4. Sondierung der Lage
Jasper lässt die Angelegenheit keine Ruhe und da er an jenem Tag nur mit Mühe die Situation beeinflussen konnte, ist er jetzt umso mehr bestrebt, nichts mehr dem Zufall zu überlassen.
Alice wusste, dass ich eine Entscheidung getroffen und durchaus vorhatte, mit ihr darüber zu sprechen, doch unter vier Augen und vor allem nicht jetzt.
Zuvor wollte ich Carlisle einweihen, also gab ich Alice zu verstehen, sie möchte einen Ort finden, wo sie und ich später unter uns sein würden. Dass ich Carlisle in sein Arbeitszimmer begleitete, schien niemand besonders ungewöhnlich zu finden.
„Ich nehme an, dass Du bereits Strategien entwickelst, Jasper, um die Lage zu entschärfen?", lächelte Carlisle, wohl wissend, dass ich nicht sofort in das Geschehen eingreifen würde.
Er war in vielerlei Hinsicht der erfahrenere Mann. Ein weitsichtiger Charakter und ich sah ihn manchmal wie einen vorgesetzten Offizier an. Ohne seine Zustimmung eigenmächtig vorzugehen, würde mir nicht in den Sinn kommen.
„Edward wird zurück kommen und wenn er das tut, sollte er keinen Anlass vorfinden, der ihn noch einmal so aus der Fassung bringt", begann ich. „Ich möchte die nächsten Tage zu Beobachtung nutzen, um zu sehen wie Miss Swan sich nach dem Ereignis verhält. Nach allem, was ich mitbekommen habe, müssen wir davon ausgehen, dass Edward ihr Angst eingejagt hat.
Es hat schon Leute gegeben, die sich wegen solcher =Konflikte= an Vertrauenslehrer gewandt haben. Wenn man sich vorstellt, dass Edward zu einem Gespräch in ein kleines Dienstzimmer gebeten wird, das Mädchen womöglich unmittelbar neben ihm sitzt, kann ich für nichts garantieren. Je eher sie die Schule verlässt, umso besser."
Carlisles Missbilligung unterbrach mich. Seine Lippen wurden schmal: „Ein Worst Case Szenario als Ausgangspunkt? Jasper, vorhin hast Du noch bekräftigt, Du hättest Zutrauen in Edwards Fähigkeit sich zu beherrschen und nun übernimmt Dein Fatalismus grade das Heft. Hältst Du das für klug?"
Ich war getroffen. Wenn ein anderer mich als Fatalist bezeichnet hätte, wäre es mir ein Leichtes gewesen, meine Erfahrungen als Soldat dagegen gehalten, wie leichtsinnig es sei, nicht alle Eventualitäten in die Überlegungen mit einzubeziehen.
Carlisle war bei den Volturi gewesen. Carlisle war über 200 Jahre älter als ich…und er kannte mich seit sechzig Jahren. Ich senkte den Kopf.
„Schau, Jasper, noch wissen wir nicht, ob diese Konfrontation weitreichendere Folgen haben wird. Edward war heute früh beinah so durstig wie du, ein Umstand, der hätte vermieden werden können, nebenbei bemerkt. Womit ich sagen will, dass es allein bei uns liegt, mit Besonnenheit die Situation zu beruhigen."
Er hatte Recht. Seine Vorwürfe waren berechtigt und es bestand im Grunde vorerst keine Notwendigkeit zu offensiveren Maßnahmen zu greifen. Carlisle verstand darunter tatsächlich auch per Suggestion jemanden zu nötigen, binnen weniger Stunden Hals über Kopf die Stadt zu verlassen.
Doch war da etwas, das Edwards Verhalten nicht bloß ausgelöst, sondern fast zur Eskalation gebracht hatte. Ich konnte nicht anders, etwas nagte an mir und es musste mit dem Swan Mädchen zu tun haben. Das beunruhigte mich. Ich wollte nicht nur erwägen, was passierte, wenn sie blieb, sondern was geschehen war, weil sie auf der Bildfläche erschien.
„Gestatte mir, dass ich sie in den nächsten Tagen einfach beobachte. Was sie tut und mit wem sie spricht?"
