Kapitel 4


Vielleicht war die Lösung, um diese störenden Träume zu unterdrücken, mich jede Nacht zu betrinken, so wie ich es letzte Nacht getan hatte, denn als ich an diesem Morgen erwachte, konnte ich mich nicht daran erinnern letzte Nacht überhaupt geträumt zu haben.

Aber diese Kopfschmerzen…oh, diese entsetzlichen, pochenden Kopfschmerzen! Sicherlich konnte ich es mir nicht erlauben jeden Morgen einen Kater zu haben! Und dabei war heute erst Dienstag! Als ich meinen Kopf kraftlos von den Kissen hob, schoss der Schmerz durch meine Augen, was mich veranlasste mich wieder in die weichen Kissen zurückfallen zu lassen und zu stöhnen.

„Das ist es nicht wert!", hörte ich mich selbst dumpf sagen.

Es war es wirklich nicht, denn sobald ich aufwachte, waren die ganzen schrecklichen Erinnerungen an das Abendessen mit Fersen zurückgekommen. Alle Einzelheiten, die dieser Drink zeitweise vernebelt hatte, kamen mir nun glasklar wieder in den Sinn.

Die vielleicht unvergesslichste Einzelheit von allen war der Ausdruck auf Fersens Gesicht als ich ihn beim Fricassée de Veau aux Girolles geradeheraus fragte, „Liebst du sie?"

Dieser bewegungslose Blick… Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er sich von irgendetwas überrumpeln lies, aber dieser Blick hatte Bände gesprochen.

Also liebt er sie wirklich…

Da er Fersen war, hatte er sich fast augenblicklich wieder gesammelt. Sein Gesicht wurde weicher und er lächelte traurig, als er sagte, „Ich verstehe. Ich glaube erraten zu können, wo dieses Gespräch hinführt."

„Wenn du weist worum es hier geht, dann wird es für mich nicht zu schwierig es dir mitzuteilen", sagte ich. Es war eine meiner Schwächen, mir den Weg aus einer unangenehmen Situation mit dem Kopf durch zu bahnen.

Andre hätte mich vielleicht gerügt zu unverblümt zu sein, wenn er nur da gewesen wäre, aber ich sah wenig Sinn in dieser Angelegenheit um den heißen Brei herum zureden. "Ich, persönlich, bin niemand der sich irgendwelche Angelegenheiten von dir oder Antoinette einmischen will."

Er erhob eine Hand. „Aber du fühlst dich gezwungen mich zu warnen, dass ich meine Grenzen mit der Verlobten meines zukünftigen Chefs übertrete.", schloss er.

Es entstand eine Pause, als ich versuchte mich wieder zu sammeln. Offensichtlich war Fresen nicht so leicht zu kränken, wie ich zunächst gedacht hatte. Sehr gut. Das würde die Dinge auf jeden Fall wesentlich einfacher machen.

„Ich hätte es nicht so direkt formuliert," antwortete ich schließlich, „aber ja, alles läuft darauf hinaus. Ich denke du möchtest es in Betracht ziehen früher als geplant nach Schweden zurückzukehren… zum Wohle der Firmen."

Er sah auf seine Hände hinunter, die auf dem Tisch ruhten und seufzte schwer. „Ich weiß es gibt keine Entschuldigung für mein Verhalten mit Antoinette. Ich habe keine anzubieten," sagte er. „Nur… sie war so gut zu mir… so freundlich. Ich hatte nicht die Absicht mich zu verlieben, aber es… geschah einfach…"

Ich konnte es nicht ertragen ihm da in die Augen zu sehen. Seine letzten Worte hallten in meinem Ohr: „Es…geschah einfach…"

I erinnere mich daran, mir das erst neulich selbst gesagt zu haben, Fersen… ich dachte an dich, als ich es sagte…

„Sie ist so schön, so verletzlich," fuhr er fort, und ich sah zu wie seine Hände auf dem Tisch sich langsam zu Fäusten ballten, „Ich habe noch nie zuvor für irgendjemand so ein Schutzbedürfnis gefühlt. Kannst du mich verstehen, Francoise?"

Ich kann nicht sagen, dass ich es kann, Fersen…

„Hat jemand Gerüchte verbreitet?" fragte er, als ich stumm blieb.

Ich schüttelte meinen Kopf. „Es gab keine- noch nicht," sagte ich und war froh zu hören, dass meine Stimme fest geblieben war. „Weshalb ich glaube, dass jetzt der beste Zeitpunkt ist zu gehen. Antoinette- Ich kann verstehen, dass ihre Position eine schwierige war, schon immer, seit dem ersten Tag, an dem sie kam. Wir können sagen, dass sie es verdient sich dann und wann eine Auszeit zu nehmen, aber das… es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Ich hoffe, das du derjenige bist, der das versteht."

