Kapitel 3:
Bill sah sie zwar an, als sie mit ihm redete, aber sie hatte nicht das Gefühl, als würden seine Augen sie wirklich erfassen. Auch zeigte sein Gesicht keinerlei Reaktion,keine Regung, nichts. Er mochte körperlich am Leben sein, aber gleichzeitig war er tot. Gebrochen.
Freya verließ schweigend den Raum – diesen Anblick konnte sie nicht eine Sekunde länger ertragen.
In der Küche krallte sie sich an die Arbeitsfläche und atmete mit geschlossenen Augen mehrfach tief ein und aus. Der Boden unter ihren Füßen schien zu schwanken, als sie sich bewusst wurde, welche Bürde, welchen Schmerz der Mann im Schlafzimmer zu tragen hatte. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie nun tun sollte. Vermutlich war es das beste, wenn sie Molly alarmierte. Andererseits wusste sie nicht, wie Bill auf seine Mutter reagieren würde. Vielleicht sollte sie doch erst abwarten und sie nicht unnötig sorgen? Ihn nicht unnötig aufregen? Das war alles furchtbar kompliziert. Sie presste ihre zu Fäusten geballten Hände an die Schläfen, suchte fieberhaft nach einer Lösung.
Dann wurde sie sich bewusst, dass Bill sie jetzt brauchte. Sie verstand mehr von Heilkunst als sonst jemand in dieser Gegend oder Molly selbst. Sogar Poppy hatte von ihr lernen können. Wenn Bill jemand helfen konnte, dann war sie es. Sie musste es einfach versuchen.
Sie zwang ihre Beine mit roher geistiger Gewalt dazu, sie wieder zurück zum Schlafzimmer zu tragen. Die Tür war einen Spalt breit offen, sie konnte Bill sehen, wie er da auf dem Bett lag und ausdruckslos die Decke anstarrte.
Sie atmete noch einmal tief durch und betrat das Zimmer. Mit ruhigen Schritten trat sie wieder an Bill heran. Sie hievte seinen Oberkörper nach vorn, sodasssie sein Kissen aufschütteln konnte. Er rührte sich von selbst keinen Millimeter, leistete aber auch keinen Widerstand. Sie mied den Blick in seine leblosen Augen und arbeitete stillschweigend. In der Hoffnung, das Geräusch der Brandung würde ihm gefallen,stieß Freya die Fensterläden auf, sodass Sonnenstrahlen in die Kate fielen und das Meeresrauschen seine süße Melodie auch für Bill singen konnte.
Unschlüssig, was sie jetzt tun sollte, ging sie zurück in die Küche und bereitete ein leichtes Essen für Bill zu. Er hatte so lange nichts mehr zu sich genommen, dass sie ihm keine zu fetthaltige Nahrung geben wollte, damit sein Magen sie auch beibehielt. Sie briet ihm Kartoffeln und würzte sie mit frischen Kräutern aus dem Garten, dazu machte sie ihm ein erfrischendes Fruchtgetränk aus eigenen Äpfeln.
Aber Bill aß nicht. Er sah das Essen nicht einmal an. Freya wurde wütend. Sie konnte doch nicht einfach zusehen, wie er so tot dalag, bis er endgültig verhungerte – er hatte schon so viel Gewicht verloren! Also setzte sie sich an sein Bett, zerdrückte die Kartoffeln zu einer Art Brei und fütterte ihn Löffel für Löffel mit Engelsgeduld. Sie schaffte es, dass er die halbe Portion und einige Schlucke Saft zu sich nahm, anschließend verweigerte er wieder das Essen.
Freya gab es auf.
Am Abend machte sie ein leichtes Feuer, denn seine Hände fühlten sich kalt an, als würde er frieren. Sie saß neben seinem Bett und stickte wieder, wusste nicht, ob sie mit ihm reden oder schweigen sollte. Mitternacht strich vorbei, Bill schlief immer noch nicht ein. Freya war sich nicht sicher, ob er nach einem so langen Schlaf überhaupt ein Müdigkeitsgefühl empfinden konnte oder ob sein Körper gar kein Schlafbedürfnis mehr hatte. Also fing sie an, für ihn zu singen. Das war das erste Mal, dass Bill sie mit den Augen tatsächlich zu fixieren schien – Freya war unendlich erleichtert darüber. Allerdings sollte dies über Wochen die einzige Veränderung bleiben.
