Kapitel 4


"Vorsichtig, Drew! Vorsichtig! Helfen sie mir, nehmen sie seine Beine. Okay, bringen wir ihn rüber. Vorsichtig!"

Der Neuankömmling war Sanderson direkt in die Arme gefallen, ohne daß er nun genau hätte sagen können, wer da zu ihnen hereingestürzt war. Das Gesicht des Mannes war blutig und verschwollen, dennoch hatte es eine gewisse Ähnlichkeit mit - Sanderson's Herz setzte einen Schlag aus. Konnte es sein...

"Hicks?"

"Oh man!" Finlay verzog das Gesicht. "Den hat's aber übel erwischt. Himmel!" Sie keuchten, als sie sich zu zweit mit dem Gewicht abmühten, schließlich hatten sie ihn auf der Bahre. Sanderson starrte auf den linken Oberarm seines neuen Patienten, schüttelte fassungslos den Kopf.

"Oh verdammt, es ist Hicks! Schnell, bringen wir ihn zum Catscan und checken ihn auf innere Verletzungen durch."

Sie schoben ihn in den angrenzenden Raum direkt unter einen röntgenähnlichen Apparat. Während Finlay sich an den Kontrollen zu schaffen machte, nahm Sanderson eine der Sauerstoffmasken auf und hielt sie Hicks vors Gesicht - vorsichtig, denn das Nasenbein war offensichtlich gebrochen.

"Okay, kommen sie schon, Hicks. Ich weiß, daß sie 'ne Menge schlucken können. Kommen sie!" Ein kaum hörbares Stöhnen war sein Lohn, dann ein kurzes Hin- und Herwenden des Kopfes. "Gut so, gut so. Sie packen das schon, Hicks. Hören sie mich? Können sie mich hören?"

Hicks' Augenlider flatterten, einen Moment lang blickte er aus blutroten, tränenden Augen zu Sanderson auf, ohne den Arzt zu sehen, bevor er sie mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zukniff. Sanderson nickte wie zur Bestätigung und nahm die Maske weg.

"Okay, Reizgas. Eine schöne Sauerei. Auf die Story bin ich jetzt schon gespannt. Aber jetzt bleiben sie so ruhig wie möglich liegen, während wir uns den Schaden auf dem Catscan betrachten, okay?" Er drückte aufmunternd die Hand seines Patienten und trat dann mit drei langen Schritten zu seiner Assistentin hinüber. "Schön, Drew. Dann lassen sie uns mal sehen, womit wir es zu tun haben. Den Kopf bitte zuerst." Angestrengt musterte er den Bildschirm, auf dem ein unregelmäßiges schwarzweißes Muster erschien. "Eine höhere Auflösung bitte." Er kniff die Augen zusammen. "Diverse Hämatome, aber kein Schädelbruch. Sieht nach 'ner stärkeren Gehirnerschütterung aus. Da kann er von Glück reden. Okay, weiter."

Einige weitere Minuten höchster Konzentration, dann richtete sich Sanderson auf.

"Nun, bis auf's Nasenbein ist nichts weiter gebrochen. Einige böse Prellungen und Quetschungen, damit hat sich's. Da hat unser Freund aber wirklich ein ganzes Heer von Schutzengeln gehabt, wie es scheint. " Er betastete vorsichtig die stark angeschwollene Schulter. "Der Arm ist allerdings ausgekugelt. Bevor ich ihn wieder einrenke, sollten wir uns aber erstmal um die Platzwunde kümmern. Ach, und Drew? Machen sie eine Spülung fertig, er hat eine reichliche Dosis Reizgas abbekommen."

"Schon dabei." Sie eilte an ihm vorbei. Sanderson blickte kurz auf. Das liebte er so an ihr. Sie kannte keine Hektik, kein Chaos. Sie erledigte ihren Job mit der größtmöglichen Effizienz in einem bewundernswerten Tempo, ohne dabei auch nur eine Sache zu übersehen oder den Überblick zu verlieren. Der Begriff "Hysterie" schien ihr ein Fremdwort zu sein.

"Doc?"

Verdammt, das war Hicks' Stimme, auch wenn sie rauh und gequält klang, als habe er Mühe, die Worte überhaupt durch seine Kehle zu bekommen. Er blickte auf seinen Patienten hinab.

"Ich bin direkt hier, Hicks. Sie sind in guten Händen."

"Wie sieht's aus?"

"Na ja," schilderte Sanderson wahrheitsgemäß. "Sie sehen schrecklich aus. Allerdings können wir sie wieder hinflicken. Nichts Ernsthaftes. Trotzdem werden sie wohl noch eine ganze Weile ihre Freude daran haben. Verraten sie mir, was passiert ist?"

