I C – Illogical consequence

Kapitel 4

Mit Sicherheit bin ich nicht die Einzige, die verwundert über das war, was sich in Snapes Büro zwischen uns abgespielt hat. Das Befremdliche in seinem Ausdruck lässt mich auch jetzt nicht los, wo ich schon längst wieder in meinem Turm angekommen bin.

Eigentlich hatte ich vernunftgemäß erwartet, dass er mich dafür bestrafen würde, doch das hat er nicht getan. Bisher gab es kein Zeichen mehr von ihm; warum auch immer, ist mir ein Rätsel. Er hätte mich ohne viel Mühe mit einem Schlenker seines Handgelenks auf ewig zum Schweigen bringen können, als er mir seinen Zauberstab in die Wange gedrückt hat. Erleichtert bin ich deswegen nicht. Im Gegenteil. Meine Gedanken kommen nicht zur Ruhe. Sie spielen verrückt, als die Realität über mich hereinbricht. Sogar in meinem Kopf klingt es absurd, wenn ich mir vor Augen führe, was ich getan habe, ohne dafür belangt zu werden, denn normalerweise hätte er mich dafür umgehend von der Schule werfen müssen. Wieso aber hat er es nicht getan? Vielleicht hat ihn meine Beharrlichkeit am Ende zur Besinnung gebracht, ihm gezeigt, dass es mehr gibt als die Einsamkeit, die uns beiden so vertraut ist, obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass er sich so etwas eingestehen würde.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Übereinstimmung, dass er absolut unerfahren in zwischenmenschlichen Dingen sein muss, was seine Hilflosigkeit mir gegenüber erklären würde. Vielleicht ist er sogar noch verkorkster als ich, was in Bezug auf mein Handeln kaum möglich zu sein scheint, schließlich war ich es, die sich ihm genähert hat.

Fröstelnd rolle ich mich auf meinem Bett zu einer kleinen Kugel zusammen, ziehe die Beine bis unters Kinn und schlinge die Arme darum. Dann vergrabe ich den Kopf irgendwo dazwischen, um nicht vor Scham zu zerbrechen.

Bin ich noch zu retten? Was habe ich getan?

Allmählich fühle ich mich wie in einem schlimmen Traum gefangen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Dankbar lasse ich mich von der Müdigkeit einhüllen, bis ich endlich einschlafe.

Am nächsten Morgen wache ich unruhig auf, aber es ist noch alles genauso wie zuvor: die Realisation, die Wahrheit. Zu allem Übel sehe ich Snapes Gesicht deutlich vor mir, als würde er mir damit sagen wollen, wie schuldig ich mich gemacht habe. Genau das hat mir jetzt zu meinem Glück gefehlt: eine Halluzination.

Noch immer total erledigt muss ich blinzeln. Die anderen Mädchen sind anscheinend schon längst auf. Nur ich liege nutzlos im Bett herum und verschlafe meinen freien Tag.

Als ich es nach wiederholten Versuchen endlich schaffe, die Augen geöffnet zu lassen, sehe ich es lebendig vor mir: Snapes Konterfei mitsamt seinem harten Ausdruck, das mir zwischen finster zusammengezogenen Brauen und ungepflegten schwarzen Haarsträhnen hindurch entgegenblickt.

Erst jetzt dämmert mir, dass es echt ist. Mit fest vor dem Brustkorb ineinander verschränkten Armen lehnt er an der Tür zum Mädchenschlafsaal und sieht mich an.

Irritiert reiße ich den Oberkörper hoch und klemme die Decke unter mein Kinn.

„Was – was machen Sie hier in meinem Schlafsaal?", frage ich ungläubig.

Er legt den Kopf schief, ohne eine Miene auf seinem starren Gesicht zu verziehen.

„Warum so überrascht, Granger?"

„Sie dürften überhaupt nicht hier sein", gebe ich schnell zurück. „Was, wenn jemand Sie hier sieht?"

Ein sarkastisches Grinsen legt sich über sein zerfurchtes Gesicht. „Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Ich habe noch ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen."

Mein Herz klopft wie wild.

„Ein Hühnchen?", frage ich verunsichert. „Was soll das heißen?"

Snape geht nicht darauf ein. Er löst sich langsam von der Tür los und richtet sich zu seiner vollen Größe auf. Im nächsten Moment verschränkt er die Hände hinter dem Rücken und schwebt mit dem Rücken zu mir gewandt zum Fenster hinüber.

