Und hier sind wir wieder. Wenn es etwas gibt, das mich zufrieden stimmt, dann ist es das Schreiben.
Mir fehlt Harry Potter nicht nur des Harrys wegen. Vielmehr ist es die zauberhafte Welt, die ihn umgibt, die 'kleinen' Freuden und Leiden des Alltags. Ich danke seiner wunderbaren Schöpferin für die vielen schönen Stunden, indem ich versuche, weitere Geschichten zu spinnen. Denn im Grunde genommen lebe ich nur eine Fiktion.
houseghost/burdenofimpurity
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Thorns in my chest
Kapitel 4
Schon der Geruch, der vom Labor in den Kerkern ausströmte, war ein anderer als der, der zu Slughorns Zeiten hier unten geherrscht hatte. So zumindest glaubte Hermine. Unerschütterlich davon überzeugt, dass es nicht lange dauern konnte, wieder mit ihrem verhassten Professor aneinander zu geraten, suchte sie gemeinsam mit Ginny einen Platz in der letzten Reihe. Wie damals, an ihrem ersten Tag überhaupt in diesem Raum, kam Snape auch diesmal schwungvoll durch die Tür, um sogleich mit seiner heutigen Lektion zu beginnen. Verbissen bemühte sich Hermine dabei, nicht an die Erlebnisse zu denken, die sie in der Heulenden Hütte gemacht hatte, als der sterbende Todesser Harry flehentlich darum gebeten hatte, ihm einen letzten Blick aus seinen grünen Augen zu schenken - Lilys Augen.
Es wirkte geradezu paradox, dass er jetzt hier stand und so tat, als wäre in den vergangenen Monaten seit Dumbledores Tod nichts geschehen. Ließen ihn die Ereignisse wirklich so kalt, wie es den Anschein hatte? Oder war auch jetzt wieder nur alles gespielt, genauso wie er es immer gehandhabt hatte, um die Fassade zwischen den Fronten aufrechtzuerhalten?
Den Blick fest auf sein verhärmtes Gesicht geheftet, bekam sie kaum mit, was er im Unterricht zu verkünden hatte. Erst als seine Stimme dann verstummte und um Hermine herum ein hektischer Arbeitseifer ausbrach (schließlich wollte sich niemand schon am ersten Tag Ärger mit Snape einfangen), wurde sie unsanft aus ihren Gedanken gerissen. Seine durchdringenden Pupillen hefteten sich erbarmungslos auf ihre - Snape entging nichts.
Für etliche Sekunden sahen sie sich an und die Vorstellung, dass es sich hier um denselben Mann von damals handelte, der vor ihren Augen sein Leben ausgehaucht hatte, schien so unbegreiflich, dass Hermine einen Stich verspürte. Sie hatte nie so etwas wie Mitleid oder Sympathie für den eigenartigen Mann in seinen schwarzen Gewändern empfunden. Und andersherum war es genauso gewesen, sonst hätte er sie wohl früher kaum so herablassend behandelt. Wieso also konnte er nicht aufhören, sie so unbarmherzig anzustarren? Warum konnte sie es ebenso wenig? Wusste er etwa, was in ihr vorging und wollte ihr damit zu verstehen geben, dass sie vorsichtig sein musste, nicht den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren? Dass er hier stehen konnte, erschien einem Wunder; andererseits hatte sie mit eigenen Augen schon so viel kurioses erlebt, seit sie nach Hogwarts gegangen war, dass auch eine Auferstehung Snapes anhand eines gewitzten Zaubers zu erklären sein müsste.
Eine gefühlte Ewigkeit später blinzelte Hermine und senkte den Blick. Wie vom Blitz getroffen wandte sie sich der heutigen Aufgabe zu, die er während ihres Beobachtungsprozesses an die Tafel gekritzelt hatte. So geschäftig wie nie heizte Hermine ihren Kessel an und suchte die benötigten Zutaten zusammen. Dann hackte und rührte sie, dass der Schweiß nur so ihre Schläfen hinablief. Am Ende stand sie stolz und zufrieden mit ihrem Ergebnis stramm, während Snape seine berüchtigte Nase in den Dampf hielt. Es folgte eine eigenartige Stille; und das, obwohl um sie herum noch gearbeitet wurde.
"Gratuliere, Miss Granger. Sie haben erfolgreich geschafft, was seit Jahrzehnten niemandem mehr gelungen ist. Mit diesem Gebräu haben Sie bewiesen, dass es möglich ist, die Kunst des Tränkebrauens zu perfektionieren."