Hicks dachte darüber nach. Es war nicht ganz einfach angesichts des höllischen Pochens in seinem Kopf, aber vor wenigen Augenblicken war ihm ein wichtiger Gedanke gekommen. Er hatte zunächst versucht, ihn beiseite zu schieben, doch erfolglos. Sanderson wollte wissen, was passiert war. Konnte er es ihm sagen? Sollte er es ihm sagen? Er kannte den Arzt fast so lange, wie er bei den Marines war. Er vertraute ihm. Er hatte ihm in der Vergangenheit Dinge erzählt, die er niemandem sonst weitererzählen würde. Etwa über die beständig wiederkehrenden Alpträume. Bei Sanderson war ein Geheimnis noch ein Geheimnis. Er konnte nicht Mitglied des Komplotts sein. Der Punkt war, daß er Sanderson brauchte. Unerwartet hatte sich ihm eine Möglichkeit eröffnet, wie er Ripley vielleicht eine Warnung zukommen lassen konnte. Sicher rechneten seine Gegner nicht damit, daß er bereits lange vor dem Morgen hier angekommen war, darüber hinaus in relativ klarem Zustand. Sicher wurde diese Leitung nicht abgehört. Oder doch? Weshalb sollten sie? Sanderson war kein Geheimnisträger. Nicht, soweit Hicks wußte. Keine Veranlassung, die Gespräche eines einfaches Arztes zu überwachen. Konnte er sich so sehr täuschen? Er durfte sich nicht täuschen, dies war womöglich seine einzige Chance. Wenn er sich irrte, würden seine Verwandten, Ripley und Newt sterben. Er wartete noch einige Sekunden ab, während ihn die Gedanken bestürmten und allmählich ein Plan Gestalt anzunehmen begann. Der Weg lag klar vor ihm. Er hob den Kopf.

"Doc? Ich brauche ihre Hilfe."

Sanderson drehte sich überrascht um angesichts der Entschlossenheit in Hicks' Stimme - auch wenn er immer noch kaum mehr als flüstern konnte.

"Hey, sie wissen doch, daß sie die jederzeit haben können. Aber ich schlage vor, wir geben ihnen erstmal ihr Augenlicht wieder, okay? Dann können sie mich immer noch einweihen. Hier-" Er drückte ihm ein Packen Zellstoff in die Linke. " Pressen sie das solange gegen ihre Stirn, sie bluten mir ja die ganze Bahre voll. Oh, danke."

Er nahm von Finlay die Spülung entgegen und beugte sich vor. "So. Ich werde ihnen jetzt diesen komischen Apparat hier auf die Augen setzen, und sie tun mir bitte den Gefallen und blinzeln uns an, okay?"

"Blinzeln?"

"Ja, genau. Flirten sie mit uns. Finlay hier ist immer sehr dankbar, wenn irgendein männliches Geschöpf außer ihrer Krücke von Ehemann sie beachtet, nicht wahr, Drew?"

"Wissen sie, was sie mich können, Greg?" kam es herzhaft von Finlay zurück.

"Ich weiß. Die Einladung haben sie mir heute schon ein paarmal unterbreitet. Ich habe nur Angst, daß ihr Mann etwas davon erfährt. Okay, los geht's. Und blinzeln. Gut so." Hicks zog scharf die Luft ein.

"Keine Angst, ist gleich vorbei. Gleich wird's besser. Na, wie fühlt sich das an?" Er wartete noch eine Minute, bevor er das Gerät zurücknahm. "Und?"

"Ich weiß nicht." Hicks blinzelte in das Licht. "Ich kann immer noch nichts sehen."

" Hey, erwarten sie keine Wunder von mir, Sergeant. So schnell geht das nicht. Aber das Brennen müßte jetzt allmählich nachlassen."

Hicks verzog das Gesicht.

"Na ja..." Sanderson schüttelte mit gespielter Entrüstung den Kopf.

"Verdammt, sie sind einfach undankbar. Okay, dann erzählen sie mir jetzt, was ich für sie tun kann, während ich das Loch in ihrem Kopf abdichte, einverstanden? Drew, desinfizieren sie schon mal? Danke. "

Finlay beugte sich mit einem Packen durchtränkter Gaze über Hicks.

"Achtung, jetzt wird es gleich ein wenig brennen." Sie drückte die Gaze auf die Wunde. Hicks biß die Zähne zusammen.

"Verdammt...!"

"Schon vorbei." Sie wandte sich wieder ab und kam mit einer Hochdruckspritze zurück, rieb seine linke Armbeuge mit Alkohol ab.

"Hey, was wird das?"

"Ein Schmerzmittel. Ich dachte, wir erleichtern ihnen das Nähen und das Einrenken ein wenig."

"Werde ich davon müde?"

"Allerdings."

