Aberforth umrundete den Stall halb, bis er zur Regenwassertonne an ihrer Westseite kam. Dort reckte er sich nach der Dachtraufe und zog sich mit ihrer Hilfe auf den Rand der Tonne. Von da aus konnte er mühelos auf das nur leicht abschüssige Dach des Stalls klettern. Wenn er nur liegen blieb und sein Gewicht gleichmäßig verteil war, würde das Stroh ihn tragen, das wusste er, denn er war nicht zum ersten Mal hier oben.
Der Himmel war sternenklar, der Mond voll und sein Licht so hell, dass man in seinem Schein problemlos die fettgedruckten Überschriften in einer Zeitung hätte lesen können.
Das Zirpen der Zikaden und gelegentliches Quaken der Frösche – die immer noch aufgebracht darüber zu sein schienen, dass Aberforth mit seiner Bewässerungsaktion den Wasserpegel des Teichs um eine Handbreit gesenkt hatte – drang durch den Garten. Die Temperaturen waren nach dem Dunkelwerden zwar gesunken, aber es war immer noch viel zu warm.
Aberforth robbte bis zum First vor, drehte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Im Norden entdeckte er das Sternbild des Fuhrmanns, eine der wenigen Konstellationen, die er sich im Astronomieunterricht hatte merken können. Der Name des hellsten Sterns war Capella, was „Zicklein" bedeutete. Natürlich hatte er den beim letzten Wurf benutzt. Dieses Zicklein sollte den griechischen Gott Zeus mit ihrer Milch ernährt haben, und war darum zum Dank von ihm in den Sternenhimmel versetzt worden. Endlich mal eine schöne Geschichte – ohne Mord, Heimtücke, oder bescheuerten Heldentaten, wie bei all den anderen Mythologien um die Sternbilder.
Gellert hatte Ariana ein Buch aus seiner Heimat geschenkt. Sie hatte es nur leider nicht lesen können, da der Übersetzungszauber in den Seiten einer dieser alten, ans Land gebundenen Varianten war – und da Godric's Hollow nun einmal in Wales lag, übersetzte er ins kymrische ohne auf die englischsprachigen Einwohner Rücksicht zu nehmen. Nach den Bildern und dem, was Gellert erzählte, hatten sie sich die Geschichte jedoch halbwegs zusammenreimen können. Aberforth überlegte wie es wäre, mit Ariana zusammen in den Bergen zu leben. Weit weg von anderen Menschen, so dass Ari sich nicht im Haus verstecken müsste.
Anstatt der schroffen, felsigen Gipfel auf den Bildern im Buch, erschienen die sanften, grünen Kuppen der Cambrian Mountains vor seinem inneren Auge. Dort hatten sie vor langer Zeit, als noch alles in Ordnung gewesen war, Urlaub gemacht. Vater, Mutter, Albus, Ariana und er. Aberforth grinste. Er wäre Peter, der mit seiner Herde Ziegen den ganzen Tag durch die Täler streifen konnte, und der nicht zur Schule gehen müsste, und Ari wäre dieses Mädchen mit dem komischen Namen – Haydie, oder so.
Aberforths Träumerei wurde unterbrochen, als er den Lichtschein bemerkte, der die Fassade neben ihm erhellte. Das Licht kam aus der Küche, die rechtwinklig an die anderen Seite des Stalls grenzte. Die Tür wurde geöffnet und laute Stimmen erklangen.
Aberforth drehte sich auf den Bauch, robbte weiter zum First und sah über diesen hinab. Zwei Gestalten waren ins Freie getreten, die eine hitzige Diskussion austrugen. Der Schwung eines Zauberstabs, und der gepflasterte Teil vor dem Haus war von einem dicken, geknüpften Teppich bedeckt. Der Ausführende ließ sich im Schneidersitz darauf nieder und der andere tat es ihm gleich.
Aberforth rückte ein Stück nach rechts, in den Schatten, den der Giebel des Wohnhauses auf das Stalldach warf, damit die beiden ihn nicht bemerken würden, falls sie zufällig aufsahen.
Sie reichten eine Flasche zwischen sich hin und her, doch kaum einer nahm mehr als einen knappen Schluck, denn das hätte bedeutet, unnötig lang im eigenen Redefluss innehalten zu müssen, oder auch nur in den protestierenden oder zustimmenden Lauten, während der andere sprach.
Es ging um Politik, Staatsführung und Psychologie. Aberforth verstand nicht die Hälfte von dem was sie sagten, mit all den Fremdwörtern und Verweisen auf irgendwelche Namen und Theorien, von denen er noch nie etwas gehört hatte.
