doch was andere in ihrem Lernprozess möglicherweise gehemmt hätte, bedeutete für Lee nur einen zusätzlichen Ansporn.

Sie wollte Clarke unbedingt beweisen, wie fähig und ausdauernd sie war.

So kam es, dass Lee ausführliche Bücher über Okklumentik und Legilmentik las, um sich zusätzliche Tipps zu besorgen.

Von Anfang an jedoch, hatte eine ganz besondere Befürchtung in Lee geschlummert. Jene Befürchtung hatte Lee sich innerlich verkrampfen lassen und zu schlaflosen Nächten geführt.

Was ist, hatte sie sich damals gefragt, wenn dieser Clarke bei einer Übung in meiner Erinnerung sieht und hört, was Dad mir vor kurz vor seinem Tod erzählt hat? Was, wenn Clarke, und sei es auch nur für einen winzigen Augenblick, sieht, wie Dad mir den Zeitungsausschnitt über Snape zeigt?

Da war Lee klar geworden, dass sie sich schützen musste. Lange dachte sie darüber nach, was zu tun war, um zu verhindern, dass ihre größte Sorge wahr werden könnte, als ihr ein Gedanke kam.

Lee hatte viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit und eine war die von ihrem wunderbaren, magischen Schaukelpferd.

Eigentlich war es ein ganz gewöhnliches Schaukelpferd aus hellem Holz für kleine Muggelkinder gewesen, welches Dad rein zufällig auf einem Trödelmarkt entdeckt hatte. Doch dank seines Zauberstabs, hatte er es in ein magisches verwandelt, auf dem Lee viele Stunden lang vor Freude quietschend durch die Wohnung galoppiert und sogar geflogen war.

Vor jeder Begegnung mit Clarke konzentrierte sich Lee stark auf eben jenes Schaukelpferd. Sie rief sich jedes Detail in Erinnerung und sah sich vor ihrem geistigen Augen selbst, wie sie lachte und vor sich hin sang.

Seltsam, welch fröhliches Kind, welch glückliche Person sie einst gewesen war. Manchmal, da wünschte sich Lee, sie könnte eben jene Persönlichkeit wieder werden. Aber solange sie Snape nicht gestellt hatte, war dieser Wunsch vergebens.


Lee rollte sich auf ihrem Bett auf die andere Seite und schloss die Augen. Gleich morgen früh würde sie erst Charlotte und dann Clarke antworten. Zuletzt hatte sich Lee mit Clarke vor etwa einer Woche getroffen. Sie hatten geübt und er hatte einmal mehr gesagt: „Immer dieses Schaukelpferd, Madeleine. Gab es in deinem Leben denn nichts anderes?"
Früher, als er noch in Spinners End gewohnt hatte, da waren die Wände seines Wohnzimmers von Bücherregalen vollständig verdeckt gewesen.

Nun aber waren die wenigsten Regale, die an den Wänden mit der grässlichen, beigen Tapete lehnten, vollständig ausgefüllt. Severus Snape bedauerte, dass er damals nicht alle seine Bücher, die sich in einem Zeitraum von über einem Jahrzehnt in Spinners End angesammelt hatten, in sein neues Zuhause hatte mitnehmen können.

Zuhause? Pah!

Er hatte nie hierher gewollt und bis zum heutigen Tage war es Snape ein absolutes Rätsel geblieben, warum das Ministerium gerade diese eine Adresse ausgewählt hatte, wenn er doch selbst weitere Vorschläge gehabt hatte. Vorschläge von Orten, an denen er ebenfalls sicher gewesen wäre.

Aber nein, das Ministerium hatte auf eine ausschließlich von Muggeln bewohnte Gegend bestanden.

Eigentlich verrückt, war doch allgemein bekannt, wessen Anhänger Snape einst gewesen war.

Nur selten verließ Snape das Haus und wenn er dies tat, dann nur weil er einfach keine andere Alternative besaß.

Hinter seinem Haus befand sich ein großes Beet, in dem Snape Nahrungsmittel anpflanzte und mit Hilfe seiner magischen Kräfte rasch reifen ließ. Auch ein Apfelbaum wuchs in seinem Garten.

Doch reichte der Vorrat nicht aus, blieb Snape nichts anderes übrig, als das nächste Geschäft der Muggel aufzusuchen und dort einzukaufen. Das Geld dafür erhielt er vom Ministerium.

Dank seiner Herkunft, dank seines verfluchten Muggelvaters, kam Snape mit der Währung der Muggel und dem Einkaufen selbst gut zurecht.

Die Tage verbrachte Snape damit Bücher zu lesen, besonders komplizierte Tränke zu brauen und seine alten Fähigkeiten zu schulen.

So verlief sein Leben schon seit Jahren.