"Dann lassen sie's." Er zog seinen Arm weg. Finlay runzelte die Stirn und tauschte einen verwunderten Blick mit ihrem Chef. Hicks fuhr mühsam fort. "Ich muß sehen, daß ich halbwegs klar bleibe. Das fällt mir schon so schwer genug. Da sind noch einige Dinge, die ich regeln muß. " Er wandte den Kopf Sanderson zu. "Ich muß unbedingt The Bear sprechen!"

Sanderson war momentan verwirrt.

"The Bear? ... Sie meinen, Colonel Barrister? Jetzt sofort?"

"Jetzt sofort."

"Himmel, Hicks, es ist drei Uhr durch. Meinen sie nicht-"

"Es ist wichtig. Verdammt, ich würde sie nicht darum bitten, wenn es nicht brandeilig wäre. Oh Gott, Doc, sie haben gesagt, sie würden mir helfen. Wenn ich je ihre Hilfe nötig gehabt habe, dann jetzt." Er hustete. Seine Kehle war rauh wie Sandpapier. Sanderson schwieg beharrlich.

"Doc, bitte!"

Der Arzt seufzte.

"Na schön. Wenn sie sagen, es sei wichtig... ich schätze, dann ist das eher noch 'ne Untertreibung, hm?"

"Da haben sie verdammt recht." Hicks war die Erleichterung anzuhören. "Sagen sie ihm, er soll sofort herkommen, und ...äh... gibt es hier irgendwo einen Raum, in dem ich alleine mit ihm sprechen kann? Nicht, daß ich ihnen nicht traue, aber es ist besser für sie, wenn ich sie da raushalte."

"Na ja, momentan sind wir hier alleine, aber sie wissen ja, wie das in einer Notaufnahme zugeht. Es kann jederzeit jemand reinkommen oder das Chaos losbrechen."

"Könnten sie nicht kurzfristig-"

"- abschließen? Nein. Wenn ich das tue, fliege ich. Hm... ja, Drew?"

Finlay wirkte nachdenklich.

"Wie wäre es mit dem Aufwachraum? Er ist nur eine Etage tiefer und direkt von hier zugänglich. Ich könnte checken, ob er zur Zeit leer ist. Keiner wird es mitbekommen. Und die Videokameras schalten wir ab."

"Das klingt gut. Meinen sie, das wäre zu schaffen?" fragte Hicks aufgeregt.

Finlay wartete auf das zustimmende Nicken Sandersons, bevor sie antwortete.

"Ich denke schon. Warten sie, ich überprüfe es sofort. Bin gleich wieder hier."

Sie verschwand in dem am anderen Ende des Raums gelegenen Aufzug, der zur Krankenstation hinunter führte. Sanderson blickte lange nachdenklich auf Hicks hinunter und schüttelte schließlich den Kopf, als er zu den Instrumenten griff, um die Kopfwunde zu versorgen.

"Ich weiß nicht, Hicks. Sie machen mich nervös. Ich kann mich nicht erinnern, sie schon einmal so erlebt zu haben. Das ganze hört sich nach einer großen Verschwörung an. Ich meine, sie haben eben erst die Prügel ihres Lebens bezogen, nach denen die meisten wohl froh wären, erstmal für einige Stunden ins Reich der Träume zu verschwinden, aber sie, sie klammern sich wie ein Berserker an ihr Bewußtsein und berufen auf der Stelle eine Geheimkonferenz ein. Verdammt, das macht mich ehrlich nervös."

Hicks schwieg einige Augenblicke lang. Dann hob er den Kopf und öffnete die Augen, um Sanderson anzusehen, obwohl er noch immer nicht allzu viel erkennen konnte.

"Hören sie, Sanderson. Es tut mir leid, daß ich ihnen nicht alles erzählen kann. Aber glauben sie mir, es ist sicher besser so für sie. Hinter dieser Sache steckt die geballte Macht von General Shaw und Weyland Yutani, und ich möchte nicht schuld daran sein, wenn man sie in die Mangel nimmt. " Verdammt, er würde bald kein einziges Wort mehr herausbringen können. Er hustete wieder. "Aber eine Sache sollten sie wissen: Wenn irgendwann in nächster Zeit der Evakuierungsalarm ertönt, dann halten sie das nicht für 'ne Übung. Machen sie, daß sie hier rauskommen. Nehmen sie die Beine in die Hand und verschwinden sie, egal, was die da unten ihnen vielleicht erzählen wollen."

Hicks' Worte trugen nicht gerade dazu bei, daß Sanderson sich besser fühlen konnte. Der Arzt hätte gerne Näheres erfahren, doch es war sonnenklar, daß Hicks nicht beabsichtigte, mehr zu erzählen. Er seufzte und begann mit der Arbeit.

"Und was werden sie tun?"

