Titel: About Business
Teil:4/? – The Meaning of weak minded
Autor: Yusuka
Email: Yusukagmx.de
Rating: PG-14 (gilt für aktuelles Kapitel!)
Warning: violence, language, OC, light Shônen-Ai Hints (gilt für aktuelles Kapitel!)
Pairing: hint hint Shuntarô x Junichi
Disclaimer: Gravitation ist Eigentum von Murakami Maki, Sony Magazines Inc., Studio Deen und SPE Visual Works. Diese Fan Fiction dient keinerlei kommerziellen Zwecken.
Kommentar: Gut Ding will Weile haben! Nach etlichen Monaten ist der vierte, zwischendurch auf meiner Festplatte vergammelnde, Teil endlich vollendet! Ich hatte diesmal keine Zeit und Lust ihn betan zu lassen, jegliche Fehler in der Kommata dürft ihr also getrost behalten, solltet ihr welche finden. XD Rechtschreibfreak der Kommata hasst…. yeah! K wird diesmal ein wenig… sagen wir „rachsüchtig", aber das kennen wir ja schon aus dem ersten Teil, diesmal jedoch… ich habe doch tatsächlich das grobe Großstadtleben beschrieben. Ich kann noch nicht mit Bestimmtheit sagen wie viele Teile About Business letzendlich haben wird, aber… es bleibt spannend!
Widmungen sind diesmal rar, ich danke lediglich wie üblich Demi für ihre Geduld und sporadischen Betalesungen, außerdem einen lieben Gruß an dich Sina, dass du dich endlich aufgerafft hast dies zu lesen!
Wirklich widmen sollte ich diesen Teil, aber Feyval. Danke, deine Ungeduld hat mir klar gemacht, was ich an dieser Story so mag! Hier ist der vierte Teil!
Über Kommentare würde ich mich natürlich wie immer sehr freuen. KONSTRUKTIVE Kritik ist also jederzeit willkommen.
- About Business -
4. Kapitel: The Meaning of weak minded
Die frühen Morgenstunden waren ihm eigentlich nie unangenehm gewesen. Tagtäglich verließ er das Haus um eine Uhrzeit, die selbst seine eifrig arbeitenden Landsgenossen, als viel zu früh empfanden. An diesem Morgen jedoch, hatte es ihm nahezu Qualen bereitet sich aus dem Bett zu bewegen. Jeder Teil seines Körpers war wie verkrampft, schmerzte. Dazu kam das untrügliche Gefühl, dass er sich diesmal nicht so einfach aus der Affäre ziehen konnte. Mika würde darauf bestehen, dass er eine Schonzeit einlegte, in der er die Gelegenheit hatte zur Ruhe zu kommen. Er selbst jedoch fand, dass er bislang schon genug Zeit hatte sich auszuruhen. Nicht nur, dass er gestern drei Seiten seines Terminplaners nicht wahrnehmen konnte, auch heute würde er wohlmöglich zu gar nix mehr kommen, wenn das so weitergehen würde. Seit einer geschlagenen Stunde unterzog er sich allen nur denkbaren Torturen von Untersuchungen, die er allesamt für überflüssig hielt. Doch seine abschwächenden Worte für diese Situation, hatten nichts genutzt. Gnadenlos hatte Mika darauf bestanden hierher zu fahren, um ja kein Risiko einzugehen. Letztendlich hatte er sich dem einfach gefügt, kein Wort des Protestes von sich gegeben, weil er wusste, dass es in diesem Fall nichts nützen würde und weil er nicht die geringste Lust auf eine eventuelle Diskussion verspürt hatte. Und nun saß er hier, knöpfte sich das Hemd wieder zu und warf einen Blick aus dem Fenster. Über Tokyo ging grade die Sonne auf, dazu verdammt schon bald von Regenwolken verdrängt zu werden, so hatte er es heute im Radio gehört.
„Nehmen Sie bitte Platz Seguchi-san."
Tohma fühlte sich immer noch nicht wach. Ohne Kaffee war er heute aus dem Haus gegangen, nachdem er erfolgreich einem Frühstück entkommen war. Obwohl Mika und auch Eiri darauf bestanden hatten, war es ihm gelungen Reis und Miso-Suppe zu verweigern. Seit gestern war ihm übel und alleine der Gedanke an etwas Essbares brachte ihn nahe an den Brechreiz. Es war ihm unangenehm das heute zugegeben zu haben, aber nur so war er dem ganzen entkommen. Was man von diesem Krankenhaus nicht sagen konnte. Der behandelnde Arzt musterte ihn mit einem gleichzeitig tadelnden Blick und zog kritisierend die Brauen zusammen. Allem Anschein nach war er mit dem Ergebnis alles andere, als zufrieden. Er räusperte sich, strich sich kurz durch das ergraute Haar und richtete dann wieder seinen Blick auf Tohma, als würde er gleich zu einer Strafpredigt ansetzen.
„Ich bin erschrocken darüber, wie lange Sie schon nicht mehr in ärztlicher Behandlung waren, Seguchi-san. Gut, dass Kitase-Sensei darauf bestanden hat, dass sie heute unsere Klinik aufsuchen."
Tohma lächelte daraufhin müde und verschwieg, dass dies wohl eher seiner Frau zu verdanken war, als diesem Quacksalber, der ihn gestern zusammen mit Noriko nach Hause gefahren hatte und ihm irgendein Zeug gespritzt hatte, das ihn quasi den restlichen Tag außer Gefecht gesetzt hatte.
Wie auf Kommando klopfte es in diesem Moment an die Tür zum Behandlungszimmer und Mika betrat, ohne auf ein „Herein" gewartet zu haben, den Raum, verbeugte sich kurz und nahm neben ihrem Mann auf dem freien Stuhl Platz, als sie sah, dass Tohma wohl soweit fertig war mit den Untersuchungen. Der Arzt begrüßte sie mit einem kurzen Nicken, dann fuhr er fort.
„Es fällt mir schwer das zu sagen, aber ich fürchte so harmlos wie Sie denken ist die Sache nicht, Seguchi-san."
Es schien eine Angewohnheit des Arztes zu sein, bei jedem Satz Tohmas Namen zu nennen, somit klang es nicht nur wie ein Tadel, sondern es betonte nahezu, wie entsetzt er über seinen Zustand war, wie intensiv er ihn davor warnte so weiterzumachen wie bisher. Mika schien mit ihm einer Meinung zu sein, denn Tohma konnte beobachten wie sie mit verkniffenem Blick zu jedem zweiten Wort nickte.
„Die größte Sorge bereitet mir ihr Untergewicht Seguchi-san. Aufgrund dessen müssten Sie eigentlich unter sehr niedrigen Blutdruck leiden, doch es ist umgekehrt. Der viele Stress verursacht bei ihnen einen gefährlichen Bluthochdruck. Sie zeigen typische Merkmale von stressbedingten Krankheiten, die Sie unbedingt ernst nehmen sollten. Zusammen mit ihrem massiven Untergewicht ist das eine ernste Sache."
Tohma räusperte sich und bemühte sich danach um ein abschwächendes Lächeln.
„In letzter Zeit war es in der Tat nicht zu vermeiden, aber auch das wird ein Ende finden, dann dürfte sich alles wieder normalisieren", sagte er und hatte das dringende Bedürfnis sich danach einfach mit einer höflichen Verbeugung zu verabschieden und zu gehen. Mikas mordlüsterner Blick hielt ihn davon ab.
Die Tür öffnete sich ein weiteres Mal und eine Krankenschwester schlüpfte herein, legte dem Arzt ein paar Papiere auf den Tisch und verschwand wieder. Tohma versuchte ohne sich zu bewegen, zu erkennen, um was für Unterlagen es sich handelte. Ihm war nur so viel klar, dass es wohl die Ergebnisse des EKG waren, das vor einer halben Stunde durchgeführt worden war. Er hatte weder Kontaktlinsen, noch trug er seine Brille. Das erwies sich als Nachteil. Noch nicht einmal seinen Namen konnte er auf dem Papier entziffern, dabei war ihm eigentlich klar, dass er das ganze fachchinesisch nie im Leben verstehen würde, aber eigentlich ging es nur um das Prinzip seiner Neugierde.
Der Arzt redete immer noch, nach einer kleinen Pause, in der er auf die gereichten Papiere gestarrt hatte, war seine Stimme tiefer geworden. Bei den letzten Sätzen hatte Mika nach Tohmas Hand gegriffen und sie bis zum Ende nicht mehr losgelassen.
„Tut mir leid, wir haben immer noch nichts Neues. Ukai-san hat sich auch noch nicht gemeldet, aber hast du heute Morgen zufällig einen Blick in die Zeitung geworfen?"
„Ja, nicht nur zufällig."
K fühlte sich durchaus nicht in der Stimmung, um mit Sakano eine längere Konversation zu starten. Die Tatsache, dass sich Seguchi Tohma noch immer nicht bei N-G gemeldet hatte, reichte ihm vollkommen aus, um zu wissen, dass er heute noch durchdrehen würde, wenn dies so weiterginge.
„Was ist mit seiner Frau? Ihr habt doch ihre Handynummer, habt ihrs darüber probiert?"
Sakano tat einen verzweifelten Seufzer und K konnte sich seinen wehleidigen Gesichtsausdruck dazu bildlich vorstellen.
„Natürlich haben wir das. Das ist immer noch ausgeschaltet, wahrscheinlich befinden sie sich im Augenblick im Krankenhaus. Wenn ich mir das nur vorstelle…"
Er stützte das Kinn auf der Tischplatte und betrachtete die himmelblaue Kaffeetasse vor seinen Augen. In dieser Nacht hatte er kaum ein Auge zugetan und so schnell würde sich das auch nicht ändern, wenn das so weiterging und keiner auch nur das geringste Lebenszeichen vom Chef erfuhr.
„Naja gut, dann werde ich wohl noch warten müssen."
„Willst du nicht lieber die Polizei rufen?", warf Sakano altklug ein, dem K die ganze Geschichte erzählt hatte.
Erneut schüttelte er den Kopf, gähnte herzhaft und nahm schließlich einen Schluck kalten Kaffee, der zum kotzen schmeckte.
„Die wissen doch auch nicht wo diese Gauner Ray gefangen halten, was sollen die schon machen? Die japanische Polizei ist unfähig. In einem Land wo sich niemand für den anderen interessiert… völlig nutzlos!"
„Vielleicht ist er einfach nur bei einem der beiden zu Hause?"