Für einen Moment schwieg er, bevor er einen tiefen Atemzug nahm, so wie ein Taucher es getan hätte bevor er sich in die tiefen Wasser stürzte. „Ich verstehe es," sagte er schließlich, „und ich bin dir äußerst dankbar für deine Offenheit. Du bist so stark und fähig, ich bin sicher, dass Antoinette mit dir um sich in guten Händen sein wird."

Er reichte mir eine Hand. „Pass auf sie auf, Francoise," sagte er.

„Das werde ich," sagte ich, als ich sie ergriff.

Der Händedruck war fest und kurz, und dann verabschiedete er sich indem er sagte, "Du musst mich entschuldigen. Ich muss mich beeilen nach Hause zu kommen und zu packen, wenn ich den Flug morgen erwischen soll."

„Morgen!" Ich wollte, dass er so schnell wie möglich abreiste, aber es war doch sicherlich nicht nötig eine sofortige Abreise festzulegen.

Fersen lächelte. „Ich gehe vielleicht überhaupt nicht, wenn ich es noch weiter hinaus schiebe. Außerdem, Gustav fragte mich in meinen E-Mails wann meine Rückkehr nach Schweden seine könnte. Mach dir darüber keine Gedanken. Du kannst jedem erzählen, dass der Chef des schwedischen Büros mich äußerst dringend gebeten hat zurückzukehren," sagte er.

Es entstand eine Pause, als wir uns einen Moment lang anblickten.

„Ich bin sicher, dass wir uns nicht zum letzten Mal sehen, Francoise," sagte er. „Au revoir, mon ami."

Au revoir, Fersen…

Als Fersen gegangen war, merkte ich, dass auch mein Appetit verschwunden war, um von einem neuen, stechenden Schmerz in meiner Brust, der das Atmen erschwerte, ersetzt zu sein.

Ich hatte es getan. Getan was ich für das Beste für Antoinette hielt, für die Firmen. Und ich hatte es für mich selbst getan, bevor die Dinge zu schmerzhaft klar wurden. Es war beängstigend diesen ungeheuerlichen Mangel an Selbstkontrolle zu spüren, wenn es um ihn ging. Es war das erste Mal, dass mir so etwas passiert war. Wenn er gegangen war, würde ich vielleicht etwas von meiner Ausgeglichenheit zurückgewinnen, die ich verloren hatte, seit er auf der Bühne erschienen war.

Aber ich hatte vergeblich auf die Erleichterung gewartet, die ich fühlen sollte.

Francoise, du bist so ein Narr…

Ich hatte mich selbst ausgestochen mit meinen Erkundigungen. Letztendlich hatte ich die Antworten auf die Fragen, die in den vergangenen Monaten langsam an mir genagt hatte. Aber was hatte ich erwartet? Sagte er nicht selbst, dass er in Antoinette jemanden sah, den er beschützen musste?

Beschützen…

In meinem ganzen Leben hatte ich nichts gebraucht. Am wenigsten das.

Ich hasste es zuzugeben, aber die Unterredung mit Fersen lies mich aufgekratzt und entblößt zurück. Der Gedanke nach hause in mein leeres Apartment zu gehen, schien auf einmal abscheulich. Genau dann fiel mir ein, dass ich, in meiner Eile Fersen aus dem Büro, wo die Wände Ohren hatten, zu schaffen, die Unterlagen zurückgelassen hatte, die mich eigentlich den gesamten Abend über beschäftigen hätten sollen.

Als ich ins Büro zurückkehrte, war ich überrascht, dass die Lichter noch an waren. Erleichterung durchströmte mich beim Anblick Andres, der gerade gehen wollte. Ich hatte ihm alles erzählen wollen, an Ort und Stelle, aber ich hatte dem Impuls in letzter Minute widerstanden. Ich dachte, es wäre besser ihn nicht in dieses ganze schmutzige Chaos mit hineinzuziehen.

Aber Andre war zu aufmerksam gewesen, auch ohne dass ich viel zu ihm gesagt hätte. Es hatte mir alles abverlangt ihn nicht anzufallen, als er mich unschuldig fragte, ob Antoinette wusste, dass Fersen abreiste. Wenn Andre es bemerkt hatte, wer könnte es noch bemerkt haben?