Hicks legte sich zurück und schloß die Augen wieder. Da war sie, die Frage. Die Frage, die er seit drei Wochen vor sich hergeschoben hatte. Jetzt nicht mehr. Jetzt wurde es Zeit zum Handeln. Auch wenn ihm seine eigene Entscheidung Angst machte. Sanderson gefiel sein Tonfall gar nicht, als er schließlich - nach einer Ewigkeit - ruhig antwortete:" Ich werde tun, was ich schon die ganze Zeit über hätte tun sollen."

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Es war nicht allzu schwierig gewesen, Colonel Barrister von der Notwendigkeit seiner Anwesenheit zu überzeugen. Wenn Dr. Sanderson ihn um halb vier Uhr morgens aus dem Schlaf klingelte, um ihn in die Notaufnahme zu bitten, dann würde das seinen Grund haben. Sanderson war ein gewissenhafter Mann, der einen alten Mann nicht aus dem Schlaf reißen würde, wenn es nicht wichtig war. Barrister hatte seine Frau vor ein paar Jahren durch Krebs verloren und erachtete es seitdem als seine ausschließliche Aufgabe, sich um das Wohlergehen seiner Schützlinge zu kümmern. Er war die Vertrauensperson des Corps, eine Institution, zu der vom Kadetten bis zum gestandenen Offizier jeder kommen konnte, der ein Problem hatte. Barrister hätte sich schon längst zur Ruhe setzen können, aber das Vertrauen seiner Schutzbefohlenen war etwas, auf das er auf keinen Fall verzichten wollte,. und für das er sich vierundzwanzig Stunden täglich einsetzen würde, wenn nötig. Das Corps war gewissermaßen seine Ersatzfamilie.

Er war bestürzt, als Sanderson ihn in den Aufwachraum hinunterbrachte und an Hicks' Bahre führte. Er hatte eine dunkle Ahnung gehabt, daß etwas schon seit längerem mit dem Sergeanten nicht stimmte, daß er in Schwierigkeiten steckte, ein Grund, weswegen er nach einem weiteren Hinweis Corporal Kendrick's vom 3. Regiment ein Gespräch mit Hicks gewünscht hatte. Offensichtlich war er diesmal zu spät gekommen. Es hatte den Anschein, als habe Hicks den Kampf mit der Bewußtlosigkeit inzwischen verloren, doch als Barrister sich auf Sanderson's Zeichen einen Stuhl heranzog, wandte er den Kopf.

"Colonel? Colonel Barrister?" Seine Stimme war kaum hörbar über das Schließen der Tür, als Sanderson den Raum verließ. Barrister legte eine Hand auf die Schulter seines Schützlings.

"Ich bin hier, Junge. Verdammt, was haben die mit ihnen gemacht? Wer war das?"

"Shaw's Leute."

"Shaw's Leute?" Barrister war verwirrt. "Sie meinen General Shaw? Aber -"

"Weshalb? Das ist eine ziemlich lange Geschichte, Sir. Ich sehe zu, daß ich sie zusammenfassen kann. Shaw erpreßt mich. Er und Weyland Yutani forschen unten in den Labors an Kreaturen herum, die sie keine Sekunde unter Kontrolle haben. Es sind dieselben Kreaturen, die auf Acheron - meinem letzten Einsatz - mein gesamtes Team zerfetzt haben. Verstehen sie mich richtig, Colonel: Diese Dinger sind der Tod. Ich habe vielleicht nicht studiert, aber verdammt, ich habe einen Haufen Kampferfahrung, und ich kann die Situation richtig einschätzen. Wenn auch nur eines dieser Bestien auf die Erde kommt, ist das das Ende. Shaw und Dr. Riser sind natürlich der Ansicht, das könne nicht passieren, aber glauben sie mir, es kann hier jeden Augenblick die Hölle losbrechen. Shaw wollte mich aufgrund meiner Erfahrungen von Acheron als Berater abstellen, aber ich lehnte es ab, weil ich es für Wahnsinn hielt. Shaw drohte mir daraufhin, er würde meinen Verwandten und Freunden auf der Erde etwas antun, wenn ich nicht kooperieren würde..." Er seufzte. " Also spielte ich mit. Gestern morgen traf ich mich mit einer Überlebenden des Acheron-Einsatzes, und - ich weiß nicht - wahrscheinlich hat ihm das den Anlaß geliefert, mir die drei auf den Hals zu hetzen. Sie lauerten mir unten im Freizeitcenter auf. Na ja, den Rest sehen sie..."

Barrister nickte nachdenklich.

"Das ist ein ziemlich sperriger Brocken, den sie mir da servieren, Junge. Sehr viel harter Tobak auf einmal. Ich muß das erstmal verdauen."

