4. Angrenost (Isengard)

Sobald wir das Tor Isengards erreicht hatten, wurden wir von zwei seltsamen kleinen Personen begrüßt. Interessiert betrachtete ich die Beiden genauer. Personen wie diese hatte ich noch nie gesehen. Sie waren sogar noch kleiner als die Nogothrim.

Aragorn, Legolas, Gimli und Gandalf kannten die Kleinen und begrüßten sie ebenfalls. Es stellte sich heraus, dass sie Merry und Pippin hießen und mit den Onodrim hier waren.

„Ich sollte sagen, dass, falls der Lord der Mark und Gandalf zum nördlichen Wall reiten, sie Baumbart dort finden werden und ebenso Verpflegung vom Besten," sagte gerade einer der Hobbits.

Baumbart? Er musste der Anführer der Onodrim sein. Ein solches Treffen wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ohne dass sie eine Aufforderung von mir gebraucht hätte, setzte sich Ithildin in Bewegung und wir bahnten uns einen Weg zu Gandalf nach vorne.

Aragorn, Legolas und Gimli hatten gerade beschlossen, den Hobbits Gesellschaft zu leisten und Gandalf sah mich fragend an.

Telin na. [Ich komme mit."

Nun würde ich herausfinden, was in Angrenost geschehen war, dass von dort jetzt eine solch böse Aura ausstrahlte.

Er nickte und wir ritten langsam um die zerstörte Mauer von Angrenost herum, bis wir an der nördlichen Seite eine kleine Gruppe Onodrim sahen. Gandalf hielt direkt auf sie zu und einer der Onodrim löste sich einige Schritte von den anderen und wartete auf uns.

Sobald wir ihn erreicht hatten, stiegen wir ab und Gandalf begrüßte den Onod.

„Seid gegrüßt, Baumbart," er zeigte auf Théoden und mich. „Das ist Théoden, König von Rohan, und Ithiliël Cuiviéniën."

Ich neigte meinen Kopf leicht, als Zeichen des Grußes.

Mára aurë, Baumbart. [Ich grüße Euch, Baumbart."

„Hmm!" rief er erstaunt aus. „Erye na sina quenya vanima ata ana hlare. Ente nauva símen allinequetië. [Es ist schön diese Sprache wieder (einmal) zu hören. Sie wird hier wenig gesprochen"

Onodrim allincene. Áhië i rimbe. [Auch Ents sieht man nur noch sehr selten.(Ents sieht man wenig) Vieles hat sich verändert." antwortete ich mit einem schwachen Lächeln.

Lúmi nauva oi anorna [Die Zeiten werden immer hastiger." stimmte mir Baumbart zu.

Sí na úryalanta. Fuine sauroneva tiuyarye iltyelime. [Auch heute ist leider keine Ausnahme. Der Schatten Saurons wächst unaufhörlich."

„Was ist hier geschehen?" fragte Théoden verwundert.

„Ich glaube, dass kann Euch Gandalf besser und vor allem schneller erzählen," sagte der Onod bedächtig.

„Saruman hat durch die Art mit der er den Wald behandelte, den Ärger der Ents auf sich gezogen. Durch die Ankunft von Merry und Pippin wurden die Ents aufgerüttelt und zogen los um Saruman und seine Maschinen zu zerstören," erklärte Gandalf.

„Das ist ihnen gelungen," stellte der König beeindruckt fest.

„Nicht ganz," widersprach der Zauberer. „Saruman ist in seinem Turm eingesperrt, doch ganz waffenlos ist er nicht, er hat noch immer seine Stimme," warnte er.

„Dann sollten wir vielleicht etwas gegen diesen Saruman unternehmen," schlug ich vor.

Gandalf warf mir einen Blick zu, den ich kurz darauf deuten konnte:

„Ihr kennt ihn unter dem Namen Curumo."

Oh. Ich erinnerte mich an Curumo. Er war einer der Maiar Aules und er war damals sehr offen für Melkors Worte gewesen. Nun war er also auch hier in Endor, und ich wusste jetzt auch, warum mir die böse Macht die ich in Angrenost gespürt hatte, so bekannt vorkam. Also war Curumo nun endlich der Dunkelheit verfallen.

Bevor ich noch etwas antworten konnte, meldete sich Théoden zu Wort.

„Ihr habt recht. Wir müssen uns um Saruman kümmern, und je eher desto besser."

Gandalf nickte und nachdem er einige Worte mit Baumbart gewechselt hatte, führte er uns zum Tor zurück.

Dort stießen die anderen zu uns und begleiteten uns auf dem Weg durch das, was einst die blühenden Gärten von Angrenost gewesen waren.

Jetzt war alles nur noch eine dreckige, schlammige Brühe in der allerlei Abfall und Trümmer herumlagen und schwammen.