Zumindest konnte ich Andre vertrauen, dass er verschwiegen sein würde. Trotzdem, es hatte mich erschüttert, und wollte es unbedingt vergessen. Zumindest für eine Weile vergessen…

Armer Andre. Ich konnte mich nicht erinnern die Bar überhaupt verlassen zu haben. Wie hatte er es geschafft mich den ganzen Weg von Montparnasse zu meinem Apartment zu bringen? Jetzt, wo die grelle Morgensonne durch die Fenster herein stach , konnte ich sehen, dass ich behaglich zu Bett gebracht worden war.

Ich schien mich an nichts mehr erinnern zu können, nachdem wir die Bar verlassen hatten.

Nein… an etwas erinnerte ich mich.

Ich erinnerte mich daran etwas während der Nacht gespürt zu haben. Etwas Warmes hatte meine Lippen gestreift und sich eine Zeit lang auf meinen Mund gepresst. Und es hatte sich so tröstend angefühlt.. so warm. Es war so gut, dass ich hätte weinen können.

Ich strich verwundert meine Finger über meine Lippen, als ich mich langsam aufsetzte und fühlte wie sich meine Augenbrauen zu einem Stirnrunzeln zusammenzogen. Vielleicht hatte ich mich letztendlich doch an ein Bruchstück eines Traumes erinnert.

Das schrille Klingeln meines Handys, vertrieb augenblicklich die Benommenheit aus meinem Verstand, was mich abrupt zurück in die Gegenwart brachte.

„Weckruf," kam die vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Ich bin bereits wach, danke sehr," schnappte ich, ohne es wirklich zu wollen und hörte ihn gutmütig glucksen.

„Gut. Rosalie hat dich vielleicht schon darüber informiert, dass dein erster Termin heute um 8.15 Uhr ist, aber nach neun Gläsern Wein letzte Nacht, hielt ich es für besser anzurufen und auf Nummer sicher zu gehen," sagte er.

„Oh Gott," stöhnte ich. „Kein Wunder, dass die Kopfschmerzen so schlimm sind. Ich komme besser in die Gänge. Ich sehe dich im Büro, Andre."

Während ich durch meine Wohnung eilte, tauchte kurz ein Gedanke in meinem Kopf auf, bevor hundert andere ihn verdrängten: Was würde ich nur ohne Andre machen?


„Ta-daaa…." trällerte Rosalie und hielt mir eine druckfrische Ausgabe der Vouge vors Gesicht, als ich das Büro betrat. „Diesen Morgen erst in die Läden gekommen."

Da waren die zwei Seiten Bilder und das kurze Interview, das sie vor über einem Monat mit mir geführt hatten, als sie den Artikel über „erfolgreiche und stilvolle Frauen in Führungspositionen" in mehreren Pariser Topfirmen vorbereiteten.

Ich konnte mich an den Tag erinnern, als es einen Wirbel gab und sie das Büro in ein Ministudio umbauten, nur um die Beleuchtung richtig hinzubekommen. Der Fotograf hatte gewollt, dass ich mich katzengleich halb auf meinem Tisch räkelte für einen besseren Effekt. Es ist überflüssig zu sagen, dass ich dies abgelehnt hatte, und so hatten sie mich abgelichtet, wie ich auf der Seite, die Rosalie aufgeschlagen hatte, erschienen war: halb liegend, halb sitzend auf dem Schreibtisch, mit einer Hand auf der Tischkante ruhend. Inmitten von kunstvoll auf meinem Tisch verstreuten Akten (was ich in Wahrheit nie erlaubt hätte), betrachtete ich ein aufwendiges Arrangement von weißen Rosen in einer Vase neben mir.

„Die Rosen sind umwerfend," bemerkte ich als ich abwesend in das glänzende Magazin blickte, und Rosalie lies ihre Arme enttäuscht sinken.

„Ist das das Einzige, was du zu deinem hinreißenden Artikel sagen kannst!" schrie sie, augenscheinlich beleidigt über den Frevel, den ich begangen hatte, indem ich der Vogue keine Aufmerksamkeit schenkte.

„Wenn es irgendwie dazu beiträgt, die nächste Ausschusssitzung zu erleichtern, ließe ich mich eventuell dazu überreden, etwas mehr darüber zu sagen," sagte ich in einem Anfall von schlechter Laune, und ich konnte sehen, wie sich Rosalies Mundwinkel unglücklich nach unten bogen. Armes Ding.

„Du musst die Chefin heute entschuldigen," sagte Andre unbekümmert, als er hinter Rosalie auftauchte. „Sie hatte eine raue Nacht."

Ich hielt inne die Akten, die Rosalie mir für die kommende Sitzung gegeben hatte, zu ordnen und schoss ihm einen trockenen Blick zu. „Fang nicht damit an," warnte ich.