"Aber sie glauben mir?" Die Dringlichkeit in Hicks' Stimme war nicht zu überhören. Barrister atmete tief durch.

"Ich - ja. Ich schätze ja. Ich meine, ich kenne sie schließlich lange genug, Hicks. Sie sind nicht der Typ, der vorschnell mit irgendwelchen Anschuldigungen hervorsprudelt. Ich wünschte nur, sie würden es mir leichter machen... Ich kenne General Shaw immerhin noch ein ganzes Stück länger als sie. Gut, er war immer recht undurchsichtig und rücksichtslos, wenn es um seine Interessen ging. Aber daß er - wie sie sagen - wissentlich die gesamte Erdbevölkerung einer derartigen Gefahr aussetzen würde...? Wo ist da der Gegenwert?"

"Der Gegenwert ist eine biomechanische Superwaffe, gegen die sämtliche unserer Gegner blaß aussehen würden. Wir allerdings ebenso. Er will das nicht einsehen." Hicks spürte, wie seine Gedanken auseinander drifteten. Es wurde zunehmend schwieriger, sich durch all das Klopfen und Pochen in seinem Körper zu konzentrieren. Seine Schulter schmerzte noch immer höllisch, da Sanderson darauf bestanden hatte, daß diese nur unter Betäubung einzurenken wäre. Eine Betäubung kam aber momentan noch nicht in Frage. Nicht nur deshalb hoffte Hicks, dieses Gespräch und die dann hoffentlich anschließenden Telefonate möglichst bald hinter sich zu bringen. Er sah Barrister an. Den fleischfarbenen, nahezu formlosen Fleck, den seine gereizten Augen ihm zeigten. Immerhin, das Brennen hatte deutlich nachgelassen. Dafür würde sich seine Stimme bald von ihm verabschieden. Es wurde Zeit, daß er zum Wesentlichen kam.

"Colonel, ich brauche ihre Hilfe."

Barrister blickte ihn sinnend an.

"Das dachte ich mir. Wie haben sie sich das ganze vorgestellt? Soll ich dem General ins Gewissen reden, oder wie?"

"Nein. Was hier oben zu tun ist, muß ich selber erledigen. Es geht um die Familie meiner Schwester, um Ellen Ripley und die kleine Rebecca. Sobald ich hier oben tätig werde, wird Shaw sie kidnappen. Sie müssen ihm zuvorkommen. Bringen sie sie an einen sicheren Ort. Ich weiß, daß sie der richtige dafür sind. "

Einen Moment lang war Barrister sprachlos. In der Tat wurde er von der Regierung seit 20 Jahren mit hochbrisanten Personenschutzaufgaben beauftragt und hatte sich in der Zeit ein bestens eingespieltes, hocheffizientes Team zusammengestellt. Wer kurz- oder langfristig untertauchen mußte, konnte sich keinen besseren Organisator aussuchen als den so unscheinbar wirkenden Colonel. Seine Verstecke, so hatte Hicks in Erfahrung bringen können, waren selbst den leitenden Offizieren des Corps unbekannt.

"Woher wissen sie davon?"

"Ich habe mich umgehört. Aber das ist egal. Ich kann nichts unternehmen, bevor ich meine Verwandten und Freunde nicht in Sicherheit weiß. Und ich muß etwas unternehmen. Schon bald." Als Barrister schwieg, fuhr Hicks fort. Ruhig.

"Ich will ihnen nichts vormachen. Es könnte gefährlich für sie werden. Wenn Shaw erfährt, daß sie mit drin hängen, wird er sie aus dem Weg schaffen wollen. Wobei er von mir nichts erfahren wird. Und der einzige, der sonst noch Bescheid weiß, sind sie. Sie sollten also eine gute Chance haben, unentdeckt zu bleiben... Ich weiß, daß das eine schwierige Entscheidung ist. Das war es für mich auch."

"Und ich muß das jetzt und hier entscheiden?"

"Jetzt und hier. Ich werde beschattet, man hört meine Gespräche ab. Ich bin sicher, daß meine Wohnung verwanzt ist. Hier ist der einzige Ort, an dem ich unbemerkt mit ihnen sprechen kann. Vorerst. Ich bin ihnen um ein paar Stunden zuvorgekommen. Das ist meine einzige Chance." Hicks hörte Barrister schwer durchatmen. Die Sekunden zogen sich endlos hin, bis der Colonel schließlich nickte.

"Okay. Ich traue ihnen, Hicks. Ich kann sehen, daß ihnen all das, was sie mir eben erzählt haben, todernst ist. Ich hasse die schmutzigen Tricks, mit den Shaw Leute manipuliert. Sie haben mich dabei." Der Stein, der Hicks vom Herzen fiel, hatte in etwa die Größe der Rocky Mountains. Barrister fuhr fort. "Wann wollen sie tätig werden?"