Genervt schüttelte K den Kopf und nestelte an einer Ecke der besagten Zeitung, die heute in der Schlagzeile verkündete, dass in Chiyoda ein kleines Hotel in die Luft geflogen war. Dadurch war der Zusammenbruch von Seguchi Tohma nur auf die zweite Seite gelangt, was hoffentlich weniger Aufmerksamkeit fordern würde. Glücklicherweise waren bei der Explosion keine Menschen zu Schaden gekommen, das machte es K leichter dankbar dafür zu sein. Welch glücklicher Zufall, der da eingetreten war.
Er erinnerte sich an Sakanos Frage und wünschte sich, er hätte ihn niemals angerufen.
„Wie blöd bist du eigentlich? Meinst du die beiden machen es mir derart leicht? Dass ich einfach nur die Polizei rufen muss, die zwei festgenommen werden und alles wieder gut wird? Die hetzen mir die gesamte scheiß verdammte Yakuza von Shinjuku auf den Hals! Außerdem kann ich nicht riskieren, dass Ray was passiert. Ich brauche den Trottel noch."
Sakano schien zu verzweifeln, weinerlich jammerte er in den Hörer.
„Aber dafür ist die Polizei doch da K, ruf sie einfach an, nur so kannst du ihnen das Handwerk legen!"
Er versuchte tief durchzuatmen und erinnerte sich an Shinoyama Juns Worte von gestern.
Keine Polizei, haben wir uns verstanden Mr. Winchester? Suchen Sie erst gar nicht bei uns beiden zu Hause. Ihr Freund befindet sich an einem ganz anderen Ort, Sie werden ihn niemals finden.
„Du verstehst es nicht. Die beiden sind zwar Vollidioten wie sie im Buche stehen und scheinen momentan alleine gegen mich zu agieren, aber dennoch sind sie Yakuza. Sie brauchen ihrem Oberhaupt oder ihren Kumpanen nur zu erzählen, dass es um irgendwelche Schutzgelder oder ähnliches geht und schon haben nicht nur Ray oder ich ein Messer in der Kehle, sondern auch du, der Chef, jeder verdammte Name den sie ihnen nennen werden."
Sakano schluckte und röchelte, als hätte man ihm tatsächlich die Kehle aufgeschlitzt.
„Wirklich?"
„Wirklich."
Im Grunde war es eher eine Notlüge gewesen, die Sakano davon abhalten sollte, die Polizei zu rufen, aber so oder so ähnlich konnte das ganze durchaus ausgehen. Jedenfalls stand für ihn fest, dass er hierfür keine unfähige japanische Polizei bräuchte. Sollte der ganze Terror vorüber sein, würde er sich selbst diese beiden Yakuza vorknöpfen und für immer unschädlich machen.
„K-san, ich wollte…"
„Ist schon gut, jetzt weißt du ja was du zu tun hast Sakano. Vertrau mir einfach und ruf mich sofort an, wenn du etwas vom Chef hörst, ich geh mich jetzt duschen."
„Nein, ich wollte fragen wann du endlich zur Arbeit kommst!"
Das hatte er ganz vergessen. Seinen eigentlichen Job.
„Äh, ich werde zusehen, dass…
„Hier ist die Hölle los!"
Dass ihn das interessierte, sagte er Sakano. Zeitgleich mit seinen Worten ging ein Donnerwetter über ihn nieder, das ihm fast die Ohren sprengte. Sakano kreischte, tobte, fluchte und heulte letzten Endes wie ein getretenes Schosshündchen.
„Ich bin gleich da", sagte K, legte auf und schaltete das Handy aus.
Er wusste, dass er ihn belogen hatte.
Er konnte noch immer nicht fassen was sie da getan hatten. Stunde um Stunde war nun schon vergangen, aber noch immer hielt ihn der Unglaube gefangen. Kayano Shuntarô wusste was am Ende dieses kahlen Ganges lag, trotzdem war ihm noch immer so, als befände er sich in einem schlechten Traum, in der allen Überlegungen zum Trotz, doch irgendwann die Wirklichkeit siegte, sie einholen würde, nur um ihnen zu zeigen, dass sie im Grunde Idioten waren. Er fühlte sich nicht mehr wie der alte kühle Denker, der er war, sondern kam sich lächerlich vor. Wie ein Kind, das vom vertrauten Spielplatz abgekommen war und nun im finsteren Wald den Weg zurück suchte. Doch aus diesem Wald gab es kein Zurück, zumindest nicht auf die leichte und bequeme Art.
Er empfing Jun mit einem beleidigten Gesichtsausdruck, bat ihm aber trotzdem eine Zigarette an, als er sah wie sein Partner vergeblich seine Taschen danach abklopfte.
„Er schläft. Noch immer. Frag mich ob der überhaupt noch aufwacht, vielleicht hast du zu fest zugeschlagen."
Shuntarô schüttelte den Kopf und beruhigte seine nervösen Finger ebenfalls mit einer Marlboro.
„Das kommt von dem Zeug, das du ihm gegeben hast. Wenn der uns jetzt verreckt, mach ich dich dafür verantwortlich."
Völlig desinteressiert zuckte Jun die Schultern und zündete sich in aller Ruhe die heiß ersehnte Zigarette an. Der Schlaf den er nicht bekommen hatte, war ihm mehr als deutlich anzusehen. Seit ein paar Stunden verbrachten sie ihre mehr oder weniger kostbare Zeit an diesem Ort, verschwendeten sie, wie Shuntarô heute schon mehrmals erwähnt hatte. Jun selbst war dieses Versteck erst in dem Moment eingefallen, als sein Kumpel recht intelligent eingeworfen hatte, dass sie nirgendwohin gehen konnten, ohne nicht die ungewollte Aufmerksamkeit zu vermeiden, die sie verhindern wollten. Die alte Baracke bei Isetan, war ihm eingefallen, als sein Blick auf einen Obdachlosen gefallen war, der sich frierend einige Zeitungen zusammengesammelt hatte. Dieses Gebäude war früher von vielen solcher Leute als Absteige genutzt worden, bis ein Teil der hinteren Mauern eingestürzt war und einen unter sich begraben hatte. Seitdem wurde es gemieden, als lastete ein Fluch darauf. Jun war das nur Recht. Hier würde sie weder einer finden, noch käme einer auf die Idee hier überhaupt zu suchen. Im Keller der abrissreifen Baracke war ihr Vorhaben sicher, so viel stand fest. Das einzige was ihn im Moment beunruhigte, war sein Partner, Kollege, Freund, Helfer und Problemlöser Kayano Shuntarô, den er schon seit einer halben Ewigkeit kannte. Mit ihm zusammen hatte er damals seine zwielichtige Karriere gestartet und mit ihm zusammen war er auf die falsche Bahn geraten, die aber heute ihr Überleben sicherte. Doch nun standen die Chancen gut, dass ihr Leben in eine neue Phase starten würde. In die der Entspannung. Um den gewählten Weg einzuschlagen, brauchte es jedoch Geld. Sehr viel Geld. Doch das wäre auch nur noch eine Frage der Zeit.
„Hörst du mir überhaupt zu?"
Die Zigarette zwischen die Lippen geklemmt, drehte er sich zu Shuntarô um und ließ die Tür am Ende des hinunterführenden Ganges aus seinem Blickfeld gleiten. Er hatte nicht zugehört.
„Was meinst du zu was für einer Sorte von Sushi uns Oda verarbeiten lässt, wenn er erfährt was wir hier treiben?", fragte Shuntarô grimmig, sichtlich schlecht gelaunt und noch immer nicht wirklich begeistert von Juns Plan.
„Du wirst für ne ganze Tonne Sushi reichen", witzelte Jun und verzog ebenfalls verärgert die Oberlippe.
„Ich versuche nur unseren Tod mit Humor zu sehen. Dass wir mit aufgeschlitzten Kehlen im Hinterhof des „Ikkoku" liegen werden, ist dir ja wohl hoffentlich klar."
Jun zerdrückte die halb aufgerauchte Zigarette schmerzlos zwischen den Fingern, um seinem Freund zu zeigen wie egal ihm das war. Er hatte andere Sorgen. In so weiter Zukunft dachte er im Moment nicht. Die Zukunft würden sie sich schon zu gestalten wissen und das ganz sicherlich nicht als Tote. Sie würden leben, in Saus und Braus Geld verprassen, das ihnen gehören würde sobald der Plan aufginge, den er geschmiedet hatte.
Shuntarô war da offensichtlich anderer Meinung.
„Meinst du die geben uns eine gemeinsame Zelle? Wenn ja möchte ich dich gerne 24 Stunden lang würgen."
Seine kleinen schwarzen Augen blickten missbilligend zu Jun herab, der mit gelassener Miene in der Gegend rumstarrte und auch jetzt nicht auf die besorgten Reden seines Partners einging.
„Eben waren wir noch tot."
Shuntaro zog die Brauen zusammen und starrte ihn vernichtend an.
„Ich versuche positiv zu denken. Sehe ich dabei auch so unbekümmert aus wie du? Bakayaro!"
„Ich bin keineswegs unbekümmert", warf Jun schließlich ein und fand endlich die fast leere Packungen mit Zigaretten in seiner Hosentasche.
„Wir haben da unten einen verdammten langhaarigen Amerikaner liegen, ein anderer ist uns auf den Fersen, bewaffnet…"
„Jetzt nicht mehr", korrigierte sein Partner und klopfte mit der Hand auf die Magnum in seinem Gürtel.
Unbeirrt fuhr Shuntarô fort.
„…, Oda weiß nix von unserem Solo, das wir hier geben und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis uns Nagaos Männer aufsuchen und kalt machen werden. Habe ich soweit alles?"
„Dass du ein blödsinniger Trottel bist hast du vergessen", ergänzte Jun und blicke unbeeindruckt zu Shuntarô herab, der seinen schwergewichtigen Körper auf dem einzigen Sitzmobiliar geparkt hatte, das hier zu finden war.
„Jun! Hör auf mit diesen schlechten Scherzen!"
„Schon gut, schon gut."
Beschwichtigend hob der Ältere die Hände und blies den Rauch seiner Zigarette aus.
Im Laufe der Zeit hatte Shuntarô festgestellt, dass es Jun circa auf 8-10 Arten verstand den Rauch seiner Zigarette auszupusten. Er tat dies auf die betretene Art, die beleidigte, die überlegende, die verruchte, schelmische, schadenfreudige oder verwirrte Art und Weise. Jetzt blies er ihn auf die nachdenkliche Art über die Lippen und wanderte mit dem Blick im Raum herum.