Andre lächelte sanft, als er ein Glas Wasser und ein paar Tabletten auf den Tisch legte. „Ich denke die sollten helfen," sagte er. „Für deine Kopfschmerzen."

„Danke," murmelte ich während ich behutsam die Tabletten nahm. „Verdammt, aber ich fühle mich als ob meine Augen von einem Paar glühend heißer Schürhaken ausgerissen würden."

Als Rosalie ging um ihr Notizbrett für den ersten Termin zu holen, nahm Andre im Stuhl gegenüber meines Schreibtisches platz. „Er geht wirklich am frühen Nachmittag," sagte er leise. „Seine Sekretärin hat mir Bescheid gesagt."

„So sagt er," stellte ich ruhig fest, während ich den ersten Ordner von dem Stapel auf meinem Tisch nahm und begann den Inhalt durchzulesen.

Ich konnte fühlen, dass Andre mich anstarrte, während ich weiter die Akten durchging, aber er stellte keine Fragen und mir blieb es dankbarer Weise erspart an diesem Morgen als erstes etwas Unüberlegtes zu tun.

Ich hatte keine Ruhepause während der Tag sich dahin zog. Am Nachmittag war ich verpflichtet an einem Treffen mit unserem Chefbuchhalter in den de Brun Geschäftsräumen teilzunehmen, um über den Finanzplan des Quartals Bericht zu erstatten. In dem großen Konferenzraum, gefüllt mit bekannten Gesichtern von allen beteiligten Unternehmen, die von Louis und Auguste de Brun eingeschlossen, war ein Gesicht deutlich abwesend.

Seine plötzliche Abreise war nichts weiter, als ein kurzer Satz in den Eröffnungsworten des Versammlungsvorsitzenden, bevor die Versammlung begann die ernsten Dinge zu beraten. Konnte es sein, dass ich die Einzige war, die seine Abwesenheit fühlte.

Und sie auch noch so stark zu fühlen…

Ich konnte es nicht erwarten, dass alles vorüber war. Die Wirkung von Andre Schmerzmittel begann nachzulassen und fühlte die Kopfschmerzen mit aller Macht zurückkommen.

Schließlich kam die Sitzung zu einem Ende. Als die Leute nach und nach den Raum verließen, wurde ich zurückgehalten, als ich jemanden meinen Namen rufen hörte.

„Francoise." Eine tiefe, männliche Stimme.

Ich drehte mich um nach dem Ursprung der Stimme und sah zweimal hin.

„Victor," sagte ich. „Was hast du mit deinen Haaren gemacht?"

Victor Clement de Girodelle war der leitende Direktor der Telekommunikationsabteilung von de Brun, sehr fähig und ehrgeizig. Ein alter Bekannter, er war mir um ein Jahr in der Handelschule voraus. Ebenso war er ein Schönling, mit einem tadellosen Modegeschmack und kühlen attraktiven und Patrizianischen Gesichtszügen, der sich ständig veränderte, wann immer ich ihn sah.

Im Moment hatte er sich entschieden, sein langes wallendes braunes Haar offen zu lassen anstatt es mit einem Band zurück zu binden. Zugegeben, es war nicht schlecht.

Er lächelte nur über meine Bemerkung und sagte, „ Ich habe deinen Vouge-Artikel gesehen. Du siehst wirklich glänzend aus."

„Oh, das. Alles nur getrickst," sagte ich leichthin, während ich mich tief in mir wunderte, wie er es schaffte seine Worte klingen zu lassen, als wäre ich eine Zierpuppe. Vielleicht war ich heute Morgen einfach mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden, oder vielleicht wurde ich paranoid. Von seinem Aussehen her war Girodelle wesentlich besser dafür ausgestattet die Titelbilder solcher Fashion Magazine zu zieren als ich. „Übrigens, Glückwunsch zu den britischen und deutschen Geschäftsabschlüssen."

Er fiel mit mir in Gleichschritt, als ich den Weg nach unten zur Empfangshalle zurücklegte. „So etwas von dir ist wirklich ein Kompliment. Danke. Wirst du auf Madame du Deffands Cocktailparty nächstes Wochenende anwesend sein?" fragte er.

„Wahrscheinlich kann ich nicht", sagte ich, wobei ich mein Handy herausholte und begann eine Nachricht an Andre zu tippen.

„Es ist eine Schande—" sagte Victor als ein Mitarbeiter von de Brun herübergeeilt kam.

„Madame", sagte die Angestellte, als sie mir eine zusammengefaltete, cremefarbene Karte reichte.

