Kapitel IV:
Harry Potter hatte bei weitem keine Kindheit, die man gemein hin als ‚schön' bezeichnen konnte (oder als ‚normal', wenn wir schon dabei sind). Jeder, der ihn gut kannte und seine Verwandten einmal miterlebt hatte, wusste das. Doch es gab genug Dinge, die sie nicht wussten. Und es waren diese Dinge, Dinge die schlimmer waren, als sie es sich vorstellen wollten, die Harry am heutigen Tag an genau diesen Ort - Sirius Haus, Heimat, ein Zufluchtsort - brachten. Er erzählte niemanden von diesen Dingen. Und hatte auch nicht vor, das zu tun. Es waren Dinge, die schmerzten wenn er nur daran dachte und in ihm eine Übelkeit hervorrief, gegen die er nichts ausrichten konnte. Aber es waren Dinge, die er nichts desto trotz verdient hatte. Davon war er fest überzeugt. Nicht nur, weil Onkel Vernon es ihm immer wieder eingeflößt hatte. Nein. Harry wusste auch so, dass er all die Dinge verdiente. Immerhin war es seine Schuld. Alles.
Petunia Dursley war eine durchschnittliche Frau mit einem durchschnittlichen Leben, einem durchschnittlichen Ehemann, in einer durchschnittlichen Nachbarschaft, mit einem durchschnittlichen Garten und dem Gras getrimmt auf eine durchschnittliche Länge (genau so wie alle anderen Wiesen im Ligusterweg). Sie hat einen Sohn, der seine Mutter liebt und seinen Vater verehrte. Es war durchschnittlich- und anders wollte Petunia Dursley es auch nicht haben. Die einzige Kuriosität, die nicht in ihr durchschnittliches Leben passte, war ihr Neffe.
Jeder Tag war gleich: Sie wachte auf, verabschiedete ihren Mann zur Arbeit und ihren Sohn zur Schule, begrüßte sie als sie wieder kamen, und am Abend um Punkt 21h ging sie ins Bett. Sie wartet mit dem Einschlafen, bis auch ihr Mann ins Bett ging (was jedoch mit der Zeit immer später wurde, vor allem in diesen Sommer). Jeder Tag war für sie routiniert und gleich.
Bis zu dem Tag , der ihr Leben von den Grundfesten auf erschütterte, sie dazu brachte, ihre Augen zu öffnen. Und der Tag, an dem sie erfuhr, was Vernon – ihr Ehemann- tatsächlich mit Harry – ihrem Neffen, noch dazu einem Kind- machte, war der Tag an dem sie entschied, dass es so nicht weiter gehen konnte. Ihr wurde schlecht, wenn sie auch nur daran dachte- und Petunia war sich sicher, dass sie nicht mal die Hälfte wusste von dem, was Vernon getan hat. Sie hatte Harry – und ihre Schwester- schon genug enttäuscht. Sie musste etwas unternehmen, das alles endlich unterbinden.
Noch viele Jahre später fragte Petunia sich, wie sie es nicht bemerken konnte. Wie sie die Zeichen nicht hatte sehen können. Oder hatte sie die Anzeichen etwa schon längst im Unterbewusstsein bemerkt gehabt und einfach verdrängt? Ihre Augen davor verschlossen?
Lange Zeit später gab es keinen Tag, an dem Petunia nicht darüber nachdachte, ob sie die Zeichen hätte sehen müssen, ob sie es vielleicht hätte verhindern können.
Sie wusste natürlich immer, dass Vernon ihren Neffen bestrafte, wenn er es für richtig hielt. Aber wie genau die Bestrafungen aussahen, dessen war sie sich nicht bewusst gewesen.
Sie hatte bemerkt, dass mit den Jahren die Strafen für Harry härter wurden, immer länger dauerten.
Es war wie eine riesige Welle, die immer weiter stieg und irgendwann über sie alle herein brach. Dieses irgendwann war heute.