„Was für ein herrlicher Morgen, finden Sie nicht?", beginnt er seelenruhig.

Ich muss schlucken.

„Ach ja?"

Ein amüsiertes Schnauben entfährt ihm, dann dreht er sich um und sieht mich knallhart an.

„Dafür, dass Sie gestern so freizügig waren, sind Sie heute sehr zurückhaltend, Granger. Das muss ich Ihnen lassen."

Ich beiße mir schmerzhaft auf die Lippe.

„Woher hätte ich denn wissen sollen, dass Sie ausgerechnet in meinem Schlafsaal aufkreuzen, Professor?"

Er verzieht die Mundwinkel.

„Überraschung, Granger. Gefällt Ihnen das?"

Langsam aber sicher macht er mir mit diesem Gehabe Angst.

„Und?", frage ich vorsichtig. „Was haben Sie vor?"

Snape nimmt die Hände hervor und streckt seine langen dünnen Finger ähnlich den Krallen einer Katze.

„Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was ich in Ihrem Fall tun soll", gesteht er ernst.

Das glaube ich ihm aufs Wort. Mir selbst ist unbegreiflich, wie es nur dazu kommen konnte.

„Da jedoch Wochenende ist, haben wir jede Menge Zeit, uns damit auseinanderzusetzen."

Ich glaube, mir wird schlecht.

Um mein Unwohlsein zu übertünchen, setze ich ein dünnes Lächeln auf.

„Sie könnten mir dabei behilflich sein, es wieder gut zu machen. Es tut mir aufrichtig leid, was ich getan habe, Professor."

Für einen Augenblick mustert er mich wortlos, ehe er sich in Bewegung setzt und vor meinem Bett zum Stehen kommt. Mit funkelnden schwarzen Augen blickt er auf mich hinab, während ich beschämt ein Stück nach unten rutsche, in die sichere Obhut meines Bettzeugs hinein. Doch auch meine Decke kann mir nicht helfen, mich vor ihm und der in seinem Inneren verborgenen Wut zu verstecken. Und so luge ich planlos zu ihm hoch und harre dem aus, was er zu sagen hat, denn dass er noch nicht mit mir fertig ist, ist offensichtlich.

„Hmm. Ist das so einfach für Sie, Granger? Sie sagen mir, dass es Ihnen leid tun und alles ist vergeben und vergessen?"

Ehe ich darauf antworten kann, macht er einen Satz nach vorn und beugt sich zu mir hinab, sodass er mit seinen Händen zu beiden Seiten meines Kopfes über mir kauert. Seine langen Strähnen hängen mir ins Gesicht.

„Haben Sie es sich so vorgestellt? Antworten Sie!"

Durch die plötzliche Nähe zu ihm ringe ich nach Luft.

„Nein", bringe ich mit brennenden Augen hervor.

Snape starrt mich so finster an wie noch nie zuvor. Vermutlich hat auch er eine Weile gebraucht, um zu begreifen, was ich getan habe, denn so wie er im Vergleich zu gestern reagiert, ist ihm ein absoluter Sinneswandel unterlaufen. Seine Brust mit all den Knöpfen darauf hebt und senkt sich jedenfalls rapide.

„Und warum", spuckt er unfreundlich, „erzählen Sie mir, Granger, warum es das für mich sein sollte! Sie wissen offenbar gar nicht, in was für eine Lage Sie mich gebracht haben!"

Obwohl er mir vermutlich nicht glauben wird, weiß ich das genau. Deshalb regt sich ja auch mein schlechtes Gewissen.

Hilflos sehe ich zu ihm auf und bin so verunsichert, dass ich keine Ahnung habe, was ich ihm darauf antworten soll. Snape aber fletscht ungerührt seine gelblichen Zähne.

„Ich würde Sie nur liebend gern dafür hinauswerfen!"

„Das weiß ich", sage ich in einem erstickten Flüstern. Seine aufgewühlte und zugleich befremdliche Erscheinung besagt es eindeutig.

„Ach ja? Leider sind mir jedoch die Hände gebunden. Unser werter Schulleiter wird Sie nicht gehen lassen, da er offenbar andere Pläne mit Ihnen hat."