"Es muß alles sehr schnell gehen. Die Gefahr wird mit jedem Tag größer. Spätestens Ende der Woche."

Barrister runzelte die Stirn.

"Hmm. Heute ist Dienstag, nein, Mittwoch. Das läßt ihnen nicht mehr viel Zeit. Meinen sie, sie schaffen das in ihrem Zustand?"

Hicks hatte sich das schon selber gefragt. "Ich werde es schaffen müssen. Wichtig ist, ob sie bis dahin ihr Vorhaben durchziehen können."

"Es ist natürlich alles ziemlich knapp, aber ja, das sollte möglich sein. Ich brauche dazu einige Details von ihnen. Wo ihre Verwandten leben, wieviele Personen. Die Beschaffenheit der Häuser. Ich gehe davon aus, daß sie observiert werden. Wenn ich sie recht verstanden habe, wollen sie die Anrufe von hier aus machen. Noch heute nacht."

"Allerdings."

"Dann lassen sie uns anfangen."

Sanderson und Finlay halfen Hicks, sich in den Stuhl vor den Videokommunikator zu setzen. Er sog scharf die Luft ein. Sanderson beugte sich besorgt vor.

"Geht es?"

"Solange, wie es gehen muß." Oh, verdammt, das war schwieriger, als Hicks es sich vorgestellt hatte. Reiß dich zusammen, Junge! Er nickte. "Okay, haben sie die Nummer?"

"001-515-27 54. Abe und Michelle Gardner, 772 Aquia Drive, Frankfort, Kentucky. Richtig?"

"Richtig. Okay, bringen wir's hinter uns."

Finlay gab die Nummer ein. Ein Rauschen war zu hören, als die Verbindung aufgebaut wurde. Schneegestöber auf dem Bildschirm. Hicks war nervös. Ellen hatte ihm nicht oft von ihren Nachbarn erzählt, aber sie hatte anklingen lassen, daß sie vertrauenswürdig schienen. Nun, wenn Ellen das sagte, mußte es wohl stimmen. Er hatte sonst nichts, worauf er sich verlassen konnte. Hauptsache, sie spielten mit. Er wandte den Kopf, um sich zu vergewissern, daß Barrister hinter ihm stand. Natürlich, wo sollte er sonst sein. Der Bildschirm wechselte seine Farbe zu blau. Jetzt klingelte es unten. Mittwoch morgens, 6:00 Uhr östliche Zeit. Kein Problem. Jemand mußte da sein. Es klingelte und klingelte. Hicks ballte die Linke zur Faust, biß sich auf die Lippen. 'Verdammt, geht schon ran!' Gerade, als er sich nach Sanderson umdrehen wollte, um diesen die Nummer überprüfen zu lassen, kam das Bild. Eine ältere, noch sehr verschlafen wirkende Frau blickte sie an.

"Hallo? Wer - wer sind sie? Ich kenne sie nicht." Sie kniff die Augen zusammen auf die Art, wie es kurzsichtige Leute zu tun pflegen.

"Sie sind Michelle Gardner?"

"Ja. "

"Mein Name ist Dwayne Hicks, ich bin ein Bekannter ihrer Nachbarin, Ellen Ripley."

"Ellen? Ja. Da haben sie die falsche Nummer, sie wohnt nicht hier. Sie ist nebenan." Hicks bemühte sich, geduldig zu sein.

"Das weiß ich, Mrs. Gardner. Ich rufe bei ihnen an, weil wir ihre Hilfe brauchen. -"

"Meine Hilfe?" unterbrach ihn die Frau verwirrt. "Aber kenne sie noch nicht einmal. Wie sollte ich -"

Aber das konnte Hicks auch.

"Bitte, Mrs. Gardner, könnten sie mir bitte einen Moment lang nur zuhören? Ja? Ich konnte nicht bei Ellen anrufen, weil wir Hinweise haben, daß sie in einer äußerst gefährlichen Situation steckt und ihre Leitung abgehört wird. Sie ahnt von dieser Situation noch nichts. Ich muß sie unbedingt sofort sprechen! Könnten sie sie für mich unter einem Vorwand an den Apparat holen?" Er brauchte sein Augenlicht nicht, um die Skepsis und Verwirrung am anderen Ende der Leitung zu hören. Und auch ein wenig Neugierde.

"Sind sie etwa vom Geheimdienst?"

"So ähnlich. Werden sie uns helfen?"

"Na ja... ich weiß nicht, sie schläft sicher noch."