Es war früh morgens. Dudley war schon auf dem Weg zu einem Freund, bei dem er das Wochenende verbringen würde, Vernon machte sich fertig für seine Tagung, die ihn über das Wochenende nach Irland führte, und Petunia selbst saß in der Küche und genoss eine Tasse Tee. Harry war in seinem Zimmer. Sie hatte diesen Sommer vergleichsweise wenig von ihrem Neffen gesehen - Vernon hatte ihn oft in sein Zimmer gesperrt, für sein ‚pflegelhaftes Benehmen', wie er immer sagte. Dann hörte Petunia etwas und vor Schreck lies sie die Teetasse fallen. Sie rollte langsam über die Tischkante und zerbrach in viele kleine Stücke, während ihr Inhalt Petunias perfekten Küchenboden benetzte.
Niemals zuvor, und auch nie mehr in ihrem späteren Leben, hatte Petunia solch ein Geräusch gehört. Es würde sie bis an ihr Lebensende verfolgen. Schreie.
Nein. Nicht einfach nur Schreie. Es war so viel mehr als schreien. Es war Schmerz und Entsetzten. Verrat und Angst. Es war furchterregend.
Und was Petunia am meisten erschreckte: es kam aus dem Zimmer ihres Neffen.
Anscheinend war Vernon wieder einmal bei ihm. Petunia hatte schon oft Geräusche aus Harrys Zimmer gehört, wenn Vernon bei ihm war. Manchmal glaubte sie, gedämpfte Schreie zu hören, aber als es im nächsten Augenblick wieder still war schob sie das auf Einbildung und dachte nicht weiter daran. Wie blind sie doch gewesen war all die Jahre. Wenn Petunia doch mal lautere Stimmen gehört hatte, glaubte sie immer, Harry würde Vernon anschreien und ungezogen sein- das sagte Vernon doch schließlich immer, wenn er aus dem Zimmer wieder kam – das der Junge Wiederworte gegeben hatte, so ungezogen.
Doch an diesen Morgen fiel ihr auf: Harry hatte schon lange nicht mehr Kontra gegeben, hatte schon lange nicht mehr frech geantwortet, hatte Vernon nie zurück angeschrien. Vernon hatte Harry für die kleinsten Lappalien bestraft und alles negative, was passierte, ihm angeheftet. Aber Harry hatte anscheinend schon lange aufgegeben, sich gegen Vernon zu verteidigen und klarzustellen, dass er es nicht gewesen war, dass es nicht seine Schuld ist, egal wie lächerlich Vernons Argumentation für seine Bestrafung auch sein möge.
Und in dem Moment erkannte Petunia, dass ihr Ehemann gar keinen wirklichen Grund brauchte. Das Harry atmet war für ihn ein völlig ausreichender Grund, den Jungen zu bestrafen.
Und dieser Schrei, er war schrecklich, und wenn sie genau überlegte, war er das lauteste, was sie von ihrem Neffen den ganzen Sommer über gehört hatte.
Als sie eine Tür auf und in ihr Schloss knallen hörte und Vernon nach kurzer Zeit die Treppe runter kommen hörte, war Petunia gerade dabei, die verschüttete Flüssigkeit aufzuwischen. Vernon stand an der Küchentür, neben ihm ein kleiner Koffer, den Petunia am Abend zuvor voller Sorgfalt für ihn gepackt hatte für die Tagung- während Vernon in Harrys Zimmer war Oh Gott.
Vernons Blick, wie Petunia jetzt bemerkte (war er schon immer so?), hatte etwas Verrücktes an sich. „W- warst du bei Harry?" Vernon nickte dreckig grinsend. „Keine Sorge Petunia.", antwortete er heiter, " Der Freak wird dich nicht stören. Er ist ans Bett gefesselt, also wird er nicht einfach ohne Erlaubnis im Haus rumwandern. Und er ist jetzt am schlafen."
Petunia bekam ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Gefesselt? Schlafen? Was?
