Der Schreier des Tages

Ziellos lief sie durch das Schloss, wobei wahrscheinlich jeder Schüler im Gemeinschaftsraum der Gryffindors war und dort feierte. Fast jeder, denn der Großteil der Slytherins weigerte sich einfach zu der Geburtstagsparty von Sirius zu gehen. Die Mädchen, egal welchen Alters, und die Jungs, die wirklich auf Streit aus waren, waren gekommen, der Rest hockte höchstwahrscheinlich in den dunklen und kalten Kerkern.

Der Gang war dunkel und verlassen. Die Fackeln an den kalten Wänden konnten einem keine Wärme spenden und ohne einen Lumos-Zauber konnte man kaum die Hand vor Augen sehen. Doch bei einem Lichtzauber würde sie aufsehen erregen und das konnte sie nicht gebrauchen. Schließlich war es bereits nach der Sperrstunde und sie hatte kein Recht hier draußen irgendwas bzw. irgendwen zu suchen. Wenn sie dann auch noch erwähnen würde, dass sie James finden wollte, dann hätte nicht bloß sie den Ärger, auch James wäre mit dran, da er auch irgendwo da draußen war.

Leise und vorsichtig schaute sie um die nächste Ecke, um sich zu vergewissern, dass sie alleine war. Filch wäre der Letzte, dem sie jetzt in die Arme laufen wollte. Genau das Gleiche galt Mrs. Norris, seiner Katze. Dieses kleine, hässliche Geschöpf war der persönliche Spion dieses alten Spinners, wie die Jungs immer meinten und in dem Fall hatten sie auch Recht.

„Hey!", erschrocken fuhr sie hoch, als sie die Stimme wahrnahm und schaute sich in dem Korridor um, während sie sich fest an die Wand presste, mit der Hoffnung sie würde nachgeben und ein geheimer Gang könnte auftauchen, der sie weit weg brachte. Doch leider wurde ihr dieser Wunsch hier gewährt, denn sie stand immer noch im Gang vor der Küche als sie blinzelte. Das komische jedoch war, dass niemand sonst zu erkennen war. Vor ihr befand sich das Portrait mit der Birne, den Eingang zur Küche und rechts und links von ihr war rein gar nichts.

Ihr Gedanke war, dass sie sich unter Umständen einfach nur verhört hatte, sich die Stimme eingebildet hatte, doch der Gedanke wurde vernichtet, als wieder die Stimme ertönte.

„Hier!", kam das Flüstern von ihrer Rechten, doch sie konnte niemanden erkennen, geschweige denn die Stimme zuordnen. Sie war bekannt, doch nicht bekannt genug, um einen Freund zu erkennen. Mit zusammengekniffenen Augen schaute sie in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, doch keine Bewegung war auch nur auszumachen.

Kaum war sie einen Schritt vorgetreten, wurde sie am Arm gepackt und gegen die Wand gezogen. Obwohl sie erwartet hätte, gegen die Wand zu prallen, fand sie sich in einer kleinen Nische wieder.

„Wenn ich eine Nische brauche, find ich keine", murmelte sie und verschränkte sie Arme vor der Brust.

Plötzlich wurde ihr klar, warum sie überhaupt in dieser Nische ist. Erschrocken und mit erhobenem Zauberstab dreht sie sich um und starrt in zwei pechschwarze Augen, keine Rehbraune. Sie spürt die Enttäuschung in der Brust. Wie sehr wünschte sie sich, dass James Potter sie in diese Nische gezerrt hätte und sie nach einem Date gefragt hätte. Doch er war es nicht.

"Snape!", sie zischte seinen Namen voller Abscheu und kniff die Augen zusammen. Der Junge schaute sie traurig an und entkrampfte sich. Es war ihm anzusehen, dass er eine andere Begrüßung erwartet hätte, doch er wusste besser, dass die Zeiten sich geändert hatten.

"Hallo Lily.", er flüsterte ihren Namen in die Dunkelheit hinaus, ohne sie aus den Augen zu lassen. All sein Leid schwang in seiner Stimme mit, doch er stieß damit nur auf eine kalte Wand. Seine Chancen bei ihr hatte er endgültig verspielt, als er sie als 'Schlammblut' bezeichnet hatte. Ihren Gesichtsausdruck würde er nie vergessen. Er hatte sich in sein Herz, falls er eins besaß, gebrannt.

