Guten Abend,
endlich geht es auch mit dieser Geschichte weiter, ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen! :-)
Anmerkung: Kursiv geschriebene Passagen stellen wieder einmal Erinnerungen dar.
LG
Kapitel 4 - Minervas Geschichte
Cleveland übertrat eine unsichtbare Linie und wurde von einem Schutzzauber zurückgeschleudert, die Todesser stoben wie ein Hornissenschwarm auseinander und fuhren ihre spitzen Stachel aus.
Ein Wort erschien auf den Galleonen der Auroren: Zugriff.
Alles ging ganz schnell. Flüche fauchten durch die finstere Nacht, streckten Gegner wie Verbündete nieder und erstickte Schreie zerrissen die Stille, während auf beiden Seiten krachend Kämpfer apparierten und sich in das Getümmel warfen. Hermine feuerte einen um den anderen Schockzauber ab und schaltete vier Todesser aus, ehe man sie bemerkte. Ein Cruciatusfluch verfehlte sie um Haaresbreite und fraß sich knisternd durch den Ärmel ihres Umhangs. Der Friedhof leuchtete in allen Farben, während die Zahl der Auroren immer weiter anschwoll und sie die Todesser langsam zur Kapelle zurückdrängten.
„Da ist Potter!", schrie jemand und sofort schoss ein gutes Dutzend Augenpaare wie Suchscheinwerfer über das Schlachtfeld. Hermine wirbelte herum und entdeckte ihren Freund und Kollegen ein gutes Stück näher bei der Kapelle, der Tarnumhang war ihm vom Kopf gerutscht.
Er hatte keine Chance; eine Welle aus Flüchen rollte ihm entgegen, der erste ließ ihn augenblicklich in die Knie gehen.
„Harry!"
Panik keimte in ihr auf, sie stürmte los und brach durch die Reihen der Kämpfenden, den Blick starr auf den reglosen Leib gerichtet, sodass sie den herannahenden Fluch zu spät bemerkte.
Die Fesseln des Incarcerus wanden sich blitzschnell um ihren Körper, schlangen sich eng um ihren Hals und schnürten ihr die Luft ab. Würgend nach Atem ringend wand sie sich im Gras, um sie herum begannen die Todesser zu fliehen. In der Nähe konnte Hermine mit tränenden Augen Asgers Umrisse ausmachen, der gerade einen Todesfluch gegen die Auroren auf seinen Fersen schleuderte. Taubheit ergriff Besitz von ihr, ihr Bewusstsein trübte sich.
„Wir sind verraten worden! Schaff' die anderen zu Everard und dann schick' mir deine fähigsten Männer für McGonagall!"
McGonagall.
Die Welt versank in lähmender Dunkelheit.
„Granger!"
Eine riesige Hand schlug Hermine grob ins Gesicht und sie tauchte allmählich aus dem trüben, zähflüssigen Strom der Bewusstlosigkeit auf. Harte Grashalme und kleine Steinchen bohrten sich in ihr Rückgrat, die Welt schlingerte schwindelerregend.
„Alles in Ordnung?"
Mit einem schwerfälligen Nicken brachte sie sich in eine halb sitzende Position und ließ sich von Cavendish auf die Füße ziehen. Ihre Kehle brannte, als sei sie mit Glassplittern gespickt.
„Die aktuelle Lage?" Mehr als ein Krächzen brachte sie nicht zustande.
„Wir haben sie vertrieben", verkündete der Schotte grimmig. „Insgesamt sechzehn Verletzte, die meisten kommen durch. Potter sieht zwar übel aus, doch er hatte unglaubliches Glück. Einer unserer Leute wird noch vermisst und neun Todesser sind auf dem Weg in Gewahrsam."
Wieder ein Nicken. Cavendish ließ Hermine mit einem letzten prüfenden Blick allein und ging los, um sich nützlich zu machen. Es stank nach versengtem Haar und Magie, als sie langsam zwischen den Gräbern hindurchstolperte und sich auf die Friedhofsmauer sinken ließ. Ihr Körper schmerzte von den einschnürenden Fesseln, alles oberhalb des Schlüsselbeins fühlte sich extrem geschwollen an, doch es war ihr egal.
McGonagall. Asger hatte McGonagall gesagt.
