Sommerregen
Kapitel 4
Hermine erwachte aufgrund einer ihrer Albträume, die sie seit dem Vorfall im Ministerium immer wieder heimsuchten. Was dort wenige Wochen zuvor geschehen war, hatte ihr gezeigt, dass sie trotz ihrer überragenden Fertigkeiten im Zaubern einem Angriff durch Todesser recht herzlich wenig entgegenzusetzen hatte. Und das war noch längst nicht alles, was sie beunruhigte. Irgendwie wurde sie das bedrückende Gefühl nicht los, dass Snape absichtlich etwas vor ihr zurückhielt.
Die halbe Nach hatte sie sich von einer Seite auf die andere gewälzt, um einen Sinn dahinter zu sehen. So wie die Frage, was wäre, wenn sie sich täuschte und Voldemorts Mutter das Kind nicht freiwillig in das Heim gegeben hatte, sondern sich nur aus Verzweiflung dorthin gewandt hatte. Konnte es vielleicht sogar sein, dass Snape sich selbst betroffen gefühlt und deshalb so eigenartig reagiert hatte, als sie mehr über diese Frau herausfinden wollte, die den Muggel verzaubert hatte?
Hermine stieß immer wieder auf eine Sackgasse. Sie wusste nicht viel über Snape und war streng genommen auch nicht erpicht darauf, mehr über ihn herauszufinden. Er war ihr Lehrer und damit basta. Er würde nicht dulden, dass sie anfing, in seinem Leben herumzuschnüffeln.
Es war der zweite Tag ihrer Reise. Der Regen hatte sich gelegt und einem dampfigen Sommermorgen Platz gemacht. Zaghaft krochen die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont, als sich die beiden auf den Weg machten, um ihre Arbeit zu tun. Ganz in der Nähe ihrer Unterkunft, am Rande eines zwischen zwei Hügeln gelegenen Dorfs, sahen Hermine und ihr Professor aus der Ferne das auf einem der umgebenden Hügel gelegene Haus, von dem sie erstmals eingehender aufgrund der Notizen erfahren hatte. Das Haus das, wie sie vermutete, Voldemorts Verwandten gehört haben musste.
Obwohl es längst verlassen war, erstreckte es sich prächtig in der verlorenen menschenleeren Landschaft und lud wieder einmal zum Spekulieren ein. Hermine glaubte zuversichtlich daran, dass Voldemorts Vater, der Muggel, von dort stammte, wohingegen die aus einfachen Verhältnissen kommende Frau irgendwo in der Nähe gelebt haben musste. Ob sie je herausfinden würde, was genau sich abgespielt hatte, blieb dahingestellt.
"Warum mussten wir so früh aufstehen?", sagte sie gähnend. "Heute ist Sonntag."
"Eben darum, Granger. Je weniger man uns sieht, desto besser."
Träge mühte sie sich ab, mit ihm Schritt zu halten. Hätte sie doch letzte Nacht nur nicht noch einmal in das dicke Buch gesehen, doch irgendwie war sie von der Vorstellung, Voldemorts Geheimnis aufzuspüren, so gefesselt gewesen, dass sie nicht widerstehen konnte und alles mit diesen unsterblich machenden Seelenbruchstücken im Zusammenhang stehende verschlungen hatte.
Der Weg, den Snape einschlug, führte sie in der ohnehin schon einsamen Landschaft ein ganzes Stück weit vom Dorf weg, bis sie schließlich einen Pfad erreichten, der immer schmäler und wilder wurde. Etliche ungezügelt wuchernde Hecken rankten sich zu beiden Seiten empor, sodass Hermine aufpassen musste, wenn sie nicht mit dem Gestrüpp ins Gehege kommen wollte, das sich mannshoch in der gottverlassenen Gegend ausgebreitet hatte. Niemand kümmerte sich darum, niemanden scherte es. Überhaupt schien sich das Interesse der im Dorf lebenden Menschen am Geschehen um sie herum darauf zu begrenzen, argwöhnisch aus geöffneten Türschlitzen zu lugen und dann klammheimlich im Inneren unterzutauchen.