Direkt vor Orthanc hielten wir an. Der schwarze Turm ragte vor uns auf, er war sehr hoch und seine Oberfläche glänzte, als ob sie feucht wäre. Direkt vor uns, auf der Ostseite des Turmes, befand sich eine große Tür, hoch über dem Boden, zu der eine breite Treppe mit 27 Stufen hinaufführte. Oberhalb der Tür war ein verschlossenes Fenster.

„Ich werde hinaufgehen," beschloss Gandalf. „Ich war bereit in Orthanc und kenne die Gefahr."

„Und ich werde auch hinaufgehen," sagte Théoden. „Ich will mit dem Feind sprechen der meinem Volk so viel angetan hat."

Gandalf nickte und bat Aragorn und mich ebenfalls mitzukommen. Daraufhin beschlossen auch Legolas und Gimli uns zu begleiten.

„Kommt!" rief Gandalf und stieg die Stufen hinauf.

Wir folgten ihm. Auf der Plattform vor der Tür angekommen, hielt der Zauberer an und rief nach Curumo.

„Saruman! Kommt heraus!"

Eine Weile geschah nichts. Dann ertönte auf einmal eine sanfte Stimme über uns. Ich blickte hinauf und sah Curumo, der an dem Fenster über der Tür stand. Er redete mit verführerischer Stimme auf Théoden ein, doch er hatte seine Macht über den König verloren. Seine Stimme vermochte es nicht mehr, ihn zu manipulieren.

„Wenn ihr zum Vergnügen Eurer eigenen Krähen an einem Galgen baumelt, dann werden wir Frieden haben!" rief Théoden aus.

„Galgen und Krähen? Du Greis!" rief Curumo wütend. „Ihr seid der minderwertigere Sohn größerer Herren!"

Nun klang seine Stimme schon nicht mehr so sanft, bemerkte ich leicht erfreut. Doch er hatte sich bereits wieder gefangen und versuchte nun Gandalf zu überreden, die Seiten zu wechseln. Bei ihm jedoch hatte seine Stimme noch weniger Wirkung. Ich beschloss, mich nun auch am ‚Gespräch' zu beteiligen.

Mára aurë, Curumo! [Seid gegrüßt, Curumo!" rief ich mit klarer Stimme. „Ihr seid tief gefallen, seitdem ich Euch das letzte mal sah."

Saruman hielt inne, als ob man ihm mit einem Brett vor den Kopf geschlagen hätte. Eine Zeitlang starrte er mich nur ungläubig an. Dann hatte er sich endlich wieder gefangen und sagte verächtlich:

„Seid Ihr noch immer hier? Habt Ihr noch nicht genug davon, Euch in Angelegenheiten einzumischen, die Euch nichts angehen? Habt Ihr noch nicht genug verloren?"

Ich weigerte mich, ihn mit einer Antwort zu würdigen, sondern blickte ihn nur vernichten an.

Saruman warf noch einen letzten, verächtlichen Blick in die Runde und verschwand wieder in seinem Turm.

„Kommt zurück, Saruman!" rief Gandalf streng. „Ich habe Euch nicht erlaubt, Euch zu entfernen."

Mit sichtlichem Widerwillen erschien Curumo wieder am Fenster. Gandalf versuchte ein letztes Mal, vernünftig mit ihm zu reden.

„Kommt herunter. Dann wird Euer Leben verschont."

„Spart Euch Eure Gnade und Euer Mitleid!" schrie Saruman. „Ich habe keine Verwendung dafür!"

„Saruman, Euer Stab ist zerbrochen," rief Gandalf mit machtvoller Stimme.

Mit einem Knirschen zerbrach Curumos Stab in viele Einzelteile.

„Geht!" befahl Gandalf und Saruman verschwand mit einem ohnmächtigen Schrei im Inneren seines Turmes.

Kurz darauf kam etwas aus einem der oberen Fenster geflogen. Der rundliche Gegenstand verfehlte Gandalf knapp und rollte die Treppe hinunter, wo er im trüben Wasser verschwand. Ich traute meinen Augen nicht. Das konnte doch nicht sein! Dieser Gegenstand sah aus wie einer der sieben Palantíri Elendils! Wie kam ein solcher Sehender Stein in Curumos Besitz?

Einer der Hobbits war ins knietiefe Wasser gesprungen und auf die Stelle an der der Stein verschwunden war, zugegangen. Vorsichtig hob er ihn auf.

Gandalf schnitt Éomers wütenden Ausruf ab und eilte zu dem Hobbit.

„Pippin! Ich werde das nehmen!"

Erstaunt blickte ich zu dem Maia. Was sollte an diesem Palantír denn so gefährlich sein, dass es diesen besorgten Tonfall rechtfertigte?

