Kapitel 3 – Gestärkt in den Tag (Hermine)
Hermine analysierte während des Frühstücks den Stundenplan der vier Junglehrer, den Prof McGonagall eben ausgeteilt hatte. Jeden Tag würden sie von 10:00–12:00 und von 15:00–17:00 VGDK unterrichten, und dazwischen noch selbst Unterricht in Kräuterkunde und so weiter haben.
Das wird hart werden. Aber zum Glück sind die Stundenpläne an unsere Situation angepasst worden: Harry und Malfoy unterrichten die ersten und dritten Klasse, Ron und ich die zweite und vierte Klasse. Die fünfte, sechste und siebte Klasse unterrichten wir immer zu viert. Und es werden immer alle Schüler eines Jahrgangs unterrichtet, nicht nur die Schüler zweier Häuser. Damit hält jeder von uns zweimal täglich eine Doppelstunde VGDK, zusätzlich zum Unterricht, wo wir als Schüler sitzen.
Siegesbewusst und kampfbereit atmet Hermine tief ein. So eine Kleinigkeit schreckt Hermine Granger nicht ab. Das wäre doch gelacht!
Zu ihrer Linken hörte sie ihren Freund mit einem lauten Ächzen den Stundenplan kommentieren. Offensichtlich teilte er ihre Meinung nicht, dass das machbar sei. Dabei hatte er mehr Zeit zur freien Verfügung als sie, weil er weder Alte Runen noch Arithmantik zu besuchen hatte.
„Ach, Ron, stell Dich nicht so an. Du hast noch genug Zeit übrig, selbst wenn Du noch die Zeit berücksichtigst, die Du für das Quidditch-Training, für das Korrigieren der Hausübungen und für das Vor- und Nachbereiten des Unterrichts aufbringen musst."
„Um Merlins Willen, das kommt ja auch noch dazu!", rief Ron daraufhin fast verzweifelt aus und lief ein wenig grünlich im Gesicht an. Hermine hatte zwar Mitleid mit ihm, aber sie konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen: Sein grüner Teint verbunden mit seinen roten Haaren, er erinnerte sie an eine zu groß geratene, verkehrte Karotte. „Wie sollen wir da noch zu irgendwas kommen? Und wir zwei werden auch kaum Zeit miteinander verbringen können ... Ich glaube, mir wird schlecht." Er stochert grüblerisch in seinem Müsli herum. „Hm, nein, da wird sich Quidditch nicht ausgehen. Ist zwar echt schade, aber das werd ich dieses Jahr streichen müssen."
Hermine war überrascht: Er konnte so einfach eine unangenehme, dafür erwachsene Entscheidung treffen. Sie lehnte sich zu ihm und drückt ihm einen Kuss auf die Wange.
„Wow, wofür war denn das?", staunte Ron.
„Dafür, dass Du so bist, wie du bist." Sie wollte sich gerade wieder in den Stundenplan vertiefen, als ihr auffiel, dass ihr noch jemand abging: „Wo ist eigentlich Harry? Kommt er nicht frühstücken?"
„Er kommt bald nach, er hat sich schon um sieben mit Malfoy getroffen, damit sie sich gemeinsam auf den heutigen Unterricht vorbereiten. Sie hatten ja noch nicht wie wir schon den halben Sommer Zeit, das zu machen."
„Ach, war das auch der Grund, warum Malfoy gestern Harry treffen wollte?"
„Das? I wo, das war was ganz anderes ... Die Natter hat sich bei ihm dafür bedankt, dass er ihm das Leben gerettet hat – du weißt schon, die Sache im Raum der Wünsche – und ihm ein Tintenfass geschenkt, das angeblich Sirius gehörte."
Hermine zog skeptisch eine Augenbraue hoch. „Ein GESCHENK?" Sie zog die zweite Augenbraue hoch. „Von IHM?"
„Ich war auch ein wenig ungläubig, und ich hab auch auf Harry deswegen eingeredet, aber der ist und bleibt ein Sturschädel. Er ist fest davon überzeugt, dass sich der Iltis geändert hat. Ich an seiner Stelle wäre mir da aber viel weniger sicher."
