„Er ist hübsch."
Alice stand bereits an der Treppe als ich aus der Garage kam.
„Mittelmäßig." Erwiderte ich ihr und ich wusste das sie wohl alles gesehen hatte. Ich musste etwas Lächeln als ich den Ausdruck auf Alice' Gesicht sah. Sie sah mich wie eine große Schwester an die mit ansah wie ihre kleine Schwester erwachsen wurde.
Beim vorbei gehen drückte ich kurz ihre Hand und zeigte ihr so meine Gefühle gegenüber Tony.
Gefühle - dieser Begriff war schon fast zu hoch gegriffen.
Ich fand ihn sympathisch und ich war beeindruckt davon wie er mich verteidigt hatte und wie offen er mit mir umging, aber mehr auch nicht.
„Oh.." Alice sah nun etwas enttäuscht aus.
Ich öffnete die Tür und ging in die Eingangshalle unseres riesigen Hauses und sofort bemerkte ich etwas.
Der Geruch von Wäldern, Blumen, Wiesen und Natur.
Der Geruch von allem Schönen.
Ich legte meinen Rucksack auf die Stufen welche in den erste Stock führten und ging in Richtung Wohnzimmer.
Jake, der auf dem großen, grünen Sofa saß hatte einen finsteren Gesichtsausdruck, ganz im Gegensatz zu Rosalie welche ein heiteres aber auch gehässiges Grinsen auf den wohlgeformten Lippen trug. Sie saß lässig auf einem der vielen, Antik wirkenden Sesseln und es wirkte so als ob sie auf mich warten würden.
Nachdem ich durch den Türrahmen getreten war heiterte sich auch Jakes Gesicht schlagartig auf. Er Lächelte mich an doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Ich stutzte erst etwas doch Rosalie zog mich jäh aus meinen Gedanken.
„Ich will ihn unbedingt sehen." Rief sie freudig und warf Jake wieder einen hämischen Blick zu.
Was hatten sie nur alle?
Ich ging auf Rosalie zu und legte meine Hand kurz auf ihre eisige Wange um ihr Tonys Gesicht zu zeigen.
„Er ist nur ein Schulfreund, ok?" murmelte ich etwas verlegen und meine Wangen fühlten sich etwas wärmer als sonst an. Warum dachten nur alle das ich auch nur irgendwelche Gefühle für diesen Jungen hatte? Das war doch absolut aus der Luft gegriffen, schließlich kannte ich ihn nun erst seit ein paar Stunden. War meine Familie tatsächlich der Auffassung das ich wie diese ganzen pubertären Mädchen auf meiner Schule war? Das ich mich sofort und unwiderruflich in einen dahergelaufenen Jungen verliebte?
Nein, so war ICH nicht!
„Also ich finde ihn süß. Aber erzähl das nicht deinem Onkel Emmett!" Rosalie zwinkerte mir scherzhaft zu und lächelte dann wieder ihr typisch mütterliches Lächeln das sonst nur meine Mutter, Bella draufhatte.
Jake hingegen grummelte nur leise etwas unverständliches doch als ich ihn ansah, lächelte er wieder.
„Wo sind denn die anderen?" versuchte ich abzulenken.
„Sie sind jagen, morgen soll es wieder bewölkt werden und sie wollen nicht unbedingt durstig zur Schule gehen." Trällerte Rosalie und erhob sich dann von ihrem Sessel.
Gutgelaunt wie selten verließ sie das Wohnzimmer und ging hinaus zu Alice um mit ihr zu tuscheln. Ich hatte zwar ein ausgezeichnetes Gehör aber ich vernahm nur ein leises Gegrummel von draußen also wollten sie ganz offensichtlich nicht das ich etwas verstand.
Ich drehte mich zu Jake und der sah mich bereits fragend an: "Und?"
„Es war …" ich suchte nach dem richtigen Wort das etwas wie den heutigen tag perfekt beschreiben konnte: „Normal."
Jake lachte und strich sich durch seine Haare bevor er mich dann wieder etwas ernster ansah: „Und das andere?"
Kurz musste ich überlegen was er meinen könnte als mir einfiel was Jake wohl noch interessieren würde.
„Hat Alice euch auch davon erzählt?!" fragte ich leicht genervt woraufhin Jake grinsend mit dem Kopf nickte.
Ich seufzte leise, in dieser Familie hatte man wirklich kein Privatleben.