"Lass mich zu frieden, Snape.", Lily Evans drehte sich um und war schon leise aus der Nische verschwunden, als er ihre Aufmerksamkeit zurückbekam. Mit nur einem Satz hatte er ihre Neugier geweckt.

"Ich weiß wo Potter ist.", schneller als es ihm lieb war, stand sie vor ihm und drückte

ihren Zauberstab auf seine Brust.

"Raus mit der Sprache. Wo ist er?", wieder nur ein Zischen, was ihre Lippen verließ, doch es war ihr egal, wie sie mit ihm umging. Er hatte es nicht anders verdient und James war ihr wichtiger, was sie natürlich ihm gegenüber nie zugeben würde. Dazu war ihr Stolz noch viel zu stark.

"Immer langsam Lily. Wieso denn auf einmal so scharf drauf Potter nachts im Schloss zu treffen?", Belustigung lag in seiner Stimme, was Lily wütend machte. Er begriff einfach nicht, was los war und machte solche Sprüche. Diese Person hatte sich fälschlicherweise als ihr bester Freund bezeichnet. Er kannte sie kein Stück, was sie nun endlich begriff.

"Ich warne dich Snape. Wo ist er?", sie drückte mit ihrem Stab nun genau auf seine Kehle. Er schluckte hart und schaute sie verunsichert an. Sie meinte es ernst, das war klar, doch würde sie ihm was tun? Eigentlich wollte er es nicht riskieren, deswegen sagte er ihr lieber, wo dieser angeberische Idiot war, damit sie ihn anmachen konnte, weil er sich versteckt hatte.

"Im Klo der maulenden Myrte.", war die knappe Antwort und schon war sie verschwunden, ohne sich noch mal umzudrehen lief sie in die Dunkelheit.

Lilys Schritte halten im verlassenen Gang wieder, doch sie wollte nicht auf Vorsicht achten und leise in das Bad huschen. Den ganzen Nachmittag hatten sie James gesucht. Die Karte hatte, wie durch Merlins Hilfe, James bei sich gehabt, also konnten sie ihn nicht aufspüren.

Als es nach der Sperrstunde war, gaben die anderen auf, weil sie meinten, er würde schon wiederkommen, wenn ihm danach war, doch Lily wollte ihn weitersuchen.

Vor der Tür von Myrte blieb sie stehen und atmete nochmals tief durch. Besonders sportlich war sie nie gewesen, ihr Sportlehrer bei den Muggeln würde bei ihrem Sprint sicher Saltos machen und ihr eine eins geben, doch er würde wohl nie davon erfahren.

Leise schob sie die Tür auf und schlich rein. Es war dunkel, genau wie auf den Gängen draußen, doch sie wusste, dass hier nur zwei Leute sein konnten. Ein Geist und ein Gryffindor, den sie richtig zusammenfalten würde, wenn sie ihn zwischen die Finger bekommen würde.

Vorsichtig schloss sie die Tür hinter sich und trat ein. Es war hier wie immer. Eigentlich war mehr Wasser auf dem Boden, als irgendwo sonst, doch achtete sie nicht darauf. Lily suchte nach James, den sie auch sofort fand. Er stand gegen die Steinwand gelehnt da und schaute durch das Fenster auf die Ländereien. Sein Gesicht war von dem Schein des Mondes bedeckt und er wirkte traurig und nachdenklich.

Um seine Aufmerksam zu bekommen, räusperte sie sich, was ihn dazu veranlasste sich mit gezücktem Zauberstab zu ihr zu drehen. Sein Gesicht war wie versteinert, als er ihr erschrockenes Gesicht sah. Mit Lily Evans hatte er nun wirklich nicht gerechnet.

„Was machst du hier Evans?", sprach er kalt und er sah, dass sie zusammenzuckte, als er zu ihr sprach. Seinen Zauberstab hatte er immer noch erhoben, auch wenn er nicht vorhatte sie zu verzaubern. Es wäre das Letzte, was er tun würde. Trotzdem wusste er nicht, was sie von ihm hier wollte. Woher wusste sie, dass sie ihn hier finden würde. Sicher war sie nicht alleine hier.