„Das Versteck ist gut. Hier wird uns keiner vermuten."
„Wie du meinst."
Shuntarô schien müde geworden zu sein, er klatschte sich die Hand ins Gesicht und rieb sich die Augen.
„Können wir jetzt nach Hause gehen? Ich hab seit zwei Tagen nicht geschlafen."
Jun schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein, er nickte nur und verabschiedete seinen Freund ohne Worte, der ein paar Schritte entfernt noch einmal stehen blieb und sich umdrehte.
„Soll ich was zum Frühstück kaufen?"
Verärgert fuhr Jun herum, peinlich von der Sache berührt, dass die Frage klang, als seien sie beide verheiratet.
„Red keinen Scheiß, mach was du willst, aber geh!"
Beleidigt trottete Shuntarô davon und Jun machte sich auf den Weg in den Keller. Die Wände die ihn umgaben waren abrissreif, der Betonboden zu seinen Füßen hatte Risse, in denen sich das Wasser sammelte und zu stinken begonnen hatte. Die brüchigen Treppen hinunter gestiegen, sah er sich kurz um, dann drückte er die schwere Tür auf und starrte in alles verschluckende Dunkelheit. Nach zwei Schritten entflammte er das Feuerzeug und das winzig kleine Licht enthüllte unerwartet ein paar Meter des Raumes. An einer Wand, die Hände an den Rücken gefesselt, lehnte Ray Fellows und schlief noch immer den Schlaf der Gerechten. In der Mitte des Raumes hatte Jun eine alte Kerze deponiert, die er oben am Eingang gefunden hatte. Wahrscheinlich ein Überbleibsel aus alten Tagen, wo es hier von Obdachlosen nur so gewimmelt hatte. Mit einem Seufzen bückte er sich danach und zündete sie an. Notdürftig wurde der fensterlose Raum erhellt, in dem es nach Chloroform und abgestandenem Alkohol roch. Nach mehreren Stunden Ohnmacht, wachte Ray von dem kratzenden Geräusch eines umgedrehten Metalleimers auf, der über den Boden geschoben wurde. Vor seinen Augen, tauchte Shinoyama Jun auf, der sich in seinem teuren Designeranzug mit dem lächerlich bunten Hemd, auf den Eimer hockte und dem Amerikaner ins Gesicht grinste.
„Ah, wie passend. Sie sind wach."
Jenes Erwachen entpuppte sich als eine Wolke voller Schmerz mit zuckenden Lichtern der Erinnerung. Sein Kopf schmerzte und hämmerte in verschiedenen Tonarten gleichzeitig. Er trug keine Brille, erkannte so nur schemenhaft Juns blasses Gesicht im spärlichen Licht der Kerze, der einzigen Lichtquelle im Raum. Er empfing ein Dröhnen durch beide Ohren, das jedes Wort verschluckte. Das einzige was ihm im bewusst in den Sinn kam, klang im Nachhinein wie die wirren Worte eines Junkies, was nicht sehr abwegig war, da er sich durchaus wie ein Süchtiger auf seinem besten Drogentrip fühlte.
„Ruhen Sie sich aus. Sie werden noch eine ganze Weile rosa Engel sehen."
Er hörte Jun leise kichern. Selbst die Augenlider taten ihm weh, als er versuchte die Augen wieder zu öffnen, immer wieder fielen sie ihm zu so, dass er drohte abzudriften in ein Loch voller Nichts. Obwohl dieses Nichts wohl angenehmer gewesen wäre, als diese sich drehende Wirklichkeit, die er zu spüren bekam, als sei er in Watte gepackt.
„Geht es um Geld?", presste er schließlich hervor, ohne zu wissen in welchem Zusammenhang er die Worte über die Lippen brachte, ob er überhaupt gehört wurde.
Jun brach in ein Lachen aus, dass ihn Rauch schlucken ließ, er hustete und unter Tränen schüttelte er als Antwort den Kopf.
„Nicht um Ihres mein Lieber, nicht um Ihres. Was könnten Sie mir auch schon bieten?"
Unter einem Anfall von Schmerz, der in seinem Kopf hämmerte wie eine unter Beschuss stehende Stahlplatte, ließ er den Kopf zur Seite sinken und rutschte langsam an der Wand zu Boden. Er wollte sich hinlegen, sich ausruhen, obwohl er ahnte, dass er zuvor wohl schon seit Stunden ohne Bewusstsein gewesen sein musste.
„Was wollen Sie dann von mir? Ich kenne Sie gar nicht!"
„Dafür haben Sie uns aber ziemlich interessiert zugehört, oder?"
Keuchend schüttelte Ray den Kopf und merkte wie er mit der Schulter auf den harten Betonboden pralle. Er würde einfach hier liegen bleiben, von hieraus Juns Worten lauschen, die sein Hirn immer noch nicht vollständig aufnehmen konnte. Vielleicht würde ihm später bewusst werden was hier vor sich ging und was er selbst für eine Rolle dabei spielte. Doch jetzt war der verführerische Schlaf das Einzige, an das er denken konnte und somit ergab er sich diesem, spürte wie er hinabdriftete in eine andere Form des Schlafes, die nicht so ausschaltend war wie der vorherige. Denn diesmal glaubte er zu träumen.
Kayano Shuntarô empfing die Nachricht seines Bosses irgendwann um 18:00 Uhr Abends. Seit er die Ruinen bei Isetan
verlassen hatte, war er durch Shinjuku spaziert, hatte im Ikkoku vorbeigeguckt, Cui Hua geweckt, die im Hinterzimmerchen, des noch nicht geöffneten Lokals eingeschlafen war und hatte für ein kurzes Mittagessen bei einem der vielen Nudelstände vorbei geschaut. Das Klingeln seines Handys wäre ihm fast entgangen und als er am Display ablesen konnte, dass es sich um niemand anderen handelte, als Kurosawa, Odas unmittelbar rechten Hand, wusste er sofort was los war. Seit ein paar Tagen hatten Jun und er schon nichts mehr von Oda gehört, sie hatten sich schon Sorgen gemacht, ob ihr Boss mittlerweile besseren Ersatz gefunden hatte und sie ein für allemal abschrieb. Das wäre unweigerlich ihr Ende gewesen. Eigentlich hätte er in Panik geraten müssen. War die Sache ans Tageslicht gekommen? Doch dann überlegte er. Nein, Oda hätte sie schon längst aus dem Weg geschafft, wäre ihm auch nur etwas Derartiges unter die Ohren gekommen. Als Shuntarô die alt bekannten Räumlichkeiten betrat, war Jun schon lange da. Er lehnte mit seiner hageren Figur an einem der Getränkeautomaten, rauchte und blickte seinen Partner nicht einmal an. Unter all den anderen zwielichtigen und fiesen Gestalten, machte er den Eindruck eines gestriegelten Prinzen. Noch immer fand der ehemalige Ringer, dass Shinoyama Jun eine unvergleichbare Ausstrahlung besaß, die ihm unter anderen Umständen, sicherlich eine weitaus angenehmere Karriere beschert hätte. Zumindest eine weitaus legalere.
„Weswegen sind wir hier?"
Lustlos richtet sich Jun auf, drückte die Zigarette in einem der Aschenbecher aus und wand sich seufzend zu seinem Partner um. Hinter ihnen marschierten die ersten von Odas Leuten schon wieder heraus, einer von ihnen rief nach Jun. Die Müdigkeit hatte Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen, überhaupt war Shuntarô der Meinung, dass sein Freund bald möglichst an etwas Schlaf gelangen sollte. Dass Oda sie hergerufen hatte, würde sich heute definitiv als Nachteil erweisen.
„Wir nehmen ein Restaurant bei Odakyu auseinander, der Besitzer hat nicht gezahlt und jetzt lässt Oda ihn hochgehen."
„Und er will unbedingt mich?" Shuntarô verzichtete darauf den Empörten zu spielen, schon lange war ihm klar, dass er Oda als reiner Kampfkoloss diente, als Einschüchterungsmaßnahme, die sich bewiesen hatte. Jun selbst agierte nur mit ihm zusammen und in Kombination waren Sie ein super Team. Jun übernahm das Sprechen, Shuntarô ließ seine Fäuste die Konversation führen.
„Was hast du mit ihm gemacht?"
Der Raum hatte sich mittlerweile geleert und noch bevor Jun einen Schritt nach draußen tun konnte, hatte Shuntarô ihn aufgehalten, um kurz mit ihm zu sprechen. Er blickte ihn eindringlich an, seine riesige Hand schien Juns schmächtige Schulter, auf der sie lag, nahezu zu verschlingen. Der Ton in seiner Stimme war nicht mehr der eines Freundes, sie hatte einen tieferen angenommen, in ihr schwang Sorge, die sie klingen ließ wie die eines tadelnden Vaters.
„Hör zu, wir können uns nicht die ganze Zeit um diese Amerikaner kümmern, Oda wird Verdacht schöpfen…"
Genervt riss Jun sich Shuntarôs Hand vom Körper und funkelte ihn aus grünen Augen erbost an. Mit einer neuen Zigarette fuchtelte er warnend vor dessen Gesicht herum.
„Solange du das Maul hältst, geht alles gut, also reiß dich zusammen! Der Amerikaner macht keinen Ärger, ich hab ihn gefüttert und aufs Klo gebracht, also sieh zu, dass keiner etwas merkt!"
Ein erneutes Brüllen nach Junichis Namen erklang und mit einem warnenden Ausdruck in den Augen, ließ er Shuntarô zurück. Dieser sah seinen Partner besorgt nach. Natürlich war ihm seine cholerische Art bestens bekannt, doch in letzter Zeit passierten diese kleinen Anzeichen eines Tobsuchtsanfalls viel zu häufig. Nicht mehr lange und Jun würde ein weiteres Mal vollkommen ausrasten.
„Hey Jun-chan."
Er hasste es so genannt zu werden, aber Shuntarô wusste, dass dies eine der kleinen Neckereien waren, die er sich noch grade so erlauben konnte.
Mit einem müden Blick wand Jun sich zu seinem korpulenten Freund um und spürte dessen Hand in seinem schmalen Gesicht. Für einen Moment verführte es ihn die Augen zu schließen. Er hätte sich zu gern entspannt, doch genau das hätte Misstrauen hervorgerufen. Es blieb keine Zeit für eine Pause.
„Ich hab ein anderes Handy besorgt. Das läuft über einen falsch registrierten Namen. Damit treten wir mit Blondie in Kontakt. Ich hab ihn angerufen und gesagt er soll warten. Ich hab geahnt, dass wir heute beschäftigt sein würden."