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Irgendwann gab Freya Molly Bescheid, dass Bill aufgewacht war, aber ansonsten keinerlei Lebenszeichen von sich gab. Natürlich besuchte sie ihn, aber Freya hatte es geschafft sie davon zu überzeugen, dass es das Beste sei, wenn er weiterhin bei ihr bliebe. Nach wenigen Besuchen resignierte Molly und bat Freya darum, ihr nur noch Bescheid zu geben, wenn sich eine Verbesserung einstellen sollte.
Freya verstand das nicht ganz, aber Molly hatte genug mit dem Verlust ihres Zwillingsohnes zu kämpfen, vermutlich bereitete ihr Bills Zustand nur noch mehr unnötigen Gram.
Freya unterdessen kam Bill körperlich mehr als nahe. Sie wusch ihn jeden zweiten Tag so gut es im Bett eben ging, berührte seinen Körper dabei sanft mit den Händen. Wenn sie mit den Fingern sein Haar einschäumte und ihm zärtlich den Kopf massierte, schloss er die Augen und sie liebte es, ihn so genießerisch zu sehen.
Stillschweigend trug sie auch die weniger schönen Momente. Sie brachte ihm dreimal am Tag eine Bettpfanne, ließ ihn dann kurz allein und kam nach zehn Minuten wieder, um sie zu entleeren. Freya störte das wenig. Sichum Kranke zu kümmern, beinhaltete nun mal auch solche Arbeiten, doch schien es Bill unglaublich unangenehmzu sein.
Freya gewöhnte sich mehr und mehr an seine Anwesenheit und genoss sie nach all den Jahren alleine auch. Sie wusste, dass es falsch war, aber ihre warmen Gefühle für ihn gingen über ein Erschauern beim Waschen hinaus.
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Mit Bill gab es tatsächlich kleine, aber kaum merkliche Verbesserungen. Eines Tages bewegte er den Kopf, als sie singend frische Blumen in seinem Zimmer verteilte. Der Sommer glühte langsam aus und die Septemberstürme setzten ein.
Dann saß sie neben seinem Bett und las ihm Geschichten vor, damit er sich nicht fürchtete. Er hatte schon nach wenigen Tagen wieder angefangen zu schlafen, doch litt er anscheinend unter grausigen Alpträumen, denn er wälzte sich nur hin und her und stöhnte tonlos. Also blieb Freya nachts wach, strich ihm übers Haar, wenn er zu träumen schien und sang leise Lieder für ihn. Irgendwann aß er von alleine und bald richtete er sich morgens auch von allein auf, wenn sie kam um seine Kissen zu schütteln. Am meisten freute er sich aber, als Bill einmal nach dem Waschen ihre Hand nahm und kurz drückte, als wäre das seine Art, Danke zu sagen.
Freya gab manchmal Meldungen bei Molly durch, doch erhielt sie nie eine Antwort. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Ihr schien es, als würde Molly versuchen, ihren Sohn zu vergessen.
In ihrer abgeschiedenen Idylle bekam Freya von der Außenwelt zwar wenig mit, allerdings musste sie sich – und jetzt ja auch Bill – mit eigener Kraft durchfüttern. Da im September einiges aus ihrem Garten geerntet werden musste, bevor der Winter kam, geriet sie mit ihrem Spagat zwischen Grundversorgung und Bill ziemlich ins Straucheln. Sie ließ ihn aus Prinzip ungern alleine, aber ihr Garten brauchte sie auch. Daher beschloss sie, ihn in Decken eingemummt mit nach draußen zu nehmen und dort auf die Bank zu setzen. So war er an der frischen Luft und nicht allein. Außerdem war es Zeit, dass er das Bett verließ. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, wie sehr Bill an Muskeln verloren hatte. Es war ihm auch mit ihrer Hilfe kaum möglich, aufrecht auf beiden Beinen zu stehen. Mit reichlich Mühe schafften sie es dann doch, ihn bis zur Bank vor dem Häuschen zu frachten, aber es war ein Kampf.