Carlisle nickte: „Vernünftig, gut Jasper. Da Edward einige Zeit fort sein wird, können wir so entsprechend die Lage neu beurteilen. Ich euch allen nicht zumuten erneut den Wohnort zu wechseln, wenn es vermeidbar ist."
Ich nickte kurz und sprang aus dem Fenster und rannte los.
Wenn nötig, würde ich nur vorsichtig einwirken, dass der Sache nicht allzu große Bedeutung beigemessen wird wie 1976 in Idaho, das hatte wunderbar funktioniert, erinnerte ich mich.
Nun ja, wie man es nimmt.
Rosalie seufzte als sie das erste Mal den Parkplatz der Schule betrat und einen auffallenden Wagen entdeckte:
Ein Stingray Coupé, knallblaue Metalliclackierung.
Die Fahrerin Iris begeisterte Rose weniger.
Das törichte Mädchen interessierte sich bald ein wenig zu aufdringlich für Emmett, der fand das auch noch niedlich. Allzu oft genug waren Edward oder ich eher Objekte für Backfischphantasien, die uns eher lästig geworden waren. Nun durfte sich Emmett ein wenig geschmeichelt fühlen.
Wir anderen fanden es fast schon unterhaltsam, dass ein blutjunger Teenager auch nur den Versuch machte, an Rosalie vorbei zu kommen, Esme eingeschlossen. Ich =sorgte= also dafür, dass aus dem leichtsinnigen Fräulein kein blutleerer Teenager wurde, indem sie ihr Interesse dem Captain des Baseball Teams zuwandte.
Rosalie war kurz davor, die Bremsschläuche der Corvette, mit ihren Fingernägeln zu durchtrennen.
Iris hatte urplötzlich vergessen, was man hie und da tuschelte und mir bedauerlicherweise entgangen war.
Der pfiffige und charmante Bursche machte sich leider nichts aus Mädchen. Das arme Ding.
Rosalie war hochzufrieden und belohnte mich wochenlang mit bester Laune und strahlendem Lächeln. Emmett musste etwas länger auf ihre Gunst warten.
Man konnte es Rose nicht verübeln, dass sie so überreagierte. Sie tat es nicht aus Eitelkeit, es tat ihr weh. Hatte sie zuweilen tatsächlich ein schlechtes Gewissen, dass Emmett auf ewig an sie gebunden war, nur weil sie Carlisle darum angefleht hatte? Feststand, dass sie Emmett liebte. Sie war eine wunderschöne Frau, das aber hatte ihr nur Leid als Mensch gebracht. Stattdessen wünschte sie sich, um ihrer selbst Willen geliebt zu werden. Emmett tat das und nur ihre Selbstzweifel machten sie so aufbrausend.
Es war keiner gestorben oder hatte bleibenden Schaden genommen. Auf diese Methode würde ich mich also verlegen und eine elegantere Lösung finden.
Ich folgte der zart duftenden Fährte, die Alice wie ein Parfum hinter sich her zog. Vor einer schlanken Sitka-Fichte bremste ich ab und schaute nach oben. Dort in etwa 20 Metern Höhe saß Alice auf einem Ast und blickte in die Ferne.
„Vielleicht keine schlecht Idee, was Du vorhast", sagte sie nachdenklich ohne nach unten zu schauen.
Ich ging leicht in die Knie und war mit einem Sprung bei ihr. „Was missfällt Dir daran?"
„Nichts, aber, wenn ich eines verstanden habe in der all' der Zeit, dann dass nicht nur bewusste Entscheidungen unsere Wege beeinflussen, sondern außerdem Begegnungen und Begleitumstände. Das Schicksal, wenn Du so willst."
„Alice, mein Schatz, ich weiß Du ziehst keine Tarotkarten zu Rate oder womöglich eine Kristallkugel, aber so manchmal." Sie legte mir einen Finger auf die Lippen und ich spürte, wie ernst es ihr war: „Jasper, ich weiß nicht, ob es etwas zu steuern gibt oder Isabella Swan ein Problem für uns werden könnte. Ich bin nicht mehr sicher, ob nicht…", wieder glitt ihr Blick in die Ferne. Irgendwas hatte sie gesehen, vielleicht auch nur für einen kurzen Moment.