Verdammt, Alte, nun mach schon! Hicks' Geduld war nahezu aufgebraucht. Hier saß er mit dem Kopf voller Probleme und einem noch immer ausgekugelten Arm, der ihm Höllenschmerzen bereitete, und versuchte, diese Kleinstadtbewohnerin davon zu überzeugen, daß es Dinge geben konnte, die wichtiger als Schlaf waren. Er konnte nicht verhindern, daß sein Tonfall schärfer wurde.

"Dann wecken sie sie bitte für mich. Es geht um Leben oder Tod." Das kam bei Kleingeistern eigentlich immer an.

"Ich - ich werde sehen, was ich machen kann..." Mrs. Gardner klang noch immer unsicher. "Vielleicht -"

"Würden sie es bitte gleich machen? Ich warte hier solange. Und bitte vergessen sie nicht, daß sie vielleicht jemand dabei beobachtet. Spielen sie ihr etwas vor, sagen sie meinetwegen, ihr Mann hätte 'nen Herzanfall oder so. Ein Notfall. Sagen sie nicht, daß ich sie sprechen will!" Jetzt konnte er das Mißtrauen beinahe riechen.

"Könnte das gefährlich für mich werden?"

"Nein! Aber bitte, beeilen sie sich. Uns läuft die Zeit davon!"

"Ich... okay, ich geh ja schon." Sie verschwand vom Bildschirm. Für Sekunden, dann war sie wieder da. "Und wenn sie nicht kommen will?"

"Wenn sie's dringend genug machen, kommt sie. Also, ich warte!" Sie verschwand wieder. Hicks schüttelte frustriert den Kopf. "Ich hatte ganz vergessen, daß es solche Leute auch gibt."

"Seien sie nicht ungerecht, Hicks," meldete sich Barrister. "Die Frau ist immerhin schon etwas älter."

"Das sind sie auch."

"Vielen Dank für die Erinnerung, Junge. Ich hätte es fast vergessen." Zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit huschte so etwas wie der Schatten eines Lächelns über Hicks Gesicht.

"Entschuldigen sie, Sir. Damit meinte ich nur, daß sie immer noch schwer auf Zack sind."

"Das will ich hoffen." Barrister blickte auf seine Uhr. "Jetzt ist sie zwei Minuten weg. Wie lange wird sie wohl brauchen?"

"Ellen hat einen leichten Schlaf. Sie sollte beim ersten Klingeln wach sein. Ich weiß nicht, noch ein paar Minuten vielleicht. Oh man..."

Danach blühte ihm noch ein weiterer Anruf. Zum Glück kannte er die Gilberts, die Nachbarn seiner Schwester, sehr viel besser. Sie würden die Situation sicherlich sehr viel schneller begreifen. Hoffentlich vermasselte ihnen nur die gute Mrs. Gardner nicht alles. Es war ein mieses Gefühl, hier oben Hunderte von Kilometern entfernt zu sitzen und nichts unternehmen zu können. Gut, Ellen konnte auf sich selbst aufpassen, das hatte sie hinreichend bewiesen. Aber sie wußte nicht, was gespielt wurde. Er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum, kaum in der Lage, seiner Nervosität Herr zu werden. Sanderson, der an der Tür zum Büroraum aufpaßte, daß kein ungebetener Besuch hereinkam, blickte zu ihnen hinüber. Fragend. Barrister zuckte hilflos die Achseln., blickte dann wieder auf seine Uhr. Atmete tief durch.

"Scheiße, ist die auf dem Weg eingeschlafen?" Hicks starrte ungeduldig auf den Bildschirm, auf dem er sowieso nicht viel erkennen konnte. Gerade wollte er sich wieder zu Barrister umwenden, als ein Schatten das Bild verdunkelte. Jemand hatte sich vor dem Gerät niedergelassen.

"Hallo?" Oh Gott, es war Ellen's Stimme! Er war noch nie so froh gewesen, sie zu hören.

"Ellen? Ich bin's, Dwayne! Hör zu -"

"Dwayne? Tatsächlich. Oh mein Gott, was ist mit dir passiert?"

"Unwichtig," unterbrach er ihren Redefluß. "Hör zu, du mußt untertauchen. Ich kann dir jetzt nicht alles erklären, außer, daß man mich erpreßt. Ich kann aber darauf nicht eingehen. Sie haben gedroht, dich und Rebecca zu entführen, wenn ich nicht spure. Ihr seid in großer Gefahr. Dein Haus und dein Kommunikator sind mit Sicherheit verwanzt, und höchstwahrscheinlich beschatten sie dich auch. Du mußt da schnellstmöglich raus. Das hier hinter mir ist Colonel Barrister. Hör ihm genau zu, er wird dir sagen, was du zu tun hast. Er organisiert eure Flucht. Er ist der einzige - der EINZIGE! - dem du in dieser Sache vertrauen kannst, okay? Hör genau zu!" Oh Gott, er war froh, jetzt nicht Ripley's Gesicht sehen zu müssen. Sicher war sie völlig geschockt.