Zwar begriff er den Sinn des Gesprochenen nicht, aber konnte um so mehr Aufmerksamkeit allem anderen widmen. Und das was Aberforth erkannte, was er mehr mit seinem Bauch, als mit seinem Verstand begriff, bereitete ihm tiefes Unbehagen. Gellert hatte sich mit einer geschmeidigen Bewegung erhoben, hochgetrieben von seiner ihm eigenen, unbezähmbaren Energie. Er lief auf dem begrenzten Areal des Teppichs auf und ab, gestikulierte mit knappen, eindringlichen Gesten und drehte sich so ruckhaft zu seinem Diskussionspartner um, dass ihn sein zum Pferdeschwanz gebundenes Haar ins Gesicht peitschte.
Für all die Dummköpfe mochten die beiden wie zwei Welpen wirken, die sich verbal miteinander balgten und deren Geplänkel man mit nachsichtigem Lächeln bedachte. Siebzehnjährige, die über ihre zukünftige Weltherrschaft diskutierten. Ach, wie amüsant!
Wirklich keiner schien daran zu denken, wie verdammt schlau die beiden waren; niemand sah, dass sie lässig Zauber vollbrachten, die kaum ein Erwachsener nach jahrzehntelanger Übung beherrschte.
Nein, das hier waren keine possierliche, harmlose Welpen – das waren zwei Jungwölfe, Raubtiere, die Menschen in Beute und potentielle Rivalen einteilten und die sich früher oder später ihren Weg an die Spitze der Meute erkämpfen würden.
Albus sprang nun ebenfalls auf, schüttelte heftig den Kopf und widersprach Gellert vehement.
Ihre laute Debatte hätte das halbe Dorf geweckt, wenn der Zauber um das Grundstück ihre Stimmen durchgelassen hätte.
Sie redeten gleichzeitig und keiner war gewillt, den anderen zuerst aussprechen zu lassen. Gellert packte Albus schließlich an der Schulter, drängte ihn mit dem Rücken gegen die Hauswand und drückte ihm die andere Hand auf den Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Halb lachend, halb wütend, stieß er hervor: „Nein, Albus, nein! Du liegst völlig falsch! Hör zu, verdammt!"
Eine für Aberforth unverständliche Erklärung folgte. Er beobachtete, wie sein Bruder reglos dastand, keine Anstalten machte, die Hand des anderen von seinem Mund zu ziehen, oder den Griff abzuschütteln.
Aberforth fletschte die Zähne.
Gellert!
Gellert, mit seinen honigsüßen Reden, in denen sich immer irgendwo ein giftiger Bienenstachel verbarg. Der einen gegen den eigenen Willen zum Lachen bringen konnte, mit seinem bissigen Humor – bis man an dem Lachen würgte, weil sich der Spott plötzlich gegen einen selbst wandte.
Aberforth verstand nicht einmal die Hälfte von dem, was Gellert von sich gab, begriff weder die Anspielungen noch die sprachlichen Kunststücke die die Augen seines Bruders jedes mal zum Leuchten brachten, oder ihn in haltloses Gelächter ausbrechen ließen.
Was er erkannte, war die Ebene unter den Worten – was er verstand war, dass Gellert es schaffte, seine Stimme wie ein Instrument, wie eine Waffe einzusetzen, wenn er es darauf anlegte.
Seine verfluchte Stimme, die erschreckend deutliche Impressionen in Aberforths Geist entstehen ließen: Von kratzig-samtiger Wolle, die nach Whisky und Tabak, nach Geborgenheit, roch. Oder aufregend süß-herb wie ein verirrter Sonnenstrahl auf pilzbedecktem Waldboden, in dessen Erde man einen geheimnisvollen Schatz erahnte.
Niemand war gegen sie immun.
Die erzkonservativen Bewohner von Godric's Hollow, die gewöhnlich jeden Fremden erst einmal mit Ablehnung und Misstrauen begegneten, waren schon bald auf der Straße stehen geblieben, um einige belanglose Worte mit Gellert zu wechseln, versicherten sich gegenseitig, was er doch für ein netter junger Mann sei.
Seine Tante Bathilda, die resolute, selbstbewusste Historikerin, der man so leicht nichts vormachen konnte, ließ Gellert alles durchgehen, wenn er sich nur artig entschuldigte.
Ariana – Ariana, mir ihrer Angst vor Fremden! – hatte Gellert ein schüchternes Lächeln geschenkt, kaum dass er wenigen Sätze zu ihr gesprochen hatte.