Ich konnte Girodells blasse Augen auf mir fühlen, während ich die kurze Nachricht las. Bereit mein Gesicht ausdruckslos bleiben zu lassen, sah ich schließlich auf und murmelte eine Entschuldigung zu ihm.

„Zeigen Sie mir den Weg", sagte ich zu der Angestellten und folgte ihr den Korridor hinab.

Francoise, schrieb Antoinette. Könntest du fünf Minuten deiner Zeit für mich erübrigen?


Das Hauptgebäude der de Brun Firma war bekannt für seine gewaltigen Wintergärten, die das gesamte oberste Stockwerk des Gebäudes umfassten - eines von wenigen in Paris. Normalerweise summend vor Betriebsamkeit, waren sehr wenige Leute in den Gärten, als ich ankam. Nachdem ich durch verschiedene Sektionen exotischer Blumen und Pflanzen gegangen war, kam ich schließlich bei ihr an, als sie auf einer der kleinen Steinbänke saß, die eine Grotte überblickten.

Sie saß so still und aufrecht, den Kopf stolz geneigt, während sie das kleine Rinnsal, das aus der Grotte in den Strom zu ihren Füßen tröpfelte, betrachtete. Nur das silbrige Klingeln des Wassers war zu hören.

Die dünne Grasschicht unter meinen Füßen hatte meine Ankunft gedämpft. „Antoinette", rief ich leise.

Als sie sich langsam zu mir herum drehte, konnte ich sehen, dass sie geweint hatte.

„Es tut mir leid, dass du den ganzen Weg bis hier herauf kommen musstest, Francoise. Du siehst warum ich dich nicht unten treffen kann, " sagte sie und schenkte mir ein zittriges Lächeln.

„Das ist in Ordnung", sagte ich automatisch, „ wir können hier reden, wenn du willst."

Mir sank das Herz beim Anblick ihrer Tränen. Natürlich hatte ich geahnt, dass etwas in dieser Richtung passieren würde, aber ich war nicht auf den Schmerz vorbereitet, den der Anblick von Antoinettes Tränen mit sich brachte.

Ich konnte mich an Antoinettes große Vorstellung vor allen Angestellten in diesem Gebäude, welches eines Tage unter der Führung ihres Ehemanns stehen würde, erinnern. Wie es im Unternehmen Brauch war, wurde sie hier her gebracht um alle kennen zulernen, kurz nachdem ihre Verlobung mit Auguste bekannt gegeben worden war.

Es war ein angespannter Moment gewesen, als sie darauf gewartet hatte nach vorne gerufen zu werden, um den Massen im großen Veranstaltungsraum gegenüberzutreten, und in der allerletzten Minute hatte sie mich gebeten an ihrer Seite zu bleiben.

„Ich bin so nervös!" gestand sie als sie einen Arm um meinen legte. „Werden sie mich überhaupt mögen?"

„Du musst dir keine Sorgen machen", versicherte ich ihr und drückte dabei ihre Hand. „Ich bin sicher, du wirst sie alle umwerfen."

Und sie tat es, mit sehr wenig Anstrengung. Sie war geplättet gewesen von dem warmen Empfang, den man ihr bereitet hatte, den Jubelrufen die sie begrüßt hatten, in dem Moment als sie von Louis vorgestellt worden war. Ich war hinter ihr gestanden, als sie den tumultartigen Applaus entgegen nahm. Sie war tief bewegt gewesen, von dem was sie gesehen hatte.

„Siehst du, Antoinette?" sagte ich zu ihr als sie sich mit strahlenden Augen und einem glücklichen Lächeln zu mir umdrehte. „Die Herzen von so vielen mit solcher Leichtigkeit zu gewinnen; ich muss sagen, dass ist ein Talent, das nur sehr wenige besitzen."

Und dann hatte sie geweint.

Es war seltsam wie sich die Umstände mit der Zeit ändern sollten. Damals, ebenso wie jetzt, war ich hier gewesen um sie weinen zu sehen. Aber aus unterschiedlichen Gründen.

„Grandpapa lies Auguste zur Vorstandsitzung kommen und ich dachte mir ich kann ebenso gut mitkommen, da ich nichts Besseres zu tun habe…" begann sie mit einer jetzt erstickten Stimme und brach ab.

Es gab eine kurze Stille bevor sie einfach sagte: „Er hat Frankreich verlassen."

Ich versuchte nicht so zu tu tun, als ob ich nicht verstünde. „Ich weis", antwortete ich.

„Er hat sich nicht einmal verabschiedet." Dann vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzte. „Was stimmt mit mir nicht, Francoise? Eigentlich müsste er es mir nicht sagen. Er ist nicht verpflichtet. Trotzdem… trotzdem…"

Ich schloss meine Augen. „Das Büro in Schweden brauchte ihn", sagte ich.