„Ich hab nach dir gesucht James.", nun erstarrte er. Hatte sie eben seinen Vornamen benutzt? Oder hatte er sich einfach nur verhört, als sie ihm geantwortet hatte. Lily Evans, die Lily Evans, die ihn immer in seine Schranken wies und ihn einfach abblitzen ließ, nannte ihn beim Vornamen? Es war doch zu schön um wahr zu sein.

„Wie kommt's Evans?", er war der Meinung sich verhört zu haben, als sie ihm geantwortet hatte, deswegen benutzte er auch ihren Nachnamen.

Seine Stimme war immer noch kalt und es war seine volle Absicht. Mehr konnte er nicht mehr verlieren. Sie hatte sich nun vollends entschieden und zwar gegen ihn, für Regulus.

„Du warst einfach verschwunden, ohne ein Wort zu sagen. Deswegen haben die anderen und ich dich gesucht, doch vor über einer Stunde haben sie aufgegeben, weil sie meinten, du würdest wieder auftauchen. Doch ich wollte dich weitersuchen und hab dich dann hier gefunden.", Lily plapperte das alles einfach runter, dass sich James wieder nicht sicher war, ob er sich nicht wieder verhört hatte.

„Stopp! Du hast mich die ganze Zeit über gesucht?", fragte er mit leiser Stimme, doch es hallte an den Steinwänden wider. Ein Glücksgefühl machte sich in seinem Bauch breit, doch sein Hirn läutete Alarm. Das konnte nicht stimmen, es war zu abwegig, einfach unmöglich. Lily Evans sucht James Potter. Der Schreier des Tages, würden die Muggel sagen.

Lily überlegte bevor sie ihm antwortete. Er würde sich sicher was darauf einbilden und sie weiter nach Dates fragen und sie womöglich noch mehr nerven. Wahrscheinlich würde er auch direkt zu den anderen Marauders rennen und rumprahlen, dass Lily Evans IHN freiwillig gesucht hatte.

Doch sie warf ihren Verstand für einen Moment über Bord und nickte nur. Es war wichtig für sie ihn zu finden, auch wenn sie nicht genau wusste wieso dies so extrem wichtig war.

Beide starrten sich in die Augen, sagten aber nichts zueinander. Diese seltsame Stille, war nicht unangenehm, doch auch nicht wirklich angenehm. Etwas lag zwischen ihnen, doch keiner der beiden konnte in Worte fassen, was genau es war.

„Lass uns in den Turm zurückgehen, bevor wir erwischt werden.", brach schließlich James die Stille. Einige Momente musste Lily blinzeln, da sie mehrere Minuten in die rehbraunen Augen des Gryffindorsuchers geschaut hatte. Wieder brachte sie keinen Ton über die Lippen und nickte nur.

Zusammen verließen sie die Toilette, wobei sich Lily mehr als wunderte, dass Myrte nicht aufgetaucht war und James hinterher geschmachtet hatte, wie sie es manchmal in den Gängen in der Nähe der Toilette machte, wenn er dort vorbeiging.

Es würde ein wenig dauern bis sie in ihren Gemeinschaftsraum kommen würden, schließlich mussten sie vorsichtig sein, doch James wollte kein Risiko eingehen und schnappte sie urplötzlich Lily am Arm und zog sie hinter einen Wandteppich. Eigentlich hätte sich dort eine Wand befinden müssen, doch sie standen in einem dunklen Gang.

Ein wenig lächelnd folgte Lily dem immer noch schweigenden James und fand sich plötzlich direkt vor dem Portrait der fetten Dame wieder.

Flüsternd sprach James das Passwort und stieg durch das Loch, als die fette Dame mit musterndem Blick zur Seite schwang.

Immer noch wie ein Dackel folgte Lily ihm und blieb erst stehen, als sie vor den Treppen der Schlafsäle angekommen waren.

Wieder schwiegen sie sich an, doch sie schauten sich dieses Mal nicht in die Augen.

„Na, dann also gute Nacht.", wieder brach er die Stille, was sie dazu veranlasste ihm in die Augen zu schauen. Sie wusste nicht, was sie dazu veranlasste, doch sie beugte sich vor, gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Danke für deine Rettung.", flüsterte sie ihm ins Ohr und verschwand so schnell in ihrem Schlafsaal, dass James nicht einmal blinzeln konnte.