Und auf Albus' Gesicht lag manchmal, wenn er Gellert zuhörte ein Ausdruck, den Aberforth am liebsten mit einer heftigen Ohrfeige fort gewischt hätte.
Gellerts Wortschwall verstummte schließlich. Für einige Sekunden, war nur sein keuchender Atem zu hören, bis Albus nach dem Arm seines Freundes griff, um dessen Hand nun endlich von seinem Mund zu ziehen und hervor zu stoßen: „Das überzeugt mich nicht, Gellert! Du lässt außer acht, dass-"
Gellert griff nach seinem Zauberstab, so ansatzlos und schnell, dass Aberforth fast an eine Sinnestäuschung glaubte.
„Imperio!"
Aberforth keuchte erstickt, richtete sich so ruckartig halb auf, dass das Stroh unter seinen Knien nachgab.
Ein Unverzeihlicher!
Gellert hatte tatsächlich einen der unverzeihlichen Flüche an seinem Bruder angewandt!
Aberforth krallte die Finger ins Dachstroh des Firsts. Idiot, der er war, hatte er seien Zauberstab in der Tasche der anderen Robe gelassen, konnte nicht eingreifen! Er starrte ungläubig hinab. Das war kein Spiel – einen Unverzeihlichen benutzte man nicht im Scherz, oder wenn man noch so wütend war. Wer ihn außerhalb von offiziellen Demonstrationszwecken anwandt und dessen überführt wurde, musste mit einer harten Bestrafung rechnen.
Albus hatte Gellerts Bewegung, so plötzlich diese auch gekommen war, nicht zur Gänze überrascht - er hatte es tatsächlich geschafft, seinen eigenen Stab zu ziehen und auf Gellert zu richten, stand jedoch nun gebannt und reglos da.
„Den brauchst du nicht", bemerkte Gellert unvermutet sanft.
Er nahm Albus den Zauberstab aus dem locker gewordenen Griff, warf ihn achtlos hinter sich und zog Albus von der Hauswand wieder in die Mitte des Teppichs. Er blieb dicht vor Albus stehen, mit nicht einmal eine Handbreit Abstand zwischen ihnen, hob einen Arm und strich dem Gebannten eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Jetzt habe ich die ganze Zeit deine Lippen an meiner Hand gespürt, nun will ich auch einen richtigen Kuss." Seine Stimme war heiser, voller unausgesprochener, widersprüchlicher Emotionen, die das leichtfertige und spöttische seiner Aussage Lügen strafte. „Küss mich", verlangte er.
Albus legte den Kopf schräg, neigte sich vor und tat wie ihm befohlen. Gellert schlang seine Arme um ihn, schob seine freie Hand unter Albus' Haar in dessen Nacken und presste die Faust mit dem Stab gegen seinen Rücken, um ihn näher an sich zu ziehen.
Ihr Kuss schien eine Ewigkeit zu dauern, dann trat Gellert schweratmend einen Schritt zurück.
„Zieh dich aus", stieß er hervor.
Albus tat, wie ihm geheißen, öffnete die Knöpfe seiner Robe und streifte sie sich von den Schultern. Da er, wie wohl kaum jemand bei der Hitze, weder Schuhwerk noch Unterwäsche trug, war er sofort völlig nackt.
Gellert hatte sich seiner eigenen Robe entledigt, seinen Zauberstab fallen gelassen. Er zog Albus an sich, schlang seine Arme um ihn und flüsterte ihm leise etwas zu.
Dann ließ er sich auf den Teppich sinken, zog Albus mit sich, bis dieser neben ihm zu liegen kam, schlang seine Arme und ein Bein um ihn.
Aberforth zuckte zusammen, schmeckte Blut, so fest hatte er sich auf die Unterlippe gebissen.
Mit einer quälenden Mischung aus Unglauben, Wut, Scham, Erregung und Ekel beobachtete Aberforth, wie Gellert seinen Bruder streichelte, küsste, ihm Anweisungen zuflüsterte und seine Hüften an ihm rieb.
Aberforth kniff die Augen zusammen, presste seine Stirn so heftig gegen das Stroh unter sich, dass es knirschte. Mühsam schluckte er die bittere, heiße Galle, die in seine Speiseröhre gestiegen war, wieder hinunter. Er wollte, er konnte nicht mehr hinsehen, wagte es aber nicht, seine Platz zu verlassen, aus Angst, dass Gellert ihn hören würde.