Als Harry ein eigenes Zimmer bekommen hatte - Dudleys zweites Schlafzimmer (und wie konnte sie es überhaupt zulassen, dass Dudley zwei Schlafzimmer hatte aber Harry in einem Schrank unter der Treppe leben musste?) und Vernon somit seine Strafen nach dort oben verlegte, war ihr Mann von Jahr zu Jahr immer häufiger und länger in dem Zimmer. Einmal hatte sie Vernon gefragt, was er den darin mit dem Jungen mache. Vernon hatte einfach nur mit einem Glitzern in den Augen und einer Finalität in der Stimme geantwortet: „Ihm das geben, was der dreckige Freak verdient." Und damit war das Gespräch beendet.
Petunia war von Natur aus bei weitem keine ängstliche Frau - entgegen läufiger Meinungen -, aber in dem Moment hatte sie Angst vor ihrem Mann gehabt.
Sie fragte Vernon nie wieder (Vielleicht auch, weil sie nicht nur Angst vor ihm, sondern auch Angst vor der Antwort hatte).
Und die selbe Angst spürte sie auch jetzt.
„Lass ihn in seinem Zimmer an diesem Wochenende. Er hat es verdient für sein Benehmen." Petunia konnte nur nicken. Doch insgeheim entschied sie, heute bei Harry nachzusehen.
Sie begleitete Vernon noch mit einem aufgesetzten, gezwungenen Lächeln zur Haustür und verabschiedete ihn – ohne den Kuss auf die Wange, dem sie ihn seit sie geheiratet hatten jedes Mal zur Verabschiedung gegeben hatte.
Als sie vom Küchenfenster aus beobachtete, wie ihr Mann in seinem Heißgeliebten Firmenwagen um die Kurve fuhr und schon bald nicht mehr zu sehen war, drehte Petunia sich entschlossen zur Treppe und ging hinauf zu Harrys Zimmer. Wie schlimm kann es schließlich schon sein? , hatte sie in dem Moment gedacht.
Aber sie war nicht bereit für das, was sie sah. Petunia war keine naive Frau. Sie wusste, dass ihr Mann hart durchgreifen würde - hatte es schon früher oft getan, wenn es um Harry ging - aber das hatte sie nicht erwartet.
Mit ungutem Gefühl im Bauch öffnete sie die Tür.
- und wollte sich am Liebsten sofort übergeben.
Der Raum stank nach einem stark, moschusartigen Geruch, den Petunia gar nicht identifizieren wollte, als das, was er war. Harry war mit Seilen an seinen Handgelenken an das Bett gefesselt, mit ausgestreckten Gliedern auf seinem Rücken liegend. Und Nackt. Sie suchte verzweifelt nach einem Stück Haut, dass nicht gebrochen war, welches nicht blutete, was nicht mit Blutergüssen und Blauen Flecken übersät war.
Und fand keins.
Sie sah einen Baseballschläger neben dem Bett liegen. Er war bedeckt mit demselben rot – blutrot – wie Harrys Oberkörper und Lendenbereich.
Nur sein Gesicht schien unverletzt- wahrscheinlich, damit keiner direkt sieht, was Vernon dem Jungen antat, dachte Petunia im Nachhinein bitter.
Langsam näherte Petunia sich dem Bett, die roten flecken - Blutlachen - und feuchten Stellen – Erbrochenes - auf dem Teppich ausweichend. Vorsichtig kniete sie sich neben das Bett. Sie hob eine zitternde Hand zu Harrys Kopf, nicht wirklich wissend, warum, nur wissend, dass sie Harry einfach berühren musste - anfassen, um zu wissen, dass das hier real war.
Tränen sammelten sich in ihren Augen.
'Bitte sei noch am Leben. Bitte. Bitte. Bitte.' Petunia streckte ihre zittrige Hand weiter aus und strich Harry schluchzend eine Haarsträhne von der Stirn.
Und das war der Moment, in dem Harry aufwachte – und sich gleichzeitig wünschte, es nicht getan zu haben. Atmen fiel ihm schwer, es war als würde ein Bleigewicht auf seiner Brust liegen. Bewegen tat zu viel weh, als das er es auch nur in Betracht ziehen konnte. Selbst das Augenöffnen war schmerzhaft, darum entschied sich Harry, das auf später zu verschieben. Er würde erst einmal noch in dieser Dunkelheit schweben. Dort tat alles sowieso nicht so weh.