„Gut."
Er strich ihm über die kleine Wunde in seinem Gesicht, die sich von einem tiefen rot in ein zartes lila verfärbt hatten. Innerlich stieg eine Wut in ihm hoch, die ihn beben ließ vor Zorn. Am liebsten hätte er sofort noch einmal auf diesen Amerikaner eingeschlagen, ihn kosten lassen, was es hieß sich mit ihnen beiden anzulegen. Er fühlte sich verspottet und, dass auch noch von einem Ausländer.
„Wir kommen!"
Man wollte nicht länger auf sie warten und so erklang Juns Name zum vierten oder fünften Mal. Er strich sich durch die paar Haare, die sich aus dem Zopf gelöst hatten und band ihn daraufhin wie immer neu.
„Heute erreichen wir nichts mehr. Wir warten ab."
Shuntarô nickte.
„Wie du meinst."
Wutentbrannt feuerte er das Handy in den Fußraum seines Wagens, wo es stumm liegen blieb, während er ausstieg und den Rauch seiner Zigarette auf dem Parkplatz von N-G in die Luft blies. Er blickte sich um und entdeckte bekannte Gesichter von Angestellten, die zügig zu ihrem Wagen eilten, sich keine Zeit ließen, das Auto starteten und davon fuhren. Es war Abend geworden. Die Sonne, die sich heute das erste Mal seit Wochen wieder blicken gelassen hatte, war schon vor Stunden untergegangen. Selbst die fleißigen Japaner machten sich nun auf den Nachhauseweg und schienen den Begriff „Feierabend" endlich eine Bedeutung anzumessen. Er selbst verspürte im Augenblick eine unheimliche Wut auf dieses Land. Wenn er seiner Stimme im Kopf gefolgt wäre, stände er schon am Flughafen, Tickets nach New York einlösend und Tokyo den blanken Hintern zeigend. Würde das ganze endlich vorbei sein, standen die Chancen nicht schlecht, dass er Ray einfach zusammenschlagen würde, um mit ihm zusammen in den nächsten Flieger Richtung Heimat zu steigen. Vielleicht würde er diesen Gedanken sogar in nächster Zukunft Wirklichkeit werden lassen. Ja, mittlerweile schien ihm die Heimkehr gar nicht mehr so abwegig. Was hatte er schon zu verlieren, fragte er sich, als er den Eingangsbereich von N-G passierte und den Weg Richtung der Fahrstühle einschlug. Schnaubend drückte er den Knopf für die höheren Etagen, stieß den Finger so feste auf den kleinen Glashubbel, dass die Fingerkuppe sich weiß färbte. Er fühlte sich bloßgestellt, an seine Grenzen gewiesen, an deren Existenz er zuvor nicht geglaubt hatte. Für unbesiegbar hatte er sich nie gehalten, allerdings für weitaus zäher, nicht so nachgiebig, dessen Wortes Bedeutung er sich im Hinblick auf die vergangenen Stunden durchaus zuwies. Er hatte die destruktive Vorgehensweise in diesem Fall bevorzugt, doch Shinoyama Jun, hatte ihn endgültig in der Hand und das durch einen so simplen Trick. Dass Naivität nicht zu seinen Charaktereigenschaften zählte, war ihm so klar wie Seguchi Tohma klar war, dass seine Sekretärin bellend um den Schreibtisch herumlaufen würde, sollte er dies je von ihr verlangen. An genau diesem Mann würde er scheitern. Nein, wenn er es genau nahm, scheiterte er sogar an zwei Männern und ausgerechnet waren diese Männer auch noch Brüder, das gleiche Blut, die gleiche intrigante Art, wenn auch Shinoyamas Vorgehensweise, die einer miesen Ratte war und bei weitem nicht so elegant wie die seines Bruders.
Mit dem Entschluss, dass dieses Grübeln aufhören musste, betrat er den Lift, drückte den Knopf für die Chefetage und lehnte sich seufzend gegen die verspiegelte Wand in seinem Rücken. Diese nachdenkliche Art passte nicht zu ihm. Die Zeit zu handeln war schon lange gekommen und auch jetzt zerrte seine eigene Sturheit an ihm, zwang ihn dazu sich dem Teufel zu stellen, den er irgendwann heute Nacht Seguchi Tohma getauft hatte. Auch wenn er wirklich nach Amerika zurückehren sollte, würde all dies hinter ihm liegen, kampflos würde er nicht das Feld räumen. Eher würde er die Mauer dieser Sackgasse in der er steckte, mit einem deutschen Panzer platt fahren, als hier einfach nur tatenlos zu versauern, was zweifelsohne Rays Ende bedeuten würde. Auch wenn er den zwei Flachpfeifen Shinoyama und Kayano keinen Mord zutraute, er konnte sich denken, dass die beiden Versager das jemand ganz anderem überlassen würden, um sich nicht unnötig die Finger schmutzig zu machen.
Er blickte verwundert auf, als sich die Türen im fünften Stock plötzlich wieder öffneten und ein ebenso verwunderter Sakano ihm gegenüber stand, der einen gellenden Schrei von sich gab, dreimal aufgeregt um ihn herumtanzte und gestikulierte, stotterte und sich die Haare raufte, als ginge die Welt unter.
„Es ist ein Wunder, dass Seguchi als erster zusammengeklappt ist. Bei dir vermutet man schon mindestens den vierten Herzinfarkt."
„Das ist nicht witzig!"
Wie froh war er, als der Fahrstuhl endlich zum stehen kam und er nicht mehr darum fürchten musste, dass Sakano ihn in der engen Kabine zu Tode quetschen könnte. Entnervt drehte er sich zu ihm um und gab schließlich nach.
„Also gut, was willst du mir erzählen?"
Atemlos stützte sich der Japaner auf die Knie und nickte in Richtung des Ganges in dem sie standen. Am Ende von jenem befand sich Seguchi Tohmas Büro.
„Der Chef ist da", keuchte Sakano und wischte sich ein paar verschwitzte Haarsträhnen aus dem Gesicht.
K erstarrte.
„Seguchi ist hier?"
Das war völlig inakzeptabel. Er war nicht darauf vorbereitet den Mann hier anzutreffen, den er schon den ganzen Tag verflucht hatte. Nie hätte er damit gerechnet Seguchi hier begegnen zu können, nachdem dieser nur einen Tag zuvor mitten bei Fotoaufnahmen zusammen geklappt war. Wie hatte er ohne Aufsehen zu erregen nur ins Gebäude hinein gelangen können? Einzelne, sehr hart gesottene Reporter belagerten weiterhin N-G und schienen noch lang nicht aufgeben zu wollen. Er blieb stutzig.
„Wann ist er angekommen?"
Sakano zuckte die Schultern, anscheinend hatte er sich wieder weitgehend beruhigt.
„Vor einer Stunde erst. Seine Frau hat ihn gefahren."
Er seufzte und fuhr sich durch das schwarze Haar, blickte sehnsüchtig zum Büro seines Chefs, dessen Türen geschlossen waren.
„Wie er aussieht…"
Seine Stimme hatte sich gleichzeitig mit seinem Blick gesenkt, er wirkte ehrlich besorgt so, dass es K selbst beinahe ein wenig um Seguchi Leid tat. Doch diesen Gedanken verwarf er ebenso schnell wie er beschloss Sakano schnellstmöglich loszuwerden und zwar mit einem recht simplen Trick.
„Ich erschieße dich wenn du jetzt nicht gehst."
Sakano blieb jedoch unbeeindruckt.
„Das sagst du jedes Mal und tust es dann doch nicht, langsam langweilt mich das."
„Ich will mit dem Chef reden."
Sakano nickte, wollte grade etwas sagen, als K ihm einen bedrohlichen Blick zeigte und auf die Waffe nickte, die im Holster unter seiner Jacke steckte. Weil Shinoyama ihm zu seinem Ärgernis seine Magnum entwendet hatte, war er gezwungen worden auf sein Waffenarsenal zu Hause zurückzugreifen. Als Ersatz zur Abschreckung von Sakano und sonstigem Pack diente ihm so eine ein schlichte 45er Smith & Wesson.
„Ist schon gut, du musst nicht gleich wieder den Cowboy spielen", kapitulierte der schwarzhaarige und trat den Rückzug mit dem Fahrstuhl an, der immer noch in der Etage hielt.
K schlug sofort ohne zu Zögern den Weg zu Seguchis Büro ein. Den ganzen Tag hatte er sich überlegt wie er handeln wollte, was er diesem Menschen zu sagen hatte, der nicht nur ihn sondern auch seinen einzigen Freund, den er hier in Tokyo hatte, so tief ins Verderben geritten hatte. Das Gefühl machtlos zu sein sagte keinem Menschen zu, ihm am aller wenigsten. Was Shinoyama verlangte konnte er ihm nicht geben, dazu war Seguchi allein in der Lage. Und so war zu allem Übel genau diese widerliche Person seine letzte Chance.
Er begriff selbst nicht warum er in solch einer Situation anklopfte und nicht wütend das Büro stürmte. Wahrscheinlich hatte Japan seine Spuren hinterlassen, ihm Höflichkeit eingetrichtert wie eine bittere Medizin, die man trotz eines unangenehmen Geschmacks immer wieder zu sich nahm, weil es besser für einen war, weil es einen vor Schlimmeren bewahrte. Doch diesmal wagte er nicht den üblichen Überraschungsauftritt, ohne amerikanischen Schlachtruf und eingetretener Türe, betrat er Seguchis Büro, wenn auch ohne das „Herein" abgewartet zu haben. Das Licht war nicht eingeschaltet, lediglich die kleine Lampe auf dem mächtigen Schreibtisch erhellte den Raum. Seguchi Tohma stand vor seinem Regal, den Arm beladen mit drei schweren Aktenordnern, während er einen anderen in der Hand stütze und so nah vor sein Gesicht hielt, dass seine Nasenspitze das Plastik berührte.
„Was willst du?", begrüßte er K ohne sich auch nur umzudrehen, unerkennbar woran er ihn erkannt hatte.
Er antwortet nicht, zog die Tür zu und näherte sich ihm wortlos, schob die Lampe beiseite und setzte sich auf die Tischkante, die Arme verschränkend, ihn betrachtend. Seine Augen verfolgten Tohmas Bewegungen, sahen ihm genau zu wie er ein paar Akten ins Regal zurückstellte, nur um ein paar andere wieder herauszunehmen.