Schnell hatte Gandalf den Stein an sich genommen und wir kehrten zum zerstörten Eingangstor Angrenosts zurück. Dort trafen wir auf Baumbart, mit dem Gandalf noch abseits einige Worte wechselte.

Nachdem die Onodrim zugesagt hatten, Saruman in seinem Turm zu bewachen, machten wir uns wieder auf den Rückweg nach Helms Klamm.

Ich ritt neben Gandalf her.

„Warum wart Ihr so besorgt, als der Halbling den Palantír berührte?" fragte ich ihn.

Überrascht sah er mich an, doch dann nickte er leicht.

„Ihr könnt ja nicht wissen, was geschehen ist. Die Palantíri Elendils sind schon vor langer Zeit verlorengegangen. Ich vermute jedoch, dass Sauron einen davon besitzt, den Stein der sich einst in Minas Ithil befand. So muss er es geschafft haben, Saruman zu korrumpieren."

So war das also. Dann war dieser Stein wirklich gefährlich, sehr sogar. Denn die sieben Palantíri waren alle miteinander verbunden und wenn Gorthaur einen davon besaß... ein fürchterlicher Gedanke.

Die Sonne ging gerade unter, als wir schließlich Angrenost wieder verließen. Die Beiden Hobbits begleiteten uns nun.

Ich war tief in Gedanken versunken. Es hatte sich so viel geändert. Olórin und Curumo befanden sich in Endor und der letztere war den Verlockungen Gorthaurs erlegen.

Und doch gab es noch einigen Widerstand gegen Mordor. Und diesmal würde ich alles daran setzen Gorthaur ein für alle mal zu vernichten.

Graue Dämmerung senkte sich auf uns herab und ein kühler Wind wehte aus südlicher Richtung. Blasses Mondlicht erhellte unseren Weg.

Schließlich erreichten wir Tol Baran und schlugen unser Lager auf. Diesmal legte auch ich mich hin um etwas zu schlafen.

Ein Schrei riss mich aus einer grauen und trostlosen Traumlandschaft. In Sekundenschnelle war ich auf den Beinen und bereits auf dem Weg in die Richtung aus der der Schrei gekommen war.

Einer der Hobbits lag auf dem Boden, mit aschfahlem Gesicht, und Gandalf kniete über ihm. Daneben lag der Palantír, von Gandalfs Mantel bedeckt. Also war der Halbling so töricht gewesen, in den Stein zu sehen. Hoffentlich hatte er nicht allzu viel Schaden angerichtet.

Da ich im Moment nicht allzu viel helfen konnte, ging ich ein paar Schritte zurück, und hörte zu wie der Hobbit – Pippin – berichtete was er im Palantír gesehen hatte.

Er berichtete von neun schwarzen, fliegenden Gestallten, die einen Turm umkreisten. Dann war Barad-dûr bereits wieder errichtet worden, denn diese Gestallten konnten nichts anderes als die neun Ulaire, die Nazgûl, sein. Gorthaurs Macht war bereits größer als ich gedachte hatte.

Nun trug Gandalf den Hobbit zurück zu seinem Bett und kam zu uns zurück.

„Gefahr kommt dann, wenn man es zuletzt erwartet," sagte er ernst. „Es war ein knappes Entkommen."

Nâ mêl mae ir Aragorn i Balantír hêb. Nâ hîr Isildur. Nâ mêl pûl hon ú-velo hebi a matho. [Vielleicht sollte Aragorn den Palantír aufbewahren. Er ist Isildurs Erbe. Vielleicht kann er ihn aufbewahren und (sogar) benützen." schlug ich vor.

Gandalf schien kurz zu überlegen, dann nickte er und überreichte Aragorn den Stein.

Be iest lîn. [Wie Ihr wünscht."

Aragorn nahm ihn mit ernster Miene entgegen.

Hon band hebithon. [Ich werde ihn sicher verwahren."

„Halte ihn geheim," riet Gandalf Aragorn und wandte sich an alle.

„Unser Feind ist der Meinung, dass Pippin ein Gefangener in Orthanc ist. Deshalb ist er so nahe an Isengard nicht mehr sicher. Ich werde sogleich mit ihm vorausreiten."

In diesem Moment lief mir ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter.

Ulaire!" rief ich aus, bevor jemand von den anderen überhaupt bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte.

„Ein Nazgûl kommt aus dem Süden!"

Nun konnten die anderen es auch spüren. Erschrocken blickten alle nach oben und gingen in Deckung als ein dunkler Schatten über unsere Köpfe hinweg zog.

Gandalf war der erste, der die Stille durchbrach.

„Reitet! Wartet nicht auf den Tag! Reitet los!"