Ein Vater der Gedanken lesen konnte, eine Tante die die Zukunft sah und einen Onkel der die Gefühle anderer beeinflussen konnte – HERLICH!
„Ich glaube nicht, dass ich zum Footballspiel gehen werde." Murmelte ich und ließ mich etwas nach hinten sinken. Ich schloss meine Augen und dachte daran wie ich zwischen einem Haufen Unbekannter saß und begafft wurde. Nicht wirklich prickelnder Zeitvertreib.
„Schade." Grummelte Jake gekünstelt traurig und spielte etwas mit meinem Haar.
„Ich wollte eigentlich mit dir zusammen gehen, aber wenn du nicht magst." Mit einem leisen Seufzten stand Jake nun langsam vom Sofa auf doch ich hatte bereits sein warmes Handgelenk ergriffen.
„Wirklich?" ich sah ihn mit großen, glänzenden Augen an. Sein Nicken zeigte mir das er es ernst meinte. Ich grinste bis über beide Ohren. Es war nicht nur so das ich gerne mit Jacob Zeit verbrachte, es war auch so das dieser Auftritt wohl positive Folgen für mich haben könnte. Wenn ich mit Jacob zu dem Spiel ginge, würden wohl alle denken er wäre mein fester Freund und das würde die Jungs wohl abschrecken. Allen voran Tony, der sich keine falschen Hoffnungen machen sollte.
Perfekt dachte ich mir und warf einen Blick auf die Uhr. Wir hatten noch Zeit also schaltete ich den Fernseher ein nachdem ich Jake wieder zu mir aufs Sofa gezogen hatte. Sein Ausdruck war nun wieder viel entspannter und sein Lächeln erschien mir wieder echt.
Wir hatten exakt eine halbe Stunde bevor Alice dann auch schon ins Wohnzimmer tänzelte und mich vorwurfsvoll ansah.
„Ähhm? Hab ich was ausgefressen?" fragte ich sie leicht irritiert als sie nach einigen Sekunden immer noch einfach nur dastand und mich anstarrte.
Ein leises Schnauben kam von ihr und sie funkelte mich böse an:" Du hast in einer Stunde ein Date und bist noch immer nicht umgezogen? Wie soll ich dir da bitteschön die Haare machen?" fragte sie mich empört und zog mich auch schon von Sofa. Mit einem selbstgefälligen Lächeln begleitete sie mich nun die Treppen hinauf und ich warf Jacob einen hilfesuchenden Blick zu. Doch dieser sah anstatt mir Alice an und murmelte nur leicht unverständlich:" Es ist KEIN Date ok?"
Bei diesen Worten zuckte ich unwillkürlich etwas zusammen.
Alice kicherte nur leise.
Doch ohne noch etwas zu sagen oder mich gegen Alice zu wehren, ließ ich mich in mein Zimmer führen. Alice durchwühlte meinen Kleiderschrank und legte einige Kleider zurecht.
„Heute wird es ziemlich warm werden."
Beim Blick aus dem Fenster stellte ich fest, dass sie wohl recht hatte, da die Sonne immer noch so stark schien wie am Morgen.
Nachdem Alice sich entschieden hatte welches Kleid ich tragen sollte und mir ein wenig Make-up aufgetragen hatte steckte sie mir meine Haare kunstvoll hoch.
Ihr machte es eine solche Freude mich so zu stylen das ich geduldig alles über mich ergehen ließ. Ihr Lächeln belohnte mich für meine Geduld.
„So fertig." Trällerte Alice erheitert und entfernte sich einen Schritt von mir um mich zu betrachten.
„Entzückend!" frohlockte sie und klatschte in die Hände.
„Darf ich jetzt endlich zum Spiel gehen?" fragte ich sie scherzhaft und sie nickte heftig.
Gemeinsam gingen wir wieder runter und Jake, der uns wohl gehört hatte, stand bereits an der untersten Stufe um mich in Empfang zu nehmen. Sein breites Grinsen verwandelte sich, sobald er mich gesehen hatte in einen Ausdruck der Bewunderung. Ich blieb stehen und drehte mich einmal um meine eigene Achse.
„Bin ich overdresed?" fragte ich ihn kichernd und er schüttelte, mit offen stehendem Mund, den Kopf.
„Du siehst umwerfend aus!" kam es dann endlich von Jacob woraufhin ich lächeln musste. Ich mochte es wenn Jacob so etwas sagte. Seinen Blick hatte er immer noch nicht von mir gelenkt und er musterte mich immer wieder von oben bis unten als Alice, die hinter mir ebenfalls stehen geblieben war sich nun räusperte und Jake so aus den Gedanken riss.