Scheinbar eine Ewigkeit vernahm Aberforth nur das Zirpen der Grillen. Dann endlich Gellerts Stimme, der leise Zaubersprüche und Befehle murmelte, gefolgt von einem nachdrücklichem: „Obliviate!"
Flüchtige Stille, dann erkundigte Albus sich, wo Gellert die Weinflasche gelassen hatte, fuhr mit der idiotischen Diskussion fort, als sei nichts gewesen.
Aberforth kroch mit tauben Gliedern rückwärts vom Dach herab. Er sprang und unterdrückte einen Schrei, als er beim Aufkommen auf dem Boden umknickte und ein stechender Schmerz durch seinen linken Knöchel fuhr.
Mit zusammengebissenen Zähnen humpelte er ins Innere des Stall, und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Er keuchte vor Schmerz und Wut.
Das durfte nicht wahr sein! Das durfte einfach nicht wahr sein!
Aberforth warf sich mit einem Schrei gegen die sorgsam aufgestapelten Heuballen rechts von ihm. Sie stürzten mit einem dumpfen Poltern um, und er fiel auf sie. Die Ziegen fuhren erschreckt aus ihrem Schlaf und meckerten. Fauchend leuchteten mehrere rote Glutnester in den Ballen auf, erblühten von einer Sekunde auf die andere zu hellen, knisternden Feuern. Aberforth sprang jaulend auf, als die Flammen über seine Haut leckten, obwohl er den Schmerz nicht wirklich spürte.
Er hatte zu oft Ausbrüche unkontrollierter Magie erfahren, um wirklich ihn Panik zu geraten, humpelte eilig zur Tränke, schnappte sich auf dem Weg dahin die Eimer, tauchte sie ins Wasser und goss einen Schwall nach dem anderen über die Flammen. Die Tiere rannten aufgeregt meckernd durcheinander, beruhigten sich auch nicht, als das Feuer längst gelöscht war, da der Brandgeruch immer noch in der Luft hing.
Aberforth sank schließlich keuchend auf den Boden.
Seine Augen brannte, er wischte sich vehement den Rotz am Ärmel ab, zog die Nase hoch.
Trotz all ihrer Verschiedenheit hatte ein Teil von ihm Albus immer bewundert. Er hatte seinen großen Bruder verehrt, für sein Wissen, seine Stärke, dafür, dass er so viel klüger, besser – dass er perfekt war. Er hatte sich eingeredet, dass Albus sich damit die größere Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Mutter verdient hatte.
Eine Lüge! Nichts als eine beschissene Lüge!
Aberforth atmete tief ein – und bekam wegen des Rauchs sofort einen Hustenanfall.
Es war, als hätte ihn nun nach seinem Vater und seiner Mutter auch noch sein Bruder allein gelassen. Und so war es auch. Den Albus, den er kannte – nein, den er geglaubt hatte zu kennen – der war gestorben, der hatte nie gelebt, den gab es nicht!
Aberforth unterdrückte einen Laut, der erschreckend nach einem Schluchzen klang. Aber Blödsinn – als ob er jemals heulen würde!
Die Stimme Elphias Doge, hallte in seinem Kopf wieder, wie dieser Kretin bei seinem Besuch in den letzten Ferien mit vor Heldenverehrung glänzenden Augen die Anekdote über ihre DADA-Stunde wiedergegeben hatte: Keinem der Sechstklässer sei es gelungen, den Imperius-Fluch zu brechen – natürlich nicht. Selbst Albus war zum Vergnügen seiner Mitschüler bellend auf allen Vieren durch den Raum gelaufen. Doch als der Professor ihm dann befohlen hatte, eines der Mädchen ins Gesicht zu schlagen, hatte er den Fluch abgeschüttelt wie wie eine lästige Fliege.
Albus war zu stark, um sich selbst unter dem Imperius-Fluch zu etwas zwingen zu lassen, was seinem Wesen zutiefst zu wieder war.
Und das hieß, er wollte es – Albus hatte gewollt, was geschehen war!
Aberforth presste eine Faust gegen den Mund, ein Knurren, ein Brüllen, zurückzuhalten.
Und so jemand hatte ihm vorgeworfen abartig zu sein!
Er selbst, Aberforth Dumbledore, der schmuddelige, einfältige Wicht, würde immer der Widerling, der Abartige, der Perverse in den Augen der Menschen sein, und niemanden würde es kümmern, dass ihre Unterstellung nicht stimmte! Dass Albus aber, der großartige Albus, widernatürliche Lüste hegte, dass würden die Leute nicht einmal im Traum vermuten!