Ich kenn Malfoy seit sieben Jahren. Und in all den Jahren, von dem ersten Tag an, war er ein arroganter, herablassender und eingebildeter Schnösel. Wie oft bin nicht von ihm als „Schlammblut" beschimpft worden? Warum sollte er sich geändert haben?
„Hm, ich versteh Deine Vorbehalte. Als wir das letzte Mal auf ihn getroffen sind, haben er und seine Schergen Unverzeihliche Flüche auf uns geschleudert."
Aber wenn Harry sagt, er habe sich geändert ...
Ron wollte etwas sagen, aber er war noch mit Essen beschäftigt. Hermine nützte die Gelegenheit und fuhr fort: „Aber ganz offen gesagt, ich vertraue Harry mehr als ich Malfoy misstraue. Wenn Harry sagt, dass Malfoy ein besserer, ein vertrauenswürdiger Mensch geworden ist, dann glaub ich ihm. Er hat für so was einen Riecher." Sie nippte an ihrem Kaffee und fuhr fort: „Erinnerst Du Dich noch, als wir in der sechsten Klasse waren? Er hat Malfoy von Anfang an verdächtigt ein Todesser zu sein. Alle haben ihm gesagt, dass er sich irrt und sich nur was einbildet. Und wie sich herausgestellt hat, waren seine Sorgen berechtigt. Wenn er jetzt sagt, dass wir Malfoy nicht mehr verdächtigen müssen, dann ist die Sache für mich erledigt."
Ron starrte sie mit offenem Mund an.
Hermine verzog das Gesicht in eine Grimasse: „Ron, bitte, wenn Du schon das Maul offen halten musst, dann schluck bitte vorher und zeig mir nicht ..."
Ron schloss den Mund und versuchte zu schlucken, aber er war von Hermines Antwort so erschüttert, dass er sich verschluckte, zu husten und prusten begann. Zwischen Keuchen und herumfliegenden Essensbrocken würgte er hervor: „Das –hust– meinst Du –keuch– nicht ernst!"
Sie klopfte ihm auf den Rücken. Als sich der Rotschopf wieder beruhigt hatte, sprach er: „Du kaufst Malfoy diesen gequirlten Drachenmist ab?"
„Ja! Vertraust Du nicht auch Harry?"
„Hier geht es nicht um Vertrauen. Ich weiß, dass Harry sich irrt! ... Vielleicht, weil er sich irren will! Er kann manchmal so kindlich naiv sein, glaubt immer an das Gute im Menschen. Ihm ist nie der Gedanke gekommen, dass jemand vielleicht wirklich durch und durch böse sein könnte! ... Ich wette, tief in seinem Inneren hatte er nie vorgehabt Voldemort zu töten – er wollte ihn vor sich selbst retten! Harry hat Glück gehabt, dass Voldemort von seinem eigenem Fluch getroffen wurde, denn selbst hätte er niemals irgendjemandem, auch nicht dem gewissenlosesten Zauberer der Welt, den Coup de Grace versetzen können."
‚Coup de Grace'? Das Wort hat er sicher von Fleur ... Sollte ich eifersüchtig sein? Von mir will er sich nie was beibringen lassen ...
„Und das ist noch nicht alles." Mit leiserer Stimme fuhr er fort: „Die Viper hat ihn auch darum gebeten, dass er so tut, als wären die beiden ein Paar–"
Jetzt war es Hermine, die sich verschluckte und zu husten und prusten begann.
Er klopfte ihr auf den Rücken und sagte: „Alles in Ordnung? Tut mir leid, ich hätte Dich vorwarnen sollen."
Als sie sich wieder gefangen hatte, sprach sie: „Warum würde Malfoy das tun wollen? Und warum sollte Harry drauf einsteigen?"
Ron erzählte also die Geschichte, die ihm am Vorabend Harry erzählt hatte. Als er fertig war, starrte Hermine stumm in Rons sommersprossiges Gesicht.