„Was machst du eigentlich hier?"
Diesmal wand sich Tohma zu ihm, sah ihm direkt in die Augen und ließ die Ordner neben K auf den Schreibtisch sinken. In seinem Blick lag diesmal statt der von K so verhassten Überlegenheit und Arroganz, nur Müdigkeit. Seguchi Tohma bot heute die bloße Darstellung eines einfachen Mannes ohne die Unnahbarkeit, das selbstsichere Lächeln und die intrigante Art, die K an ihm entdeckt hatte. Heute verriet nur Tohmas Kleidung, die gebleichten Haare und das außergewöhnlich feine Gesicht ein wenig Besonderheit. Dieses jedoch war blass, die Augen leicht gerötet, die Haare stumpf und glanzlos, außerdem schien er leicht zu zittern.
„Ich nehme mir ein wenig Arbeit mit nach Hause, wenn du gestattest. Das alles erledigt sich nicht von selbst, wie du weißt, " unterbrach ihn Tohma mit leicht heiser Stimme in seinen Gedanken.
„Du siehst nicht gut aus."
„Danke für das Kompliment."
Tohma schien nicht viel an K's Meinung zu seinem äußeren Erscheinungsbild zu liegen, desinteressiert widmete er sich weiterhin den dicken Aktenordnern, breitete sie auf dem Tisch aus und schlug den ersten von rechts auf. Danach beugte er sich so weit herunter bis er die erste Zeile lesen konnte.
„Du bist ja halb blind ohne deine Kontaktlinsen", spottete K und verzog die Lippen zu einem schadenfreudigen Grinsen. Es belustigte ihn ungemein Tohma so zu sehen, auch wenn es nur wie eine Kleinigkeit schien, der mächtige Präsident des Erfolglabels N-G war hilflos wie eine auf den Rücken gefallende Schildkröte. Ungehalten begann er zu lachen, es gefiel ihm, ja es gefiel ihm wirklich. Tohma strafte ihn zwar mit einem vernichtenden Blick, der Sakano wahrscheinlich sofort tot umkippen lassen würde, doch es interessierte ihn nicht. Jetzt, genau in diesem Augenblick befand sich Seguchi Tohma in der richtigen Position. Er legte ihm die Hände auf die Schultern und drängte ihn mit einem Male an das Regal in seinem Rücken. Tohmas Hände umklammerten seine Arme, versuchten ihn von sich zu drücken, bis er ihn mit festem Griff gefangen hielt.
„Was soll das?"
Die Stimme des N-G Präsidenten klang bei weitem nicht wie immer, er war unbeherrscht, keine Spur von falscher Freundlichkeit war zu erkennen, er wehrte sich, er keifte, als K ihn plötzlich an den Haaren zur Seite riss, ihn mit dem Hinterkopf an die Kante des Regals stieß, in dem Tohma zuvor noch Akten ein- und aussortiert hatte. Nun fielen ein paar von ihnen zu Boden, als er mit dem Rücken gegen die Kante gestoßen wurde.
„Lass mich los! Was machst du da?"
„Dein ehrenwerter Bruder scheint schwer von dir beeindruckt Seguchi. Zu komisch, dass ihr beide nicht den gleichen Nachnamen tragt, dabei seid ihr euch so ähnlich."
Tohmas klägliche Versuche sich zu wehren, tat K mit einem selbstherrlichen Grinsen ab, das in gewisser Weise den N-G Präsidenten selbst imitierte und nun verspottete. In diesem Moment, in dem er sich mächtiger denn je fühlte, war die Versuchung diesen Moment in vollen Zügen auszukosten viel zu groß, um zu widerstehen. Auch wenn die vielen Male zuvor genau so eine Einsamkeit in diesem Büro geherrscht hatte, sie ebenso ungestört waren, diesmal war Tohma ihm noch nicht einmal annähernd gewachsen. Ja, als er ihn packte, spürte wie er mit der ganzen Hand die schmale Schulter des Jüngeren umfassen konnte, war der Geschmack der Macht ein solch intensiver, dass er unmöglich widerstehen konnte.
„Du sollst mich loslassen!"
Tohma klang unbeherrscht, sein helle leicht feminine Stimme so laut, wie K sie noch nie gehört hatte. Doch dieser hatte grade erst damit angefangen, dem so mächtigen N-G Präsidenten seine menschlichen Grenzen zu zeigen. Ehe er sich versah hatte er ihn in eines der Regale geschubst. Im Nachhinein hatte es ihm fast leid getan, er hatte ihn nicht damit strafen wollen, zu zeigen wer der stärkere von ihnen beiden war, das wusste er auch so, zumindest körperlich. Tohma hatte sich den Kopf angehauen. Kreidebleich stand er da, seine schmalen Finger in dem hellblond gebleichten Haar gekrallt, prüfend ob er Blut fand. Als er die Hand zurückzog, waren die Fingerspitzen rot, seine Augen vor Entsetzen groß. Er wollte aufsehen, K in die Augen blicken, fragen was das sollte, sich wehren und verteidigen, als dieser ihn schon wieder gepackt hatte, gegen den Schreibtisch drückte und dort festhielt.
„Was soll das?", fauchte Tohma erneut und alleine dieser Ton erfüllte K mit Genugtuung, diese Stimme so erbost, so aus der Fassung gebracht zu hören, klang wie Musik in seinen Ohren. Er hatte keine Ahnung wie diabolisch sein Grinsen wirkte, als er Seguchi Tohma gepackt hielt und unfähig machte für jede weitere Bewegung.
„Ich frage mich wer von euch der Ältere ist. Jun-chan oder doch der Präsident von N-G, der in sorgenfreiem Reichtum lebt, während sein Bruder als Yakuza sein Geld verdienen muss?"
Noch bevor Tohma antworten konnte, hatte K ihn vom Tisch weggerissen und in die Mitte des Raumes gestoßen. Ohne etwas, das ihm Halt hätte bieten können, schlug dieser am Boden auf. Doch K zeigte keine Gnade, riss ihn sofort hoch, packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Wand in seinem Rücken. Tohmas zarte Pianistenhände waren machtlos gegen K, er zerrte an ihm, bekam ihn an den Handgelenken zu fassen und versucht sich zu befreien. Vergeblich.
„Was willst du? Mich verprügeln? Meinst du das macht alles besser?"
K grinste höhnisch.
„Nein, nicht besser, aber es verschafft mir Genugtuung. Dann lerne ich auch einmal dieses sadistische Gefühl kennen, das du und dein Bruder so schätzt. Wer weiß, vielleicht gefällt es mir ja sogar?"
Tohma gelangte schwer an Luft, unfähig ein Wort zu sagen, blitze er den Amerikaner aus seinen grünen Augen an. Es überraschte ihn so sehr aus der Fassung gebracht zu werden und so stieß er trotz seiner momentanen Situation ein heiseres Lachen aus.
„Dass du es erst jetzt bemerkt hast, überrascht mich! Ich habe dich wirklich für schlauer gehalten!"
Seine zierliche Hände versuchten K's Pranken von sich zu zerren, um so an Luft zu gelangen, doch es war erfolglos, der Druck wich nicht von ihm, schien ihn eher mehr und mehr einzuengen. Vor seinen Augen verschwamm die Dunkelheit seines Büros zu einem schwarzen Kloß, der dem Untergang geweiht war, ebenso wie er, sollte es ihm nicht gelingen sich zu befreien.
„K!"
Seine Stimme war ein Krächzen, ein hohler Ton, der ihm selbst viel zu leise für ein Schreien vorkam, nicht wirkungsvoll genug, um dem Amerikaner klar zu machen, dass dieser grade im Begriff war ihn zu erwürgen, sollte er dieser Farce kein Ende setzen.
Er ließ ihn los, als Tohma allmählich alle Gegenwehr aufgab, seine Hände sich von den seinen lösten und sein Gesicht eine Farbe des tiefsten Rots annahm, das K je gesehen hatte. Als Tohma nach Luft rang, schubste er ihn von sich, unglücklicherweise direkt gegen den Schreibtisch in seinem Rücken. Der junge N-G Präsident kam nicht mehr dazu, sich Halt zu verschaffen, mit dem Hinterkopf prallte er gegen die harte Kante und verlor endgültig die Orientierung. Als er sich nach Luft schnappend auf die Arme stützte, war die Welt in eine dicke klebrige Masse getaucht. Noch nie in seinem Leben hatte Tohma den Zorn eines Mannes so deutlich zu spüren bekommen, erst recht nicht körperlich. Nie hatte er Prügel einkassiert oder ausgeteilt, selbst als Jugendlicher war er, aufgrund seiner ruhigen Art, davon verschont geblieben. Und so war es heute das erste Mal, dass es jemand gewagte hatte, ihn auf diese Weise zu zeigen, wer hier der Stärkere war.
„Du bist gar kein vollwertiger Mann, weißt du das? Mit deinem Mädchengesicht und deinem zierlichen Dasein, magst du vielleicht ein hübsches Kerlchen sein, aber deine Frau und das Kind kannst du damit nicht beschützen."
Noch war das Gefühl der Wut dominanter gegenüber der Vernunft und der Tatsache, dass er hier jemandem körperlichen Schaden zufügte, der, so wie er es schon gesagt hatte, physisch gar keine Chance gegen ihn hatte. Und doch wurde er rasend, als er in Seguchi Tohmas Augen immer noch diese Arroganz entdeckte, die zwar gemischt mit Furcht und Entsetzen zu ihm hinauf blickten, aber dennoch so überlegen schienen. Um dies zu brechen, zerrte er den von Schmerz benebelten Tohma wieder zu sich herauf, hielt ihn am Oberarm und senkte sein Gesicht zu ihm hinunter.
„Dein geliebtes Brüderchen scheint dir auf die Schliche gekommen zu sein und jetzt will er dir an dein so hoch geschätztes Vermögen. Und wenn du nicht willst, dass ich dir jeden Knochen einzeln in deinem schönen Modelkörper breche, tust du was er verlangt, hörst du?"
Er gab Tohma gar nicht die Chance zu antworten, zumal dieser gar nicht verstand was hier eigentlich vor sich ging. Ihn immer noch fest im Griff, krallte er die andere Hand in Tohmas Haare und zog ihn wutentbrannt auf gleiche Höhe. In dem Moment, ihm selbst, so schien es unbewusst, zeigte er das gleiche höhnische Grinsen, für das er Tohma immerzu in Gedanken angeklagt hatte.