Das Verhör war reibungslos verlaufen. Ein paar Tropfen Veritaserum hatten den hageren, fuchsgesichtigen Mann namens Tiberius alle Antworten ausspucken lassen, die man ihm abverlangt hatte.
„Ja", hatte er mit stierendem Blick geknurrt, „sie ist am Leben. Vor fünf Wochen haben wir sie aufgespürt, ihre Spur führte bis nach Oxfordshire; dort endet sie."
Am Leben. Sie ist am Leben.
Hermine war an jenem Abend früher als gewöhnlich aus dem Büro verschwunden. Niemand hatte sie aufgehalten, die jüngsten Ereignisse hielten die Kollegen vollauf beschäftigt.
Ihr Mann fand sie wenig später in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer.
„Was soll denn das werden?"
Ronalds Stimme klang beunruhigt. Seine Gemahlin blickte nicht auf, sondern fuhr gewissenhaft fort, frische Kleidung in einen magisch vergrößerten Beutel zu stopfen.
„Ich werde für eine Weile unterwegs sein."
„Weshalb?"
Sie antwortete nicht sofort.
„Es gibt eine neue Spur, der ich nachgehen will. Ich werde bald zurück sein."
Ihr Magen rebellierte gegen die säuerliche Halbwahrheit, doch Sie wollte Ronald nicht in Angst und Sorge zurücklassen.
Sie musste fort, musste es so sehr, musste sich überzeugen, ob es wirklich stimmte.
Tha mi duilich.
„Oh. Okay."
Er entspannte sich etwas und fuhr sich durch das flammend rote Haar.
„Sei vorsichtig, hörst du?"
Hermine nickte und ließ zu, dass er näher trat und ihr einen Kuss auf die Wange drückte. Dann ging sie zu ihrer Tochter.
Noch vor Mitternacht verließ sie das Haus, die braunen Augen in den Himmel gerichtet. Ein Sturm zog herauf, die Luft knisterte bereits vor dumpfer Spannung. Die Hand in ihrer Tasche strich gedankenverloren über die sanft glühende Phönixfeder und sie lächelte. Einen Augenblick später war sie verschwunden.
Die Luft in dem kleinen Schankraum war warm und trocken und roch nach Kaminfeuer. Der beleibte Wirt hatte der älteren, untersetzten Dame mit dem dichten blonden Haar und den blauen Knopfaugen freundlich zugezwinkert und ihr eine zusätzliche Scheibe Corned Beef auf den Teller geladen.
Ich muss wirklich ausgesprochen bedürftig aussehen, dachte die Frau trocken, quittierte die Bemühungen des Gastgebers jedoch mit einem höflichen Nicken, wobei ihre vielen Kinne in Bewegung gerieten. Die Hälfte des Mahls blieb unberührt auf dem Tisch stehen, als die Hexe die Stube verließ und die windige Treppe in den ersten Stock der Herberge „Zum dreiäugigen Spießgesellen" emporkletterte. In ihrem winzigen Zimmer angekommen, verschloss sie sorgfältig die Tür und überprüfte vorsichtshalber die Schutzzauber des Hauses. Dann sank sie erschöpft auf ihre Pritsche und schloss die Augen.
Nach und nach begann sich ihr Aussehen, zu verändern. Ihr ansehnlicher Bauchumfang schrumpfte in sich zusammen, der ganze Körper wuchs ein gutes Stück, die Haut wurde kalkweiß. Rabenschwarzes Haar ergoss sich über schmale Schultern, das Gesicht der Hexe wurde weicher und ebenmäßiger, und ihre durchdringend grünen Augen begannen zu funkeln.
Minerva McGonagall hasste ihr Leben auf der Flucht. Sie hasste es, nie länger als ein paar Tage an einem Ort verweilen zu können. Sie hasste es, Vielsafttrank benutzen zu müssen, um vor die Tür gehen zu können. Und am meisten hasste sie die zusätzliche Narbe auf ihrem Brustkorb, den Grund für ihre Misere.
Sie wusste, dass man auf der Suche nach ihr war.
