Kapitel 4 - 19. Mai 1707: Livorno, Italien, Erde
Als er seine Augen wieder öffnete, präsentierte sich ihm ein vollkommen anderes Bild. Er war in einer relativ unbelebten Gasse gelandet. Große Backsteingebäude, die bereits einige Jahrhunderte vorbei ziehen sahen, begrenzten sein Sichtfeld nach links und rechts. Doch schon wenige Meter weiter vorne verlief eine große Straße, die zu dieser frühen Stunde schon reichlich belebt war.
Vorsichtig ging Daniels vorwärts und blickte um die Ecke des alten Hauses. Ein reges Treiben erfüllte die Straße. Menschen in verschiedenster Kleidung, welche vermutlich deren sozialen Status anzeigte, strömten in eine bestimmte Richtung, die Daniels sehr schnell als den Weg zum Hafen ausmachen konnte. Da dies ebenfalls sein Ziel war, reihte er sich einfach in den Strom ein. Sehr schnell entdeckte er auch den Grund für die Versammlung.
Sie war wunderschön. Selbst nach den Maßstäben des 31. Jahrhunderts. Besonders groß war sie zwar nicht, dafür waren ihre Formen umso ansprechender. Daniels konnte seinen Blick nicht abwenden. Fast hypnotisch wurden seine Augen von den großen weißen Segeln angezogen. Er drängte sich durch die versammelte Menschenmasse um einen besseren Blick auf ihren Rumpf zu bekommen. Auch dieser erstrahlte in leuchtendem Weiß. Offenbar war er erst vor kurzem frisch gestrichen worden. Daniels schob sich weiter voran. Noch immer verwehrten ihm einige Köpfe den Blick auf das Heck. Und dann sah er, was er schon vermutet hatte, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte: Am Heck des eleganten weißen Schiffes prangte in goldenen Buchstaben der Name H.M.S. Enterprise.
»Sie ist es«, sagte Daniels zu sich selbst.
Jenes Schiff, das bisher nur aus ein paar Zahlen in einem Buch bestanden hatte, lag nun direkt vor ihm. So wird Geschichte lebendig, dachte er. Nun galt es einen Weg an Bord zu finden.
Daniels blickte sich um. Über einen Laufsteg gingen einige Männer an Bord, ebenso auch zahlreiche Fässer und Kisten. Am schiffseitigen Ende der Holzplanke stand ein Mann in Uniform, der sowohl die Männer als auch die Waren auf einer Liste abzeichnete. Es trat ein anderer Mann in Uniform neben ihn, dessen Erscheinungsbild sich von dem des Offiziers mit der Liste etwas abhob. Er trug einen großen dreieckigen Hut, welcher seiner bereits beeindruckenden körperlichen Größe noch ein paar Zentimeter hinzufügte. Davon abgesehen strahlte er eine besondere Autorität aus.
»Das muss Captain Davenport sein«, sagte Daniels ehrfürchtig.
Er konnte beobachten, wie der Captain etwas zu dem listenführenden Offizier sagte. Als dieser seinen Kopf schüttelte, zeichnete sich Ärger auf dem wettergegerbten Gesicht ab. Daniels war inzwischen näher an die beiden Männer herangegangen. So konnte er hören, was dem Captain auf den Magen geschlagen war.
»In zwei Stunden wollen wir in See stechen und von diesem unzuverlässigen Steward fehlt jede Spur«
Daniels forschte kurz in seinen Erinnerungen. Neben einigen Offizieren bestand die Mannschaft eines solchen Schiffes größtenteils aus einfachen Seeleuten. Darunter war meist auch ein Steward. Dass der der Enterprise nun verschwunden zu sein schien, kam ihm sehr gelegen. Schon auf einem anderen Schiff desselben Namens hatte Daniels diesen unauffälligen Posten als Tarnung benutzt.
Zielstrebig betrat er den Laufsteg.
»Ich habe gehört, sie brauchen einen Steward«, sagte Daniels selbstbewusst.
Die beiden Offiziere vor ihm warfen ihm einen argwöhnischen Blick zu.
»Wir brauchen tatsächlich noch einen«
»Haben Sie denn schon einmal als Steward auf einem Schiff gedient?«, fragte der Captain kurzentschlossen.
»Ja, Sir, das habe ich«
»Wer war ihr Captain«
Daniels überlegte kurz, ob die Preisgabe des Namens den Lauf der Geschichte verändern würde.
»Captain Jonathan Archer«, sagte er dann aber.
Captain Davenport runzelte die Stirn. Wahrscheinlich wägte er ab, ob der Name britisch genug klang um diesem Fremden die Verantwortung über seine Speisen zu übertragen.
»Und wie ist Ihr Name«
»Matthew Aaron Daniels, Sir«
Von einer Sekunde auf die andere hellte sich das Gesicht des Captains auf.
»Ich diente einmal unter einem Captain Matthew Daniels. Sind Sie mit ihm verwandt«
Schnell wägte Daniels seine Chancen ab mit dem richtigen Verwandschaftsgrad das Vertrauen das Captains zu gewinnen.
»Er ist mein Großonkel, Sir«
»Dann freue ich mich, Sie kennenzulernen Mr. Daniels«
Erfreut ergriff Daniels die Hand, die ihm Captain Davenport entgegenstreckte. Ein mulmiges Gefühl hatte er zwar bei seiner erfundenen Verwandtschaft, doch hatte er die Hoffnung, dass sein neuer Captain nicht so sehr an Familiengeschichten des angeblichen Großneffen interessiert war.