„Offenbar schreckt diese miese Ratte nicht davor zurück meine Freunde da hineinzuziehen, geschweige denn mich jetzt deinetwegen zu erpressen!"
„Ich weiß überhaupt nicht wovon du redest K!"
„Das glaub ich dir gern! Dein scheiß Bruder hat einen meiner besten Freunde in seiner Gewalt und will jetzt, dass du dafür zahlst und das wirst du auch schön tun, hast du mich verstanden? Schließlich bist du auch an allem Schuld!"
Er spürte wie Tohmas Gegenwehr wieder zunahm, seine Fingernägel sich in seine Hände gruben, sein Körper sich aufbäumte. Trotzdem gab er nicht nach, sollte der arrogante, adrette und so hoch bewertete Präsident dieses elenden Musiklabels, ruhig zu spüren bekommen, dass auch er machtlos sein konnte, auch wenn er auf solch primitive Möglichkeiten zurückgreifen musste, wie seine Fäuste zum Einsatz zu bringen, erst recht nicht gegen jemanden, der sich nicht zu verteidigen wusste und zudem auch noch gesundheitlich angeschlagen war.
Tohma musste sich seine Stimme erkämpfen, der Schmerz, der ihm von den Haarwurzeln die Wirbelsäule hinunterwanderte, raubte ihm alle Sinne, keuchend versuchte er sich zu behaupten, doch dies war bereits seit der ersten Minute an zum scheitern verurteilt, dass er hier den kürzeren ziehen würde, war von Anfang an klar gewesen, körperlich konnte er K nicht das Wasser reichen und trotzdem dachte er nicht daran jetzt klein bei zugeben, erst recht nicht wenn er gar nicht genau wusste worum es eigentlich ging.
„Willst du Geld, ist es das? Ich soll bezahlen für deine Unfähigkeit? Du solltest ihn lediglich beobachten und mir Bericht erstatten! Dass du dich in seine Angelegenheiten einmischst, davon war die nie die Rede, also trag deine Konsequenzen selbst!"
Die Worte lösten bitteren Zorn in ihm aus, mehr noch, sie steigerten seine Wut ins unermessliche, ließen ihn gegen seinen Willen noch gewalttätiger gegen Tohma vorgehen, der nicht in der Lage war sich zu wehren. In blindem Hass schlug er plötzlich auf ihn ein, er hatte kaum realisiert mit welcher Kraft er zugelangt hatte, da hallte der Schlag in seinen Ohren wieder. Er hörte Tohma aufschreien, alles in der gleichen Sekunde, dann vernahm er sein eigenes Brüllen.
„Mir ist es gleich welches deiner unzähligen Konten du leeren musst, um diesen Betrag zu begleichen, feststeht, dass du es tun wirst, ansonsten richte ich dir dein schönes Gesicht so zu, dass du dich übergeben musst, wenn du dich im Spiegel siehst!"
Tohma war unfähig auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen. Schmerz beherrschte sein Denken, einer wie er ihn noch nie zuvor empfunden hatte. Die Welt stand still, war geräuschlos, dumpf und nichts sagend, während der eigene Körper vor Schmerzen schrie. K's Worte gewannen nur langsam eine Bedeutung, sie waren ein bloßes Echo in seinen von Schmerz erfüllten Gedanken. Er nickte schwach, spürte wie K ihn auf den Boden sinken ließ, fühlte wie er mit dem Kopf gegen den Fuß seines Schreibtisches stieß, als er einfach so liegen blieb, kraftlos in sich zusammen gesunken, alles Äußere nur wie durch einen dichten Nebel wahrnehmend. Er bewegte die Lippen, aber kein Wort drang hervor, dennoch er fürchtete K's Ungeduld, seinen nächsten Schlag, er hatte in der Tat Angst vor jemanden, eine Tatsache, die ihm selbst schon fremd geworden war und die der Amerikaner sicherlich seiner Überheblichkeit zugeschrieben hätte.
„Ich werde mit meinem Bruder reden."
Ob es nun dieser Satz war, den K hören wollte oder nur die Genugtuung, dass der große Seguchi am Boden lag, es schien vorbei zu sein.
„Du bist jämmerlich. Es wurde Zeit, dass dir jemand Menschlichkeit zeigt, dass auch du verwundbar bist, wenn auch auf diese Weise. Du bist nichts besseres Tohma."
„Hmhm…", war das einzige was er hervorbrachte, bevor er hörte wie K das Büro verließ. Licht floss durch den langen Flur in sein dunkles Büro, lange Zeit blieb es still, nichts schien sich zu tun und auch er lag einfach nur so da, konnte sich nicht rühren, weil Schmerz ihn am Boden fesselte.
Dann glitten Schatten durch den Raum und im nächsten Moment hörte er Sakano kreischen.
Dass diese undankbare Arbeit auch ihre Vorzüge hatte, bekam Shuntarô in der Form von Schlagsahne zu schmecken, in die er immer wieder den Finger hineinstippte. Zudem war dies die einzige Beschäftigung die ihm noch blieb, nachdem er seinen Teil der Arbeit für alle zufrieden stellend erledigt hatte. Die eigentliche Hauptrolle hatte ohnehin er in diesem Szenario gespielt, egal wie sehr Jun sich nun bemüht hatte den Anführer zu mimen. Allerdings war ihre Aufgabe für heute sowieso schon erledigt. Auch sein Partner schien der Ansicht zu sein, denn ein zufriedenes Grinsen umspielte seine Lippen, als er einen Apfel an seinem Jackett abwischend, zu Shuntarô in die Großküche des Restaurants trat, in dem sie grade einen Auftrag erledigt hatten.
„Ich glaub du hast ein bisschen zu dick aufgetragen, Shu-chan. Der Wicht bringt kein Wort mehr hervor, total verängstigt, noch nicht einmal ein bisschen Yakisoba wollte er mir machen."
Schultern zuckend biss er genüsslich in den blutroten Apfel, während er Shuntarô über die Schulter schaute. Dieser hatte mittlerweile genug von der steif geschlagenen Zuckrigkeit und malte nachdenklich undeutlich Schriftzeichen auf den Edelstahl der Spüle.
„Hast du inzwischen eigentlich über unser Problem nachgedacht?"
Nach der Beschäftigung für diesen Abend, die gleichzeitig eine Ablenkung für das gefährliche Unterfangen und ihr Solo war, sprach Shuntarô zum ersten Mal wieder über ihre eigentliche Sorge. Jun, der zuvor noch völlig verstrickt in alle möglichen Überlegungen schien, war nun die Ruhe selbst. Völlig gelassen stießen seine weißen makellosen Zähne noch einmal in den Apfel. Im Gegensatz zu seinem Freund, schien er sich keine weiteren Gedanken mehr zu machen.
„Mir ist etwas klar geworden. Dieser Amerikaner ist sicherlich nicht so blöd und vertraut einzig und allein auf mein kleines Showbizz Brüderchen. Der wird seine eigenen Ermittlungen aufnehmen, so wie er es schon die ganze Zeit macht, der wird jeden einzelnen Stein in Tokyo umdrehen, bis er seinen Freund gefunden hat."
„Und dann bleibst du so ruhig?"
Shuntarô war entsetzt.
„Lass mich ausreden…," beruhigte Jun ihn und knabberte die letzten Reste vom Kerngehäuse seines Apfels, bevor er ihn mit einem gekonnten Wurf in die Mülltonne beförderte. Die letzte Stunde, in der sie ihre Arbeit erledigt hatten, war ihm einiges klar geworden, was vorher noch im Verborgenen geblieben war. Ihre fürwahr stümperhafte Aktion, den Amerikanern zu kidnappen, sollte sie in erster Linie davor bewahren verraten zu werden. Nicht nur die Polizei wäre interessiert gewesen, sondern auch das ehrwürdige Oberhaupt, ganz zu schweigen von gewissen anderen Personen, die ebenfalls mitmischten.
„… und so ist es das Beste, wenn wir erstmal abwarten welche Schritte bislang eingeleitet wurden."
„Du meinst dieser Amerikaner hat deinen Bruder mittlerweile kalt gemacht?"
Genervt verzog Junichi das Gesicht und griff nach einer Dose mit Soda, die zufällig neben ihm stand. Manchmal brachte dieser Job doch wirklich gute Gelegenheiten sich umsonst an gewissen Dingen zu bedienen.
„Red keinen Unsinn. Der wird sich hüten. Schließlich habe ich ausdrücklich darum gebeten unser schönes Sümmchen von Seguchi-san persönlich zu kassieren."
Auf das Thema schien Shuntarô allergisch zu reagieren.
„Warum eigentlich? Warst es nicht du, der gesagt hat wir müssten aus dieser Sache raus? Geld egal von wem? Und jetzt nutzt du diese beschissene Situation dazu, um private Rachefeldzüge zu planen!"
„Das hat damit überhaupt nichts zu tun!", setzte ihm Junichi ebenso laut, wie sein Freund es geworden war, entgegen.
„Die Sache hat sich geändert", ergänzte Jun kompromisslos und öffnet die Dose. Als er sie schon an die Lippen gehoben hatte, griff Shunarô dazwischen und nahm sie ihm ab.
„Verarsch mich nicht! Ich dachte es geht uns einzig und allein um die Kohle! Doch dir geht's um viel mehr! Vergiss es Jun, da spiele ich nicht mit!"
„Das ist unsere Chance!"
„Ja und es ist auch meine!"
Die Getränkedose schlug am Boden auf und der Inhalt ergoss sich sprudelnd über den gekachelten Küchenboden. Einige Sekunden herrschte Stille zwischen den beiden Männern. In Junichis Augen lag eine unbändige Wut, heraufbeschworen von tiefsitzender Leidenschaft, die er seinem Temperament zu verdanken hatte, das ihn manches Mal in verzwickte Lagen hinein manövrierte. Heute so schien es, mischte sich auch der Stolz mit in seine Entscheidungen, mehr denn je sogar so schien es ihm, denn er zitterte. So leicht, dass es nur Shuntarô bemerkte, jedem anderen wäre es nicht aufgefallen, aber Shinoyama Junichi bot das Bild eines Mannes, der von seinen Emotionen überwältigt wurde. Shuntarôs massigen Ringerhände, verschlangen Juns Schultern nahezu, als er ihn mühelos einen Schritt zu sich zog.
„Junge, du solltest deine Nase nicht zu weit in den Dampf der Vergangenheit stecken, sonst verbrennst du dich wieder und wieder."
Jun starrte stumm geradeaus, seine Augen fixierten einen lockeren Knopf an dem Hemd seines Freundes.
