Kapitel 4
Diamantene Haut
Eine feste Hand rüttelte Emmett wach. Das Sonnenlicht war grausam. Emmetts zusammengekniffene Augen erkannten rein gar nichts. Er wusste auch nicht, wo er war.
Und der verdammte Schmerz in seinem Nacken.
„Louise?"
Murmelt er unschlüssig. Doch die Schemen im Sonnenlicht sahen keinesfalls wie Louise aus. Langsam entfaltete sich das Bild vor seinen Augen und er fühlte die harte Holzbank unter seinem Körper. Schlagartig wusste Emmett wieder wo er war und setzte sich eilig auf. Die Barfrau funkelte ihn böse an und teilte ihm mit, dass sie auch Zimmer zu vermieten gehabt hätte und dass er jetzt schleunigst abhauen sollte, sonst würde sie den Officer holen.
„Tut mir leid"
Versuchte Emmett sich zu entschuldigen. Ihm war bewusst, dass er sich mit der Barfrau gut stellen musste. Sie hatte einen Telefonanschluss. Mühsam hob er seine Wasserflasche auf, die aus seiner Jackentasche gefallen war und erhob sich.
„Wie gesagt, ich hatte einen Unfall in den Bergen…ich kenn diesen Ort nicht, Maam. Ich wollte niemandem Unannehmlichkeiten bereiten. Wenn es noch möglich ist, würde ich gerne ein Zimmer mieten. Vermute, dass ich die nächste Nacht auch noch hier bleiben muss. Der Weg da oben muss erst geräumt werden."
Und wieder arbeitete Emmett mit all seinem Charme. Seine Worte begleitete er mit einen warmen Lächeln. Die Barfrau sah einsam aus und hatte mit Sicherheit lange keine netten Worte mehr gehört. Und sein Charme zeigte Wirkung. Die Barfrau zupfte schon wieder an ihren fettigen Haaren und räusperte sich. Außerdem witterte sie ein Geschäft mit den Mietzimmern. Es kamen selten Gäste nach Beaverbridge.
„Gut, dann will ich mal nicht so sein."
Nickte sie und öffnete die Tür.
„Zu den Zimmern geht's hinten die Treppe hoch. Such dir eins aus. Kosten alle acht Dollar die Nacht!"
Informierte sie Emmett. Acht Dollar war eine Menge für ein Zimmer in so einem Kaff. Emmett hatte schon eine abfällige Bemerkung auf den Lippen, versagte sich diese jedoch. Er hatte ja kaum eine Wahl. Obwohl, Aaron, der alte Mann, fiel ihm ein. Der hatte ihn zu sich eingeladen. Erstmal wollte Emmett sich diese Zimmer ansehen. Die Barfrau bemerkte, dass Emmett am Überlegen war und legte schnell ein Zugeständnis zu den Zimmern nach.
„Die Zimmer sind natürlich mit Frühstück und Abendessen"
Versuchte sie Emmett das Angebot schmackhafter zu machen und Emmett folgte ihr grinsen. Er war hungrig wie ein Wolf, oder noch besser, wie der alte Bär, den er letzten Abend erlegt hatte.
„Gilt das mit dem Frühstück für gleich?"
Fragte er freundlich nach und die Barfrau seufzte erst, sagte aber dann zu.
„Ich mach dir schnell was zu Recht. In zehn Minuten hast du Spiegeleier mit Speck auf dem Teller!"
Emmett nickte und lief zu den Treppen nach oben. Die Zimmer waren alle gleich dreckig. Hier war schon Ewigkeiten niemand mehr Gast gewesen. Emmett nahm das Erste, das hatte zumindest das größte Fenster. Und sehen wollte er unbedingt was von der Stadt. Denn auf den Treppenstufen kamen ihm wieder die Augen und das mysteriöse Mädchen in den Sinn, dass er in der Nacht gesehen hatte. Emmett nahm sich vor, die Barfrau nach dem Mädchen zu fragen. Am Ende des oberen Ganges war ein Etagenbadezimmer. Emmett wusch sich das Gesicht. Erst jetzt spürte er die Verletzung vom Unfall. Die Wunde auf seiner Stirn war blutverkrustet. Zum Glück war sie nah am Haaransatz und sein Haar verbarg die Wunde nahezu. Sein Nacken war total verspannt vom harten Aufliegen auf der Holzbank. Und er hatte einen mächtigen Sonnenbrand abbekommen, als er gestern die Felsen hochgeklettert war. Sonnenbrand war er von der Ranch gewohnt, das machte ihm nichts aus. Im milchigen Spiegel über dem Waschbecken versuchte er sein Haar mit Wasser nach hinten zu streichen. Dann lief er nach unten. Ein leckerer Speckgeruch erwartete ihn und die Barfrau hatte einen großen Teller mit Speck und Spiegeleiern und einen Kaffee für ihn bereitgestellt. Sie selbst aß hinter der Theke.
„Ich heiße übrigens Emmett McCarty"
Stellte Emmett sich zwischen zwei Bissen vor und nahm einen Schluck Kaffee.
„…falls jemand mich abholen kommt"
Fügte Emmett schnell hinzu und aß weiter. Die Barfrau begann an der Theke rumzuputzen und erzählte dann, dass sie Mary Bolton hieß und verwitwet war und ihr Mann ihr die Bar vermacht hatte. Außerdem fügte sie hinzu, dass, falls sie noch mal heiraten sollten, ihr Mann einen guten Fang machte. Emmett verschluckte sich fast am letzten Bissen Speck. Ihm war klar, was die Anspielung bedeuten sollte. Mary Bolton war sicher zwanzig Jahre älter als er. Er wollte sich gar nicht mehr vorstellen. Er überlegte, dass nun der beste Zeitpunkt war, um auf das blonde Mädchen zu kommen.