Harry wich nicht zurück von ihr, bis Petunia seine Haut berührte. Selbst dann wusste Petunia, das er vom Schmerz zusammenzuckte, nicht von ihrer Berührung…aber trotzdem starb in dem Moment ein Teil von ihr, in dem Moment, als ihr eigener Neffe vor ihr zurückzuckte. Immer mehr Tränen flossen Petunias Wangen hinunter.
Vorsichtig kletterte sie auf das Bett und mit noch immer zitternden Händen öffnete sie die Seile, die Harrys Handgelenke am Bettgestell hielten. Als sie die Fesseln langsam löste sah Petunia, wie das raue Seil und vermutlich Harrys Gezerre an ihnen seine Handgelenke aufgeschürft hatten.
Seine Arme faltete Petunia vorsichtig um seinen Oberkörper. Sie hob Harrys Kopf auf ihren Schoß und wiegte ihn hin und her.
Sie flehte ihn um seine Vergebung an, sagte ihm, wie Leid es ihr tat, wie erbärmlich sie doch war, wie sie es hätte sein müssen, die Bestraft wurde. Wie in Trance wiederholte sie es immer wieder, bettete darum, dass er noch lebte.
Ein Zittern lief durch Harrys Körper und Petunia nahm langsam wieder ihre Umgebung wahr. Ihr fiel der kalte Wind auf, der durch das Fenster blies. Wo war das Glas hin? Wieso gab es in diesen Raum keine einzige verdammte Decke? Eine neue Welle an Tränen drohte, aus ihren Augen zu quollen, als Petunia begriff, das Vernon das Glas entfernt haben musste, das Vernon die Decken weggeschafft haben musste. ‚Vernon…'
Petunias Gedanken überschlugen sich, sie wusste nicht, was sie tun sollte.
‚Eins nach dem anderen'
"Harry Schatz, ich bin gleich wieder da. Ich verspreche, ich werde dich hier nicht so alleine lassen." Petunia wusste, dass sie am plappern war, aber diese Stille im Zimmer, so ruhig als würde Harry nicht atmen, konnte sie nicht ertragen. Die ganze Zeit murmelte sie Harry Sachen ins Ohr, schon gar nicht mehr wissend, was sie da eigentlich sagte.
Sie sah in Harrys Gesicht. Seine Augen waren unfokussiert, er war immer noch weggetreten.
Wie auf Autopilot stand Petunia auf, holte eine Decke aus dem Wandschrank unter der Treppe – Harrys Wandschrank. Oh diese Ironie. Wenn er in dem Schrank geblieben wäre, DAS hätte darin bestimmt nicht passieren können - und ging mit einem Glas Saft, einer Schüssel warmen Wassers und einem Tuch aus dem Bad wieder in Harrys Zimmer zurück.
Sie wusch das Blut von Harrys Körper, deckte seinen Unterleib zu, mit allerhöchster Vorsicht tupfte sie an Harry Rippen entlang- sie konnte nur beten, dass keine von ihnen gebrochen war.
Harry schien langsam wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Zunächst Orientierungslos sah er sich um, dann beobachtete er die Hand, die langsam seinen Bauch abtupfte und schließlich sah er hoch in Petunias Gesicht. Nach wenigen Sekunden der Verwirrtheit fokussierten sich seine Augen auf die von Petunia und er schien sie zu erkennen.
„T-Tante Petunia…Was machst du denn hier?…Wenn Onkel Vernon dich sieht wird er sauer werden…. Du bekommst noch Ärger.".
Petunia wollte sich am Liebsten die Hände vor den Mund schlagen (doch sie brachte es nicht übers Herz, Harry nicht anzufassen. Als ob er verschwinden würde, wenn sie ihn nicht berührte). Wie kann der Junge selbst jetzt nur an die Sicherheit und das Wohlergehen anderer denken statt an sein eigenes? Onkel Vernon – und wie kann er ihn nach allem, was er ihm angetan hat, noch als Onkel bezeichnen? Wie kann er ihn noch als Familie betrachten? Wie kann er ihn überhaupt noch als menschliches Wesen sehen?