Mehr konnte ich nicht sagen.

Allmählich versiegte ihr Schluchzen und sie blickte aus ihren Händen auf. Ich nahm neben ihr Platz und folgte der Richtung ihres Blickes, während sie das leise glucksende Wasser vor uns anstarrte.

„Es tut mir leid" flüsterte sie. „Du musst mich für einen Dummkopf halten, dass ich mich dir je in dieser Angelegenheit anvertraut habe. Aber ich konnte nicht anders. Das ist das letzte Mal, dass ich so weinen werde."

„Du musst dich mir gegenüber nicht zurückhalten.", sagte ich sanft.

„Auguste und Grandpapa brauchen hiervon nichts zu erfahren."

Ich dachte einen Augenblick angestrengt nach, mir bewusst, dass meine Gedanken dieselbe gefährliche Neigung einschlugen, von der ich Antoinette und Fersen so geflissentlich hatte abzuwenden versucht. Die Konsequenzen waren an diesem Punkt weitreichend, aber alles hing von den Entscheidungen der künftigen Frau des Firmenerben ab.

Antoinette konnte nicht wirklich so naiv sein bezüglich dessen, wie die Dingen in dieser Gesellschaft abliefen. Auch ohne, dass ich es ihr sagte, wusste sie sicherlich von den heuchlerischen Erwartungen, die viele unserer Bekannten stellten. Da waren jene, die eine Heirat als eine Erweiterung der Firmenpolitik ansahen, - eine geschäftliche Partnerschaft mehr als alles andere. Nichtsdestoweniger musste eine Fassade gewahrt bleiben, auch wenn Ehemann und Ehefrau im privaten getrennte Wege gehen und Beziehungen pflegen konnte und es auch taten.

Der Trick dabei, so sagten sie, war zu wissen wie weit Leute gehen konnten ohne die Erwartung der Gesellschaft an sie zu verletzen. In der Tat gab es viele in unserem Bekanntenkreis, die diese Affären mit der Geschicklichkeit und Finesse eines Meisters jonglierten.

Während meine Meinung über solche Vereinigungen mit der meiner Bekannten auseinander gehen mag (warum überhaupt heiraten, wenn man andere Wege finden könnte - es gäbe sicherlich immer Alternativen – einen Vertrag mit einer anderen Gruppe zu schließen ohne an eine Heirat zu denken, war meine Meinung), war so doch der Stand der Dinge und es sah nicht so aus, als ob er sich in Kürze ändern würde.

Was Liebe und Zuneigung anging, so bekam man vielleicht ab und an eine Beziehung zu sehen, die darauf gebaut war, aber solche waren selten und rar. Falls jemand lieber auf so etwas warten würde (was manchmal seltener als einmal im Leben passierte, wie ich vermuten würde), so war dies abhängig von der eigenen Whal.

Könnte sie dann einen lukrativen Handel für Liebe und Glück opfern?

Laut sagte ich, „Wenn du es so willst, werden Auguste und Louis es nie erfahren. Aber vielleicht solltest du ergründen, was du wirklich tun möchtest, bevor die Hochzeit stattfindet. Fersen ist nur einen Telefonanruf entfernt, falls du willst, dass er zurückkommt, falls das dein Wunsch ist."

Für einen Moment dachte ich sie wäre in Stein verwandelt worden. Sie war so still, wie sie da saß und mich anstarrte. Dann schüttelte Antoinette traurig ihren Kopf. „Nur Frauen wie du haben die Wahl, Francoise, und ich beneide dich darum", sagte sie. „Ich habe keine."

Ich schüttelte meinen Kopf: „Das ist nicht wahr." Zeigte ich auf. „Natürlich kannst du wählen. Jeder kann wählen. Es mögen schwere Entscheidungen sein, aber niemand kann dich zu Dingen zwingen, die du nicht tun willst. Sobald du dich allerdings für eine Richtung entschieden hast, musst du bereit sein die Folgen zu akzeptieren."

Es gab eine lange Stille.

„Es ist zu spät für mich"; sagte sie schließlich. „Von Anfang an war es zu spät für mich."

Sie weigerte sich noch einmal etwas zu sagen. Lange Zeit betrachteten wir die Kräuselungen des Wassers.


War ich zu direkt, zu idealistisch, als ich Antoinette Rat gab? Ich konnte es nicht wirklich sagen. Mir war immer wieder gesagt worden, dass ich das kalte, rationale Naturell besäße, welches notwendig ist um die Geschäfte zu handhaben, aber ich musste zugeben, dass diese eigensinnige Sachlichkeit versagte, wenn sie in Herzensangelegenheiten angewandt wurde. Ich hatte mir nicht wirklich die Mühe gemacht über die Komplexität von Beziehungen nachzudenken, da sie mich vorher nie groß betroffen hatten.

