Kapitel 3: Der neue Feind

Lana beobachtete die Szene zwischen Jude und Mary Eunice genau. Sie konnte nicht verstehen, wieso Jude sie so liebevoll anlächelte. Mary Eunice hatte sie gedemütigt bei jeder Gelegenheit, sie beleidigt wann immer ihr danach war, intime Details über Jude ausgeplaudert und dann so getan als wäre es nur ein Versehen gewesen, sie hatte sie mit Elektroschocks gequält und nun wollte Jude ihr alles verzeihen? Einfach so? Lana verstand es nicht. Sicher hatte sie auch einiges durchmachen müssen und sie hatte Jude so oft verflucht, für das was sie ihr angetan hatte, aber das war etwas anderes. Bei Jude hatte sie nie das Gefühl, dass sie es aus Freude getan hatte. Sie hatte es getan, um etwas zu beschützen an das sie glaubte. Auch wenn sich das, als nichts anderes als Scheiße heraus gestellt hatte. Mary Eunice hingegen, schien eine unglaubliche Freude daran zu haben, die Menschen zu quälen und zu martern. Es war ein zufriedenes Glitzern in ihren Augen gewesen, jedes Mal wenn sie Jude gegenüber trat. Sicher hatten alle unter ihr zu leiden, aber keiner so sehr wie Jude. Sie schien in ihr ein besonders amüsantes Spielzeug zu sehen, welches sie benutzen konnte wann immer ihr danach war und wann immer sie den Drang hatte, jemanden leiden zu sehen. Und auch wenn es nicht immer körperliche Attacken waren, so waren verbale Demütigungen an der Tagesordnung und Lana selbst wusste, dass diese oft noch schlimmer waren. Körperlicher Schmerz verschwand mit der Zeit, aber tiefe Narben in der Seele, würden nicht so schnell verheilen. Manche vielleicht nie.

Mary Eunice schaute mit verweinten Augen zu Jude und konnte kaum das Gesicht der anderen Frau erkennen. Die Tränen wollten einfach nicht aufhören und egal wie sehr sie sich bemühte, immer wieder bahnten sich neue Tränen den Weg über ihre Wangen. Sie schniefte und schniefte und fühlte sich so hilflos. Gefangen in einer Zwangsjacke und nicht in der Lage sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, geschweige denn sich die Nase zu putzen. Wie ein Häufchen Elend kauerte sie vor der Frau, sie sie so gefoltert hatte. Immer wieder murmelte sie wie sehr es ihr Leid tat und bat um Vergebung. Vergebung von Jude und Vergebung von Gott.

Noch immer untersuchte Jude das Gesicht der jungen Frau und war sich jetzt über eines völlig im Klaren. Das war Mary Eunice…die richtige Mary Eunice…..die unschuldige liebe kleine Mary Eunice. Nichts von dem Bösen war mehr in ihren Augen zu sehen. Sie war wieder zurück, aber was machte sie hier als Patientin? Judes Gesicht wurde ernst.

„Kommen Sie Mary Eunice, stehen Sie auf." So gut es ihre motorischen Fähigkeiten zuließen, half sie ihr sich aufzurichten und sich neben ihr auf die Couch zu setzen. Jude nahm ein Taschentuch und wischte damit das Gesicht der jungen Frau ab, deren Schniefen allmählich nachließ.

„Oh Schwester Jude, es tut mir alles so entsetzlich leid, ich wollte das nicht aber ich….ich hatte keine Macht mehr über mich. Es war etwas in mir, etwas Böses und es war stärker als ich." Versuchte Mary Eunice zu erklären und wusste nicht, ob Jude oder sonst jemand ihr glauben würde. Wer würde das auch glauben? Wer würde glauben, dass der Leibhaftige in sie gefahren war? Wahrscheinlich niemand.

Lana musterte die junge Frau skeptisch und hörte ihr aufmerksam zu. Etwas Böses? Lana erinnerte sich, dass Jude einmal sagte das Mary Eunice von Teufel besessen sei, aber sie hielt es für eine Floskel. War das möglich? Nein, definitiv nicht. Vielleicht war sie wirklich schlicht und einfach nur verrückt. Jude hingegen dachte das nicht, sie nickte nur wissend und legte vorsichtig ihre Hand auf Mary Eunice Knie.