Jetzt, wo sie Harry in die Augen sehen konnte, wo sie seine gebrochene Stimme hörte, kamen die Tränen wieder.
"Es ist okay Harry. Vernon ist weg. Ich… ich werde dir helfen. … Es tut mir so leid. Bitte, bitte verzeih mir." Wie ein Mantra wiederholte Petunia es und wog Harry wieder in ihren Armen. „Er wird dir nie wieder etwas antun, Kind. Nie wieder." flüsterte sie ihm beruhigend – ob sie jetzt damit Harry oder sich selber beruhigen wollte wusste sie nicht- ins Ohr.
Sie atmete tief durch. Sie musste Harry helfen. Dazu musste sie klar denken. Für ihre Schuldgefühle blieb jetzt keine Zeit.
Fieberhaft dachte Petunia nach. Sie musste Harry hier raus bekommen. Er musste irgendwo hingehen, wo er sicher war.
Sein Zauberstab! Petunia war sich sicher, wenn der Junge seinen Zauberstab wieder hatte könnte er fliehen, wohin auch immer er will. Sie erinnerte sich noch an Anfang des Sommers – noch nicht einmal 3 Wochen her -, als Vernon den Stab von Harry nahm, um ihn – wie er sagte- sicher aufzubewahren, damit Harry nichts anstellt. Petunia hatte noch gehört, wie Vernon zu Harry sagte, dass er bloß nichts "freakisches" anstellen solle, auch ohne Zauberstab, sonst würden andere leiden, nicht nur Harry. Erst viel später hatte Petunia verstanden, dass er damit Harry angedroht hatte, er würde auch ihr und Dudley wehtun. Dass das der Grund gewesen war, warum Harry all die Zeit nicht einfach auch ohne Zauberstab gezaubert hatte - um sie zu beschützen (und hätte es nicht eigentlich anders rum sein sollen? Hätte sie nicht eigentlich ihn beschützen müssen?).
Petunia wusste, dass Vernon den Zauberstab im Tresor im Schlafzimmer versteckt hatte. Er hatte Angst, ihn einfach zu zerbrechen, wie er Harry erzählt hatte, was er damit tun würde (genauso, wie er Angst hatte vor Harrys Magie).
"Harry. Ich…Du…" Petunia stolperte über ihre Worte. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren, verdammt! Noch einmal atmete sie tief durch und sah in Harrys Augen – Lilys Augen. „ Hör mir zu, du musst hier weg. Ich werde deinen Zauberstab holen-" „Meinen…Stab? Aber V-Vernon hat ihn…"
„Nein, er hat ihn nicht zerbrochen. Er war zu Feige. Er hatte Angst davor.". Hier musste Harry lachen, doch es wurde schnell zu einem Husten und Petunia half ihm, sich gerader aufzusetzen. „Sshh…. Ich werde ihn dir bringen. Kannst…kannst du aufstehen?" Von Minute zu Minute immer klarer im Kopf werden nickte Harry unsicher. „Aber… ich kann nicht weg. Was ist mit dir und Dudley? Er wird euch-„
„Harry, mach dir keine Sorgen um uns. Du musst jetzt an dich denken, hörst du? Bitte Harry, bitte" Bitte gib mir eine Chance, dir wenigstens jetzt zu helfen, war was Petunia nicht aussprach, doch Harry verstand trotzdem. Er nickte noch einmal.
Petunia hielt ihm das Glas Saft hin und lehnte den Jungen vorsichtig an die Wand. „Ich hole jetzt deinen Zauberstab." Bevor sie aufstehen konnte hatte Harry sie am Handgelenk gepackt - und der Griff war so schwach, dass ihr wieder Tränen in die Augen stiegen.
„Danke!", sagte er mit einem versuchten Lächeln, „Das habe ich nicht verdient."
„Oh Harry..." ‚Du hast so viel mehr verdient als das!', dachte Petunia, doch bevor ihre Gefühle sie wieder zu überwältigen drohten drehte sie sich um und ging in Richtung Schlafzimmer. Je schneller Harry aus dem Haus war, desto besser.