Ich muss schlucken. Hat er mich am Ende etwa an Dumbledore verraten?

„Pläne? Wovon reden Sie?"

Er schnaubt mich an. Dann richtet er sich auf und schiebt seine Finger durch die Haare.

„Das erraten Sie nie."

Verwundert blinzle ich ihn an.

„Es tut mir wirklich leid, Professor. Ich hätte das nicht tun sollen."

Ein zutiefst gequälter Ausdruck legt sich über sein zerfurchtes Gesicht, der mir einen eigentümlichen Stich versetzt.

„Nein, hätten Sie nicht", sagt er leise.

Dass seine Stimme dabei so gebrochen klingt, macht es nicht gerade leichter für mich.

„Sie haben mich gedemütigt, Granger. Und das gefällt mir ganz und gar nicht. Vor allem, weil ich keine Wahl habe, als mich dem Wort meines Vorgesetzten zu beugen."

Bedröppelt nicke ich. Was er sagt, verletzt mich auf eine unangenehme Weise zutiefst. Aber es ist die Wahrheit. Trotz allem würde ich nur zu gerne wissen, was es mit Dumbledore auf sich hat. Warum sollte er nicht wollen, dass ich Hogwarts verlasse? Und warum ist Snape gezwungen, sich ihm unterzuordnen?

Als hätte er meine Gedanken erraten, sieht er mich zwischen seinen Strähnen hindurch an. „Dank Ihrer Freundschaft zu Mr. Potter sind Sie unentbehrlich. Ist das nicht eine seltsame Ironie?"

„Ich ... ähm ... ich denke nicht, dass ich Ihnen folgen kann, Professor", stammle ich unbeholfen.

Seine Nasenflügel beben. „Natürlich nicht. Das wäre zu viel verlangt. Doch wie es aussieht, habe ich weiterhin das unerschöpfliche Vergnügen, mich mit Ihrer Gegenwart abzugeben, Miss Granger. Ich weiß, dass ist genau das, was Sie wollten. Ich für meinen Teil kann nicht sagen, dass ich sonderlich erfreut darüber bin."

Enttäuscht sehe ich ihn an. Snape hingegen dreht abwertend den Kopf zur Seite und schließt die Augen.

Der schmerzhafte Anblick meines zutiefst gekränkten Professors, der sonst nicht davor zurückscheut, andere auflaufen zu lassen, lässt mich nicht länger kalt. Vorsichtig setze ich mich auf und wickle mich in meine Decke ein. Dann strecke ich die Hand nach ihm aus und lege sie auf seinen Arm.

Sofort sieht er mich mit geweiteten Pupillen an und macht einen Satz zurück, als hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Sie müssen mir glauben", sage ich ernst. „Ich wollte das alles nicht. Es ist einfach ..."

Passiert?", knurrt er mich mit eng aufeinander liegenden Kiefern an. „Sagen Sie mir nicht so etwas. Verschonen Sie mich mit Ihren Entschuldigungen, Granger. Danach ist mir im Moment keinesfalls zumute."

Ich senke den Blick auf seine unruhig bebende Brust.

„Was wollen Sie dann von mir hören?"

Niedergeschlagen schüttelt er den Kopf.

Als ich ihn in der sich daraufhin ausbreitenden Stille ansehe, ist sein Gesicht von etlichen Haarsträhnen gesäumt. Die Unsicherheit ist ihm auf den Leib geschrieben. Seine ganze Haltung deutet auf Fluchtbereitschaft hin.

„Wollen Sie sich – wollen Sie sich zu mir setzen?", frage ich nervös. „Ich versprechen Ihnen, dass ich nichts tun werde."

Snape reißt alarmiert die Augen auf.

Oh. Das ging wohl nach hinten los.

„Ehrlich. Ich habe nicht vor, so etwas noch einmal zu tun, Professor."

Ein leises Schnauben entfährt ihm. Dann wendet er den Blick ab und starrt zum Fenster hinaus.

„Was kann ich tun, damit Sie mir verzeihen?", versuche ich es erneut.

Kaum merklich schüttelt er den Kopf. „Lassen Sie das, Granger. Nichts was Sie tun, könnte etwas daran ändern. Verstehen Sie?"