"Wieso gehen wir zu Fuß, wenn wir nicht wollen, dass uns jemand sieht?"
"Weil Albus es so verlangt."
"Natürlich", murmelte Hermine leise.
Snape neigte den Kopf in ihre Richtung und funkelte sie an.
"Sie sind noch nicht volljährig, Granger. Je weniger Magie wir anwenden, desto weniger Spuren werden wir hinterlassen. Folglich werden Sie sich zurücknehmen und mir keinen Ärger machen."
"Aber Sie sind erwachsen. Sie dürfen zaubern, soviel Sie wollen. Zum Beispiel könnte ich mit Ihrer Hilfe apparieren und niemand würde es merken."
"Das könnten Sie", erwiderte er knapp. "Aber ich wüsste nicht wozu. Ein kleiner Fußmarsch wird Ihnen schon nicht schaden. Albus ist übrigens derselben Meinung."
Hermine klappte wenig begeistert über seinen Kommentar den Mund auf.
"Sicher. Tun Sie denn alles, was er sagt? Dumbledore und Sie scheinen nicht immer einer Meinung zu sein, soweit ich das beobachten konnte. Und trotzdem …"
Snape blieb so abrupt stehen, dass sie gegen seine Brust rannte und zurück strauchelte.
"Hören Sie, Miss Granger, wenn Sie weiterhin versuchen, meine Arbeit zu behindern, kann ich Ihnen versichern, werden wir diese Reise verlängern müssen. Da ich aber zuversichtlich bin, dass Sie das ebenso wenig wie ich wollen, sollten Sie sich darauf beschränken, sich auf das zu konzentrieren, was wir vorhaben."
Hermine nickte.
"In Ordnung. Ich werde Sie nicht weiter zu Dumbledore befragen, wenn Sie mir im Gegenzug endlich erklären, ob meine Vermutungen richtig sind."
Snape seufzte.
"Einverstanden."
Hermine, die aufgrund ihrer Freundschaft zu Harry die Zusammenhänge über die Geschichte des Dorfs weit besser verstand als viele andere, saugte begierig jede noch so kleine Information, die er ihr zu geben bereit war, in sich auf. Offenbar waren damals nicht nur die Riddles hier gestorben, sondern auch einige Jahre später der alte Muggelgärtner, der sich um das Anwesen der Riddles gekümmert hatte. Besonders tragisch war, dass Hermines Mitschüler Cedric ebenfalls hier sein Leben verloren hatte, als Voldemort auf dem Friedhof mithilfe der Gebeine seines Vaters geplant hatte, menschliche Gestalt zurückzuerlangen.
Die rätselhaften Vorfälle im Zusammenhang mit dem Riddlehaus blieben nicht unentdeckt. Obwohl die angewandten Zauber keine offensichtlichen Spuren hinterließen, ahnte jeder, dass die Riddles ermordet worden waren. Wie es dazu gekommen war, konnten sich die ansässigen Muggel nicht erklären. Umrankt von hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Vermutungen fanden die Toten auf dem örtlichen Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Die Muggel schienen zu spüren, dass etwas Unheilvolles auf dem Anwesen der Riddles lag und es nicht ratsam war, in der Nähe zu verweilen. Seither verwahrloste es zusehends.
Als Snape mit dem Erzählen fertig war, kam Hermine erneut ins Grübeln. Bestimmt hatten die zuständigen Behörden des Zaubereiministeriums allerhand damit zu tun gehabt, die Fälle nicht außer Kontrolle geraten zu lassen.