Als Petunia mit Zauberstab in der Hand wieder zurückkam, sah sie, wie Harry auf zittrigen Beinen stand und eine alte Jeans und ein T-Shirt von Dudley – viel, viel zu groß für ihn. ‚Er ist so dünn.' Noch etwas, für das sich Petunia die Schuld geben konnte- überzog. Harry erblickte seinen Zauberstab und seine stumpfen Augen bekamen wieder etwas von ihrem Glanz – einem Glanz, den, wie Petunia jetzt auffiel, sie schon seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen hatte.
Das letzte mal wohl, als dieser riesige Mann gekommen war und Harry verkündet hatte, er ist ein Zauberer und würde die Dursleys verlassen. War Vernon schon damals so schlimm gewesen? Wenn Petunia ehrlich mit sich selber war wollte sie das gar nicht wissen. Irgendwann würde sie vielleicht mal die Courage finden, um Harry zu fragen. - zurück.
-°-
Die Tränen hörten nicht auf zu fließen, als sie mit ihrem Neffen vor der Haustür stand. Petunia hatte Angst, Harry beim Abschied zu fest zu drücken und ihm damit –noch mehr- weh zu tun. Doch sie konnte ihn auch nicht loslassen, wohlweislich, dass das hier vermutlich das letzte Mal war, dass sie ihn sehen würde.
„Verzeih mir." , flüsterte sie immer wieder.
Und erst, als Harry sagte „Es wird alles okay, Tante Petunia" – und hätte sie nicht eigentlich diejenige sein sollen, die es zu ihm sagen müsste?- lies sie ihren Neffen los. Sie beobachtete, wie er aus dem Haus trat, langsam und vorsichtig, als ob jeder Schritt schmerzte – und das tat er wohl auch -, den Zauberstab hob und mit einen Knall war er verschwunden. Der Himmel zog sich zu, es fing an zu regnen und sie schloss die Tür.
In dieser Nacht weinte sich Petunia Dursley in den Schlaf.
~*~
Und jetzt stand er also hier. An der Tür seines Paten. Erleichterung durchströmte ihn wie nie zuvor. ‚Ist es jetzt vorbei?'. Sein Weg hierher war etwas verschwommen. War er appariert? Wahrscheinlich. Es war alles so furchtbar schnell gegangen.
‚Du musst nur noch die Hand heben und klopfen. Komm schon. So sehr tut es nicht weh. Ignorier den Schmerz! Das hast du doch schon oft getan. Beachte ihn einfach gar nicht.'
Wind zerrte an seinen Klamotten und Regentropfen begannen langsam, in Strömen zu fallen.
Jeder Atemzug, den Harry tat, brachte ihm einen Stoß von lähmenden, brennenden Schmerz durch seinen Körper.
Harrys Gedanken überschlugen sich. Er war nichts besonderes, bei weitem nicht. Der-Junge-der-lebte besteht auch nur aus Fleisch und Knochen. Wie konnten ihn Leute für besonders halten, für wichtig? Die Wahrheit war doch, am Ende ist er ziemlich nutzlos ohne seine Freunde. Tatsächlich war er doch eigentlich allein. ‚Genau wie jetzt.' Er lebt von dem Ruhm einer dummen Geschichte, die passiert ist, als er noch ein Baby war. Und der Sieg letztes Jahr? Der war doch auch nur Glück. Und auf den Weg dahin hatte Harry ja nun wirklich genug Leid gebracht für alle anderen. Der Schmerz, den er fühlte, erinnerte ihn doch nur daran, dass er es verdient hat.
Er nahm einen langen Atemzug und klopfte sachte an die alte Tür. Der Regen prasselte weiter, als die Tür geöffnet wurde und Harry in die verwunderten Gesichter von seinem Paten und Remus, und merkwürdigerweise auch Snape (aber darüber wollte er sich jetzt keine Gedanken machen), blickte. „Hi", sagte er kleinlaut. Klang seine Stimme schon immer so kratzig?
"H-Harry?", rief Sirius überrascht aus, als sein verwunderter Blick einem breiten Lächeln wich, und zog ihn voller Elan ins Haus, direkt in seine Arme.