Barrister trat vor.

"Ms. Ripley? Passen sie auf: Sie machen weiter wie bisher, lassen sie sich nichts anmerken. Ich weiß, das sagt sich leicht, aber sie müssen es hinkriegen. Wir werden sie übermorgen rausholen. Ich habe ein Team in ihrer Nähe. Wäre es möglich, daß sie die kleine Rebecca zu sich ins Haus holen bis übermorgen?"

"Re- Newt? Sie ist bei ihrer Tante. Ich weiß nicht... "

"Es wäre bedeutend einfacher für uns, wenn wir sie zusammen rausholen könnten. Auf diese Weise müßten wir nur ein Team überlisten."

"Okay, ich schätze, mir wird schon etwas einfallen. Ich werde sie herholen."

"Wenn das nicht klappt, kann das tödliche Konsequenzen für die Kleine haben. Und höchstwahrscheinlich wird auch sie observiert und abgehört," gab Barrister zu bedenken. Ripley nickte. Der erste Schock schien verflogen, nun war sie wieder ganz, wie Hicks sie kannte - die Entschlossenheit selbst.

"Ich schaffe das, keine Sorge. Gut, was weiter?"

"Haben sie einen großen Schrank oder ein paar größere Teppiche im Haus?"

Einige Sekunden dachte sie nach.

"Keinen größeren Schrank, der einfach abzubauen wäre. Aber ein paar recht große Teppiche. Wollen sie uns darin rausschmuggeln?"

"Das ist meine Überlegung. Ich kenne ihre Einrichtung nicht. Meinen sie, die sind groß genug?"

Sie nickte energisch. "Unbedingt. "

"Gut." Barrister war beeindruckt von der ruhigen Überlegtheit dieser Frau. Fast jede andere wäre wohl an ihrer Stelle in Panik ausgebrochen. Das vereinfachte die Sache natürlich. "Dann tun sie Folgendes: Ärgern sie sich lautstark über irgendwelche Flecken auf den Teppichen, und rufen sie die Nummer 443 66 16 in Frankfort an. Das ist das Büro eines Reinigungsbetriebes. Dort werden meine Leute sitzen. Sie machen mit ihnen einen Termin für übermorgen, den 10.08., 9:00 Uhr aus für die Abholung der Teppiche. Der Mitarbeiter, der sich ihnen vorstellen wird, heißt Michael Cohen, er wird ein kleines Namensschild am Anzug tragen, wenn er an ihrer Tür klingelt, und einen dunkelblauen Overall mit der Aufschrift "X-Press". Sie werden ihren Beobachtern vorspielen, daß sie lange geschlafen hätten, da sie nämlich noch nicht dazu gekommen sind, die Vorhänge aufzuziehen. Haben sie dichte Vorhänge?"

"Ja."

"Gut. Also, die Vorhänge sind zu. Meine Leute werden sie in die Teppiche einwickeln und hinaus in den Wagen tragen. Der Rest ist dann unsere Sache. Haben sie das alles?"

"Für den 10. August um 9:00 Uhr einen Termin machen unter der Nummer 443 66 16. Die Vorhänge zulassen. Ihr Mann heißt Michael Cohen. Okay. Das wäre alles?"

"Das wäre alles. Ich wünsche ihnen viel Glück, Ms. Ripley. Ich wünsche uns allen viel Glück." Damit blickte er auf Hicks hinunter, der den Instruktionen schweigend gelauscht hatte und jetzt wieder vor den Bildschirm rückte.

"Hey, Soldat - halt die Ohren steif da unten. Es wird alles klappen, Barrister ist der beste in seinem Fach. Trotzdem..." Er berührte den Bildschirm mit der Hand. Eine Geste der Verabschiedung. Er wußte nicht, ob er sie noch einmal wiedersehen würde. "Viel Glück. "

Ripley vollführte die gleiche Geste. Ein Händedruck über Tausende von Meilen hinweg.

"Für dich auch. Mir scheint, du hast es nötiger... Paß auf dich auf. Und wenn wir uns das nächste Mal sehen, mußt du mir erzählen, worum es bei der ganzen Sache eigentlich ging."

"Das werde ich." Zwangsoptimismus. Hicks erwartete nicht, aus der Angelegenheit in einem Stück herauszukommen. Es fiel ihm schwer, die Verbindung zu unterbrechen. Er schloß die Augen, als der Bildschirm erlosch. Einerseits war er erleichtert, grenzenlos erleichtert, andererseits machte ihm diese Aktion auch bewußt, daß es jetzt erst richtig losging. Er spürte Barrister's Hand auf seiner Schulter.

"Okay, fünfzig Prozent hätten wir. Lassen sie uns den anderen Anruf machen."