„Ungefähr so wie Du, hab ich gestern wohl auch geschaut, als ich das gehört hab." Er schwieg einen Moment, und als seine Freundin immer noch nichts sagte, fuhr er fort: „Und ich glaub, Harry will zusagen. Weil ...", er blickte sich um und sprach ein wenig leiser fort, „ich glaube, Harry hat sich ein wenig in Malfoy verschaut und rechnet sich Chancen bei ihm aus."
Das riss Hermine aus ihrer Schockstarre: „Das kann ich mir nicht vorstellen. Erstens, Malfoy ist nicht schwul. Er ist seit Jahren mit Pansy liiert–"
„War liiert", korrigierte sie Ron. „Ginny hat mir gestern erzählt, sie hätten sich im Sommer getrennt."
„So?" Diese Neuigkeit ließ Malfoy in ihrem Ansehen ein wenig steigen; sie hätte es zwar niemals ausgesprochen, aber Pansy Parkinson war in ihren Augen die ärgste Schlampe, die sie je kennenlernen musste; vielleicht hatte das Malfoy auch erkannt. „Das ändert aber nichts an seiner sexuellen Orientierung. Und dass Harry sich in unseren Erzfeind verliebt hätte, Ron, verzeih mir, aber das ist lächerlich."
„Warum soll das lächerlich sein? Niemand sucht sich aus, in wen er sich verliebt. Und wie oft verliebt sich jemand in das größte Arschloch im Umkreis von 100 Meilen? Das ist doch keine Seltenheit!"
Das war ein Argument. Wer sich in wen verliebt, das schien noch nie irgendeiner Gesetzmäßigkeit zu folgen. Die Irrationalität dieser Empfindung raubte Hermine selbst manchmal den Verstand. „Und wie kommst Du darauf, dass er für Malfoy derlei Gefühle hegt? Hat Harry mal irgendwas gesagt, das darauf hindeuten würde?"
„Es sind nur Kleinigkeiten. Zum Beispiel, nachdem wir von Hogwarts die Bestätigung bekommen haben, dass wir mit Malfoy lehren müssen, dass Harry viermal wöchentlich allein mit ihm unterrichten wird, da hab ich erwartet, dass er in die Luft geht. Aber stattdessen hat er gekichert – wie ein Schulmädchen!"
„Ron, er hat gehustet, ich war dabei!"
„Vielleicht hat er gehustet. Vielleicht hat er gekichert ... Und dann hat er, als er sich für den Unterricht vorbereitete, ständig davon gesprochen, dass er sich wegen diesem und jenem mal mit ihm der Viper treffen muss–"
„Weil er ein guter Lehrer sein will."
„Vielleicht weil er ein guter Lehrer sein will. Vielleicht weil er sich auf ihn freute ... Und Du weißt, dass er eine Schwäche für blonde Arschlöcher hat. Denk nur an Zacharias Smith. Sag nicht, dass Dir nicht aufgefallen ist, wie er dem Penner immer nachgestiert hat ... Und Harry ist einsam. Selbst wenn er nicht zurückgeliebt wird, vielleicht will er wenigstens so tun können, als ob er jemanden hätte."
Wow! So viel Einfühlungsvermögen habe ich noch nie bei Ron gesehen! Vielleicht sollte eher fürchten, dass er mich mit Harry betrügt als mit Fleur!
Ron schien nicht aufzufallen, wie Hermine über ihre eigenen Gedanken schmunzelte, er sprach ungestört weiter: „Jedenfalls konnte ich heute wegen der ganzen Sache zwischen Harry und dem Marder kaum schlafen – gut, ich war auch wegen unserer neuen Rolle als Lehrer ein wenig nervös –, und da mir ist dieser Gedanke gekommen. Und du musst zugeben: Es wäre nicht so unplausibel – Ah, still, da kommt Harry!"
In der Tat standen Harry und Malfoy in der Tür zur Großen Halle und unterhielten sich angeregt über etwas, und schienen sich nun voneinander zu verabschieden. Während Harry sich zu ihnen gesellte, wurde hörbar, wie Malfoy von den Schülern mit denselben Gemeinheiten bedacht wurde wie schon am Abend zuvor.
Harry setzte sich gegenüber von den beiden Turteltäubchen an den Tisch und machte sich bereit, vor der ersten Unterrichtsstunde (Tränke bei Prof Slughorn) noch eine Kleinigkeit zu essen.