Zunächst war diese neue Einsamkeit für ihn ungewohnt gewesen. Sicherlich, Snape war nie ein Menschenfreund und schon immer ein Eigenbröckler gewesen, doch war es seltsam, tagein und tagaus niemanden um sich herum zu haben.

Niemanden, den man nicht mochte, den man am Liebsten aus dem Weg gegangen wäre. Niemanden, der einem etwas bedeutete, mit dem man sich unterhalten könnte.

Diese Stille, diese unbeschreibliche, unheimliche Ruhe!

Sie waren plötzlich da. Begleiter, die ihn – so dachte er – wohl nie wieder verlassen würden.

Doch Snape arrangierte sich mit seiner neuen Lebenssituation und tat, was er konnte, um zu vermeiden, dass sich ein dritter Begleiter zu ihm gesellen würde. Ein besonders gefährlicher, den er nie kennen gelernt hatte; die Langeweile.


Besucher, erwartete wie ungebeten erschienene, hätten in Snapes Wohnzimmer ein braunes Sofa aus weichem Leder, zwei dazu passende Sessel, einen gläsernen Tisch, einen größeren Wandschrank und eben jene Bücherregale vorgefunden.

An jenem späten Nachmittag saß Snape auf dem Sofa und durchblätterte eine alte Enzyklopädie der Flüche. Das Buch war bereits ganz zerfleddert und verschiedene Seiten fehlten gänzlich.

Snape strich gerade mit dem Finger über die besonders umständlich formulierte Definition eines zwar kurzzeitig schmerzhaften, aber im Grunde genommen doch harmlosen Fluchs, als er es hörte.

Es, das laute Pochen an der Tür.

Snape lehnte sich leicht zurück und horchte. Zuletzt hatte eine junge Frau drei Wochen zuvor an seiner Haustür geklopft. War sie nun wiedergekommen?

„Mr Piton!"

Er vernahm ihr Rufen, erkannte ihre Stimme. Ja, sie war es tatsächlich.

„Mr Piton! Machen Sie doch auf! Ich weiß, dass Sie da sind!"

Ohne das Rufen und Klopfen weiter zu beachten, blätterte Snape eine Seite weiter und begann zu lesen. Wieder nur kompliziert Formuliertes, wieder ein nicht lebensgefährlicher Fluch.

„Ich komme vom Ministerium!"

Wenn dieses Buch sich in der Bibliothek Hogwarts befinden würde, müsste man es dann in der Verbotenen Abteilung suchen oder doch nicht?, fragte sich Snape in Gedanken.

„PROFESSOR SNAPE!"

Er schaute augenblicklich von der Enzyklopädie auf. Zum ersten Mal hatte die Frau nicht bloß gerufen, sondern richtig geschrieen. Im nächsten Moment hörte das Klopfen auf.

Professor Snape.

Es war schon lange her, dass ihn jemand so genannt hatte und es war merkwürdiges Gefühl, diesen Namen nach Jahren wieder zu vernehmen, wohl wissend, persönlich gemeint zu sein.

Nun, sie kannte sowohl seinen echten, als auch seinen neuen Namen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei ihr um keine Mitarbeiterin des Ministeriums handelte, war äußerst gering, wusste Snape doch, dass nur eine Person seinen neuen Namen, seine neue Adresse weitergegeben und der Unbekannten verraten haben könnte.

Snape schlug das Buch zu. das Auftauchen der Unbekannten empfand als unerlaubtes Eindringen in sein Leben. Sein neues Leben als Perseus Piton.


Lee hatte gewartet, bis sich dazu entschieden hatte, Snape erneut aufzusuchen. Die Zeitspanne von drei Wochen war nötig gewesen, um ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren und sich darüber klar zu werden, wie sie genau vorgehen wollte.

Sie hatte sich mit Charlotte getroffen und ihr versprochen, niemanden von den Informationen über Snape zu erzählen und sich mit ihrer Freundin gefreut, als diese davon berichtet hatte, dass auch Eric ihr Beziehungsproblem erkannt hatte und es nun gemeinsam mit seiner Frau in Angriff nahm.

Auch bei Clarke war Lee gewesen, hatte sich ein letztes Mal auf den heutigen Tag vorbereitet.

Heute nun, war ihr weder vor Aufregung übel, noch verspürte sie Angst. Lee war bereit.

Die Tür von Snapes Haus öffnete sich plötzlich. Lee, an jenem Tag mit einer dunkelblauen Hose und hellgrünen Bluse bekleidet, war verblüfft und sah zu, wie der Spalt, der sie nun einen Blick auf den Flur erhaschen ließ, größer und größer wurde.

Schließlich stand die Tür komplett offen.

Ein letztes Mal fokussierte Lee all ihre Gedanken auf das magische Schaukelpferd, dann atmete sie tief durch – und trat ein.

In Snapes Haus.