Harry, nicht mehr gewöhnt an so viel liebevollen Körperkontakt, versteifte sich in der Umarmung, was Sirius vor lauter Freude aber nicht zu bemerken schien.
Als er Harry wieder los ließ wurde der vor Kälte zitternde Junge von Remus in seine Arme geschlossen, der jedoch sehr wohl seine versteifte Haltung bemerkte (und der Geruch, der von Harry ausging, verwirrte den Werwolf – war das etwa Blut?) und er ließ ihn wieder los. Kaum war Harry wieder frei nahm ihm Sirius überschwänglich erneut in die Arme. Ein riesiges, glückliches Lächeln zierte sein Gesicht und Remus konnte nicht anders, als bei dem Bild, was sich ihm bot, ebenfalls noch breiter zu Lächeln. Sirius liebte diesen Jungen einfach.
Snape riss Remus aus seinen Gedanken. „Ich will euer Familientreffen ja nicht stören, aber ich gehe." , feixte er und drückte sich an Remus vorbei, der ihm die Tür aufhielt, während Sirius Harry immer noch drückte. „Oh natürlich Severus, wir sehen uns dann morgen.", sagte Remus höflich (Snape sah erst angewidert zu Harry und Sirius, der den Jungen ohne auf seine Umgebung zu achten immer noch fast erdrückte, dann zurück zu Remus) und schloss die Tür, als der Tränkemeister sich zum gehen wegdrehte.
Sirius hatte Harry inzwischen wieder aus der Umarmung gelassen, seine Hände hielten den Jungen aber immer noch an den Schultern fest. Aufgeregt redete er auf ihn ein: „ Was machst du denn hier? Warum hast du nicht Bescheid gesagt, dass du kommst? Wir hätten dich doch abgeholt. Wie bist du überhaupt hierher gekommen? Wie geht's dir? Was hast du den Sommer über bis jetzt gemacht?" Sirius redete ohne Punkt und Komma und schien nicht mal mehr aufzuhören, um Luft zu holen, während Harry ihn einfach nur ansah und gar keine Gelegenheit bekam, zu antworten.
Schmunzelnd ging Remus auf die beiden zu und legte eine Hand auf Sirius Schulter. „Sirius, pause. Atme erstmal!" Der Animagus stoppte in seinem Redeschwall und nahm einen tiefen Atemzug. „Ich bin sicher, Harry wird uns alles später noch beantworten. Aber erstmal sollten wir ihn sich ausruhen lassen. Ihm ist sicher kalt." Fragend sah Lupin in Harrys Gesicht. Dieser nickte nur mit einem zittrigen Lächeln. Mit einem Schwung seines Zauberstabes lies sein ehemaliger Professor seine nassen Klamotten verschwinden und Harry in einem warmen Pyjama einkleiden.
Sirius sah sich Harry erst einmal genauer an und zog die Augenbrauen besorgt zusammen. , Irgendetwas stimmt nicht.'
„Natürlich. Du hast Recht Remus. Harry, du bist bestimmt erschöpft? Komm, ich bring dich in dein Zimmer. Das heißt, nicht in dein Zimmer, am besten schläfst du in unserem Zimmer, deins ist grad belegt weißt du. Aber das erzähl ich dir alles nachher…." Er nahm Harry an die Hand und führte ihn, immer noch aufgeregt quaselnd, nach oben, während Remus kopfschüttelnd, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, in die Küche ging um Kaffee zu kochen. Starken.
Vor Erschöpfung nur noch wie im Autopilot gehend bemerkte Harry am Rande, dass Sirius (dem er schon gar nicht mehr zuhören konnte, und einfach nur von seiner Stimme beruhigt wurde) an Harrys Zimmertür vorbei ging und ihn stattdessen in das Schlafzimmer von ihm führte. Harry war zu fertig, um sich darüber noch groß Gedanken zu machen. Vielleicht später. Denn jetzt, jetzt in diesen Moment wollte er einfach nur in irgendein Bett fallen und den Schmerzen entfliehen. Und den Erinnerungen.