Jacobs Blick huschte nun zu meiner Tante und sofort wurde sein Blick etwas entschuldigend.
Er kratzte sich kurz am Hinterkopf und lächelte mich dann etwas unbeholfen an:" Können wir?" fragte er mit rauer Stimme.
Was hatte er nur?
Ich nickte etwas und ging die letzten Stufen zu ihm herab um mich dann auch schon in Richtung Garage zu wenden.
„Willst du fahren?" fragte ich Jake leise und wedelte mit den Autoschlüsseln meines Wagens.
„Na klar! Was für eine Frage!" und da war es wieder, das grinsen das ich so an ihm mochte.
Es stand ihm einfach.
Ich winkte Alice noch einmal zum Abschied und verschwand dann auch schon mit Jake in der Garage. Grinsend öffnete er erst mir die Tür und stieg dann selbst ein. Der Motor schnurrte laut auf und Jakes Grinsen wurde noch breiter.
Ohne darüber nachzudenken musste nun auch ich grinsen.
Jake trat aufs Gaspedal und legte, kaum hatten wir die Garage verlassen auch schon den zweiten gang ein, dann den dritten und vierten.
Mit einer enormen Geschwindigkeit fuhr er die kurvige Straße in Richtung Stadt. Er genoß es schnelle Autos zu fahren, fast wie mein Vater.
Bei diesem Gedanken musste ich innerlich lachen. Schon der Gedanke die beiden vergleichen zu wollen war eigentlich mehr als abwegig.
Dank Jacobs unglaublicher Geschwindigkeit, die fast der von Onkel Emmett gleich kam waren wir recht schnell an der Schule angelangt. Es waren bereits einige Leute hier doch dennoch konnte ich sofort die Person finden die ich suchte. Er trug einen weißes, recht auffälliges Shirt auf dem der Name unserer Schulmannschaft stand. Zumindest nahm ich an das es der Name unserer Mannschaft war.
Die Wolves.
„Wirklich erstklassiger Name." Murmelte Jacob grinsend als er bemerkt hatte, dass ich Tony angestarrte. Eine sanfte Röte kam über meine Lippen und ich musste verlegen Lächeln.
Warum errötete ich?
„Ja, der Name hat was." Erwiderte ich und machte meinen Gurt ab um auch schon auszusteigen. Jake tat es mir gleich und sah sich nun auch um. Sein Blick war skeptisch und als er Tony erblickte, welcher sich schon auf uns zu bewegte, wurde sein Blick sogar etwas grimmig. Ich hingegen konnte über seine Reaktion nur grinsen. Seid wann hatte er denn Probleme mit Menschen? Normalerweise hatte nur Onkel Jasper einen solchen Blick drauf wenn er unter Menschen musste.
„Da bist du ja!" sagte Tony fröhlich und grinste mir entgegen, wie er es schon den ganzen Tag in der Schule getan hatte.
„Hi." Grummelte Jacob ohne mir Zeit zu lassen ihn vorzustellen.
Sein Gesicht sah nicht sehr fröhlich aus und genau das war es wohl auch das Tonys Grinsen verschwinden ließ. Ich stellte mich an Jacobs Seite und piekste ihm, ohne das Tony es merkte, unsanft in die Seite. Er war wirklich manchmal unmöglich. Wie meine Mutter und mein Vater war Jacob einfach viel zu vorsichtig und misstrauisch. Und auch er konnte gefährlich aussehen wenn er es wollte. Er war schließlich ziemlich groß und muskulös und mit diesem finsteren Blick konnte er schon fast als Schwerverbrecher durchgehen. Auf mich wirkte es natürlich schon längst nicht mehr angsteinflößend wenn er so dreinschaute aber Tony irritierte es eindeutig.
„Das ist Jacob." Sagte ich dann und lächelte Tony süß an um ihn von Jakes Gesicht abzulenken.
„Freut mich." Antwortete Tony nun und zwang sich ein Lächeln ab.
„Wir werden sehen." Murrte es neben mir und erneut verpasste ich Jake einen kleinen Stoß.
„Lasst uns doch schon mal einen Sitzplatz suchen, ich will nicht ganz hinten sitzen." Sagte ich kichernd um nun auch Jake wieder zu beruhigen.
Er war eben einfach zu misstrauisch.