Bill selbst schien überrascht und vielleicht ein wenig erschreckt über diesen körperlichen Nachlass, auch wenn er, wie immer, recht wenige Emotionen zeigte.
Seit diesem Tag trainierten Freya und Bill jeden Tag seine Muskeln. Ihm ging es wohl ein bisschen besser, aber er schien noch immer in diesem tranceartigen Wachschlaf vor sich hinzuwandeln, aus dem Freya ihn beim besten Willen nicht befreien konnte. Freya wusste nicht, wo Bill seinen Zauberstab gelassen hatte oder ob er überhaupt noch Magie wirkenkonnte, aber ihrer Meinung nach, war das auch das kleinste Übel.
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Der Oktober zog ins Land, es wurde früher dunkel und regnete ständig. Anders als die Sommergewitter war der Regen aber nicht warm, sondern kalt und beißend. Im Nu sog er in die Kleiderein, durchnässte bis auf die Knochen und ließ eine immerwährende feuchtkalte Spur auf der Haut zurück. Die Sturmfluten häuften sich jetzt wieder. Obwohl die raue See die Klippe nicht erklimmen konnte, gruselte sich die junge Frau doch immer wieder, wenn das Meer am Gestein leckte, auf dem sie stand.
Dennoch wollte sie Bill, der jetzt immerhin schon wieder alleine gehen konnte, einmalim Sturmmit nach draußen nehmen, in der Hoffnung, im würde ein solches Naturschauspiel vielleicht gefallen.
Sie hatte ihm warme Kleidung aus Schafswolle gestrickt und gab ihm noch ihren Mantel. Die Beiden lehnten sich in den Sturm und auf Freyas Gesicht zeichnete sich ein gelöstes Lachen, als sie die Gewalt der Natur an sich zerren fühlte. Auch Bill schien etwas zu spüren, er schloss die Augen, als genieße er die Kraft des Windes und der See.
Blitze durchzuckten den Himmel, es gewitterte, das Meer stieß immer wieder mit harten Wellen gegen den Fels. Freya hielt während Spaziergängen immer Bills Hand, denn manchmal, wenn er etwas sah, zuckte er zusammen als hätte man ihm einen Stromschlag verpasst und strauchelte dann unkoordiniert. Sie wusste nicht genau, woran das lag, vermutete aber, dass ihn dannirgendetwas an Fleur erinnerte. Während die Zwei so am Saum der Klippe entlanggingen, dachte sie mal wieder über Fleur nach.
Anhand dessen, was Bill durch ihren Verlust seelisch durchmachte, konnte sie sich wenigstens teilweise ausmalen, wie innig er für die junge Frau empfunden hatte. Sie hatte noch nie eine so atemberaubende Liebe gesehen –und das war sie noch immer. Freya war sich ziemlich sicher, dass Bill sie noch immer liebte, noch immer an sie dachte – und an ihren Tod.
Urplötzlich wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Bill hatte sich von ihrer Hand losgemacht und rannte auf die Klippen zu. Sie kreischte auf. Obwohl jeder Muskel in ihr sich zum Spurt bereitmachte, schoss ihr für den Bruchteil einer Sekunde der Gedanke durch den Kopf, ihn einfach springen zu lassen. Diesem Elend ein Ende zu bereiten. Ihn endlich zu erlösen. Doch dann besann sie sich – und war in wenigen Schritten bei ihm. Mit voller Wucht krachte sie in ihn, brachte ihn zu Fall, schirmte ihn mit den Armen ab.
Sie Beide stürzten zu Boden in den Morast, rollten ein Stück und kamen dann, schlammgetränkt, zum Erliegen.
