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London, den 27. Oktober
Professor Snape,
es freut mich fast zu lesen, wie viel Freude Ihnen das Unterrichten noch immer bereitet.
Da Neville meines Wissens keine weiteren derzeit schulpflichtigen Verwandten hat, können Sie jedoch in dieser Hinsicht relativ sicher sein – zumindest so lange, bis seine süßen Zwillinge das schulpflichtige Alter erreicht haben.
Beim Lesen Ihrer provozierenden Zeilen könnte ich beinahe zu dem Schluss gelangen, Ihnen fehlte etwas, seitdem der Krieg vorbei ist. Seit wann sprechen Sie denn überhaupt mit Ihren Kollegen? Und was ist so besonders daran, dass Slytherin gewonnen hat? Wenn die derzeitigen Schüler Ihres Hauses ähnliche Auffassungen von sportlichen und fairen Wettkämpfen haben wie Malfoy und Anhang, ist es doch nicht verwunderlich?
Und noch weniger ist es das, da Sie noch immer der Hauslehrer eben dieser Slytherins sind.
Aber, wissen Sie, Professor, mich beschäftigen im Augenblick tatsächlich größere Sorgen als Ihr unausgeglichenes Dasein.
Und vergessen Sie nicht, dass Sie an mich herangetreten sind, und das mit inzwischen zwei Buchbestellungen, die, wie Sie selbst wissen, nicht eben an jeder Ecke zu haben sind.
Ich bin noch lange nicht an meine Grenzen gestoßen, Professor Snape; Sie hätten es wohl gern, wenn das nervige Mädchen von damals beim ersten Auftreten von Schwierigkeiten die Bettdecke über den Kopf zieht? Sie wissen überhaupt nichts, Herr Professor, also verbitte ich mir Ihre Anmaßungen.
Nennen Sie mir nur einen vernünftigen Grund, weshalb ich Ihren Bitten noch nachkommen sollte, nachdem Sie mich und indirekt Horatio dermaßen niedermachen.
Denken Sie daran, dass ich eine Ihrer besten Schülerinnen war; vielleicht bringen Sie mir ja doch irgendwann einmal etwas Respekt entgegen, wenn Ihr erkrankter Charakter eine solche Gefühlsregung überhaupt noch zulässt.
Aber neben Ihren Gefühlsregungen scheint auch Ihr Gedächtnis ein wenig eingerostet zu sein; Horatio war zwar tatsächlich ein Hufflepuff, aber das ist auch schon so ziemlich das einzige, was an Ihrer überaus freundlichen Darstellung von ihm noch zutreffend ist.
Ich denke nicht, dass ich seine äußere Erscheinung vor Ihnen – und schon gar nicht vor Ihnen – rechtfertigen muss; seien Sie nur gewiss, dass er keinerlei Sehhilfe benötigt und in keiner Weise dem ähnelt, was Ihre Erinnerung daraus gemacht hat. Sie klingen fast so wie Harry, als ich ihm das erste Mal Horatio vorgestellt habe.
Bei Harry war es jedoch die Eifersucht, da ich die meiste Zeit des Tages nunmehr – wenn auch rein geschäftlich – mit einem durchaus gutaussehenden, jungen Mann verbringe. Aber das kann es bei Ihnen ja wohl nicht sein, nicht wahr?
Die Süßigkeiten meines Partners lagen aus einem einzigen Grund offen; er hatte diese für seine vierjährige Nichte besorgt, die sich ein paar Tage in unseren Ladenräumen die Zeit vertreiben musste, während die Eltern der Kleinen, beide Innenarchitekten, uns bei der Neugestaltung unserer Räume behilflich waren.
Nur falls Sie sich tatsächlich dafür interessieren sollten: In unsere Räume ist vor einigen Tagen eingebrochen worden, und wir haben die entstandene Verwüstung in positivem Sinne dazu genutzt, alles neu zu gestalten.
So kann ich nunmehr in einem durch mehrere Zauber besonders geschützten Raum meinen Forschungen nachgehen, die ich betreibe, sofern ich mich nicht „auf der Jagd" nach sehr seltenen Büchern für meine Kunden befinde.
Dennoch ist bei diesem Einbruch fast das gesamte Mobiliar zu Bruch gegangen, und die gestohlenen Gegenstände mussten natürlich auch, so weit möglich, ersetzt werden.
Phoebe wird mich daher in nächster Zukunft immer hier antreffen, da ich vor lauter Arbeit kaum noch Zeit haben werde, mein eigentliches neues Zuhause an der schottischen Küste aufzusuchen.
Aber weshalb erzähle ich Ihnen das?
So schwer Sie die nun folgende Nachricht auch treffen mag: Wenn Sie Ihrer armen Eule, der ich die Schnabelklammer selbstverständlich sofort entfernt habe, einen Gefallen tun wollen (wollen Sie das, Professor?), schreiben Sie mir einfach weiter Briefe. Ihre Freundin Hedwig, die Eule von Harry Potter persönlich, ist derzeit bei mir untergebracht, da dieser in einer Auroren-Mission unterwegs ist. So könnte wenigstens Ihre arme kleine Eule glücklich sein.
Bevor ich mich nun in Vorträgen über angemessenes Verhalten gegenüber Eulen, Hauselfen und anderen Lebewesen ergehe, bei denen Ihnen meine Stimme vermutlich schon im Kopf herumschwirrt, komme ich lieber wieder aufs Geschäftliche zurück.
Aufgrund eines guten Kontaktes nach Osteuropa, den ich bereits seit der Schulzeit pflege, ist mir zu Ohren gekommen, dass ein Exemplar des Codex Lupus in Rumänien aufgetaucht sein soll. Da ich mich derzeit nicht selbst dorthin begeben kann, hat sich mein Kontakt bereit erklärt, dort weiterzusuchen. Ich hoffe, dass wir noch rechtzeitig fündig werden, um etwas Besseres als den Wolfsbanntrank fertig stellen zu können. Denn darum geht es Ihnen doch, nicht wahr?
Hinsichtlich Ihrer Kopfschmerzen und des dazugehörigen Trankes verhandele ich derzeit mit einem privaten Sammler, der sich im Moment jedoch leider nicht erinnern kann oder will, wem er sein Compendium vor Jahren vermacht hat. Aber ich werde schon noch dahinter kommen; bis es soweit ist, liegt diesem Brief eine Probe des japanischen Tempelbaum-Extraktes bei, das von mir ein wenig verändert worden ist.
Wagen Sie es, Professor Snape?
Untersuchen Sie es ruhig; Sie werden nach der Einnahme nicht sterben. Sie werden nur weniger bis gar keine Kopfschmerzen haben.
Nicht, dass Sie denken, ich hätte tatsächlich Mitleid für Sie entwickelt; ich mache mir mehr Sorgen um die Schüler, die unter Ihnen und Ihren Launen zu leiden haben.
Hermine Granger