Kaum geendet, wandte er sich von ihrem Kessel ab und schwebte weiter zum nächsten Tisch. Verblüfft stupste Ginny ihre Freundin an und flüsterte: "Was hatte das denn zu bedeuten?"
Hermine wusste kaum, was sie darauf antworten sollte, so verlegen war sie. "Keine Ahnung! Ich bin genauso ratlos wie du … Ich meine, ich wusste, dass der Trank gut ist, das hatte ich im Gefühl. Aber dass Snape sich so damit zufriedengeben würde, hätte ich nie gedacht."
"Hast du ein Glück! Bei mir raucht und spuckt die ganze Brühe, als würde sie jeden Moment in die Luft gehen ..."
"Nimm die Temperatur runter und versuch, den Trank zu kühlen. Das sollte wenigstens das retten, was davon übrig ist."
Ginny nickte und machte sich ans Werk. Am Ende der Stunde war klar, dass Hermine die einzige war, die es geschafft hatte, einen perfekten Trank zu brauen. Und das auch noch anerkannt von Snape.
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"Dein Talent in Ehren, Hermine, aber du glaubst doch nicht, dass das anhalten wird", bemerkte Harry kritisch.
Sie rollte mit den Augen. "Das hat Ginny auch schon gesagt. Aber weißt du was? Mir ist es egal! Von mir aus soll er sagen, was er will, solange er nicht wieder anfängt, auf mir herum zu hacken. Diese Erniedrigungen von früher muss ich mir jedenfalls nicht mehr von ihm bieten lassen! Ich bin jetzt eine erwachsene, mit allen Wassern gewaschene Frau."
Harry setzte ein schelmisches Gesicht auf. "Du warst schon immer besonders leistungsfähig, wenn du unter Stress gestanden hast, Mione. Vielleicht wolltest du ihm insgeheim ja beweisen, dass du allen Grund hattest, hierher zurückzukehren. Und du verdienst es, deinen Abschluss zu machen. Weitaus mehr als alle anderen, so wie du dich immer ins Zeug gelegt hast."
"Kann sein. Aber jetzt lass uns nicht länger von mir reden. Wie war deine erste Woche mit dem Training so? Hast du schon was Aufregendes erlebt?"
"Allerdings. Es war toll, Hermine!", verkündete er strahlend. „Die Typen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind genauso, wie ich mir Moody zu seinen besten Zeiten vorgestellt habe. Es sind absolut hartgesottene, gerissene Kerle. Aber es gab noch eine Überraschung - du glaubst ja gar nicht, wer uns besucht hat!"
Interessiert schüttelte sie ihre wilde Mähne. "Na wer? Sag schon!"
"Kingsley! Wusstest du, dass er nebenbei immer noch als Auror tätig ist?"
"Nein. Woher auch? Die anderen machen immer noch ein riesiges Geheimnis um alles, fast so, als wären wir die Kinder von früher."
"Ich weiß. Molly ist nach wie vor besorgt um uns. Ganz besonders, seit sie Fred verloren hat."
Hermine wippte abwesend mit dem Kopf. "Und sonst? Wie geht es Ron? Er ist doch hoffentlich bei dir, oder?"
"Ja, ist er. Die ersten Tage waren hart für ihn. Er war so in seinem Trott, dass er jeden Morgen verschlafen hat. Ich habe zwar versucht, ihn zu wecken, aber er hat mich ziemlich wüst beschimpft und gesagt, dass mich das nichts angeht. Wir haben daraufhin furchtbar gestritten und ich bin ihm erst mal aus dem Weg gegangen, so gut ich konnte; vielleicht war das nicht die beste Lösung, aber ich will dieses Programm unbedingt durchziehen, Hermine. Es ist meine große Chance, den anderen zu zeigen, dass ich nicht der bin, den sie aus den Zeitungen kennen ..."
"Ich weiß, Harry. Mach dir keine Vorwürfe seinetwegen. Er ist selbst erwachsen und muss wissen, was er tut - ihr habt euch doch hoffentlich wieder vertragen?"
"Na ja, am dritten Tag ist unser Ausbilder in den Schlafsaal gekommen und hat ihn so zur Schnecke gemacht, dass er wie verwandelt war. Ich denke, das hat er gebraucht. Ein kleiner Schubser von außen, der ihn auf den richtigen Weg gebracht hat."