Shuntarô seufzte.
„Genau so wie dich der Rauch eines Feuers zuerst erstickt, bevor du verbrennst, genau die gleiche Sache."
Junichi schnaufte, seine Schultern hoben sich leicht unter dem Griff des ehemaligen Sumoringers.
„Und warum redest du in diesem Fall von Wasser und nicht von Feuer?"
Weil er diese Frage nicht wirklich beantworten konnte, zuckte Shuntarô die Schultern.
„Ich weiß nicht, vielleicht muss letztendlich nicht alles eine Bedeutung haben."
Der zuvor dumpfe Schmerz war einem erneuten Gefühl der nahen Ohnmacht gewichen. Das grelle Licht der Neoporenlampe flackerte vor seinen Augen, ehe es in scheinbar dickflüssige Tropfen verschwamm, er wieder nahe dran war das Bewusstsein zu verlieren. Seguchi Tohma wusste, dass er mit dem Kopf hart aufgeschlagen sein musste, auch wenn die Erinnerung daran schon jetzt immer undeutlicher wurde. Er schmeckte Blut im Mund und die Augen tränten ihm, weil er sie so oft rieb, um das Gefühl der Benommenheit zu vertreiben.
„Seguchi-shâcho…"
Er spürte Sakanos Hände um seine Handgelenke und hob den Kopf, um in das besorgte Gesicht seines Assistenten zu sehen. Dieser hatte irgendwie geahnt was K vorhaben könnte, auch wenn er es nicht glauben konnte. Als er jedoch den immensen Krach vernommen hatte, war ihm klar geworden, dass seine Befürchtung eingetreten war. Mittlerweile umflatterte nicht nur er alleine den Präsidenten von N-G, Trubel war in Tohmas Büro eingekehrt. Sicherheitsangestellte und ein Arzt waren gerufen worden. Letzterer versuchte Tohma dazu zu bewegen, sich auf das Sofa am anderen Ende des Raumes zu legen, jedoch vergeblich, da sich Tohma konstant weigerte und immer wieder, wenn auch nicht grade überzeugend, murmelte, dass es ihm gut ging.
„Eine geprellte Schulter…," hörte er den Arzt sagen, dann spürte er wie dieser ihm den Kopf hierhin und dorthin drehte, um sein Gesicht zu betrachten, das aufgrund von K's Schlägen ein paar hässliche Wunden aufwies.
„… das ist sehr schmerzhaft, außerdem eine Platzwunde am Hinterkopf, eventuell eine leichte Gehirnerschütterung, Blutergüsse im Gesicht, das wird erst morgen schöne Farben annehmen."
Der junge Arzt, den Tohma sogar jünger, als sich selbst schätzte, war immer noch mit nervendem Eifer dabei ihn zu untersuchen.
Das Nasenbluten hatte aufgehört, trotzdem war jeder Atemzug mit Schmerzen verbunden. Für ein paar Sekunden schloss er die Augen, sammelte jeden Fetzen von Selbstbeherrschung zusammen und fügte sie in ein beruhigendes Lächeln. Mit der Hand rieb er sich die verletzte Wange.
„Meine Herren, würden Sie mich für einen kurzen Augenblick bitte alleine lassen?"
Der Arzt, sowie auch die Sicherheitskräfte blickten Seguchi verwundert an.
„Ich möchte nur für einen Moment zur Ruhe kommen, bitte", erklärte er.
Die kurze Diskussion, um einen eventuellen Krankenhausaufenthalt seitens des Arztes, wurde auf später verlegt. Die Männer waren bereit zu gehen, mit ihnen auch Sakano, bis dieser erneut die Stimme seines Chefs vernahm.
„Sakano-san, Sie bleiben bitte hier."
Verwundert blickte er auf. Hatte Seguchi nicht um einen stillen Augenblick gebeten? Doch der Anblick des Firmenpräsidenten jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Die grünen Augen funkelten boshaft und das zwar hübsche, aber nun mehr leicht geschundene Gesicht, war zu einer zornigen Miene verzerrt.
Sakano ahnte worum es ging.
„Bitte Shachô, es tut mir leid, ich wusste nicht, dass K-san…"
„Was Sie nicht wissen interessiert mich nicht. Ich will wissen was K-san weiss."
Seguchis Stimme klang gereizt, unbeherrscht. Zum ersten Mal, seit er Seguchi Tohma begegnet war, vernahm er dessen Worte in dieser Tonart. Instinktiv wich er zurück, als Tohma mühsam und doch noch ausreichend elegant , vom Schreibtisch rutschte und auf ihn zukam.
„Was hat er herausgefunden Sakano-san?"
Da er nicht wusste was er antworten sollte und durfte, schüttelte er nur den Kopf.
„Shachô, ich weiß wirklich nicht…"
„Mit den richtigen Druckmitteln wissen Sie sehr wohl. Also was hat K-san herausgefunden?"
Seguchis Stimme war nun endgültig erbost, er war laut geworden. Nie, nicht einmal im Ansatz hätte Sakano vermutet seinen Chef so aus der Fassung zu sehen.
Er sah sich an die Wand gedrängt, so nah stand Tohma nun vor ihm, er war blass bis auf die dunkler werdenden Wunden im Gesicht, an den schmalen Schultern konnte er erkennen, dass er zitterte, stark zitterte.
„Hören Sie Sakano, ich werde außer Acht lassen, dass Sie ihre Loyalität offenbar an den erstbesten Amerikaner in dieser Firma abgetreten haben, aber ich werde Sie auf der Stelle vor die Tür setzen, wenn Sie mir nicht augenblicklich erzählen was K vorhat!"
Sakano erstarrte bewegungslos und sah den losgelösten Seguchi entsetzt an, er erschien ihm wie ein wild gewordenes Tier, dessen Käfigtür nun endlich offen stand. Und doch bemerkte er, dass es zuviel für den N-G Präsidenten war, er war bald am Ende seiner Kräfte angelangt und nicht nur das, auch das Maß der Selbstbeherrschung war erschöpft, der letzte Tropfen war verbraucht und es gab im Augenblick nichts, was es wert gewesen wäre, irgendeine Maske noch aufrecht zu erhalten. Sakano war zu unwichtig, als dass er darauf plädieren könnte, wie abhängig die Firma von seinem Bestehen wäre, abgesehen davon wagte er es nicht, hätte es niemals gewagt dem Präsidenten gegenüber solche Widerworte zu gebrauchen. Stattdessen hob er abwehrend beide Hände und wich ängstlich zurück, er spürte wie ihm der kalte Schweiß den Nacken hinabperlte, sollte Seguchi ihn heute wirklich feuern, würde er sich einen Job suchen, bei dem er nicht in jeder Sekunde nahe dem Herzinfarkt war. Dieser Gedanke wurde immer hartnäckiger und als Sakano sich schon für 100 Yen in der Stunde Einkaufswagen im Supermarkt zusammenschieben sah, war der einzige Ausweg nämlich dieser, Seguchi alles zu erzählen was er wusste.
Dass es Nacht geworden war, war nur eine der vielen Tatsachen, die es zusammenzufassen galt. Vorsicht war geboten für so vieles, das Gefahr lief aufeinander zutreffen. Er fühlte sich wie der Gegenpol eines Kupplers, wie ein im Dunkeln und Verborgenen operierender Agent, immer darauf bedacht die Dinge geheim zu halten, die es zu erledigen galt. Oder wie ein Verräter, immerzu auf der Flucht und dem Risiko zur Last, bei jedem Handschlag einen fatalen Fehler zu begehen, sich zu verraten, was ihm zweifellos den Kopf kosten würde. Ja, er war letzteres. Mehr als alles andere überwog dieses Detail seiner momentanen Situation allen anderen Beschreibungen. Auch das war eine Tatsache, eine von so vielen, die er keine Relativität verleihen konnte, sie war ein Fels, den selbst der stärkste Mann nicht bewegen konnte. Er wollte sich das Rauchen abgewöhnen, das hatte er so viele Male beschlossen, aber wenn er jetzt die Straße hinuntersah, und die Menschen an ihm vorüber zogen wie ein steter Fischschwarm, kamen ihm Zweifel, ob er das alles ohne eine Beruhigung durchstehen würde. Er hasste diesen Trubel, im Rotlicht der vielen Neonreklamen wirkten die Menschen krank, jeder einzelne von ihnen, blass und monoton.
Nachdem er die Gelegenheit genutzt hatte sich eine Dusche und einen frischen Anzug zu gönnen, streifte er durch die engen Gassen des Vergnügungsviertels. Obwohl Lärm auf den Strassen herrschte, hörte er nur seine eigene Stimme im Kopf, verfallen in Gedanken, Überlegungen und konkreten Plänen, welcher der nächste zu sein hatte.
Ins „Ikkoku" konnte er nicht, der Amerikaner würde dort lauern und ohne strikte Anweisungen, einen Plan was als nächstes zu tun galt, oder Shuntarô sicher im Rücken wiegend, getraute er sich nicht ihm gegenüberzutreten. Zu Hause wiederum hielt er es auch nicht aus und so verfluchte er auf der einen Seite sein Vorhaben und malte sich auf der anderen Seite aus, um wie vieles sich die Zukunft besser gestalten ließ, würden sie erst über die finanziellen Mittel verfügen, dem ganzen hier ein Ende zu bereiten. Ja, sie wären frei. Und das half ihm diese ganze Sache durchzuziehen.
Weil er nicht wusste wohin er gehen sollte, war er einfach in eine unbestimmte Richtung geirrt. An einem fahrbaren Nudelsuppenstand legte er eine Pause ein und gönnte sich ein kühles Bier. Seufzend hielt er sich die Flasche kurz an die Wange und ließ zu, wie die das eisgekühlte Glas seine Sinne wiederbelebte, den Verstand erfrischte, der vom vielen Nachdenken ganz wirr war. Nach ein paar Minuten Rast, setzte er seinen sinnlosen Spaziergang fort, bog in eine der vielen Gassen ein und lehnte sich an die Hinterwand eines Restaurants, neben ihm kreisten hörbar Fliegen um verrottenden Abfall. Das Klingeln des Mobiltelefons riss ihn aus seinen nun mehr nebensächlichen Gedanken und zerfetzte die gedämpfte Stille. Die Melodie hatte er nicht ausgewählt, es war ein albernes Kinderlied, eine Standarteinstellung, die niemand geändert zu haben schien. Er brauchte eine Weile, um zu registrieren, dass es nicht sein eigenes Telefon war, das dort klingelte, sondern jenes, das er extra für ihr Vorhaben auserwählt hatte. Als er es aus der Hosentasche hervorzog, erschien auf dem Display die einzige eingespeicherte Nummer. Mit Widerwillen nahm er ab.
