Ginny grübelte schon seit Tagen. Sie brauchte dringend einen neuen Kandidaten. Sie hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt ihre beste Freundin in eine Beziehung hineinzumanövrieren, und das wollte sie jetzt auch durchziehen.
Die Sache mit Marc war ja wohl nach hinten losgegangen. Marc redete nicht mehr mit ihr, und Hermine bekam von ihm nur ein knappes Hallo zu hören wenn sie sich durch Zufall auf dem Gang trafen.
Sie legte grüblerisch den Finger an die Nasenspitze, während sie ihre Blicke durch die große Halle schweifen ließ. Es musste jemand sein der Bücher mochte. Jemand der intelligent war. Jemand der sich mit etwas beschäftigte was Hermine auch interessierte. Aber er durfte nicht zu ruhig sein. Etwas Pepp sollte er schon haben. Er musste eine Herausforderung sein für ihre Freundin.
Sie blieb mit ihren Blicken am Tisch der Slytherins kleben. Nein. Angewidert schüttelte sie den Kopf. Das würde nur Ärger bringen. Ein Slytherin und ein Schlammblut. Ginny sah schon die Fetzen fliegen.
Die Huffelpuffs waren allesamt viel zu brav und bieder. Seufzend ließ sie ihren Blick wieder den Tisch der Ravenclaws aufsuchen.
Das dumme war nur – sie kannte die Ravenclaws kaum. Somit hatte sie auch keine Ahnung wer in Frage kam und wer nicht. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Und sie musste es diesmal weitaus geschickter anstellen.
Als sie bei diesem Gedanken angekommen war, hörte sie hinter sich ein kicherndes und gurtelndes ‚Won-Won'. Sie verdrehte genervt die Augen. Lavender hatte es mit ihrer Hilfe geschafft Ron für sich zu gewinnen.
Mittlerweile wünschte sich Ginny sie hätte das nie zugelassen und lieber etwas dagegen als dafür unternommen. Die Frau war eine Plage. Ginny war gespannt, wie lange ihr Bruder das aushalten würde. Im Moment schien er jedenfalls happy zu sein, was Ginny davon abhielt sich einzumischen. Sie ging den beiden einfach so weit wie möglich aus dem Weg.
Heute Morgen war ihr allerdings dieses Glück nicht beschieden. Lavender setzte sich neben sie auf die Bank und zog Ron, dem sie die Arme fest um den Hals geschlungen hatte, kichernd dazu. Kaum war sein Kopf auf einer Höhe mit ihrem drückte sie ihm einen hörbar feuchten Kuss auf die Lippen.
Dann wandte sie sich zu Ginny, die nur mühsam eine freundliche Mine zustande brachte und grauenerfüllt beobachtete, wie Lavender mit beiden Armen fest Ron's Hals umklammert hielt. „Guten Morgen Ginny!" flötete sie und warf ihr einen strahlenden Blick zu, bevor sie sich wieder ganz ihrem Freund widmete.
Ginny beobachtete die beiden mit einer angewiderten Faszination. Lavender schaffte es irgendwie ohne ihre Arme von Rons Hals zu nehmen ,ein toast zu buttern und mit Marmelade zu beträufeln. Dann schob sie das klebrige Ding an Rons Mund und wollte sich bald ausschütten vor Lachen, als dieser sich mit Marmelade den Mund verschmierte, weil er nicht schnell genug reagiert hatte.
Unter vielen Liebesbeteuerungen und Gekicher, wischte sie mit Hilfe von Zeigefinger und Mund die Marmeladenkleckse weg. Ginny verzog angeekelt das Gesicht. Sie beschloss schnell ihr Frühstück zu beenden um sich nicht noch mehr ansehen zu müssen, was sie gar nicht sehen wollte. Hastig stopfte sie sich ihr restliches Toast in den Mund und verließ die beiden mit einem gemurmelten „Bis später."
Sie hatte jetzt Kräuterkunde, ein Fach das sie im Allgemeinen recht gern mochte. Sowie auch die Lehrerin – Madam Sprout – die genauso war wie sie aussah: rundlich, gemütlich und nett.
Das Gewächshaus duftete wie Sommer, Herbst und Frühling gleichzeitig und war erfüllt von den seltsamsten Geräuschen. Es knackte, knisterte und raschelte aus allen Ecken, und man musste immer darauf gefasst sein, dass hinter einer Pflanze plötzlich eine Elfe oder ein Gnom hervorsprang und sich erschrocken fiepend oder keifend wieder verzog.
Ginny kannte das alles zur Genüge aus ihrem Garten zu Hause, den sie mit ihren Brüdern zusammen immer säubern musste, wenn sie in den Ferien daheim waren.
Madam Sprout erörterte gerade die Vorzüge der Trollwurzel in der medizinischen Anwendung. Sie zeigte wie man die kleinen Fasern löste, die sich im Inneren der Wurzel befanden und führte die damit verbunden Schnitte mit dem messer vor.