"Und? Hat er sich wenigstens bei dir entschuldigt?", hakte sie nach.
Harry lächelte verunsichert. "Du kennst ihn ja. Wir sind anders, Ron und ich. Wenn er funktioniert, ist er der beste Kumpel, den du dir vorstellen kannst. Da möchte ich ihn gegen keinen anderen eintauschen."
"Trotzdem sollte er lernen, sich zu beherrschen. Es ist nicht richtig von ihm, sich immer wieder darauf zu verlassen, dass du ihm verzeihst. Und dabei rede ich nicht nur von dir ..."
"Das weiß ich, Hermine, aber gib ihm noch etwas Zeit, sich zu fangen. Fred fehlt ihm. Sein Tod hat ihm gezeigt, dass seine Familie nicht unverwundbar ist. Es war immer seine größte Angst, sie zu verlieren. So sind die Weasleys eben. Genau deshalb ist er damals auch abgehauen und hat uns allein gelassen."
"Ich versuch ja, ihn zu verstehen, Harry. Nur war es nicht besonders nett, mich einfach Tag für Tag zu ignorieren. Wir kennen uns schon so lange, da hätte unsere Beziehung was Besseres verdient. Und so, wie es im Moment steht, bin ich mir nicht mal sicher, ob ich noch eine Freundschaft zu ihm aufrechterhalten kann."
"Auch das kann ich gut nachvollziehen. Aber glaub mir, wenn er bereit dazu ist, werde ich ihm gehörig in den Arsch treten, damit er begreift, was er getan hat."
Hermine lächelte gequält, dann wurde es still. Offenbar hatte das Gespräch über Ron mehr offene Wunden in ihrem Inneren berührt, als erwartet. Und auch Harry beließ es vorab dabei. Mehr konnten sie nicht tun, weder für Ron, noch für die Freundschaft, die sich im Laufe der Jahre zwischen ihnen geformt hatte.
Nachdenklich seufzend stand er irgendwann auf. "War gut, mit dir zu reden, Hermine. Tut mir leid, aber ich muss jetzt los. Du weißt ja, unsere Ausbilder sind sehr streng, was Pünktlichkeit betrifft."
Enttäuscht über den schnellen Aufbruch kam sie auf die Beine und fiel ihm um den Hals. "Pass auf dich auf, Harry! Und halt mich auf dem Laufenden."
"Das werde ich, versprochen."
Schweigsam geleitete sie ihren Freund zum Kamin im Gemeinschaftsraum, zu dessen Benutzung McGonagall ihm ihre Erlaubnis gegeben hatte, doch das Gefühl, dass es fortan zwischen ihnen nicht mehr so war wie früher, war erdrückend. Und so blickte sie ihm wehmütig nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Im Anschluss an die Begegnung mit ihrem besten Freund rannte sie in ihren Schlafsaal und verkroch sich im Bett. Mit Tränen in den Augen dachte sie über das gemeinsame Gespräch nach. Rons Verhalten stimmte sie weitaus trauriger, als sie nach ihrem Aufbruch ins neue Leben für möglich gehalten hätte. Wenn er so weitermachte, würde sie ihm nicht vergeben können.
Die darauffolgende Woche begann für Hermine mit einem desaströsen Auftritt in Zaubertränke. Unkonzentriert und verbittert wie sie war, hatte sie sich in der Reihenfolge der Zutaten verhaspelt und den Kessel vor den glühenden Augen Snapes zum Schmelzen gebracht. Die daraus resultierende Beschimpfung des Professors vor der ganzen Klasse machte glasklar deutlich, wie enttäuscht er von ihrem Fehlschlag war. Für Hermine hingegen war sein Ausbruch ein weiteres Zeichen dafür, dass sie sich mit der geformten Meinung über ihn nicht getäuscht hatte. Wie früher auch kämpfte sie verbissen gegen die Tränen an, obwohl sie wusste, dass es irrsinnig war, wie ein kleines Kind zu heulen anzufangen. Snape ließ sich davon ohnehin nicht beeindrucken und so kam, was kommen musste: die Anschuldigungen flogen unter den fragenden Blicken der anderen Schüler auf beiden Seiten. Keiner der beiden wollte nachgeben, bis er sie am Ende der Stunde zu sich in sein Büro bestellte, wo sie sich aufs Äußerste gereizt gegenüber saßen. Dort, fernab fremder Augen und Ohren, eskalierte die Situation vollends, die angestaute Wut brach aus Hermine heraus wie ein brodelnder Vulkan.