Sicher, ich hatte während meiner Zeit in der Handelschule gelegentlich einen festen Freund unter den vielen männlichen Freunden meines Bekanntenkreises gehabt aber keiner hatte mein Interesse lange genug gehalten, als dass irgendetwas passiert wäre.

Nennt es lachhaft, aber standen die Dinge. Das Konzept von sofortiger Anziehung und Leidenschaft für jemand anderen ist sehr überbewertet, wenn man mich fragt.

Ich nahm an, dass die Leute mir nicht glauben würden, falls ich ihnen erzählen würde, dass ich meinen ersten und letzten richtigen Kuss bekommen hatte als ich sechzehn war. Es war amüsant jetzt daran zu denken. Es war passiert, als dieser affige Junge auf der Party eines Schulfreundes versucht hatte mich zu küssen.

Pierre (sein Nachname war schon lange in Vergessenheit geraten) war ein sehr gut aussehender Kerl in Andres Alter gewesen, den ich beim Fechttunier der St. Michel Akademie getroffen und besiegt hatte (anders als alle meine Schwestern, die auf eine exklusive Mädchenschule geschickt worden waren, hatte Vater mich zusammen mit Andre auf eine gemischte Privatschule geschickt, die besser ausgestattet war um Studenten für die Universität und die konkurrenzbetonten „Grand ècoles" heranzuziehen.

Pierre war höflich und gebildet gewesen, gemessen an Mittelschul-Maßstäben und ich hatte gewusst, dass er seit einiger Zeit versuchte mich herum zu kriegen. In jener Nacht hatte ich ihm aus reiner Neugier erlaubt mich auf den Balkon zu führen.

Unglücklicherweise war er entweder zu betrunken, oder selbst reichlich unerfahren. Der Kuss mit geöffnetem Mund, den er mir gab, war schluderig wenn überhaupt und von sehr kurzer Dauer, da Andre fast sofort auf dem Schauplatz erschienen war, um ihn von mir zu reisen.

Andre war wütend gewesen und die Sache wäre eskaliert, hatte ich nicht ein Wort eingelegt. Offensichtlich hatte er geglaubt, dass Pierre mich angegriffen hätte, eine lächerlich Vorstellung, da ich mehr als in der Lage gewesen wäre mich selbst zu verteidigen. „Es ist okay", hatte ich zu Andre gesagt. „Ich wollte, dass er mich küsst."

Andre hatte sich umgedreht und mich angestarrt, als ob ich verrückt geworden wäre.

„Du hast die Dame gehört", hatte Pierre Andre triumphierend entgegen gelallt. Dann dreht er sich wieder zu mir und sagte. „Also, wo waren wir?" Und ich erinnerte mich ihm gesagt zu haben, bevor ich weg ging. „Ich sagte ich wollte, dass du mich küsst."

„Bist du in Ordnung?" hatte Andre mich scharf gefragt, als er mir zurück nach innen zur Feier gefolgt war. „Ich lasse dich nur ein paar Minuten allein, und schau was passiert!"

„Sei nicht absurd, Andre. Es gab kein Problem, also brauchst du nicht den Kopf darüber verlieren und dir Sorgen machen", hatte ich gesagt, während ich ruhig meinen Mund mit meinem Taschetuch abwischte.

Der Kuss war seltsam und ekelhaft gewesen. Nass und ungeschickt, hatten Pierres Lippen nicht wirklich ihr Ziel gefunden und ich war gezwungen gewesen mir die Mundwinkel und das Kinn abzuwischen. Es schien sicherlich nichts mit den aufregenden Küssen, die ich in Filmen gesehen hatte, gemeinsam zu haben. Und in den folgenden Jahren hatten alle Küsse, die ich von diversen Männern erhalten hatte, nicht die geringste Aufregung oder Leidenschaft in mir entfacht. In der Tat, war der Kuss, an den ich mich erinnerte heute Morgen geträumt zu haben, leidenschaftlicher gewesen, als alle, die ich in meinen wachen Momenten bekommen hatte. Deshalb hatte ich das Küssen nie vermisst, oder mich im Laufe der Zeit danach gesehnt.

Das heißt, bis Fersen kam.

Beim Gedanken an ihn durchfuhr mich eine unglaubliche Welle von Traurigkeit und Verlangen und ich lies mich in den Sitz des Autos zurückfallen, während es zurück ins Büro fuhr. Neben mir betrachtete mich Monsieur Dagout mitleidig.