Wie am Tag zuvor auch, gingen sie den Rest des Weges schweigend hintereinander her, wobei Hermine diesmal fast schon laufen musste, um mit Snapes langen Schritten mitzuhalten. Dass der Professor nicht gerade in Stimmung war, eingehender mit ihr zu plaudern, war ihr sofort aufgefallen, als er am Morgen vor dem Aufbruch an ihre Tür gehämmert und sie angetrieben hatte, sich zu beeilen. Er konnte extrem übellaunig sein, wenn er es darauf anlegte, sie seine Abneigung spüren zu lassen. Aber auch sonst stellte sie immer mehr fest, dass er gewisse Eigenarten aufwies, die ihr im bisherigen Alltag an Hogwarts verborgen geblieben waren. Eigenarten, die überwiegend unangenehmer Natur waren.
Inmitten des Gestrüpps unter etlichen dunklen Bäumen verborgen, tat sich plötzlich eine niedrige verfallene Hütte vor ihnen auf. Hermine hielt inne und stutzte, als sie das ärmliche Gebäude sah. War es wirklich das, was sie vermutete? Voldemort würde nicht begeistert sein, wenn er wüsste, dass jemand seiner Identität auf der Spur war.
"Sie wollten doch mehr über seine Mutter erfahren", sagte Snape in sarkastischem Ton. Er war im Gegensatz zu ihr nicht so zögerlich und schritt tatkräftig voran. "Nun, hier hat sie gelebt."
Hermine schoss ihm einen finsteren Blick zu, den er jedoch nicht weiter zur Kenntnis nahm. Mit gezücktem Zauberstab in der Hand, stupste er die Türe an und verschaffte sich Zugang ins Innere. Obwohl sich der letzte Besucher nicht die geringste Mühe gemacht hatte, abzuschließen, schwebte ein bedrohlicher Schatten über der Hütte, den Hermine sich nur schwer erklären konnte. Es war wie eine Vorahnung, die ihr sagte, dass sie besser nicht hier sein sollte. Ein seltsames Gefühl in der Bauchgegend, das sie davor warnte, hier herumzuschnüffeln. Vor allem, da sie fürchtete, das marode Dach könnte jeden Augenblick in sich zusammenstürzen.
"Worauf warten Sie, Granger?", höhnte Snape munter.
Da er schon vorangegangen war und in die andere Richtung gesprochen hatte, riskierte sie es, die Augen zu verdrehen; er sollte sie nicht für einen Feigling halten und so trat sie, ebenfalls mit ihrem Zauberstab bewaffnet, über die Schwelle, um seinem Beispiel zu folgen.
Bereits nach einem ersten Rundumblick stellte sie fest, dass das mit den ärmlichen Verhältnissen weit untertrieben gewesen war. Wer auch immer hier vor vielen Jahren in dieser Bruchbude sein Dasein gefristet hatte, musste gelebt haben wie ein Vagabund. Inzwischen war die Natur Herr des Hauses geworden. Im Zentrum des Wohnraums, genau an der Stelle, wo das Dach ein großes Loch aufwies, wuchs wie zum Hohn aus den morschen Dielen eine kleine Eiche hervor. Nicht mehr lange und sie würde mit ihren immer dicker werdenden Zweigen das Dach endgültig vom First sprengen.
Vorsichtig darauf bedacht, zwischen jahrelang angehäuftem Unrat und davon flitzenden Mäusen nicht einen falschen Schritt zu tun, setzte Hermine einen Fuß vor den anderen. Es war gar nicht so einfach, Snape auf den Fersen zu bleiben, wo nahezu überall auf dem Boden Überreste verrosteter Töpfe und Pfannen herumlagen.
"Also", sagte sie schließlich, um die bedrückende Stille zu durchbrechen. "Wonach suchen wir?"
"Nach einem Ring. Ein altes Familienerbstück seiner Familie."
"Und Sie denken, dass er ihn hier versteckt hat? Wieso sollte er das tun?"
"Weil fast niemand weiß, dass er aus dieser Gegend stammt. Er will nicht, dass der Ring gefunden wird und hat hier ein optimales Versteck für ihn."
Hermine stupste lustlos mit dem Fuß gegen einen alten Kessel.
"Wie sollen wir den hier finden?"