"Ich habe einen Fehler gemacht, Professor, na und? Hätte ich gewusst, dass Sie deswegen so überreagieren, wäre es mir ein Vergnügen gewesen, Ihnen damals höchst persönlich den Todesstoß zu versetzen, dann wäre mir diese Demütigung, ein weiteres Mal von Ihnen bloßgestellt zu werden, erspart geblieben! Sie sind ein abscheulicher Lehrer, dem es offensichtlich Spaß macht, andere zu verletzen. Und noch was: Ihre Schrift an der Tafel ist in den hinteren Reihen kaum zu lesen. Wenn Sie schon Zaubertränke lehren wollen, sollten Sie die Notizen so schreiben, dass man sie entziffern kann. Kein normaler Mensch kann das Gekrakel Ihrer Zahlen von einem Fliegenschiss unterscheiden!"
Zornig bellte er zurück: "Ich verbitte mir derartige Bemerkungen über meinen Unterrichtsstil, Granger!"
"Pah! Sie haben vielleicht Nerven! Wer hat denn angefangen? Zuerst werfen Sie mir vor, ich solle was mit meiner Begabung anfangen, dann überschlagen Sie sich förmlich vor Lob, bis Sie mich am Ende wie gewohnt fertig machen. Ihr Verhalten ist einfach das Letzte!"
Snapes von den langen ungepflegten Strähnen umrahmte Schläfen pochten. Bedrohlich beugte er sich über den Tisch zu ihr vor und ballte die Hände zu Fäusten. "Ich hatte gehofft, Sie würden dieses Schuljahr ernst nehmen, jetzt, wo Potter und Weasley nicht mehr hier sind. Stattdessen beweisen Sie einmal mehr, dass Sie nichts weiter als ein verzogenes Etwas sind. Anscheinend haben Sie noch immer nicht begriffen, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist. Sie besuchen hier einen Kurs für Fortgeschrittene, da kann es überaus gefährlich sein, wenn Sie im Unterricht unkonzentriert sind. Wenn Sie sich also nicht in den Griff bekommen, könnte das fatale Folgen für die ganze Klasse haben. Kurz: Was ich heute gesehen habe, war nicht das, was Sie neulich vorgelegt haben, Granger. Das gibt mir zu denken, ob Ihre Entscheidung, weiterhin zur Schule zu gehen, richtig war."
Hermine stutzte. "Sie halten mich für verzogen?"
Er verzog unliebsam die Mundwinkel. "Unter anderem."
"Ha! Ist das zu fassen? Ich kann verstehen, wenn Sie sich Sorgen machen, dass ich jemanden verletzen könnte, aber das ist wohl der Gipfel der Unverschämtheit! Haben Sie nicht mitbekommen, dass ich ganz allein mit den Jungs auf der Flucht war? Abgeschieden von der Zivilisation, in ständiger Todesgefahr ... Was muss ich denn noch tun, damit Menschen wie Sie merken, dass ich kein verwöhntes Püppchen bin? Schön, ich ziehe eine behagliche Bibliothek der rauen Natur vor, aber das heißt noch lange nicht, dass ich nicht anpassungsfähig bin. Ich habe gelernt, damit zu leben. Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um Harry da durchzubringen. Ich wurde sogar von Bellatrix Lestrange zum Aufgeben aufgefordert und gefoltert, sagen Sie mir also nicht, ich sei unfähig, mein Leben zu meistern!"
Zwischen den Brauen des Professors tauchte eine tiefe Falte auf. „Wollen Sie etwa, dass ich Sie dafür bemitleide? Niemand hat Sie gezwungen, die Freundschaft von Potter zu suchen."
Irritiert blinzelte sie. „Das weiß ich selbst."
„Also? Was wollen Sie dann noch?"
„Ich möchte mein Leben leben und meinen Platz finden, so wie jeder andere hier auch."
„Dann sollten Sie sich zusammennehmen, andernfalls fürchte ich, ist Ihr Platz nicht hier."
Hermine starrte ihn mit offenem Mund an. Das konnte er unmöglich ernst meinen! Oder vielleicht doch? Sein Ausdruck jedenfalls wirkte ganz danach, als hätte er jedes Wort so gemeint, wie es geklungen hatte.
„Sie – Sie scherzen wohl, Professor", brachte sie verunsichert hervor. „Ich war immer – Hogwarts war immer mein Zuhause. Das Lernen war mein Lebensinhalt, bis dieser Krieg alles aus dem Gleichgewicht gebracht hat ..."