Es war ihr unbegreiflich, wie sie herausgefunden hatten, dass sie überlebt hatte. In jener Nacht, als der Dunkle Lord besiegt wurde, hätte Minerva McGonagall ihr Ende finden sollen. Die Erinnerung daran war scharf und gläsern, als habe sich das Geschehen erst gestern zugetragen.
Unaufhörlich pumpte ihr Herz das dicke, klebrige Blut durch ihre Venen, mit jedem Schlag an Kraft verlierend. Der Fluch hatte sich auf seinem Kurs erbarmungslos durch Fleisch und Sehnen gefressen und ein tiefes Loch in ihren Körper gerissen.
Über ihr verschwamm das verzauberte Firmament, ein vertrautes Antlitz nahm plötzlich Gestalt an. Es war Hermine – ihre Schülerin, Vertraute, verbotene Liebe.
Die junge Frau betrachtete sie, ihre Augen strahlten heller, als ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit.
Mocca. Diese Farbe sollte das Einzige sein, was sie von dieser Welt mitnahm.
Ihre Seele war bereit.
Es war bitterkalt und doch warm.
Eisige Luft strömte in ihre leeren Lungen, ein leuchtendes Orangerot glomm hinter ihren bleischweren Lidern.
Angestrengt blinzelte sie. Ein käferschwarzes, rundes Auge, dicke, kristallene Tropfen, feuerrot leuchtendes Gefieder.
Ein Vogel. Phönix. Er weinte, direkt vor ihrem Gesicht.
Ihre Haut brannte unter den heißen Tränen, sog sie in ihren Körper, sie spürte, wie sich die gähnende Leere in ihren Brustkorb zu füllen begann und wie ihr Herz schmerzhaft gegen sein Gehege schlug, bis zum Bersten voll mit herrlichem, süßem, vibrierendem Leben. Ihr war, als müsste sie vergehen vor unbändiger Freude und tiefem Schmerz, vor irrsinnigem Glück und vernichtender Trauer. Es war überwältigend.
Ihr Blick verschwamm und sie hörte sich schluchzen.
„Fawkes..."
Dumbledores Phönix hatte Minerva von der Schwelle zu den Toten zurückgeholt. Selbst über den Tod hinaus hatte ihr der alte Dickkopf den edelsten aller Dienste erwiesen.
Seitdem war sie auf der Flucht. Vor der Vergangenheit, vor sich selbst, vor der Zukunft, und zu ihrem Leidwesen auch noch vor den Todessern.
Fawkes war ihr mitten in der Nacht erschienen. Sie war in zwielichtiger Dunkelheit erwacht, flankiert von den leblosen und teilweise grässlich entstellten Körpern ihrer gefallenen Verbündeten, ohne Zauberstab, ohne Licht, hinter fest verschlossenen Kerkertüren; nur eine einzige, schwach schimmernde Phönixfeder klebte an ihren blutverkrusteten Gewändern. Dieses kleine Stück Hoffnung war es, woran sie sich klammerte, weshalb sie diesem Grauen entgehen und durch die gebrochenen Schutzzauber des Schlosses auf ihren Landsitz in den Highlands disapparieren konnte.
Nachdem sie sich notdürftig den Schmutz und das Blut vom Körper gewaschen und ihre Goldbörse aufgefüllt hatte, machte sie sich schließlich auf die Suche nach dem alten Zauberstab ihrer Mutter, der bereits seit Jahrzehnten irgendwo in den Tiefen ihres Studierzimmers begraben lag. Seitdem sie das Schloss verlassen hatte, war jede Faser ihrer Gedanken unentwegt auf einen Menschen gerichtet. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, ob die Schlacht noch immer andauerte und die Vorstellung, dass Hermine womöglich nicht mehr am Leben war, ließ ihren Körper erbeben.
Minerva überlegte soeben, ob sie unbewaffnet zurück nach Hogwarts apparieren sollte, als sie plötzlich spürte, wie die Schutzzauber des Hauses reagierten. Kein Laut war von draußen zu hören, doch es bestand kein Zweifel, dass sich ungebetene Gäste Zutritt verschafft hatten. Offenbar war Minervas Ankunft im Cottage der McGonagalls nicht unbemerkt geblieben.
Sie saß in der Falle. Ohne ihren Zauberstab war sie außerstande, durch die Schilde des Anwesens zu disapparieren, geschweige denn, sich einen Weg in die Freiheit zu erkämpfen.