"Indem Sie sich auf Ihr Gespür verlassen, Miss Granger."
Toll. Genau das hatte sie erwartet: Er durfte zaubern und sie musste dabei zusehen.
"Er weiß nicht, dass wir seinem Geheimnis auf der Schliche sind, habe ich Recht? Was glaubt er, wo Sie im Augenblick sind?"
"Hogwarts. In freudiger Erwartung auf die Ferien."
"Das ist kein besonders gutes Alibi. Was denken Ihre Schüler, wenn Sie plötzlich verschollen sind?"
Snape lachte finster auf.
"Sagen Sie bloß, Sie machen sich Sorgen um den Stundenplan."
Hermine schüttelte schnell den Kopf.
"Darum geht es doch gar nicht. Ich weiß, dass der Stundenplan so unmittelbar vor den Ferien keine Gültigkeit mehr hat. Ich will nur nicht, dass Dumbledore irgendwas übersieht. Jemand muss Sie doch in Hogwarts vertreten, wenn Sie nicht da sind. Immerhin sind Sie der Hauslehrer von Slytherin."
"Ich bin sicher, er wird wissen, was er zu tun hat."
Während sie den Professor verstohlen dabei beobachtete, wie er mit dem Zauberstab in der Hand den unordentlichen Raum absuchte, gingen ihr eine Vielzahl weiterer Fragen durch den Kopf. Was machten wohl Harry und Ron gerade? Ob sie sich um sie sorgten? Hermine konnte es kaum erwarten, Snape endlich loszuhaben und ihre Eltern zu sehen, die sie seit Monaten nicht besucht hatte. Hoffentlich würde sie nicht zu lange hier festsitzen.
"Ich verstehe immer noch nicht, wieso Dumbledore mich bei dieser Aktion dabeihaben wollte. Ich kann hier doch gar nichts ausrichten. Hätte er nicht besser daran getan, sich selbst auf die Suche zu machen?"
"Sie werden lachen, aber genau dasselbe habe ich ihm auch gesagt."
Hermines Neugier regte sich. Im Grunde genommen war es verständlich, dass Dumbledore jemand anderen damit beauftragte, ihm zu helfen. Trotzdem wollte sie wissen, was noch dahinterstecken könnte.
"Was hat er geantwortet?", fragte sie wissbegierig.
"Er ist ein vielbeschäftigter Mann, Granger. Den Rückschlag, den der Orden erleiden musste, nimmt er nicht leichtfertig hin. Er hat eine Vielzahl an Vorkehrungen zu treffen, von denen Sie keine Ahnung haben."
Umgehend meldete sich Hermines schlechtes Gewissen zu Wort. Sie hätte Harry um jeden Preis davon abhalten müssen, ins Ministerium aufzubrechen. Vielleicht hätten sie verhindern können, in diese Falle zu tappen. Um Snape nicht die Genugtuung zu geben, sie dafür zur Verantwortung zu ziehen, tat sie so, als hätte sie den Vorwurf in seiner Stimme nicht gehört, der auf das Desaster anspielte, das sie und ihre Freunde ausgelöst hatten.
"Reden Sie von der freigewordenen Stelle? Sie glauben doch nicht, dass noch mal jemand vom Ministerium nach Hogwarts kommt, oder?"
"Wir stehen vor einem Wandel. Das Ministerium ist im Umbruch. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, bis Fudge endgültig von der Bildfläche verschwindet und ein neuer Kandidat an seine Stelle tritt."
"Damit hatte ich gerechnet. Das Ministerium kann es sich nicht leisten, Voldemorts Rückkehr weiterhin zu vertuschen und so zu tun, als wäre im vergangenen Jahr nichts vorgefallen. Wissen Sie denn, wer für Fudge im Gespräch ist?"
"Selbst wenn ich es wüsste, würde ich mich davor hüten, es Ihnen zu sagen."
"Das ist doch lächerlich!"