„Ihr Zuhause", schnaubte er leise zurück, was Hermine ziemlich abfällig erschien.
„Ja! Mein Zuhause. Aber das können Sie vermutlich nicht verstehen, weil Sie noch nie irgendwo willkommen waren."
„Darum geht es gar nicht", wehrte er mahnend ab. „Es war vorhersehbar, dass Ihr Trank misslingen würde ..."
„Soll das heißen, Sie haben mich wieder einmal beobachtet?"
„Nicht Sie, Granger, sondern Ihre Arbeit."
„Und Sie haben die ganze Zeit über nichts gesagt?"
"Ich habe Ihnen sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass Ihr Trank ein Desaster war."
"Ja, aber doch nicht so! Sie hätten mich auch anders darauf aufmerksam machen können, als es auf diese Weise und vor der ganzen Klasse zu tun. Wäre ich an Ihrer Stelle gewesen, hätte ich es getan."
"Ich bin nicht für Ihre Taten verantwortlich, Miss Granger. Und Sie nicht für meine."
„Richtig", schnappte sie zurück. „Ich hatte ja ganz vergessen, dass Sie mit anderen Methoden arbeiten. Ich hoffe nur, Sie sind zufrieden damit. Meinen Einstand haben Sie mir jedenfalls gehörig ruiniert."
Snape schmunzelte verhalten, was sie nur noch mehr aufwühlte. Wenn sie in der Vergangenheit an Hogwarts etwas zutiefst verabscheuen gelernt hatte, dann dieses fiese Grinsen auf seinem Gesicht.
"Sind wir dann fertig? Ich möchte mich zurückziehen, wenn Sie nichts dagegen haben."
Für einen Moment lang herrschte eine eisige Stille, ehe er sich dazu herabließ, zu antworten. Leise, die Lippen kaum bewegend, sagte er: "Sie können gehen, Miss Granger."
Ungläubig musterte sie ihn, dann packte sie ihre Schultasche und warf sie über die Schulter. "Ich glaube, so langsam verstehe ich Harry", murmelte sie resigniert. "Es ist sehr deprimierend, einen Sinn in Ihrem Handeln zu finden, denn im Grunde genommen gibt es den nicht, was wiederum daher rührt, dass Sie einfach nur ein verbitterter und einsamer Mann sind, der sonst niemanden hat, an dem er seine Launen auslassen kann."
Der Professor funkelte sie mit zusammengekniffenen Brauen an. "Vorsicht, Granger, treiben Sie es nicht zu weit. Sie haben bereits meine Herkunft beleidigt. Machen Sie nicht den Fehler, höher zu pokern, als Sie bereit sind, dafür einzusetzen. Und ich kann Ihnen versprechen, das sind Sie nicht."
Hermine lachte auf. "Das habe ich auch gar nicht vor. Ich finde nur, irgendjemand sollte Ihnen mal gehörig die Meinung sagen."
„Und Sie denken, Sie wären die Richtige dafür?", fragte er mit erhobenen Brauen. „Wenn Sie sich da mal nicht täuschen! Ich habe bereits in einer ganz anderen Liga gespielt ..."
"Das ist das, was ich gemeint habe", unterbrach sie ihn voller Elan. Die gegenseitigen Anschuldigungen hatten sich nun soweit aufgeschaukelt, dass sie langsam die Hemmungen davor verlor, sich mit ihm zu messen. "Sie sind so darin festgefahren, anderen das Leben schwer zu machen, dass Sie gar nicht merken, dass das Spiel vorbei ist. Voldemort ist tot. Wir alle haben einen Neuanfang gewagt, mit Ausnahme von Ihnen, denn es ist offensichtlich, dass Sie etwas nachtrauern, was Sie nicht rückgängig machen können. Es wundert mich nur, dass niemand dahintergekommen ist, bis Sie Harry in Ihre Erinnerungen eintauchen ließen. Aber vielleicht ist genau deshalb jetzt der Zeitpunkt gekommen, es Ihnen zu sagen: Auch dann, wenn Sie es nicht glauben wollen, geht das Leben weiter."