Ohne nachzudenken griff sie nach einem kleinen, dünnen Notizbuch und einem Federkiel und brachte drei Worte zu Papier. Minerva wusste, dass sie soeben wertvolle Zeit vergeudete, und dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Nachricht ihre Empfängerin jemals erreichte, verschwindend gering war.Sei's drum, dachte sie, legte die Phönixfeder in das Buch, schlug es zu und schob es an den Rand der Tischplatte.
Mit einem Stoßgebet an jede Macht diesseits des Universums atmete sie tief durch und brachte ihren angeschlagenen Körper in seine Animagusgestalt.
Es schien, als wäre ihr das Schicksal zum zweiten Mal innerhalb dieser Nacht wohlgesonnen.
Minerva wusste weder, wer die drei Männer waren, noch, woher sie kamen. Eines doch stand fest: sie trachteten ihr zweifellos nach dem Leben. Schlimmer noch, sie waren offenbar fest entschlossen, jeden, der sich dazu entscheiden sollte, ihrem Ziel beizustehen, ebenfalls den Garaus zu machen.
Ihre Häscher hatten bald feststellen müssen, dass das Anwesen menschenleer war. Das Gespräch, das sie daraufhin aushorchen konnte, war äußerst aufschlussreich und niederschmetternd zugleich gewesen.
Die verbliebenen Todesser sannen auf Vergeltung. Der Niedergang des Dunklen Lords sollte nicht ungesühnt bleiben und sie, Minerva, war die Hexe, die den Widerstand in der Schlacht um Hogwarts angeführt hatte. Sie verkörperte, neben dem berühmten Harry Potter, das Sinnbild von Voldemorts schmählicher Niederlage, das dessen Anhängerschaft in blindem Hass vom Antlitz der Welt tilgen wollte.
Minerva hatte genug gehört; sie wollte nichts lieber, als diesen Ort schnellstmöglich hinter sich zu lassen. Als sie jedoch auf vier Pfoten aus ihrem Versteck heraus und über die hölzernen Dielen zur Eingangstür pirschte, ließ ein verräterisches Knarren die Männer herumfahren. Sie hatte nicht zurückgeblickt, als zornige Verwünschungen ertönten, hatte nicht gezögert, als der Sprengfluch neben ihr einschlug und einen Krater in die steinerne Wand riss.
Die nachfolgende Zeit verbrachte die entkräftete Schottin fernab der Dörfer und Städte, ihre zweite Natur sicherte ihr Überleben. Erst nach einigen Wochen wagte sich die halb verhungerte Hexe zum ersten Mal unter Menschen. Von dem Gold, das sie bei sich trug, verhalf sie ihrem ausgezehrten Körper zu einem annähernd menschlichen Zustand und beschaffte sich ein wenig Vielsafttrank, um ihren Handlungsspielraum zu erweitern.
Aus Wochen wurden allmählich Monate, aus Monaten wurde ein Jahr. Während dieser Zeit waren Minervas Verfolger ihr immer wieder gefährlich nahe gekommen, doch sie verfügte über genügend Erfahrung, um ihre immer ausgefeilteren Hinterhalte rechtzeitig zu erkennen. Unglücklicherweise besaß dieses Gesindel jedoch in jedem noch so verschlafenen Nest Konsorten.
Sich an das Ministerium zu wenden, stellte für Minerva keine Option dar. Die Zeitungen waren randvoll mit Nachrichten über aufständische Todesserbanden und machten die tiefgreifenden Missstände innerhalb des neu formierten Regierungsapparates deutlich. Ebenso wenig wollte sie es riskieren, ihre einstigen Verbündeten des Phönix-Ordens zu kontaktieren; zu sehr fürchtete sie, dadurch unschuldiges Blut zu vergießen. Um keinen Preis würde sie die Sicherheit der Ihren in der derzeitigen Situation gefährden, koste es, was es wolle. Sie war wohl oder übel auf sich allein gestellt.
Minerva fühlte sich unermesslich alt, sie war des Kämpfens schon längst überdrüssig. Doch sie wusste genau, die Anhänger des Roten Mahls würden nicht eher ruhen, bis sie sie gefunden und ihre Rachsucht gestillt hatten.