„Bill", flüsterte sie immer wieder, „Bill". Erst das Beben ihrer Schultern ließ ihr bewusst werden, dass sie weinte. Sofort zwang sie sich zu Kontrolle und Stärke, versuchte ihm Halt zu geben. Aber Bill brauchte keinen Halt. Er kniete vor ihr im Schlamm und sahsie mit weit aufgerissenen Augen an. Ihre Tränen mischten sich mit dem Regen als sie ihn so sah. Wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal jemanden weinen sieht.
Da streckte Bill plötzlich ganz vorsichtig die Hand aus und berührte sie an der Wange. Er fuhr einmal über ihre Wange, fing dann eine ihrer Tränen ab. Sie war sich nicht sicher, ob er es wirklich tat, denn ihr Blick war tränenverschleiert, doch schien es Freya, als betrachte er sie fasziniert auf seinem Finger.
Jetzt war es Freya, die zaghaft dieHand nach ihm ausstreckte und einmal sanft durch sein nasses, feuerrotes Haar strich.
Er sah wieder auf, ihr direkt in die Augen. Bill hustete, sofort sprang Freya auf.
Damit er keine Lungenentzündung bekam, wollte sie ihn lieber sofort wieder vor daswarme Feuer bringen. Sie reichte ihm die Hand, er ergriff sie und die Beiden gingen zurück in das trockene und warme Häuschen.
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Seit dem Vorfall auf den Klippen war Bill wie verändert. Er sprach noch immer kein Wort und es war schwierig, in seinemGesicht lesen zu können, aber er benahm sich wieder menschlich. Er half Freya im Haushalt; ohne dass sie ihn je darum gebeten hatte, war er ihr einfach wortlos zur Hand gegangen. Bill war derjenige, der Feuerholz im Wald schlagen ging und den kleinen Süßwasserbachlauf vom Eis freipickelte, als der Winter einbrach. Auch erledigte er Reparaturen an der winzigen Stallung hinter dem Häuschen, sodass Freya sich im Frühjahr wieder eigene Hühner und vielleicht sogar ein Schaf zulegen wollte. Abends schnitzte er aus Holz Werkzeuge oder Löffel. Freya erledigte die nötige Arbeit in der Küche, machte Kleidung und kam manchmal mit in den Wald.
Wenn gerade keine Arbeit vorlag, unternahmen sie ausgedehnte Spaziergänge am Strand.
Bill hielt Freyas Hand, wenn sie lachend wie ein kleines Kind auf den Eisschollen am Strand vorwärtssprang. Freya schnitt ihmdas Haar, wenn seine Ponyfransen ihm wiedermal in die Augen hingen. Sie flickte seine Strümpfe und erzimmerte ihr im Stall ein zweites Bett, damit sie nicht länger abwechselnd auf dem Teppichvorleger schlafen mussten. Sie nähte die passende Bettwäsche dazu. Nie sprach er mit ihr, bedeutete ihr nur manchmal seine Gedanken durch gewisse Gesichtsausdrücke oder Gesten. Und dennoch ertappte sie ihn manchmal dabei, wie er vollkommen gedankenversunken undmit unbeschreiblicher Trauer auf dem Gesicht aufs Meer starrte. Dann wurde ihr wieder schmerzlich bewusst, dass sie vermutlich nicht ansatzweise begreifen konnte, wie sehr er noch immer zu leiden hatte.
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Jul rückte näher. Freya schmückte das Haus mit Immergrün und bereitete ein kleines Festessen vor. Am Vorabend von Jul klopfte es auf einmal an der Tür. Luna war Freya nicht wieder besuchen gekommen, sie reiste herum und suchte nach außergewöhnlichen magischen Geschöpfen zusammen mit ihrem Vater, undFreya erwartete auch sonst keinen Besuch. Bill wusste, dass die Tür immer offenstand, daher war sie etwas nervös, als sie die Schürze ablegte um zu öffnen.
Draußen im Schnee stand Molly Weasley. Freya erschrak. Sie hatte sich schon ewig nicht mehr bei ihrgemeldet und erst recht nicht durchgegeben, wie gut es Bill wieder ging.
„Wo ist Bill?", fragte Molly augenblicklich. „Er holt Holz im Wald. Magst Du nicht hereinkommen? Er ist gewiss bald wieder zurück."
