Kapitel 4
Neue Erkenntnisse
Es waren inzwischen wieder zwei Wochen vergangen. Nachdem Snape den letzten Samstag nicht aufgetaucht und es nun auch schon recht spät war, hatte Amanda die Hoffnung, er würde einfach an einem anderen Tag einkaufen gehen, oder sich zumindest bis zur nächsten Woche genügend abgeregt haben.
Mr. Brighton hatte sich inzwischen glücklicherweise auch wieder so weit beruhigt, dass er Amanda wieder allein ließ und sie nicht ständig triezte. Gerade beriet sie Alan, der sich nicht recht entscheiden konnte in welcher Form er nun seine Alraunewurzeln haben wollte.
„Alan, Du musst Dich irgendwann entscheiden oder Du nimmst einfach von allem etwas."
„Bist Du wahnsinnig? Also so viel Geld hab ich auch nicht über."
Amanda grinste etwas. „Die Vorteile der einzelnen Darreichungsformen habe ich Dir schon erklärt." Es war durchaus mal eine Abwechslung einen Bekannten als Kunden zu haben. Da konnte man auch wirklich einmal ehrlich seine Meinung sagen und da sie sich schon wirklich lange kannten, würde Alan es ihr sicher auch nicht übel nehmen.
„Meinst Du das Pulver ist gut?", wollte Alan von ihr wissen.
Sie sah ihn an. „Was ist eigentlich los? Das solltest du doch mit deiner Erfahrung besser wissen als ich. Es kommt darauf an, was Du damit vorhast."
„Mhm… ja. Ich muss da noch mal kurz drüber nachdenken."
„Tu das…" Amanda grinste und blieb ruhig neben ihm stehen.
Snape hatte ihre Begegnung vor zwei Wochen keinesfalls vergessen. Immer wieder kam sie ihm in den Sinn, vornehmlich dann, wenn er David, Amandas Bruder, zu unterrichten hatte.
Es brachte ihn jedes Mal aufs Neue auf, wenn er an ihre unqualifizierten Äußerungen über seine Person dachte. Was wussten sie schon?!?
Etwa eine Woche nach dem Vorfall kam ihm schließlich der Gedanke, dass er als Lehrer die Möglichkeit hatte, mehr über Amanda herauszufinden. Vielleicht mehr als ihr lieb war, dachte Snape und gerade das machte für ihn den Reiz aus. Er besorgte sich aus dem Schularchiv ihre Akte, mit der er sich des Abends immer wieder beschäftigte, sofern er die Zeit dazu hatte.
Was er dabei erfuhr, fand er mehr als interessant. Sie war also 6 Jahre jünger als er und ihre Vorzeigefächer waren Zaubertränke und Kräuterkunde. Das Talent ihrer Zauberer-Eltern schien sich allerdings alles auf sie vererbt zu haben, denn ihr Bruder war ein furchtbarer Stümper.
Snape war zufrieden mit dem, was er aus den Akten erfuhr. Es würde ausreichen, um Amanda ein bisschen zu ärgern und vielleicht erfuhr er so auch noch mehr, denn so manches wollte er nun genauer wissen…
Snape sah auf die Uhr und legte missmutig die Feder weg. Wieso musste an manchen Tagen die Zeit nur so rennen? Vor ihm türmte sich noch die Arbeit und einkaufen musste er auch mal wieder gehen.
Für einen Moment überlegte er, einfach nur eine Eule mit seiner Bestellung zu Felonwood zu schicken, aber dann entschloss er sich doch dagegen. Ein bisschen Ablenkung konnte sicher nicht schaden und er wollte Miss Brown doch nicht die Freude nehmen, ihm wieder zu begegnen. Mit einem fiesen und leicht amüsierten Grinsen im Gesicht erhob er sich und warf sich seinen Umhang um. Kurze Zeit später war er schon in der Winkelgasse und auf dem Weg zum Laden.
Gerade in dem Moment als Alan anfing darüber nachzudenken, was er denn nun schlussendlich einkaufen würde, stieß Snape die Tür auf und betrat den Verkaufsraum.
Seine Augen glitten kurz durch den Raum, bis sie schließlich Alan und Amanda fixierten. Warten. Das hatte ihm noch gefehlt! Eine Eule wäre doch die klügere Variante gewesen, dachte sich Snape und schnaubte leise und kaum hörbar. Scheinbar konnte sich dieser Typ nicht entscheiden, dabei war das bei Alraune nun wirklich kein Kunststück! Ungeduldig wartete er und begutachtete in dieser Zeit ein paar Zutaten, die er brauchen würde.
Als Snape das Geschäft betrat, sank Amandas gute Laune ein großes Stück. Sie sah kurz zu Alan, der noch ziemlich in Gedanken schien und sprach ihn an. „Du brauchst noch etwas oder?", fragte sie ihn freundlich. Ihr Ton ließ diesmal schon erkennen, dass sie Alan kannte. Dieser nickte bloß und Amanda ging zu Snape hinüber. „Guten Tag, Professor Snape. Was kann ich für Sie tun?"