„Ja?"
„Ich war bei Ihrem Bruder. Vergessen Sie das Geschäft."
Er lachte kurz auf, der Mann am anderen Ende der Leitung war weit weg, die Stimme konnte ihm kaum etwas anhaben.
„So, so, dass mein werter Herr Bruder nicht begeistert darüber sein wird von mir zu hören, konnte ich mir denken. Trotzdem. Sie wissen was Sie zu tun haben. Besorgen Sie mir das Geld."
K protestierte heftig, er war erregt, seine Stimme bebte.
„Er wird es Ihnen nicht geben! Ich zahle Ihnen meinetwegen das Geld, oder ich bringe Sie um, suchen es Sie es sich aus, sie räudiger…"
Jun schüttelte den Kopf.
„Nein, mein Bruder wird für Ihre Unverschämtheiten bezahlen. Das ist eine private Angelegenheit. Tohma hat mich herausgefordert, hat Sie angestellt, um mich zu beschatten. Jetzt soll er wissen was ich will."
„Er gibt es Ihnen nicht!"
„Das Geld, K-san, von Seguchi Tohma und keinem anderen. Wenn Sie mir keine guten Nachrichten überbringen können, platzt unser Deal, dann können Sie in Amerika schon mal einen hübschen Grabstein anfertigen lassen."
„Sie werden es nicht wagen ihn umzubringen, Sie sind kein Mörder!"
Ein dunkles Lachen ertönte seitens Junichi.
„Ich werde ihn einfach verhungern lassen. Seien Sie kein Narr, tun Sie das was ich Ihnen sage."
Eine Weile herrschte Stille am anderen Ende, dann hörte er K lachen. Irritiert zog Jun die Augenbrauen zusammen, als der Amerikaner nicht antwortete, begann er wütend zu werden.
„Was ist so witzig?"
K beruhigte sich.
„Sie sind ein seltsamer Erpresser."
„Was zur Hölle meinen Sie?"
„Naja, warum ausgerechnet jetzt? Sie sind doch nicht erst seit gestern mit dem steinreichen Seguchi verwandt, Sie hätten jederzeit auf ihn als Geldquelle zurückgreifen können, Sie brauchen diesen Freak von Ray nicht, um an Geld zu gelangen. Tohma hätten Sie ganz leicht damit drohen können, die Wahrheit ans Licht zu bringen oder? Das ist für die Presse ein gefundenes Fressen. Der große Seguchi mit dem reinen Image ist der leibliche Bruder eines Verbrechers und noch dazu eines Yakuza. Ganz schnell kämen die Gerüchte auf, Sie würden zusammen Geschäfte machen, sein Ruf wäre ruiniert, wahrscheinlich würde auf Verdacht sogar die Polizei ermitteln. Seguchi Tohma investiert in Aktien, in Immobilien, warum nicht auch in Schutzgelder? Seine grenzenlose Macht wäre erklärbar geworden. Verbindungen in die japanische Unterwelt. Aber so ist es nicht, nicht wahr? Seguchi ist sauber was das betrifft. Vielleicht haben Sie es schon versucht, aber er hat Sie nur ausgelacht. Ihr Bruder besitzt eine Macht, die man nicht beeinflussen kann, er ist wie ein unbezwingbarer Berg, es bringt nichts nach einem Skandal zu suchen und jede Erpressung winkt er nur müde lächelnd ab. Mit welchem Grund hat er Ihnen eine Abfuhr erteilt, hm? Nun los, verraten Sie mir Ihre wahren Gründe!"
„Tohma ist an „mich" ran getreten, haben Sie das vergessen, durch Sie!"
„Ja, weil er einmal, seit ich Ihn kenne, eine menschliche Geste gezeigt hat. Er war besorgt. Er hat Ihren Namen gelesen, in der Zeitung, der Artikel über den angeblichen Unfalltod dieses Mannes. Tohma kennt diesen Mann und er weiss, dass Sie irgendwie mit ihm in Verbindung stehen. Aus irgendeinem Grund, kennt er Ihr Umfeld, er weiss stets wo Sie sind, mit wem Sie verkehren. Von irgendwoher erhält er wage Informationen. Ich sollte Sie beschatten, um zu überprüfen ob Sie wirklich etwas mit dem Tod dieses Kerls zu tun haben. Aber das haben Sie nicht, oder? Wie gesagt, Sie sind kein Mörder. Sie brauchen Geld, ja? Aber was noch, was zur Hölle wollen Sie noch?!"
Junichi schwieg, nahm das Handy vom Ohr und legte auf. Als es erneut die kindische Melodie abspielte und K's Anruf signalisierte, schaltete er es ganz aus.
Zum Teufel.
War er wirklich so leicht zu durchschauen?
„Du hast mich noch nie in deinem Leben um einen Gefallen gebeten."
„Irgendwann ist immer das erste Mal."
„Hmm."
Eiri wandte misstrauisch den Blick von der Straße und betrachtete seinen Schwager, der mit seinem ausgemergelten Körper förmlich von den breiten dunklen Polstern verschluckt wurde.
„Und du siehst erbärmlich aus, Tohma, wenn ich das mal so sagen darf."
„Hmhm."
Er verzog die schmalen Lippen zu einem halben Lächeln und starrte auf einen Blutfleck, der den Saum seiner 800 Dollar Hose beschmutze, die er extra, zusammen mit einem sündhaftteuren, maßgeschneiderten Jackett, auf der letzten Geschäftsreise anfertigen hatte lassen. Die Schmerzmittel, die man ihm verabreicht hatte, gewannen nach und nach die Überhand. War er noch eben eines klaren Gedanken fähig, so wurde er jetzt eingehüllt von einem süßen und schmerzlosen Rausch.
Als Eiri einsah, dass die Chancen auf eine vernünftige Antwort schlecht standen, gab er es auf und konzentrierte sich auf die Straße. Noch immer war es ihm ein Rätsel welche schicksalhafte Bewegung es in die Wege geleitet hatte, dass er in den Genuss kam, den sonst so wackeren Seguchi in einem derartigen desolaten Zustand zu erleben.
Den Rest des Weges verschlief sein Schwager und auch, als Eiri ausstieg und rücksichtslos laut die Fahrertür zuknallte, rührte sich der bleich-blonde Mann nicht. Er riss die Tür auf seiner Seite auf und rüttelte Tohma an der Schulter.
„Hey, aufwachen! Oder willst du im Wagen schlafen?"
Tohma gab ein leises Murren von sich und schien bemüht sich trotz Einfluss von drei verschiedenen Pillen, irgendwie aus dem Wagen zu bewegen. Er spürte wie seine Finger die Ärmel von Eiris Jacke berührten, dann den Griff um seine Schultern, als er hochgezogen wurde. Einzelne Worte verloren sich in einem Sog von verschiedenen Halluzinationen, dann verschwamm alles wieder und er fühlte sich von Wärme einer zähen Flüssigkeit gleich umschlossen, wie die Mücke im Bernstein, langsam wurde alles hart, die Realität… Eiris Stimme.
„Junichi…", brachte er in einem Keuchen über die Lippen und langsam wurde ihm klar, dass seine Knie drohten den harten Bürgersteig vor Eiris Appartement zu berühren. Warum hatte er ihn hierher und nicht nach Hause gefahren?
Auf diese Frage hin gab sein Schwager nur eine gefauchte Antwort:
„Hätte ich dich in diesem Zustand bei meiner Schwester abliefern sollen, du Idiot? Mensch Seguchi, sie ist schwanger, sie soll sich nicht aufregen!"
Die Worte verloren schnell Bedeutung kaum, dass er sie wahrgenommen hatte. Als er die Augen öffnete blendete ihn das Licht von Straßenlaternen. Eiri hielt ihn krampfhaft aufrecht, so gut er konnte, der feste Griff unter seinen Schultern war für ihn spürbar, er wusste wo er war und was passiert war und doch war ihm so schlecht, dass er meinte alles um ihn herum wäre ständig in Bewegung, würde sich um sich selbst drehen, dass die Farben der Nacht ineinander liefen, doch dem war nicht so. Lediglich seine Beine konnten ihn nicht mehr tragen, doch er hatte festen Boden unter den Füßen.
„Was murmelst du da?"
Er hörte Besorgnis in Eiris Stimme und versuchte ihm aufrecht in die Augen zu sehen. So verschwommen, wirr und auseinandergepflückt ihm seine Gedanken auch erschienen, das eigentliche Problem ging ihm in diesem Moment auf, wie die blutrote Sonne zu Beginn dieses Tages.
„Junichi… er…"
Bittere Flüssigkeit stieg ihm in den Mund und er schluckte angewidert, dann tastete er in der Innentasche seines Jacketts nach dem kleinen silbernen Handy.
Verzweifelt und geplagt von den Schwächen seines kapitulierenden Körpers, krallte er die Hand in Eiris Kleidung und zog ihn ein Stück hinunter, er wusste nicht wie laut seine Stimme letztendlich war, doch er schaffte es zu sprechen, die Übelkeit und die Dunkelheit würden bald siegen, dann war da nicht mehr viel was er diesen Abend noch bewegen konnte.
„… er hat Verrat begangen, an Oda…"
Eiri schüttelte ärgerlich den Kopf und rüttelte Tohma leicht.
„Von was zur Hölle redest du da?"
„Oda hat es in die Wege geleitet, Junichi… er hat nur etwas… er weiss etwas, was Oda nicht einfach aufgeben kann."
Er hustete und hörte Eiri ihn anschreien, er schien zugleich schockiert wie verwirrt, Tohma konnte es ihm nicht verübeln, aber er musste es einfach loswerden, er musste es sagen und dann musste er die verdammten Tasten auf dem verdammten Handy drücken und endlich anrufen! Dem Ganzen ein Ende setzen!
Die letzte Kraft brachte er auf, um Eiri am Arm zu packen, schmerzhaft bohrten sich seine Finger in den Oberarm seines Schwagers.
„… bitte, ich muss mit Oda unbedingt reden, ihm anbieten…, sonst…"
Er holte Luft und spürte das kommende Zittern.
„… ich habe Morita umbringen lassen."
Dann schloss er die Augen und sah Odas Gesicht vor sich.
Das höhnische Grinsen.
Fortsetzung folgt…