"Meinen Sie? Das Letzte, was wir jetzt brauchen könnten, wäre, dass Potter erneut Wirbel veranstaltet. Er sollte die Finger davon lassen, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angehen."
"Sie unterschätzen Harry. Dumbledore meint, er wäre dazu auserwählt, Voldemort zu besiegen."
Snapes Augen blitzten hinter seinen langen Strähnen auf.
"Das bleibt dahingestellt. Aber in einem Punkt haben Sie Recht. Albus braucht einen neuen Lehrer."
So wie er das sagte, war klar, dass er sofort versucht hatte, sich um den Posten in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu bewerben. Was daraus wohl diesmal geworden war?
Nur zögerlich traute sie sich, danach zu fragen. Die Antwort war jedoch nicht die, die sie erwartet hatte. Snape setzte angriffslustig den Zauberstab auf die Überreste eines umgekippten Stuhls und jagte ihn in die Luft. Rauch und Qualm breiteten sich in der Hütte aus. Hermine hüstelte und wich zurück.
"Wozu war das denn gut?"
"Sagen Sie es mir, Granger. Denken Sie, ich wüsste nicht, dass man sich bereits über mich lustig macht?"
"Na ja, das – das wollte ich damit nicht zum Ausdruck bringen", stammelte sie unbeholfen. "Ich bin sicher, Sie sind überaus qualifiziert für den Posten. Bestimmt hat er triftige Gründe, ihn Ihnen nicht zu geben, Sie wissen ja, dass er verflucht ist."
Snape ließ seine Hand sinken und richtete sich kerzengerade auf. Hermine, der ohnehin schon ziemlich mulmig zumute war, sank das Herz in die Hose, als er sie mit einem überaus durchdringenden Blick seiner schwarzen Augen durchbohrte.
"Wir werden sehen", sagte er trocken. "Irgendwann hat er vielleicht keine Wahl mehr."
"Was – was soll das heißen?"
"Wie gesagt, wir stehen vor einem Wandel. Die Liste der zur Verfügung stehenden Lehrer ist aufgebraucht. Nicht einmal das Ministerium hat es geschafft, einen angemessenen Ersatz zu finden."
Hermine legte irritiert den Kopf schief.
"Sie wissen mehr darüber, als Sie mir sagen wollen, richtig?"
Snape zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht. Sie haben genug Fragen gestellt. Kommen Sie hier rüber und machen Sie sich endlich nützlich."
Er winkte sie zu sich. Etwa im selben Atemzug nahm er seinen Umhang von den Schultern und drückte ihn Hermine in die Arme.
"Hier, halten Sie das."
Sie gehorchte und sah verdutzt dabei zu, wie er in die Knie ging und mit der Spitze seines Zauberstabs im Dreck herumstocherte. Hermines Puls ging unweigerlich schneller. Sie wusste nicht, was sie erwarten würde und hatte keine Lust auf unangenehme Überraschungen.
"Haben Sie etwas gefunden?"
Snape antwortete nicht. Für etliche Minuten war er viel zu beschäftigt, um sich mit ihrer Anwesenheit zu befassen. Hermine indes ging in Gedanken noch einmal alles durch, was sie über diese Seelenbruchstücke, Horkruxe genannt, gelesen hatte. Langsam fing sie an, sich zu langweilen und immer nutzloser zu fühlen.
"Ich habe nachgedacht", sagte sie schließlich. "Wenn Dumbledore wollte, dass ich mitkomme, muss sich dahinter eine gewichtige Absicht verbergen. Er weiß, dass ich, so gut es geht, nicht zaubern sollte, damit niemand darauf aufmerksam wird. Bestimmt hat er weit vorausgedacht und mich mit Ihnen losgeschickt, dass ich dabei was lerne."
Aus Snapes Richtung kam ein abfälliges Grunzen. "Bravo, Granger." Er blickte nicht einmal auf.