Ithildin stand bereits neben mir und ich sprang mühelos auf ihren Rücken. Gandalf hatte Pippin schon auf Schattenfell behoben und stieg nun selbst auf.

Namárië!" rief er und verschwand in der Nacht.

Die Reiter aus Rohan waren nun ebenfalls fertig und auf ein Zeichen von Théoden hin setzten wir uns alle in Bewegung. Wir ritten in Richtung Helms Klamm, so schnell wir konnten.

Kurze Zeit nachdem wir den Fluss Angren durchquert hatten, hörte ich Hufgetrappel hinter uns. Ich lenkte Ithildin neben Aragorn.

Rochyn ab ven. Aphadar men. [Es sind Reiter hinter uns. Sie folgen uns."

Er nickte nur kurz und lies alle anhalten. Der König von Rohan setzte zu einer Frage an, doch da hörte er bereits selbst die sich nähernden Reiter.

Still standen wir in der Dunkelheit und blickten in die Richtung aus der das Hufgetrappel kam, bis sich schemenhafte Umrisse ausmachen ließen.

„Halt!" rief Éomer. „Wer reitet in Rohan?"

Die Reiter hielten an und einer antwortete.

„Rohan? Das ist eine gute Neuigkeit!"

Er stieg ab und kam ein paar Schritte näher, die leeren Hände zum Zeichen des Friedens erhoben.

„Wir waren lange unterwegs, um dieses Land zu erreichen. Wir sind auf der Suche nach Aragorn, Sohn des Arathorn."

„Ihr habt ihn gefunden!" rief Aragorn erfreut. „Halbarad! Es ist schön Euch zu sehen!"

Der Dúnadan wandte sich an die wartenden Rohirrim.

„Es ist alles in Ordnung. Dies sind Dúnedain aus meiner Heimat im Norden."

Alle waren sichtlich erleichtert, dass diese Reiter keine weitere Teufelei Sarumans war.

Ich lies meinen Blick über die dreißig Dúnedain schweifen, als mir etwas, oder besser gesagt, jemand, auffiel.

Unter den Waldläufern, die ganz in dunkle Grau-, Grün- und Brauntöne gekleidet waren, befanden sich zwei Elben, die helle Rüstungen unter ihren silbergrauen Mänteln trugen.

Ich wand meine Aufmerksamkeit wieder Halbarad zu, der die beiden als die Brüder Elladan und Elrohir vorstellte. Die Namen sagten mir nichts, und doch kamen mir die Elben irgendwie bekannt vor.

Nun setzten wir unseren Weg fort und ritten weiter durch die sternenklare Nacht.

Legolas und ich ließen uns etwas zurückfallen und ritten nun neben den zwei dunkelhaarigen Elben. Der blonde Elb stellte mir die beiden vor:

"Elladan a Elrohir hin, ionnath Elrond. [Dies sind Elladan und Elrohir, die Söhne Elronds."

Deshalb also kamen mir die beiden bekannt vor. Ich neigte meinen Kopf zur Begrüßung.

"Mae govannen. [Ich grüße Euch"

Die Söhne Elronds neigten ebenfalls den Kopf.

"Mae govannen," sagte einer von ihnen, wahrscheinlich Elladan, mit weicher Stimme. „Ú-nauthannem edhel ar-Legolas sí hiri. [Wir hatten nicht gedacht, hier einen Elben außer Legolas zu finden."

"Ithiliel Cuiviénien hen. [Dies ist Ithiliel Cuiviénien." klärte ihn Legolas auf.

Überrascht hob Elladan eine Augenbraue und sein Bruden verbeugte sich leicht vor mir.

"Rim le laston, brennil. Dan nauthannen, ned Endor ú-dorthach. [Ich habe viel von Euch gehört, Herrin. Doch dachte Ihr weilt nicht mehr in Mittelerde."

"Anann ne dae nuithannen. [Ich hielt mich lange im Schatten auf." erwiderte ich. „Dan si i dinnu ú-anann dorthon. Aníron Gorthaur ortheri. [Doch jetzt habe ich das Zwielicht verlassen. Ich wünsche Sauron zu besiegen."

Sui ha aníram. [Wie wir es (auch) wünschen." stimmte mir Elrohir zu.

Einige Zeit ritten wir schweigend nebeneinander her.

"Van matha adar lín? [Wie geht es Eurem Vater?" fragte ich dann.

"Matha mae. Imladris nâ chobas vand. [Es geht ihm gut. Imladris ist (noch) eine sichere Zuflucht." antwortete Elladan.

Na wenigstens einmal eine gute Nachricht. Wir unterhielten uns noch ein wenig und ritten dann schweigend weiter durch die Nacht, bis sich der östliche Himmel grau färbte und wir in der Ferne die Festung Helms Klamm erreichten.