Plötzlich sieht er mich wieder an. Der Schmerz in seinen Augen lässt mich schaudern. Zugleich wird mir bewusst, dass das, was ich angerichtet habe, weitaus schlimmer für ihn sein muss, als bisher angenommen. Wie konnte ich nur davon ausgehen, ihn zu verstehen? Immerhin ist er mein Professor.

„Ich dachte, Sie wollten mich ignorieren", erkläre ich leise, als ich mir noch einmal ins Bewusstsein rufe, was passiert ist, obwohl es irrsinnig ist, das zu rechtfertigen.

Sein Mundwinkel zuckt, seine Augen werden zu Schlitzen.

„Was Ihnen noch lange nicht das Recht gibt, sich meiner zu bemächtigen."

„Da stimme ich mit Ihnen überein."

Es wird still zwischen uns. Snape sieht mich nicht mehr an. Er steht einfach nur steif wie ein Brett vor mir und meidet meinen Blick.

Warum ist er überhaupt hier, wenn auch er nicht weiter weiß? Warum ist er zu mir gekommen?

„Professor?", frage ich vorsichtig.

Er schielt wortlos aus den Augenwinkeln zu mir hinunter.

„Warum sind Sie hier? Ich meine, warum … ja, warum sind Sie hier?"

Langsam nimmt er die Hände und lässt sie in den Hosentaschen verschwinden.

„Ich weiß es nicht, Granger." Er schluckt und fixiert mich schlagartig mit seinen schwarzen Augen, in denen etwas zutiefst Verlorenes liegt. „Sind Sie jetzt zufrieden?"

Entrüstet schüttle ich den Kopf. „Keinesfalls."

Ein eigenartiges Grinsen huscht über seine dünnen Lippen.

„Das dachte ich mir. Glückwunsch, Granger, Sie haben gewonnen."

„Was?"

„Sie haben es erfolgreich geschafft, sich zu nehmen, was Sie wollten. Und ich kann nichts tun, um Sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen, weil Sie unter dem ausdrücklichen Schutz von Albus Dumbledore stehen."

Sprachlos sehe ich zu ihm auf. „Das – das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein!"

„Keineswegs. Er selbst hat mir nahe gelegt, mit Ihnen zu reden, um die Angelegenheit zu bereinigen."

„Sie haben mit ihm darüber gesprochen?"

„Keine Angst. Er kennt nicht die Details. Doch als ich Sie von meinem Unterricht ausschließen wollte, hat er mich sehr eigenartig angesehen. Albus kann in gewissen Dingen unangenehm beharrlich werden."

Ich kann es nicht fassen! Dieser Idiot hat mich doch tatsächlich verraten!

„Wissen Sie, was das Beste an der ganzen Sache ist?", fährt er mit gespielter Unschuld fort.

Mit offenem Mund schüttle ich den Kopf. Ob ich das überhaupt erfahren will, ist fraglich.

„Er hat mir nahegelegt, Sie nicht zu provozieren. Immerhin bilden Sie einen Teil des berühmten Trios. Und Potter wird weiterhin auf Ihre Freundschaftsdienste angewiesen sein. Seien Sie also unbesorgt, Granger, so gern ich mich auch an Ihnen rächen würde, es wurde mir strikt untersagt, womit Sie außen vor sind."

Mein Gott! Er muss mich richtig dafür hassen.

Ich hole Luft. "Professor, es war nie meine Absicht, Sie in Schwierigkeiten zu bringen."

Die Falte zwischen seinen markanten Brauen bebt, als er mich ansieht.

"Dafür haben Sie sich aber gewaltig ins Zeug gelegt, es doch zu tun."

Beschämt beiße ich mir auf die Lippe. Wie Recht er damit hat! Unweigerlich spüre ich Tränen in mir aufsteigen.

"Ich möchte nicht, dass Sie mich dafür hassen. Es war einfach dumm von mir, zu glauben, wir könnten uns aufeinander zubewegen."

"Ja, das war es", bestätigt er ohne Umschweife, was mir einen schmerzlichen Stich versetzt. "Ein Wir wird es nicht geben, Granger. Dafür sind die Voraussetzungen zu paradox. Ihr Charakter unterscheidet sich zu sehr von meinem ..."

"Das weiß ich", murmle ich kläglich.

