4.
Erneut blieb die Welt wieder stehen, doch dieses Mal standen sie nicht vor einem Haus mit erleuchteten Fenstern. Es war dunkel, lediglich ein paar Sterne verbreiteten kaltes Licht. „Was wollen Sie mir hier zeigen?" verlangte Javert zu wissen. Langsam begann er, diese Zeitsprünge ermüdend zu finden. „Wo sind wir überhaupt?"
„Die Frage ist berechtigt. Noch immer Paris, Weihnachtsabend 1833."
„Und wollen Sie sich wieder mit dem familiären Glück eines Sträflings erfreuen?"
Statt einer Antwort schnipste Bienvenu einmal mit den Fingern. Von oben schoß auf einmal ein Lichtstrahl herab und erhellte die Szenerie. „Ich liebe diesen Effekt", bemerkte Bienvenu, wobei die Bemerkung etwas unpassend wirkte, denn das, was der Lichtstrahl erhellte, war ein Grab. Der Stein war schon ein wenig verwittert, und das Grab selbst wirkte unbesucht. Lediglich ein Rosenstrauch war dort gepflanzt worden, der aber so tot aussah, wie dies Rosensträucher im Winter üblicherweise tun.
Javert las die Inschrift auf dem Stein. Sie bestand aus seinem Namen und zwei Jahreszahlen, nämlich 1780 und 1832. Die Stelle, an der das Grab lag, war dicht an der Mauer; natürlich, es handelte sich um den Platz, wo man Selbstmörder begrub. „Warum zeigen Sie mir das?" fragte Javert. „Ich habe immer gewußt, daß niemand mein Grab besuchen würde."
„Aber es war jemand hier", widersprach Bienvenu. „Oder glauben Sie, daß der Rosenstrauch von sich aus den Weg hierher gefunden hat?"
„Und wer bitte hat Rosen auf mein Grab gepflanzt?"
Statt einer Antwort blickte Bienvenu Javert nur an.
„Oh", machte dieser lediglich.
„Kommen Sie, wir sind noch nicht am Ende mit unserer zukünftigen Weihnacht." Bienvenu berührte Javert erneut am Arm, diesmal drehte sich die Welt nicht, es wurde nur schlagartig dunkel und wieder hell.
Sie standen wieder in dem Garten, in dem sie an diesem Abend schon einmal gewesen waren. Das Haus wirkte jedoch viel weniger festlich als zuvor. Im Inneren des Salons befanden sich diesmal nur der junge Mann und das Mädchen. Dieses trug jetzt Trauerkleidung, die nicht verbergen konnte, daß sie hochschwanger war. „Aber Papa würde es sich so wünschen, daß ich morgen Sachen zu den Armen bringe", sagte das Mädchen gerade. „Wir haben das immer so gemacht."
„Aber du kannst dir das in diesem Zustand nicht zumuten, Cosette, mein Engel", erwiderte der junge Mann. „Das ist viel zu anstrengend. Und dein Vater würde es nicht wollen, daß du dich in Gefahr bringst."
„Aber Marius, diese armen Menschen…"
„Du kannst es doch im Frühjahr nachholen, oder nächstes Weihnachten." Der junge Mann machte eine hilflose Handbewegung. „Dein Vater würde mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustoßen würde."
„Was bedeutet das?" Javert wandte den Blick vom Fenster ab. „Wo ist Valjean? Wieso ist er nicht da drinnen?"
„Sie sind doch ein intelligenter Mann, M. l'Inspecteur, denken Sie nach." Bienvenu berührte ihn wiederum am Arm, es wurde neuerlich dunkel.
Diesmal war die Dunkelheit nicht vollkommen, der Mond beschien die Erde. Das schwache Licht zeigte, daß sie erneut auf einem Friedhof standen.
Javert wollte gerade den Mund öffnen, um sich zu beschweren, daß er schon beim ersten Mal verstanden hatte, daß sich niemand um sein Grab kümmern würde, als er sah, daß es sich um ein anderes Grab handelte. Es standen weder Namen noch Daten darauf, lediglich vier mit einem Bleistift darauf geschriebenen Verse. „Ist das… sein Grab?"
Bienvenu nickte stumm.
„Aber wieso? Er hat doch keinen Grund zu sterben. Ich meine, ich bin nicht mehr hinter ihm her, er hat eine glückliche Familie…"
„Er hat aber auch keinen Grund mehr zu leben… gehabt. Was an diesen zukünftigen Weihnachten mich immer verwirrt, ist die Grammatik. Niemand kann mir sagen, was die korrekte Zeitform ist." Die letzten zwei Sätze murmelte Bienvenu zu sich selbst. „Aber ich schweife ab. Seine Tochter heiratet diesen Jungen, und der denkt, Valjean wäre ein Verbrecher."
„Mit der Idee ist er nicht ganz alleine."
„Ja, aber er denkt auch, Valjean hätte das Vermögen des M. Madeleine gestohlen oder den Mann sogar ermordet, und er habe Sie auf der Barrikade getötet. Und durch dieses Mißverständnis zieht sich Valjean immer mehr von Cosette zurück, bis er an gebrochenem Herzen stirbt. Zwar stirbt er in den Armen seiner Tochter, aber er stirbt."
Javert spürte das dringende Bedürfnis, aus lauter Frustration gegen den Grabstein zu treten. Bestimmt würde Valjean es versäumen, sich seinem Schwiegersohn gegenüber zu rechtfertigen. „Er wird nicht einmal sein Enkelkind kennenlernen." Javert war sich nicht einmal bewußt, daß er diesen Satz laut sagte.
„Er verdient so ein Ende nicht", sagte Bienvenu unvermittelt. „Als ich ihm damals in Digne, nachdem er mich bestohlen hatte, auch noch diese Leuchter gab, habe ich nicht die geringste Ahnung gehabt, wie viele gute Werke er vollbringen wird. Und wenn dieser idiotische Junge nicht alles mißverstehen würde, könnte er noch viel mehr tun."
Javert betrachtete den anderen Mann scharf. „Sie sind nicht… Sie können unmöglich… Wer sind Sie?"
„Bevor ich gestorben bin, und irgendeine höhere bürokratische Instanz die Idee hatte, ich wäre ein idealer Weihnachtsgeist, war ich einmal der Bischof von Digne."
„Monseigneur", begann Javert langsam, es schien ihm nicht angemessen, einen Bischof, gleichgültig ob tot oder nicht, informell anzusprechen, „wird das unweigerlich passieren, was Sie mir heute abend gezeigt haben? Oder läßt sich das noch ändern?"
„Die Zukunft kann immer geändert werden."
„Wie kann ich verhindern, daß all das geschieht?"
„Indem du eine Entscheidung trifft, mein Sohn." Monseigneur Myriel lächelte. „Wenn du von dieser Brücke springst, hast du keinerlei Möglichkeiten mehr, etwas zu verändern. Wenn du nicht springst, hast du jede."
Für einen Moment schloß Javert die Augen. „Bitte bringen Sie mich zurück in meine Gegenwart. Ich habe dort etwas zu erledigen."