Molly kniff die Augen zusammen, als sie die kleineHütte betrat. „Ich will ihn wieder mitnehmen", brach sie mit der Tür ins Haus, kaum dass Freya sie mit einem dampfenden Becher Zimtpunsch versehen hatte. Die junge Frau erschrak, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Sie konnte nicht einordnen,was es war, aber irgendetwas zerschnitt ihr das Herz bei dem Gedanken daran, ihn gehen zu lassen. „Wir wollten Jul feiern", versuchte sie dagegenzuhalten, aber Molly wandte sofort ein: „Er war jetzt lange genug hier. Es ist Zeit für ihn, nach Hause zu kommen." Freya nickte mechanisch und wandte sich wieder dem Stollen zu, den sie buk.Beruhige dich, sprach sie sich selbst Mut zu,du wusstest, dass er eines Tages wieder geht. Dass es nicht ewig so sein wird. Aber es glückte ihr nicht. „Ist das etwa ein Problem für dich?", unterbrach Molly scharf Freyas stillen Kampf mit sich selbst. „Nein, nein", erwiderte diese zögernd, „Es kommt einfach nur so überraschend." Molly legte den Kopf schief. „Nun", sie klang wieder etwas wärmer, „Wenn dir dieses Juldingsda so viel bedeutet, komme ich einfach Morgen wieder und hole ihn ab." „Das", stammelte Freya mit zu ihrem Ärgernis brüchiger Stimme, „Wäre wirklich nett." Die ältere nickte nachdenklich. „Nun gut, dann also bis Morgen." Freya erwiderte das Nicken ruckartig und brachte die Frau noch zur Tür.
Sie sah ihr hinterher, bis sie im Schnee verschwunden war. Tränen rannen ihr über das Gesicht.
Freya hatte gewusst, dass es schwer werden würde, aber mit einem solchen Schmerz hatte sie nicht gerechnet. Was eigentlich ein ruhiges Essen werden sollte, wurde zu ihrer Henkersmahlzeit. Der Abend war viel zu schnell da. Obwohl Freya jetzt ein neues Bett hatte, legte sie sich in dieser Nacht auf den Teppich vor BillsBett. Es war weit nach Mitternacht, doch sie konnte noch immer nicht einschlafen. Bills Hand hing vom Bett herab. Sanft strich sie mit dem Finger über seine Haut. Unter krampfartigem Schluchzen schlief sie schließlich ein.
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Molly kam pünktlich zum Frühstück. Freya drehte sich der Magen um, als sie sie sah. Bill zeigte keinerlei Regung, als seine Mutter ihn an ihren opulenten Busen drückte. Zu Freyas Bedauern machte er ihr aber auch in keinster Weise deutlich, dass ihm der Abschied schwerfiel. Sie hatte ihm eine Tasche mit seinen Sachen gepackt, noch den Rest Stollenund ein paar Kräuter dazugetan (und einen seiner Pullover für sich behalten). Sie schlang einmal die Arme um ihn, drückte ihn an sich, doch Bill erwiderte die Umarmung nicht einmal.
Freya lehnte am Türrahmen und sah zu, wie Molly ihn wieder mitnahm. Er stolperte hinter seiner Mutter her wie ein kleiner Junge, der etwas ausgefressen hatte und drehte sich nicht ein einziges Mal mehr um. Und dann war er plötzlich weg. Disappariert. Einfach so ausradiert. Erst als ihre Zehen steif waren vor Kälte zog sie sich in ihre vier Wände zurück. Benommen taumelte Freya in das Schlafzimmer. Sie sah auf sein Bett, sah wieder, wie er da gelegen hatte, mehr tot als lebendig. Sie machte kehrt, schlich fast verängstigt in ihr Wohnzimmer. Dort neben dem Kamin, wo er gestern Abend gesessen hatte, lagen noch sein Messer und eine angefangene Schnitzerei. Freya nahm das Stück Holz auf und drehte es um. Sie sah in Fleurs Züge, mit filigraner Liebe ins Holz geritzt. Das nächste, was sie spürte, war der Fußboden an ihrer Wange. Sie stand nicht mehr auf.