Snape richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Amanda. „Tag", sagte er kalt. „Ich brauche einiges an Zutaten - wie immer", fügte er noch hinzu und verzog dabei keine Miene. Er blickte sie einfach nur kalt und abweisend an.
Bei dem Blick lief Amanda beinah ein kalter Schauer über den Rücken. Sie sah ihn nur höflich an - dass sie sich unwohl fühlte, musste er ja nicht wissen. „Was denn? Oder wollen Sie sich allein umsehen?"
„200g klein gehackte Alraunenwurzel, 100g Drachenleber, 300g Hopfenblüten...", begann Snape aufzuzählen. Plötzlich hörte er allerdings abrupt auf und fragte in sarkastischem Ton: „Können Sie sich das überhaupt alles merken, oder soll ich es Ihnen nicht besser wieder alles schriftlich geben?"
„Ich kann mir das merken, also?" Sie sah ihn erwartungsvoll an.
Alan sah kurz zu den beiden rüber. Sonderlich höflich war der Mann ja nicht gerade, auch wenn an seinem Aussehen nicht allzu viel auszusetzen war.
„Das werden wir ja dann sehen..." Snape zog sarkastisch einen Mundwinkel hoch und zählte alle Zutaten auf, die er benötigte. Es waren etwa zwanzig verschiedene, inklusive genauer Gewichts- und Qualitätsangaben. Unter ihnen auch zwei, die nicht im Verkaufsraum zu finden waren.
„Das dauert einen Moment…" Sie begann die einzelnen Substanzen abzuwiegen und schließlich fehlten nur noch die beiden, die im Lager waren, also ging sie nach hinten, um sie zu holen. Alan hatte sich währenddessen entschieden und stand nun vor einem ganz anderen Regal und besah sich die Zutaten.
Snape wartete etwas ungeduldig und musterte Alan währenddessen unauffällig. Er fragte sich, wie man nur so lange brauchen konnte, um sich bei Alraune zu entscheiden.
Amanda musste etwas suchen und brauchte entsprechend etwas länger. Es ärgerte sie maßlos, dass Snape so unverschämt war. Konnte er nicht wenigstens höflich sein? So etwas Schlimmes hatte sie ihm ja nun auch nicht angetan.
Alan war bei der Auswahl der nächsten Zutat sehr viel schneller. Er griff nach einer der kleinen Phiolen und wanderte dann ruhig weiter an den Regalen entlang. Bei den Büchern hielt er inne und ließ seinen Blick über die Buchrücken gleiten. Viel Neues war nicht dabei.
Snape folgte ihm weiter mit seinen Blicken, während er auf die Rückkehr Amandas wartete. Nebenher begutachtete er einen recht großen Bezoar, der zum Verkauf stand. Dass sich Amanda so über sein Verhalten ärgerte, war nur ein Zeichen dafür, dass sie ihn nicht kannte und er würde auch alles dafür tun, dass das auch in Zukunft so blieb.
Alan entging nicht das er beobachtet wurde und fragte sich, was das sollte. Er hatte ein neues Buch entdeckt und nahm es aus dem Regal, um etwas darin zu blättern. Aber schon nach ein paar Rezepten war er nicht sonderlich von dessen Qualität überzeugt.
Er sah kurz zu Snape und dann wieder auf das Buch. Eigentlich wollte er Amanda fragen, aber warum nicht auch ihn, wo er schon hier war. Alan drehte sich zu ihm um und sah ihn an. „Entschuldigen Sie, kennen Sie zufällig dieses Buch?", fragte er freundlich und hielt die Vorderseite so, dass Snape den Titel lesen konnte.
Amanda wog die beiden Zutaten gleich hinten ab, dann kam sie wenigstens nicht durcheinander, was wohin gehörte. Sie beschriftete noch schnell die beiden Tüten und räumte dann die beiden großen Gläser wieder an ihren Platz.
Snape richtete wieder seinen Blick auf Alan, als er angesprochen wurde. Er verbarg geschickt seine leichte Überraschung, denn damit hatte er nicht gerechnet. Ein kurzer Blick auf den Titel reichte ihm schon, um zu merken, dass das Buch was für Stümper und Anfänger war. Snape blickte Alan in die Augen und antwortete ihm kühl aber für seine Verhältnisse eher freundlich.
„Kennen wäre zuviel gesagt. Warum der Autor so etwas überhaupt veröffentlichen darf, ist mir ein Rätsel." Snapes Worten war deutlich zu entnehmen, dass er von diesem Werk nicht sehr viel hielt.
Alan nickte und lächelte ganz leicht. „Gut, dann hat mich mein erster Eindruck ja nicht getäuscht. Danke." Er stellte das Buch zurück und beschloss dann, fertig zu sein und ging zum Tresen hinüber, was ihn zwangsläufig näher zu Snape brachte.
„Hm... bitte...", entgegnete Snape und verfolgte Alan noch kurz mit den Blicken, bevor er noch einmal einen Blick auf den Bezoar warf. Schließlich legte er ihn vorsichtig zurück - er war ihm eindeutig zu teuer für dieses Gewicht und diese Konsistenz.