„Ich hab hier gestern ein Mädchen auf der Veranda gesehen. Blond und nicht so besonders groß…arbeitet sie hier in der Bar?"
Wechselte er einfach das Thema. Die Barfrau überlegte und zuckte mit den Schultern.
„Nein, ich hab keine Angestellten. Gestern Nacht hast du sie HIER gesehen? Hier in der Bar?"
Fragte sie nach und Emmett deutete nach draußen.
„Vor der Bar, auf der Bank war sie"
Erklärte er deutlicher, doch Mary Bolton kannte niemand, auf den die Beschreibung passen könnte. Im Ort lebten nur zwei jüngere Frauen, und die waren beide dunkelhaarig. Die Antwort gefiel Emmett überhaupt nicht. Er war sich so sicher, das Mädchen wirklich gesehen zu haben. Vielleicht war das Mädchen nicht aus dem Ort, oder bei irgendjemandem zu Besuch. Emmett beschloss den Ort abzusuchen. Aber erst musste er versuchen telefonisch Verbindung mit seinen Leuten aufzunehmen. Diesmal klappte die Telefonverbindung. Eine freundliche Stimme verband ihn zu Lonegans Ranch und er konnte Lonegan über den Unfall Bericht erstatten. Wie vorher geahnt, war Emmett damit seinen Job los. Lonegan war auch nicht bereit ihn abzuholen. Emmett musste bei seinem Vater anrufen. Anders würde er hier kaum wegkommen. Sein Vater flippte völlig aus. Emmett hielt den Hörer weit von sich und hörte er wieder zu, als die Stimme ruhiger wurde. Als das Gespräch beendet war, hatte Emmett die Gewissheit noch drei Tage mindestens in dem Ort bleiben zu müssen.
Geknickt verließ Emmett die Bar. Drei Tage in der Einöde. Zumindest Zeit dazu, dieses Mädchen zu suchen. Die Hauptstraße durch den Ort war leergefegt. Scheinbar sah es hier tagsüber genau, wie nachts aus. Emmett schlenderte die Häuser entlang. Hier und da konnte man Geräusche aus den Häusern vernehmen. Also lebten wirklich Leute in den Häusern. Emmett versuchte durch die Fenster zu blicken. Er konnte ja kaum anklopfen und nachfragen. Emmett dachte nach. Gestern war Freitag gewesen, dann war morgen Sonntag. Am Sonntag würden alle aus ihren Häusern rauskommen. Da war er sich sicher. Am Ende der Hauptstraße stand auch eine kleine weiß gestrichene Kirche. Ja, morgen würde sich zeigen, ob dieses Mädchen existierte. Emmett überquerte die Straße, um auf der anderen Seite weiterzugehen. Ein öliges Hupen ließ ihn umblicken. Ah, da kam der alte Aaron. Emmett winkte ihm zu. Aaron hielt neben ihm an und winkte ihn zu sich ins Auto.
„Wird noch dauern bist du wegkommst, hm?"
Fragte Aaron nach und deutete zu den Bergen im Osten.
„Ich fahr rauf und schau mir den Erdrutsch an. Wenn du nichts zu tun hast, kannst du gerne mitkommen!"
Lud Aaron Emmett ein. Emmett nickte erfreut. So würde der Tag schnell vergehen. Er kletterte auf den Beifahrersitz und Aaron fuhr los. Da kam Emmett noch eine andere Idee in den Sinn.
„Hast du ein Messer oder ein Beil dabei, Aaron?"
Fragte Emmett nach und machte schnell eine beschwichtigende Geste.
„Keine Angst…ich weiß, das klang jetzt sicher eigenartig."
Aaron bog aus dem Ort heraus und beschleunigte auf dem Highway.
„Ja, das klingt sehr eigenartig"
Stimmt er Emmett zu und lachte dann.
„Mit nem Beil wirst du die Felsen kaum wegbekommen, aber ich hab eins hinten unterm Sitz"
Fügte Aaron hinzu.
„Nein, nicht für die Felsen. Auch wenn du es nicht glauben wirst, ich hab gestern da oben einen Bären erlegt, ich will mit seinen Kopf holen."
Erklärte Emmett mit stolzer Stimme und Aaron warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
„Bären gibt es schon einige in den Bergen. Aber wie willst du ohne Waffe einen erlegt haben? Das glaub ich erst, wenn ich den Kopf sehe."
Emmett grinste.
„Das wirst du!"
Im nächsten Moment ruckelte es auf der Ladefläche des Wagens. Emmett blickte in den Rückspiegel, doch der gab nur ein Schimmern wieder. Wahrscheinlich die Sonneneinstrahlung.
„Hast du was geladen?"
Fragte Emmett nach und drehte sich zurück. Das Schimmern war verschwunden. Vom Wagen aus konnte man durch das schmale Fenster nur einen kleinen Teil der Ladefläche einsehen. Und der war leer.
„Nein, war vielleicht ein Stein."
Beruhigte Aaron Emmett. Doch das Gerumpel hatte sich nicht wie ein Stein angehört. Viel mehr, wie wenn jemand aufgesprungen wäre. Doch die Ladefläche war leer.
Bis auf den kleinen Teil, der für Emmetts und Aarons Augen nicht einzusehen war.
Sie hätten ihren Augen nicht getraut, wer sich da verborgen hielt.
Im strahlenden Sonnenlicht schimmerte diamantene Haut.
tbc