Mit einem zornigen Ausdruck in den Augen schüttelte er den Kopf. "Sie glauben doch selbst nicht, was Sie da sagen. Sie, ausgerechnet! Warum hat es denn so lange gedauert, bis Sie wussten, was Sie daraus machen wollen? Aus Ihrem Leben, das Sie hier so freizügig anpreisen? Ein junges, nahezu unbeflecktes Leben? Warum haben Sie nicht gleich die erstbeste Chance ergriffen, das Beste daraus zu machen? Warum, Granger? War es Ihnen vielleicht nicht recht? Nicht einfach genug, den Neuanfang zu wagen? Warum haben Sie ihn nicht willkommen geheißen und danach gegriffen, als Ihnen bewusst wurde, dass der Krieg vorbei ist?"
Hermine starrte ihn an, ohne einen Ton hervorzubringen. Sein zerfurchtes, liebloses Gesicht, dazu die kalten, bitteren Worte. Erst jetzt wurde ihr langsam bewusst, dass Harry sich ebenso gefühlt haben musste, als er von Snape zum Nachsitzen verdonnert worden war, nämlich erfüllt von Hass. Doch wie war es nur soweit gekommen? Wieso hatte keiner von ihnen aufgehört, ehe alles aus den Fugen geraten war?
"Nun, Granger, was ist? Brauchen Sie einen weiteren Denkanstoß? Dann werde ich Ihnen helfen, wenn wir schon dabei sind! Sie wussten nicht, was Sie tun sollen, weil nichts mehr so war wie zuvor. Ihre vertraute Welt hatte aufgehört, zu existieren. Potter und Weasley brauchten Sie nicht mehr, was Sie genauso einsam machte wie das Ende des Krieges mich. Sie stehen alleine da. Das ist die Wahrheit, die einzige Wahrheit."
Das Beben seiner Nasenflügel fest vor Augen, rang sie nach Fassung. Stück für Stück geschah es, Hermine wollte nicht länger gegen die Wut auf ihren Professor ankämpfen. Bereits vor Jahren hatte sie sich danach gesehnt, ihm alles heimzuzahlen, was er ihr durch seine fiese Art angetan hatte. Jede Demütigung, jedes gemeine Wort, das er im Unterricht über sie verloren hatte, sogar die Gemeinheiten, die er Harry gegenüber aufgefahren hatte. Ihr Herz klopfte wild, als sie sich dazu aufraffte, zu einem weiteren Gegenschlag auszuholen. "Sie sind ein Lügner!", rief sie ungehalten aus. "Harry braucht mich! Haben Sie das noch immer nicht begriffen? Ohne mich wäre er nie so weit gekommen. Und Ron war schon immer schwierig, wenn es um Feingefühl ging, was nicht heißt, dass er ein schlechter Mensch ist. Er braucht nur manchmal etwas länger, zu kapieren, was Sache ist. Ja, es stimmt, wir alle haben mit Veränderungen zu kämpfen, aber auch er wird sich wieder einkriegen, darauf können Sie sich verlassen! Und was mich angeht, ich weiß genau, dass ich alles schaffen kann, wenn Sie nur endlich aufhören, mich vor allen anderen runter zu ziehen."
„Worauf wollen Sie hinaus?", fragte er mit gespielter Unschuld. „Erwarten Sie von mir, dass ich Sie bevorzuge, weil Sie es geschafft haben, Potter durchzubringen?"
"Nein. Ich habe lediglich darauf vertraut, dass Sie auch anders können, wenn Sie es nur wollen. Neulich haben Sie mich sogar gelobt. Und das war viel mehr, als ich je von Ihnen erwartet hätte."
„Vielleicht war ich damit zu voreilig, Granger", entgegnete er herablassend, wobei er auf der Tischplatte gemächlich die Hände ineinander faltete. „Ihre heutige Leistung hat mich eines Besseren belehrt."
Hermine rollte mit den Augen. "Sehr charmant, wirklich. Sie sollten eigentlich wissen, was es bedeutet, einen Fehler zu machen, nicht wahr?"
Snape löste umgehend seine gefalteten Hände voneinander los, den Ausdruck auf seinem Gesicht mit einem Mal ins Unleserliche verzogen. „Wollten Sie nicht vor einer Ewigkeit schon gehen? Da drüben ist die Tür." Pfeilgerade schnellte sein langer dünner Zeigefinger in die entsprechende Richtung, als könne er es nicht erwarten, sie endlich los zu haben. „Oder wollen Sie, dass ich Sie hinausbegleite?"
Steif reckte sie ihr Kinn in die Höhe. "Keine Sorge, ich finde meinen Weg alleine. Und das in jeglicher Hinsicht."