Auch die Trollwurzel kannte sie und die Schnitte waren ihr von klein auf vertraut, da ihre Mutter oft einen Tee aus dieser Wurzel gekocht hatte, der horvorragend bei Erkältungen half.
Schnell zerlegte sie ihre Wurzel und döste dann etwas vor sich hin. Da draussen die Sonne schien, war es wohlig warm im Gewächshaus und die leisen Geräusche die ihre Mitschüler verursachten, vermischt mit ihrem leisen Gemurmel, wirkten gefährlich einschläfernd.
Sie war gerade dabei einen bunt schillernden Schmetterling zu beobachten, der sich scheinbar in das Gewächshaus verirrt hatte und nun leuchtend zwischen all den grünen Pflanzen dahintaumelte, als sie neben sich ein genervtes Schimpfen vernahm.
Sie drehte den Kopf und ihr Blick fiel auf Alec Lobart, der sich neben ihr abmühte die zarten Fasern beim herausschneiden nicht zu zerstören.
Alec.
Ginny war mit einem Mal wieder hellwach.
Alec war geeignet wie kein zweiter. Ein netter, intelligenter Bursche, etwas flippig und brachte jeden zum lachen. Normalerweise war er, soviel sie wusste, sehr gut in der Schule – nur kräuterkunde war etwas, mit dem er nicht zrechtkam.
Und Ginny hatte eine vage Idee wer ihm dabei helfen konnte. Sie musste sich nur noch einfallen lassen, wie sie die Sache einfädeln konnte. Mit dem zarten Anflug eines Lächelns im Gesicht beobachtete sie weiter die linkischen Versuche des Huffelpuffs.
Nun gut. Er war ein Jahr jünger als Hermine. Aber sie glaubte nicht, dass das wirklich ins Gewicht fallen würde.
Alec musste es gespürt haben das sie ihn beobachtete, denn er drehte den Kopf zu ihr und sah sie verzweifelt an.
„Ich hasse diese ganzen Kräuter, Wurzeln, Pflänzchen, Gräser und was weiss ich nicht alles!", grinste er gleichzeitig frustriert und verlegen.
Ginny beugte sich zu ihm. „Soll ich dir helfen?"
Er nickte zaghaft und sah ihr dabei zu wie sie gekonnt die Wurzel aufschnitt und zerteilte.
„Verdammt du kannst das gut.", stöhnte er und raufte sich in einer Geste der Verzweiflung seine Haare.
Ginny setzte eine gleichgültige Mine auf. „Hab ich alles bei Hermine Granger gelernt.. Sie ist ein Ass in Kräuterkunde."
„Die Streberin?", fragte Alec und in seiner Stimme schwang ein Hauch von Verachtung mit.
Ginny legte das Messer hart auf den Tisch und sah ihn an. „Meine Freundin.", erwiderte sie betont fest und runzelte leicht verstimmt die Stirn.
Dann drehte sie sich wieder zu ihrem Schneidbrett herum und tat so als wäre sie beschäftigt.
Ein paar Sekunden lang war neben ihr Totenstille, dann seufzte Alec ergeben. „Hey, tut mir leid. Meinst du sie hätte Zeit um einem Idioten wie mir noch etwas beizubringen?" Er grinste schief und seine graugrünen Augen ruhten hoffnungsvoll auf ihr.
Ginny zuckte die Schultern. „Ich kann sie ja mal fragen."
„Das wäre toll!", strahlte Alec und zupfte voller Freude zu fest an einer der Fasern, die sofort abriss. „Oh" machte der blonde Junge, und sah dabei so komisch aus, dass Ginny unwillkürlich über ihn lachen musste. Ja, mit diesem Jungen konnte Hermine sich bestimmt anfreunden.
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Noch am selben Abend erzählte Ginny ihrer Freundin von Alec. Diese sah sie skeptisch an. „Du willst mich wieder verkuppeln – richtig?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
Ginny druckste erst herum, doch dann sagte sie sich, dass die Wahrheit wohl am besten wäre. Zerknirscht nickte sie. Hermine schüttelte den Kopf und wollte weggehen, doch Ginny hielt sie am Arm fest. „Nun schau ihn dir doch wenigstens erst mal an! Und ausserdem – der Junge hat wirklich Probleme mit Kräuterkunde. Du kannst ihm mit Sicherheit helfen – auch wenn nichts aus euch beiden werden sollte."
Hermine musterte ihre Freundin stumm und seufzte dann. „Also gut. Wenn er wirklich etwas lernen will, dann sag ihm er soll morgen 16 uhr vor das Gewächshaus kommen. Ich werde Madam Sprout um den Schlüssel bitten. Aber versprich dir nichts davon!"
Ginny strahlte schon wieder. „Du bist die Beste!", jubelte sie und drückte ihre Freundin kurz an sich. Dann verschwand sie singend im Badezimmer.