Langsam streifte er weiter die Regale entlang und fragte sich, wie lange es denn noch dauern würde, bis Amanda endlich fertig war. Er hatte schließlich noch anderes zu tun, als ewig hier zu warten und ihren Job zu übernehmen.
Beim Bücherregal angekommen, ließ er seinen Blick über die Buchrücken gleiten. Es dauerte nicht lange und er hatte gefunden, was er suchte. Er zog einen schweren, schwarzen Lederband heraus, ging mit ihm zum Tresen und legte ihn vor Alan ab. Er blickte ihn an, aber sein Blick blieb unergründlich wie immer. „Ich würde Ihnen das hier empfehlen. Es steht auch drin, welche Alraunenzubereitung man jeweils am besten verwendet..." Snapes Mund kräuselte sich zu einem leicht spöttischen Lächeln. Er konnte einfach nicht anders, als diesen Kommentar noch hinzuzufügen.
Alan war davon jetzt sehr überrascht und ließ es sich sicherlich auch anmerken, aber er war ein freundlicher, offener Mensch und hatte damit eigentlich keine Probleme. Zumindest hätte er kein Problem gehabt, wenn sich sein Gegenüber den bissigen Kommentar gespart hätte. Was sollte das? Er wusste doch gar nicht warum er solange gebraucht hatte… „Danke, aber das habe ich schon." Sein Blick war um ein paar Grad abgekühlt.
Amanda kam genau in diesem Moment wieder nach vorne und legte die beiden Päckchen zu Snapes anderen Sachen in eine Tüte. Sie fragte sich worum es bei den beiden gerade ging, ganz zu schweigen von ihrer Überraschung, dass sie sich überhaupt unterhielten.
Snape entgegnete ihm nichts mehr, denn Amanda brachte gerade seine restlichen Zutaten, was seine Aufmerksamkeit wieder auf sie lenkte. „Ihre 'Momente' scheinen sich ja sehr lange zu ziehen, Miss Brown." Seine schwarzen Augen hefteten sich wieder auf sie und seine Stimme wurde wieder um ein paar Grad kühler und unfreundlicher.
„Tut mir leid, dass Sie solange warten mussten. Die Sachen waren in der hintersten Ecke versteckt." Sie überging die Tatsache einfach, dass er schon wieder endlos unfreundlich war und wandte sich wieder an Alan, immerhin war er früher da gewesen. „Bist Du fertig?"
„Ja." Alan stellte die Sachen auf den Tresen. Amanda überflog sie kurz und nannte ihm dann den Betrag. Während er das Geld zusammen suchte, verpackte sie die paar Zutaten in eine kleine Tüte und reichte sie ihm. Sie nahm ihm die Münzen ab und legte sie in die Kasse. „Und Du bist sicher, dass Du nicht kommen willst, heute Abend?", wollte sie von ihm in der Zwischenzeit wissen. Alan nickte. „Ja, ich glaube nicht dass das eine sonderlich gute Idee ist. Chris ist sicher auch da und das muss ich mir nicht antun." Amanda zuckte mit den Schultern. „Na ja, musst Du wissen. Mach Dir trotzdem noch einen schönen Tag!" „Danke Du Dir auch! Bis bald!" Er lächelte sie noch kurz an, nahm seine Sachen und ging Richtung Tür. Dann wandte sich Amanda wieder Snape zu. „Das war alles nehme ich an?!"
Snape hob lediglich eine Augenbraue und packte seine Tüte, während sie sich wieder Alan zuwandte. Er hatte heute keine Zeit mehr für langes Gerede, denn in Hogwarts wartete noch endlos Arbeit auf ihn. Zahlen musste er ohnehin nicht, denn es ging wie immer auf die Sammelrechnung, also konnte er auch gehen. Sein Blick streifte noch einmal kurz Alan, als dieser sich verabschiedete und ging, bevor er Amanda antwortete. „Sie gehen richtig in der Annahme..."
Er fragte sich gerade ernsthaft, was dieser Typ mit ihr zu tun hatte und was an diesem Chris so schlimm sein sollte. Gleich darauf wischte er diese Gedanken aber wieder aus seinem Kopf. Wieso dachte er überhaupt darüber nach? Das konnte ihm doch eigentlich alles vollkommen egal sein.
„Dann wünsch ich Ihnen noch einen schönen Tag", meinte sie höflich und war nicht ganz unglücklich darüber ihn los zu werden, aber das sah man ihr nicht an.
„Danke... gleichfalls", presste Snape heraus, während er sich zum Gehen wandte. Den schönen Tag würde er, im Gegensatz zu ihr, mit Aufsätzen korrigieren verbringen, während sie sich wohl auf irgendeiner Party vergnügte.
Amanda war schon fast beeindruckt über seinen Abschied, das grenzte ja an Höflichkeit! „Wiedersehen", sagt sie noch und holte dann das Buch für die Sammelrechnungen hervor, um das eben Verkaufte dort zu notieren.
Snape war schon halb aus der Tür, als sie das sagte und machte sich schleunigst auf den Weg zurück nach Hogwarts. Er hatte keine Lust, die ganze Nacht mit korrigieren zu verbringen. Viel lieber würde er mal wieder acht Stunden schlafen.