"Es ist nur verständlich, dass er das tut", fuhr Hermine fort. "Uns allen ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Der Orden steckt in Schwierigkeiten und Sie-wissen-schon-wer hat seine volle Stärke zurückerlangt. Wenn wir nicht jetzt anfangen, etwas gegen ihn zu unternehmen, wann dann? Harry wird in zwei Jahren seinen Schulabschluss machen, da wird es Zeit, Vorkehrungen zu treffen. Er kann sich nicht einfach irgendwo verstecken, wenn es mal soweit ist. Wir haben ja gesehen, was das bei Sirius zur Folge hatte. Bedauerlicherweise ist es zu spät, um noch etwas daran zu ändern, denn er ist tot."
Unverzüglich hatte sie Snapes Aufmerksamkeit geweckt und bereute es sofort, da sie wusste, wie empfindlich er auf das Thema Sirius zu sprechen war, sobald es angeschnitten wurde. Um das, was sie gesagt hatte, zurückzunehmen, war es zu spät. Pfeilschnell sauste sein Kopf herum, dann sah er sie an und Hermine dämmerte, dass es ein Fehler gewesen war, damit anzufangen. Harry hatte immer wieder seinen Unmut darüber deutlich gemacht, dass der Professor es darauf angelegt hatte, Sirius herauszufordern und so lange zu reizen, bis dieser sein Versteck im Grimmauldplatz verlassen hatte. Seit Sirius gestorben war, waren diese Anfeindungen besonders schlimm geworden, was auch Snape nicht entgangen sein konnte.
"Nur zu, Granger", sagte er wie beiläufig. "Machen Sie so weiter und Sie bewegen sich auf extrem dünnem Eis. Aber vielleicht ist es ja genau das, was Sie wollen, nicht wahr?"
"Was? Ich wollte damit keineswegs andeuten, dass Sie die Schuld an seinem Tod tragen."
Snape grinste sardonisch.
"Ach nein? Nun, Potter ist da anderer Ansicht."
"Was nicht heißt, dass ich darin mit ihm übereinstimmen muss", sagte sie verteidigend.
"Sparen Sie sich dieses Getue. Ich brauche Ihren mitleidigen Blick nicht."
"Sir, Sie müssen mir glauben. Ich habe nie gedacht, dass Sie etwas dafür können, dass es soweit kam."
"In der Tat. So gern ich behaupten würde, etwas zu Blacks Tod beigetragen zu haben, muss ich Sie enttäuschen."
"Ich weiß. Sie hatten nichts damit zu tun und das verstehe ich. Sie haben nach uns gesucht und den Orden informiert. Harry hat mir erzählt, was Dumbledore ihm gesagt hat. Aber er ist viel zu sehr verletzt, als dass er es akzeptieren würde. Sirius hat ihm alles bedeutet. Er hat Harry Hoffnung gemacht, eines Tages bei ihm leben zu können wie ein Teil einer richtigen Familie. Es wird dauern, bis er darüber hinwegkommt, dass diese Chance nun dahin ist."
Über Snapes Gesicht legte sich eine starre Maske des Zorns. Er stand auf und betrachtete sie von oben herab, die kalt glitzernden Augen zu Schlitzen geformt. Instinktiv wich Hermine zurück.
"Ich würde mich nicht zu sehr darauf verlassen, dass er jemals begreift, wie sein Pate wirklich war, Granger. Er sieht nur in ihm, was er sehen will."
Stille trat ein, in der sie sich abwägend ansahen. Hermine mochte es ganz und gar nicht, so von ihm betrachtet zu werden. Es vermittelte ihr den Eindruck, als würde er bis tief in ihr Innerstes schauen und nur darauf lauern, dass sie jeden Moment in Tränen ausbrach, wie es schon oftmals geschehen war.
Schließlich senkte sie den Blick und fragte leise: "Tun wir das nicht alle, wenn wir auf etwas vertrauen, das uns hoffen lässt? Sie und Dumbledore eingeschlossen?"
Snape schnaubte. Er wandte sich ab und widmete sich unvermittelt seiner Aufgabe.