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Hermine stand Punkt 16 Uhr vor dem Gewächshaus und wartete auf Alec. Gespannt war sie schon, was Ginny da für sie ausgesucht hatte. Sie grinste in sich hinein.
Dann sah sie von weitem einen blonden Schopf der auf sie zusteuerte. Neugierig hob sie den Kopf und blickte Sekunden später verblüfft in ein strahlendes Gesicht, mit den tollsten Augen die sie je gesehen hatte. Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Herzschlag etwas.
„Hi ich bin Hermine", stammelte sie atemlos und ärgerte sich über sich selber. „Alec", ertönte eine wohlklingende Stimme die ihr augenblicklich eine Gänsehaut bescherte. Alec war ungefähr einen Kopf grösser als sie, muskulös und seine strubbeligen Haare erinnerten sie an Harrys.
Sie gingen zusammen in das Gewächshaus und Hermine fing an ihm die verschiedensten Kräuter und Pflanzen zu erklären. Sie zeigte ihm die unterschiedlichen Messer, die man bei den einzelnen Pflanzen brauchte, und sie lies ihn einige zerteilen.
Erstaunt stellte sie fest, dass ihr die Arbeit mit ihm Spass machte. Er brachte sie mit seiner drolligen Art oft zum lachen und die Zeit verging wie im Flug.
Es war bereits dunkel, als Alec's Magen sich lautstark bemerkbar machte. Erschöpft strich er sich den Schweiss von der Stirn und legte das Messer beiseite. Mit einem ehrlichen Lächeln sah er sie an. „Danke Hermine. Ich habe heute ne Menge gelernt. Das kann ich gar nicht wieder gut machen. Und es hat riesen Spass gemacht. Das hätte ich nie gedacht"
Hermine konnte nicht anders – sie strahlte ihn an. Ja das war eindeutig jemand zum verlieben.
Er wischte sich die Hände an einem Tuch ab, und trat einen Schritt auf Hermine zu. Sie hielt unwillkürlich die Luft an. ‚Jetzt küsst er mich', schoss es ihr durch den Kopf und ihre Hände wurden feucht.
Langsam hob er seine Hand und schaute sie mit einem leisen Lächeln an. Er kam noch einen Schritt näher und Hermine glaubte ihre Beine würden ihr jeden Moment den Dienst verweigern.
Er griff in ihre Haar und lachte laut auf. Irritiert machte Hermine einen Schritt zurück. „Du hattest einen Rotwürmling im Haar", grinste er und hielt ihr das kleine raupenartige Wesen unter die Nase.
„Ach so.", enttäuscht und verlegen fuhr sie sich mit der Hand durch ihr Haar und strich es nach hinten.
„Weißt du wir könnten ja mal zusammen nach Hogsmead gehen am Wochendende. Auf ein Butterbier. Dann lernst du gleich meine Freundin Lea kennen. Sie wird dich mögen." Offen lächelte er sie an, während Hermine glaubte gerade von einer Keule getroffen worden zu sein.
„Ja da-das wäre toll", stammelte sie mühsam beherrscht und drehte sich schnell um, damit er ihre Enttäuschung nicht sehen konnte. Ginny konnte heute abend was erleben!
„Alles ok Hermine?" Die junge Hexe holte tief Luft und wandte sich halb zu ihm. „Ja. Ja. Die Idee ist toll. Ich freue mich darauf Lea kennenzulernen." Sie schickte diesen Worten ein halbherziges Lächeln hinterher und senkte hastig den Blick.
Alec sah bestürzt zu ihr herab. „Oh mein Gott Hermine – du hast gedacht das ich – das wir… meine Güte ich war ein Elefant im Porzelanladen! Es tut mir leid!" , zerknirscht schaute er sie an. Hermine hob tapfer den Kopf „Ist schon ok Alec. Wir kennen uns ja gerade mal seit ein paar Stunden. Woher solltest du oder ich wissen…", sie brach ab.
„Dann lassen wir das lieber mit Hogsmead.", verlegen strich sich Alec durch seine strohblonden Haare.
„Nein!", fuhr Hermine auf. „Ich würde mich wirklich freuen – ehrlich! Das kam jetzt nur so - unerwartet." Offen lächelte sie ihn an und nickte bekräftigend zu ihren Worten.
Langsam kehrte der spitzbübische Ausdruck in Alec's Gesicht zurück. „Na dann – ich zähle auf dich am Wochenende!" Damit packte er seine Tasche und ging zum Ausgang. Bevor er die Tür hinter sich schloss, warf er noch einen Blick zurück.
„Der Mann der dich bekommt hat verdammt viel Glück." Lächelnd warf er ihr eine Kusshand zu und war verschwunden.
Hermine stand noch ein paar Minuten nachdenklich bevor auch sie das Gewächshaus verlies, und hinter sich absperrte. Sie musste den Schlüssel noch zu Madam Sprout zurück bringen.
Alec war ein feiner Kerl, und sie würde alles dafür tun, damit diese zarte Freundschaft sich entwickeln und entfalten konnte.