"Gut. Sie hatten kein Recht, sich mir aufzudrängen. Ich bin nach wie vor Ihr Lehrer. Und Sie wissen, was das bedeutet. Jeglicher unangemessene Kontakt, sei es körperlich oder emotional, ist uns verboten. Außerdem ist dafür kein Platz in meinem Leben." Eine kurze Pause tritt ein. Dann senkt er die Stimme. "Ich kann Ihnen nicht geben, wonach Sie suchen."

Seine Worte klingen aufrichtig, aber auch streng, ganz nach dem Professor, den er mit Nachdruck verkörpern möchte, um mich zur Vernunft zu bringen. Ich für meinen Teil kann jedenfalls kein Bedauern darin wahrnehmen, obwohl es ihm durchaus möglich wäre, es vor mir zu verbergen.

Kaum hat er ausgesprochen, laufen schier unzählige Tränen über meine Wangen. Obwohl eindeutig ist, was er damit zum Ausdruck bringen will, kann ich nicht anders, als nach einem Hoffnungsschimmer zwischen seinen Worten zu suchen, die meine seltsamen Gefühle in Bezug auf ihn verletzt haben. Natürlich möchte er mich auf Abstand zu sich bringen, daran gibt es keine Zweifel. Für mich aber bedeutet es obgleich meiner Traurigkeit vor allem eins: Snape ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wenn ich je geglaubt habe, dass dem nicht so ist, weiß ich spätestens jetzt, dass ich mich in ihm getäuscht habe.

Etliche Minuten vergehen, in denen keiner von uns mehr eine nennenswerte Reaktion von sich gibt. Snape hat den Blick wieder aus dem Fenster gerichtet. Warum ist er überhaupt noch hier? Vielleicht fühlt er sich ebenso hilflos wie gestern, ungeübt in derartigen Begegnungen.

Stillschweigend beobachte ich ihn. Er scheint mir zu sehr in seine Gedanken versunken zu sein, als dass er es bemerken würde. Sicher sein kann ich dabei aber nicht. So oder so spielt es ohnehin kaum eine Rolle, weil auch ich nicht weiter weiß.

Erst als ich die Nase hochziehe, hebt er den Kopf und sieht mich mit seinen unsagbar durchdringenden Augen an.

"Es ist vermutlich der falsche Zeitpunkt, Ihnen zu sagen, dass ich Ihre Fähigkeit, sich vor anderen zu verschließen, immer bewundert habe, Professor. Ich wünschte, ich hätte dasselbe Talent dazu, dann wäre es nie soweit gekommen."

Er räuspert sich leise. "Was auch immer Sie damit bezwecken wollen, ich muss Sie bitten, zukünftig davon Abstand zu nehmen, mir derlei Dinge mitzuteilen, Miss Granger. Ich kann nicht zulassen, dass sich so etwas wie das von gestern noch einmal wiederholt. Alles andere würde meine Verantwortung Ihnen gegenüber bedenklich infrage stellen."

Ziemlich belämmert wische ich mir mit dem Handrücken die Tränen beiseite. Irgendwie werde ich nicht schlau aus seinem Verhalten.

"Warum sind Sie dann noch hier, Sir, wenn meine Gesellschaft so unangenehm für Sie ist? Sie müssen mich wirklich hassen, nicht wahr? Sonst würden Sie mich nicht auf so absonderliche Art und Weise mit ihrer Anwesenheit quälen, obwohl es zwecklos für mich ist, mir Hoffnungen zu machen, Sie könnten auch nur irgendetwas für mich empfinden."

Er blinzelt mich an und erneut gibt er mir damit zu erkennen, wie verunsichert er in seinem Inneren ist.

"Ich habe nicht gesagt, dass ich mich von Ihnen abwenden möchte, Granger. Wenn ich Ihnen einen Grund gegeben habe, warum es besser ist, voneinander Abstand zu nehmen, dann geschah das zum Schutz Ihretwegen und auch meinetwegen. Sie sind noch sehr jung. Versuchen Sie dennoch, das zu verstehen."

Jetzt bin ich endgültig verwirrt. Fragend klappe ich den Mund auf und mache ihn wieder zu. Snape fährt sich zwischenzeitlich mit den Fingern durch die Haare. Dann reckt er steif seinen Oberkörper empor und nickt mir zu.

"Guten Tag, Miss Granger."

Völlig perplex starre ich auf seine Gestalt, bis er an Ort und Stelle disappariert ist.