„Ich weiß! Ich wusste es schon lange, dass das nicht Sie waren. Aber warum sind Sie jetzt hier?"

Nie hätte Mary Eunice geglaubt, dass jemand ihr Glauben schenken würde, am allerwenigsten Jude, die sie so gequält hatte. Wieder brannten Tränen in ihren Augen und sie sah die ältere Frau traurig an.

„Ich konnte das alles nicht mehr aushalten. Ich wollte nicht länger diese bösen Dinge tun und mit ansehen müssen. Es war, als wäre ich ein ständiger Zuschauer und war vollkommen machtlos etwas zu unternehmen. Ich sah so viele schlimme Dinge, ich tat so viele schlimme Dinge, ich hörte so viele grausame Sachen. Ich wollte es beenden und plötzlich hatte ich für einen kleinen Moment wieder die Macht über meinen Körper. Ich sah keinen Ausweg und…..und ich schnitt mir die Pulsadern durch…ich wollte meinen Frieden haben. Doch statt zu sterben, bin ich nun hier. Genau wie Sie! Ich muss Ihnen so vieles erzählen Schwester Jude und…."

Mary Eunice wurde unterbrochen, als sie plötzlichen ein Schlag auf den Hinterkopf spürte. Erschrocken drehte sie sich um und erblickte Schwester Hildegard, die sie mit einer zusammen gerollten Zeitung auf den Hinterkopf schlug. Bitter blickte die alte Nonne auf die junge Frau herab und ihr Blick war kälter als Eis „Es gibt hier keine Schwester Jude mehr! Ebenso wenig wie eine Schwester Mary Eunice, haben Sie das verstanden? Ich werde nicht zulassen, dass zwei abtrünnige Verrückte sich mit den Namen Schwester schmücken. Sie beide haben sich von Gott losgesagt und gesündigt. Eine Mörderin und eine Selbstmörderin, haben keinen Platz mehr in der Kirche. Sie sind Sünder, alle beide. Ich will nie mehr hören, dass Sie Miss Martin mit Schwester ansprechen, verstanden?" Schwester Hildegard wartete auf eine Reaktion, aber Mary Eunice sagte kein Wort und sah die Nonne nur schockiert an. „Ob Sie mich verstanden haben?" schrie sie jetzt lauter und schlug Mary Eunice abermals auf den Kopf.

„Lassen Sie das!" rief Jude und versuchte nach der Zeitung zu greifen, aber sie war noch nicht schnell genug.

Hochmütig grinste die ältere Nonne jetzt zu Jude und schüttelte den Kopf „Überlegen Sie sich, was Sie tun Miss Martin. Oder wollen Sie auch in eine Zwangsjacke kommen?" Finster blickte sie abwechselnd zwischen den beiden früheren Nonnen hin und her. Sie verabscheute beide zu tiefst, sie waren eine Schande für die Kirche und eine Beleidigung vor Gott. Ermahnend hob sie den Finger „Ich werde Sie beide nicht aus den Augen lassen." Damit drehte sie sich um und ließ die drei Frauen wieder allein.

Lana war die ganze Zeit über still, sie wusste noch nicht was sie von all dem halten sollte aber sie würde Mary Eunice definitiv im Auge behalten. Noch hatte die junge Frau ihr Vertrauen nicht gewonnen.

Jude atmete tief durch und wandte sich dann wieder an Mary Eunice „Ist alles in Ordnung?"

Verstört nickte sie und schluckte schwer „Ja, ich habe mich nur erschrocken. Ich muss Ihnen so viel erzählen…ich weiß so viele Dinge, die hier vor sich gehen. Und das Böse, es ist noch immer hier!" Mary Eunice sah sich um und beugte sich zu Jude vor „Es hat seinen Körper gewechselt….es ist noch hier." Für die meisten, würde das wie das Gerede einer Irren klingen, aber das war es nicht und Jude wusste es.

„Wer? Wer ist es?"

Mary Eunice wollte gerade antworten, als die Tür zum großen Gemeinschaftsraum aufging. Vor Angst gelähmt, starrte sie auf den Mann an der Tür.

„Er….er ist es!" flüsterte sie leise.

Judes Blick folgte den von Mary Eunice und sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde stehen bleiben.

Nein, bitte nicht das. Von allen Menschen nicht er.'