„Habt Ihr Euren Unterricht schon durchgeplant? Was werdet ihr den Erstklässlern heute beibringen?", fragte ihn Hermine.
„Wir haben beide ein paar Ideen in den vorgegeben Lehrplan eingebracht, das wird heute ein Klacks. Ich hab Malfoy ein wenig unterschätzt, er hat wirklich Ahnung davon, wie Dunkle Magie funktioniert. Er hat Einblicke in ihre Funktionsweise, die wirklich faszinierend sind. Ich sage Euch, wenn wir heute am Nachmittag gemeinsam den sechsten Jahrgang unterrichten, werdet Ihr staunen, wieviel Hintergrundwissen er beitragen kann. Das sind unschätzbare Kenntnisse."
„Es sind die Ratten, die sich in der Kanalisation am besten auskennen ... Fiese, kleine, blonde Ratten", knurrte Ron und widmete seinem Müsli einen giftigen Blick.
Harry ignorierte ihn: „Außerdem haben wir uns darauf geeinigt, dass wir unsere Rollen ein wenig teilen werden. Ich werd den good cop spielen, zu dem die Schüler Vertrauen haben sollen, der sie fördert, wo er kann. Und Malfoy macht den bad cop, vor dem die Schüler vielleicht sogar ein wenig Angst haben sollen, der sie fordert, damit sie sich anstrengen und so herausfinden, wo ihre Grenzen sind. Wir sind der Meinung, dass das eine gute Kombination ist."
„Welch eine Überraschung, dass er den bösen Cop macht", raunzte Ron.
Um Rons Zwischenrufe zu unterbinden, wechselte Harry das Thema: „Ich wollte mit Dir noch reden, Hermine. Ich nehme an, Ron hat Dir schon alles von meinem Gespräch gestern mit Malfoy erzählt. Was ist Deine Meinung dazu?"
„Also, ich vertraue Dir voll und ganz, Harry. Wenn–"
Ron unterbrach sie grob: „Und mir vertraust Du nicht? Mir, Deinem festen Freund?"
„Nicht in dieser Sache ... Wenn Harry sagt, wir sollen ihm eine Chance geben, will ich ihm eine Chance geben, sich zu beweisen."
Harry schien sich über diese Antwort zu freuen, zumindest huschte während Hermines Worten ein Lächeln über seine Lippen. Er sagte: „Also findest Du, ich sollte ihm meine Hilfe anbieten?"
„Na ja, Malfoys Plan ist nicht der brillanteste, den ich je gehört habe, aber er fügt damit ja niemandem wirklich Schaden zu. Im Gegenteil, seinem Vater täte es nur gut, zu erkennen, dass wir fast schon im einundzwanzigsten Jahrhundert leben, dass es für Eltern, die ihre Kinder lieben, keinen Unterschied machen darf, ob ihr Kind sich einen Partner sucht, der ein anderes Geschlecht hat oder dasselbe."
Wie sich Harry wohl fühlt, wenn er mich so reden hört? Glaubt er eigentlich, dass seine Eltern ihn weniger geliebt hätten, wenn sie von seiner Homosexualität gewusst hätten? Womöglich, dass sich seine Eltern nicht für ihn geopfert hätten, wenn sie gewusst hätten, was aus ihrem einzigen Kind werden würde?
Sie überlegte noch einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern und sagte: „Also, meinen Segen habt Ihr."
Ron verschluckte sich noch einmal und brachte mit Müh und Not ein „WAS!?" heraus.
Aber auch Harry schien von Hermines Meinung überrascht. „Das macht Dir gar nichts aus?"
„Ich würde nicht sagen, dass es mir nichts ausmacht, aber ... Wie ich Ron gesagt habe: Du glaubst ihm. Und wenn es Malfoy gelungen ist, Dich, seinen schärfsten Kritiker und ältesten Feind zu überzeugen, dann muss was an der Sache dran sein."
Harry sagte nichts mehr. Aber sie kannte den treuherzigen Burschen mit rabenschwarzem Haar gut genug, um zu wissen, ob er dem Slytherin helfen würde oder nicht.