„Kopfweh", sagte ich kurz angebunden.


Als ich an diesem Abend in mein Apartment zurückkam, wartete das Gemälde in der Diele auf mich.

Ich hatte es nicht erwartet. Der Anblick kam wie ein Schock. Die Dame in dem Porträt sah aus, wie sie mir erschienen war, als ich sie in der Normandie zum ersten Mal gesehen hatte: Erschreckend lebendig, als wäre sie im Begriff auf ihrem Pferd von der Leinwand zu springen. Beim Anblick ihres Gesichts– desselben Gesichts, das ich jeden Tag im Spiegel sah – fühlte ich mich als wenn ich kurz davor wäre mich zu erinnern an … etwas.

Es war beunruhigend. Mir war nicht klar gewesen, dass das Porträt so einen Effekt hier in meinem Apartment ausüben würde. Alles andere schien in seiner Gegenwart auf Zwergengröße geschrumpft zu sein, mich eingeschlossen.

Ich rief Andre an.

„Ja, ich sagte dir doch, dass das Gemälde heute kommt, oder nicht?", sagte er. „Ich habe mir die Freiheit genommen es in der Diele aufhängen zu lassen."

„Das sehe ich", sagte ich. Es war mir völlig entfallen gewesen, dass das Gemälde heute gebracht werden sollte. „Kannst du es bitte wieder abhängen lassen?"

Es gab eine kurze Pause.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig gehört habe", kam Andres Antwort.

„Das hast du schon", sagte ich. „Können wir es einstweilen zum Haus meiner Eltern bringen lassen? Ich bin sicher Papa würde es gerne sehen. Er kann es eine Weile behalten."

Noch eine kurze Pause. Gott sei Dank kannte Andre mich so gut, denn er antwortete nur, „in Ordnung, ich versuche die Spediteure anzurufen, aber der Himmel weis, ob sie um diese Zeit noch bereit sind irgendetwas zu verlagern."

Ich konnte einen Seufzer in seiner Stimme heraus hören; zweifellos musste er denken, dass ich gerne unnötigen Ärger verursachte. Armer Andre. Wenn ich ihm nur erzählen könnte, was mich beunruhigte, aber ich bezweifle das selbst Andre – ein enger Freund seit meiner Kindheit—es verstünde. Wie könnte er auch, wenn ich selbst mir keinen Reim darauf machen konnte.

Ich murmelte meinen Dank und rief als nächstes Vater an, um ihm mitzuteilen, dass eine Überraschung auf dem Weg zur Villa war.

Die ganze Zeit über blickte die Dame auf dem blassen Pferd weiter aus ihren saphirenen Augen auf eine Welt, die sich sicherlich unwiederkennbar verändert hatte, von der, die sie gekannt hatte.

Wer bist du und was hast du zu deinen Lebzeiten gesehen? Warum suchst du mich nun heim?


Paris begann zu reden, als die Hochzeitseinladungen eine Woche später eintrafen. Die aufwendigen, teueren Karten, deren einziger Zweck es war, um die Ehre der eigenen Anwesenheit zu bitten, wenn Auguste Philippe de Brun mit Antoinette Jeanne Lorraine den heiligen Bund der Ehe einging.

Andre stieß einen leisen Pfiff aus, als er die dicke Karte untersuchte. „Die Hochzeit des Jahrhunderts in Sachen Firmenabschlüsse.", witzelte er.

Ich lächelte jedoch nicht.

Es würde nun letztendlich doch passieren. Antoinette, gleich ob sie meinen Worten zustimmte oder nicht, hatte eine Wahl getroffen.


Glossar:

Fricassée de Veau aux Girolles : Kalbfleisch mit Pilzen in einer cremigen Weißweinsoße

Grandes écoles: Die "großen Schulen" gibt es nur im französischen Bildungswesen. Nach dem Gymnasium kann sich ein Schüler entscheiden ob er an einer Universität studiert, oder noch zwei weitere Jahre Vorbereitungsklassen auf sich nimmt um in einer dieser exclusiven Schulen aufgenommen zu werden. Üblicherweise spezialisieren sich die grandes écoles auf bestimmte Themengebiete wie Wirtschaft, Ingenieurwesen oder Mathematik. Die Aufnahmeprüfungen für diese Schulen sind bedutend schwerer und selektieren mehr Schüler aus, verglichen mit den anderen Universitäten.


Es tut mir sehr leid, dass es so ewig gedauert hat, hier wieder ein Update zu machen. Ich kann nicht wirklcih viel sagen außer Entschuldigung und ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen.