Kapitel 4
Die Omegaruhe durch die Eggsy seit Monaten ruhig und gelassen ist, bricht nun so abrupt, dass Eggsy sich beinahe sicher ist das es ein hörbares Geräusch verursacht.
Die Omegaruhe ist nun so lange von drei Sätzen zusammengehalten worden. Der Zufluchtsort voller Ruhe und Kontrolle in dem er sich zusammengekauert hatte war von den drei Gesetzen die Eggsys Welt geworden waren gestützt worden und als Eckpfeiler verwendet worden.
Drei einfache und dennoch so allmächtige Sätze, die ihn weitermachen haben lassen.
Oxfords nicht Budapester. Beschütze Daisy. Harry ist tot.
Nur existieren diese Sätze nicht mehr länger. Eine der Wahrheiten die als Eggsys Halt zur Realität gewirkt hat gilt nicht mehr länger und die Omegaruhe kann ihn nicht mehr länger zurückhalten, kann nicht mehr länger gegen den Druck standhalten.
Die Omegaruhe zerbricht wie Glas und die Welt um ihn herum stürmt auf ihn in einer Explosion aus leuchtenden Farben, ohrenbetäubenden Geräuschen und allumfassenden Schmerzen ein.
Harry ist am Leben und die Gefühle die in Eggsys Brust aufwellen sind zu gleichen Teilen Freude und reiner, vernichtender Verrat.
Das Trauma lässt Eggsy schwarz vor Augen werden und für einen Sekundenbruchteil und gleichzeitig eine kleine Ewigkeit existiert für ihn nichts außer das warme Gewicht von Daisy in seinen Armen.
In diesem Moment ist er eine Kreatur der Extremen. Zwei Hälften eines Ganzen kämpfen um Dominanz in einem Körper, der zu schmal ist, in einem Herzen, das zu gebrochen ist um die Hälften zu beherbergen. Eine Hälfte von ihm möchte weinen, sich vor Harrys Füße werfen, sich um die die Knie' des Alphas schlingen und schluchzen.
Er möchte Harry anflehen ihn nicht wieder zu verlassen, Eggsy an seiner Seite zu behalten. Harry anflehen ihn als einen Omega der Wert hat anzusehen, zu erkennen, das Eggsy gut und klug und so so stark ist. Das er Befehle befolgen kann, das er all die Zeit treu zu ihm hielt, das Monate der Trennung seine Loyalität nicht abgeschwächt haben, nicht seine Lieb-
Die andere Hälfte von ihm möchte aufbrüllen. Möchte Harry an die Kehle gehen, Merlin und Roxy an die Kehle gehen. Möchte sie alle zerfetzen und vernichten und in kleine Stücke zerreißen so wie sie es mit ihm getan haben.
Denn sie haben ihn verraten, sie haben ihn von innen heraus zerrissen.
Er hatte sie hineingelassen, hatte jedem von ihnen ein Heim in ihm gegeben und so haben sie es ihm zurückgezahlt. Mit diesem alleszerstörenden Verrat.
Er hatte getrauert, verdammt noch mal. Er hatte getrauert und sie hatten ihn gelassen.
Eggsy ist sich nicht einmal sicher wer er überhaupt noch ist ohne diese Trauer, hat erlaubt das es ihn definiert und in etwas neues formt, und nun erfährt er das es eine Lüge ist.
Eine Hand liegt auf seiner Schulter, Roxys Hand erkennt ein Teil von ihm, und der Gedanke ist nicht länger eine Erleichterung sondern lässt Eggsy abrupt wieder in die Realität zurückschnappen.
Eggsys Körper verspannt sich unter der Berührung, wird steif und angespannt und ein Knurren, so tief und vibrierend, das es praktisch subvokal ist, bildet sich für eine Sekunde in seiner Kehle bevor er es unterdrücken kann. Der Blick den er ihr zuwirft muss so wild und ungezähmt sein wie er sich fühlt, denn Roxy erblasst noch mehr, löst ihre Hand von seiner Schulter und geht einen kleinen, aber merklichen Schritt von ihm weg.
„Gut", denkt Eggsy finster. Er möchte nicht dass sie ihn berührt. Möchte nicht, dass irgendjemand von ihnen ihn berührt. Er ist es so leid von Menschen berührt zu werden, die nichts anderes tun als ihm am Ende weh zu tun.
Alles was Eggsy in diesem Moment wirklich möchte ist zu rennen. Er möchte Daisy und JB nehmen und fliehen, so wie er es in der Nacht vor so langer Zeit getan hatte als er zwischen Daisy und diesen Alpha getreten war. Er möchte sich verstecken, möchte irgendwohin gehen wo es sicher und warm ist. Er möchte einen geschützten Ort, wo er seine Wunden sowohl körperlich wie auch seelisch heilen lassen kann.
In einem Moment der puren Verzweiflung und mit nichts weiter zu verlieren wünscht Eggsy sich seinen Schrank zurück. Möchte die abgenutzte alte Wohnung in der er aufgewachsen ist zurück, möchte das Kratzen seiner grobgewebten alten Decken und den Geruch von Nelkenzigaretten in der Luft zurück. Er möchte diesen alten Schmerz zurück, möchte diese vertraute Art der Verzweiflung, das beinahe tröstliche Gefühl der Hilflosigkeit zurück.
Nur für einen Moment lang möchte Eggsy nach Hause.
Das einzige Problem ist, das Eggsy in Realität kein Zuhause hat. Nicht wirklich, nicht mehr, wenn er es überhaupt jemals gehabt hat. Außerdem war Harry nun schon lange auf die eine oder andere Weise sein sicherer Ort gewesen.
Selbst als Harry tot gewesen war, war er noch immer für Eggsy sicher gewesen, war noch immer zu gleichen Teilen eine Quelle des Trostes und der Qualen gewesen. Seine Erinnerung an ihn, Eggsys...Hingabe ihm gegenüber, all das war ein sicherer Hafen in sturmgepeitschten Meeren gewesen. Harry war ein Anker gewesen an dem er die Omegaruhe festmachen hatte können, eine Quelle der Trauer um Eggsys verrückten Weg weiterzumachen anzutreiben, ein Licht in einem Leben, das schon lange zuvor im Dunkeln versunken war.
Und nun hatten sie ihm sogar das genommen.
Er kann kaum atmen so verletzt ist er. So sehr all die Dinge die in seiner Vergangenheit geschehen waren in niedergeknüppelt hatten und ihn immer weiter abgeschliffen hatten, so sehr all dies seine eigene besondere Art der Pein gewesen war, nicht schmerzt mehr als dies.
Denn die Wohnung war Schmerz und Hass und Blut gewesen, aber wenigstens kann Eggsy damit umgehen, wenigstens weiß Eggsy das er dies überleben kann. Das hier...da ist er sich nicht sicher.
Nichts schneidet tiefer, trifft härter, lässt ihn stärker bluten als dieser eine Moment der Erkenntnis, dieser eine Moment des Seins.
Nichts ist mächtiger als dieser besondere Geschmack des gebrochenen Herzens.
Denn...denn Harry ist am Leben und Eggsy war nicht gut genug gewesen um eingeweiht zu werden, war nicht wichtig genug gewesen um informiert zu werden.
In diesem wie in so vielen anderen Dingen in seinen Leben war Eggsy an letzter Stelle gekommen.
Eggsy denkt dass er schließlich das gefunden haben könnte was ihn bricht.
Nach ein paar Minuten verblasst die Dunkelheit vor seinen Augen und Eggsy erkennt plötzlich, dass er sich nicht verlieren kann, sich nicht seinen Schmerzen, seiner Schwäche ergeben kann.
Nicht jetzt, nicht hier, nicht vor diesen...Alphas.
Omegaruhe oder keine Omegaruhe, Eggsy weiß, dass er nicht zeigen darf das er verwundbar ist. Wenn Eggsy aus irgendeiner Gnade heraus bei Kingsman bleibt, müssen diese Menschen ihn zumindest zu einem gewissen Grad respektieren.
Zerschrammt, blutverschmiert und ein Kleinkind im Arm ist bereits ein Eindruck der schlecht genug ist. Er wird dem nichts hinzufügen indem er vor ihnen allen zusammenbricht und sich damit auch noch als schwacher Omega erweist.
Er muss die Kraft finden ruhig zu bleiben und nicht abwechselnd zu toben und zu weinen.
Im Moment sind Daisy und sein Stolz, so angegriffen wie er bereits ist, alles was er noch hat.
Oxfor- er beginnt den vertrauten Satz in Gedanken aufzusagen, aber Eggsy stoppt sich. Es ist kein sicherer Satz mehr, ist nicht länger etwas das er benutzen kann um tapfer zu sein. Es ist nur etwas Weiteres das Harry ihm gegeben hat und im Moment bringt ihm das wenig Trost.
Von allem anderen beraubt, wendet Eggsy sich an das eine, an die eine Wahrheit, die ihn immer fokussiert gehalten hat.
Beschütze Daisy.
Und Eggsy weiß das Kingsman noch immer der beste Weg ist um das zu bewerkstelligen.
Eggsy nimmt sich also Stück für Stück zusammen. Fügt die zerbrochenen Stücke die er von sich selbst finden kann mit zitternden Händen zusammen, selbst als die scharfen Kanten ihn noch tiefer schneiden. Er verlagert Daisys warmen Körper etwas, drückt sie fester an seine Brust in einer Bewegung von der er weiß, dass sie offensichtlich beschützend ist und puzzelt sich so gut er kann zusammen. Er ist so weit davon entfernt "ganz" zu sein, dass es lachhaft ist, wenig mehr als scharfe Splitter die durcheinandergewürfelt zusammengekehrt worden waren, als wäre Glas unter Schuhen zertreten worden.
Eggsy macht, was er immer in solchen Situationen macht, in Zeiten wo sein Schmerz direkt unter seiner Haut steckt er sich aber weigert irgendjemand sehen zu lassen wie er blutet.
Er packt mit beiden Händen den langsam rumorenden eisigen Zorn in seinem Bauch, der von Jahren des Missbrauchs gestärkt ist und zieht. Der daraus resultierende Wirbel des Zorns, der in seinem Herzen anschwillt schärft seine Sinne und gibt ihm die Kraft zu tun was als nächstes kommt. Denn Eggsy mag unbesonnen und heiter und kühn erscheinen aber die Wahrheit ist, dass er ohne die Omegaruhe immer eiskalt war. Er lässt also seine Schultern sinken, nimmt eine lässige Haltung an, aber nur leicht, auf diese ungezwungene Art von der er weiß das es arrogant erscheint und grinst.
Seine aufgeplatzte Lippe zieht, er schmeckt Blut und er weiß das er zuviel Zähne zeigt an der Art wie Merlins Augen und Harrys eine gute Auge sich plötzlich zusammenziehen, aber Eggsy ist es egal, kann es nur egal sein.
„Entschuldigen Sie meine Verspätung, Sir." Eggsy neigt leicht seinen Kopf in Harrys Richtung, seine Artikulation so scharf und schneidend wie er es nur kann. Seine Aussprache baut auf Harrys eigenem Sprachmuster auf und das erste Mal in Monaten fühlt es sich falsch in seinem Mund an. „Ich hatte ein kleines Problem auf dem Rückweg. Ich hoffe ich habe niemanden Unannehmlichkeiten verursacht."
„Überhaupt nicht, Junge." Merlin ist derjenige der antwortet, nach einem kurzen Moment der Stille, und es ist etwas nervöses beinahe etwas besorgtes in seiner Stimme. Eggsy muss gegen den Drang ankämpfen seine Zähne noch mehr fletschend zu entblößen, zu knurren und zu fauchen und nach dem Mann zu schnappen. Der Rest des Raumes, trainiert in Feinheiten wie sie alle sind, bekommen bereits eine ausreichende Show und er weigert sich mehr als nötig hinzuzufügen.
„Wenn du dich setzt, können wir beginnen." Merlin deutet auf den leeren Stuhl zu Harrys linken. Roxy tritt daraufhin vor und nimmt neben dem eleganten Mann Platz von dem Eggsy sich erinnert das er Percival ist, aber Eggsy weigert sich seinen Platz zu verlassen.
„Ich bleibe stehen, wenn das in Ordnung ist Merlin." Eggsy ist sich sicher, dass sein Grinsen mehr Zähne zeigt als streng genommen höflich zu nennen ist, aber in diesem Moment ist ihm das absolut scheißegal. „Die Kleine hier wird höchstwahrscheinlich unruhig werden wenn ich mich setze und da ich bereits spät gekommen bin, würde ich die Dinge nicht gerne weiter aufhalten."
Wenn sie ihn in diesem Moment in der Nähe von Harry haben möchten, werden sie ihn an seinen Haaren zu ihm ziehen müssen.
Und, Omega oder nicht, kampfesmüde und trostlos oder nicht, er möchte sehen wie einer von ihnen es verdammt noch mal probiert.
Einen langen Moment lang ist es still und Eggsy empfindet die Anspannung im Raum als würden Fingernägel seine Wirbelsäule entlang hinunterfahren. Er reagiert jedoch nicht, behält sogar sein Grinsen bei, die Schultern sind locker und sein Griff an Daisy fest. Von seinem Platz an der Tür beobachtet er wie Merlin und Harry einen kurzen aber bedeutungsvollen Blick austauschen.
Harry nickt und Merlin wendet sich wieder seinem Klemmbrett zu und beginnt zu reden.
Er bespricht die Details von einigen wenigen der wichtigeren Missionen die sie seit V-Day erfolgreich beendet haben und Eggsy ist fast zufrieden zu bemerken, dass mehr als nur ein kleiner Anteil davon Missionen sind die er durchgeführt hat. Merlin berichtet über alles: von der derzeitigen Finanzkrise die den Euro getroffen hat bis hin zu den erneut aufgeflammten Konflikten im Mittleren Osten und den Unruhen, die noch in den USA vor sich gehen. Er gibt auch Informationen über die abschließenden Ergebnisse der entstandenen Schäden überall auf der Welt: von Japan bis London selbst. Die Zahlen sind erschütternd, es ist noch immer schwer zu glauben das Eggsy einiges davon mit eigenen Augen gesehen hat.
Es ist, erkennt Eggsy, im Grunde ein Informationsmeeting, das Bestreben sicherzustellen dass alle Ritter gleichzeitig auf den gleichen Stand gebracht werden. Er passt aufmerksam auf, er ist sich bewusst, das er seit Monaten auf der Welt unterwegs gewesen war aber nicht wirklich in einer Position gewesen war Informationen zu erhalten, abgesehen von denen die notwendig für sein Überleben oder die Mission selbst gewesen waren.
Er weigert sich standhaft zu Harry zu sehen.
Schließlich kommt Merlin zum Schluss und sein Gesichtsausdruck wandelt sich von ernst und geschäftsmäßig zu etwas weniger formell aber noch immer entschlossen. „Nun zu unserem letzten Punkt. Wie ihr alle wisst findet eine Vollversammlung der Tafelrunde nur sehr selten statt, vor allem beispielsweise bei dem Tod eines Ritters." Eggsy fühlt Harrys Blick wie ein Brandmal auf seinem Gesicht, aber er sagt nichts und behält seine Aufmerksamkeit auf Merlin gerichtet. Es ist die sichere Option, selbst wenn der Hinweis auf sein Schuldempfinden noch immer an Merlin Augen zu erkennen ist als Eggsy hochsieht und ihn dazu bringt seine Zähne blecken zu wollen. „Es gibt außerdem sehr wenige Umstände die alle Ritter persönlich zur Tafelrunde rufen aber, meine Herren, wir haben nun solch einen Anlass. Wir sind heute hier um der Einführung unseres neuen Arthurs beizuwohnen und wie ihr wisst benötigt dies die Anwesenheit aller lebenden Ritter um es offiziell zu machen."
Merlin geht nun einen Schritt vor und legt sein Klemmbrett auf den Tisch so dass er einen Kristalltumbler, der mit einer dunklen bernsteinernen Flüssigkeit gefüllt ist, in die Hand nehmen kann. Er passt zu den Tumblern die auf den Tisch verteilt sind, einen für jede besetzten Position an der Tafel.
„Bedivere und Pellinore sind beide tot und dem Gebrauch nach würden wir im Namen der gefallenen Rittern einen Toast trinken." Harrys Stimme, geschmeidig und sündhaft ist nun zu hören. Er hat seinen eigenen Tumbler Brandy in der Hand. Trotz allem muss Eggsy alles aufbringen bei dem Klang von Harrys Stimme außerhalb seiner Träume seine Augen nicht schließen zu müssen. „Doch in diesem Fall, angesichts der Tatsache dass beide als Verräter starben, bin ich der Auffassung das ein Nichteinhalten dieser besonderen Tradition verzeihlich ist."
„Stattdessen", sagt nun Merlin, mit der Anwesenheit von Harry auf eine Weise entspannt wie Eggsy ihn nie mit dem ehemaligen Arthur gesehen hat. „werden wir auf die Krönung eines neuen Königs trinken und auf eine hoffentlich lange und erfolgreiche Herrschaft."
„Auf Harry Hart, unserem neuen Arthur", ruft Merlin halblaut als er sein Glas in die Luft hebt und sein Ausruf wird von den anderen Rittern wiederholt als sie alle trinken. „Lang möge er herrschen."
Das Glas auf dem Tisch vor dem Stuhl zu Harrys linken, welches so offensichtlich für Eggsy gedacht ist, bleibt unberührt.
„Nun dann", Merlin ist wieder ganz geschäftsmäßig sobald sie alle getrunken haben, das Klemmbrett wieder in der Hand und die Schultern durchgestreckt. „Wir haben drei offene Plätze an der Tafelrunde nun da die Galahad-Position, zusammen mit denen von Pellinore und Bedivere, wieder verfügbar ist. Die Auswahlverfahren für alle drei Plätze laufen bereits was uns eine recht große Auswahl an Rekruten gibt über die man auf den Ländereien stolpern kann. Ich bitte euch, dass ihr keinen von ihnen zu sehr verstört während ihr alle hier seid. Der Auswahlprozess wird, hoffentlich, innerhalb der nächsten sechs Wochen abgeschlossen sein und wenn dann alle drei Positionen gefüllt sind werden wir endlich wieder voll besetzt und voll einsatzfähig sein." Merlin lässt sein Blick wieder über den Tisch schweifen bevor er nickt und sich wieder an Harry wendet. „Und das beschließt die absolut aufregenden Informationen die ich euch allen mitzuteilen hatte."
„Ihr könnt gehen", sagt Harry mit dazugehöriger Geste an die Ritter gewandt. „Ihr werdet von euren jeweiligen Agentenführern später am Tag zusätzliche Informationen erhalten."
Die anderen Ritter stehen alle geräuschlos von ihren Stühlen auf und der Großteil von ihnen geht zum Kopfende des Tisches wo Harry und Merlin beide stehen. Harry hat seinen Blick auf Eggsy gerichtet und Eggsy fühlt wie ihm die Luft wegbleibt. Es ist nur einen Sekundenbruchteil aber er seine Reaktion nicht unterdrücken als er Merlins Worte endlich in sich aufnimmt.
Drei Positionen standen zur Verfügung, Galahad, Pellinore und Bedivere, jeder dieser Ritter war aufgrund des V-Day auf die ein- oder andere Weise verloren worden.
Drei Positionen standen zur Verfügung und die drei Auswahlverfahren fanden bereits statt und dennoch hatte Merlin Eggsy nicht erwähnt. Sein Name wurde nicht erwähnt, es wurde nicht erwähnt ob er ein wahrer Ritter oder so etwas in der Art werden würde.
Eggsy fühlt ein leicht hysterisches Lachen in sich aufsteigen, aber es hält es zurück.
Nach allem was er getan hat und nach allem was ihm angetan wurde, wird er nicht einmal eine Position erhalten, wird nicht einmal ein Ritter werden.
Es hatte eine Zeit gegeben da war Eggsy ein Codename egal gewesen, aber das war gewesen bevor seine ganze Welt eine Lüge geworden war.
Nun ist es nur eine weitere Ablehnung. Eine weitere Aberkennung. Ein weiteres Versagen.
Und es ist zu viel.
Eggsy schaut zu Harry und ist überrascht als Harrys Blick ihn sofort findet und seinen Blick erwidert. Da ist etwas in Harrys Gesichtsausdruck, etwas unter der ruhigen Maske das Eggsy nicht richtig zuordnen kann, nicht richtig benennen kann. Dahinter ist jedoch eine stählerne Art der Entschlossenheit und Eggsy weiß, dass Harry vorhat ihn zu konfrontieren, vorhat zu ihm zu gehen sobald er kann.
Das ist etwas das Eggsy einfach nicht erlauben kann das es geschieht.
Noch nicht. Vielleicht niemals.
Er macht also auf dem Absatz kehrt und tut die eine Sache die er sich sehr lange Zeit untersagt hat.
Er flieht.
„Eggsy, warte bitte." Es ist irgendwie nicht überraschend das Roxy ihm zuerst nachgeht und ihn erreicht. Er kann den traurigen Unterton in ihrer Stimme hören, ignoriert ihn aber und geht einfach weiter - mit Daisy in seinen Armen und JB direkt hinter ihm. Erst als sie ihn am Ellbogen packt reagiert er.
„Berühr mich nicht", knurrt er als er sich aus ihrem Griff windet und zu ihr herumwirbelt, einen Arm um Daisys Rücken gelegt und seine Hand vorsichtig und beschützend an ihren Kopf gelegt. „Ich lieb' dich Rox, du weißt das ich das tue, aber ich werde dir an die verdammte Kehle springen wenn du mich noch einmal berührst."
Sie sieht betroffen aus, ihr wunderschönes Gesicht blass, die Augen groß und leicht glänzend. Eggsy hasst es, hasst was geschieht, hasst was der Schmerz und die Wut und der Verrat in seiner Brust ihn in diesem Moment haben machen lassen, aber er kann nichts dagegen tun. Er kann es nicht. Und was schlimmer ist, ist das ein dunkler Teil in ihm es nicht einmal will.
Er war so lange Zeit wie getäubt gewesen, war vor Trauer monatelang unter der Omegaruhe gewesen und es war alles für nichts.
„Eggsy", wimmert Roxy praktisch und ein distanzierter Teil von ihm kann nicht anders als zu denken, das er noch nie einen Alpha so traurig gesehen hat, so offensichtlich unglücklich über etwas das mit ihm zu tun hat. „Es tut mir so unglaublich leid. Eggsy, du musst mir gla-."
„Wie lang?", schneidet Eggsy ihr das Wort ab, nicht fähig mit ihren Entschuldigungen umzugehen. „Wie lange hast du es gewusst, Rox? Und lüg' mich nicht an. Nicht noch einmal."
Stunden fleht ein Teil von ihm. Lass sie es nur Stunden gewusst haben, vielleicht Tage, lass ihn diese eine Sache haben, diese eine Gnade in dieser verdammten verfickten Situation. Lass Roxy es nicht lange gewusst haben, lass Roxy ihn nicht verraten haben.
„Wochen. Maximal einen Monat." Roxys Stimme ist kaum lauter als ein Flüstern und Eggsy schließt seine Augen einen Moment lang als eine neue Welle des Schmerz und des Verrats über ihn hinwegrollt. Natürlich. Natürlich hatte sie es seit Wochen gewusst. Nat-verfickt noch mal -türlich.
„Wieso hast du es mir nicht gesagt Roxy?", stellt Eggsy die Frage, selbst wenn er in diesem Moment nicht wirklich ihre Entschuldigungen oder Gründe hören möchte. Er ist sich nicht sicher ob er das jemals will.
„Merlin hat befohlen es nicht zu tun, hat allen befohlen es nicht zu tun." Roxy Gesicht war ein Abbild von Schuld. „Er hat sich Sorgen um dich gemacht, Eggsy. Wir beiden haben das. Ich habe darüber nachgedacht es dir trotzdem zu sagen, aber du warst im Einsatz und du wolltest nicht nach Hause kommen. Du hast stattdessen Mission nach Mission übernommen und du ...hast einfach nicht aufhören wollen."
Eggsy stößt ein bellendes Lachen aus und der barsche Klang lässt Roxy leicht zusammenzucken. „Du hättest es mir dennoch sagen sollen. Du hättest..." Eggsy reibt sich mit der Hand in der er JBs Leine festhält unsanft über das Gesicht. „Fuck Roxy, ich hatte das Recht es zu wissen. Ich hätte..."
Eggsy bricht den Satz ab, lässt ihn ins Nichts laufen ohne den Gedanken zu Ende zu bringen. Was er nicht sagt ist, dass er für Harry zurückgekommen wäre, das er alles für Harry getan hätte, wenn er es nur gewusst hätte.
Wenn er es wert gewesen wäre das man es ihm gesagt hätte.
„I-Ich konnte es dir nicht sagen während du da draußen warst." Roxy hebt ihre Hand als möchte sie ihn wieder berühren, aber Eggsy wirft ihr einen Blick zu der sie schnell dazu bringt ihre Hand wieder fallen zu lassen. „Ich konnte dir so etwas nicht sagen und dich dann alleine damit zurechtkommen lassen. Ich ...konnte es einfach nicht."
„ich dachte ich könnte dir vertrauen." Eggsy hasst das die Worte sich klein und verletzt anhören trotz der Wut die in seinen Knochen festsitzt. „Dir und Merlin."
„Du kannst mir vertrauen, Eggsy." Roxy tritt einen halben Schritt näher zu ihm, einen beschwörenden Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Ich schwöre, dass du mir und Merlin vertrauen kannst. Wir haben nur...wir haben nur versucht das zu tun von dem wir dachten das es richtig ist. Für dich."
Eggsy schnaubt, ein bitteres kurzes Geräusch, denn kein Alpha in seinem Leben hat je getan was richtig für ihn war, nicht wirklich, nicht wahrhaftig. Er hatte gedacht das Harry...aber nein. Am Ende war nicht einmal das was Harry getan hatte für Eggsy gewesen. Es war stattdessen alles für Lees Geist gewesen. Lees Geist und Harrys Ehre. Nichts davon war je für ihn gewesen, nichts davon.
Eggsy ist nicht gut genug für diese Art von Fürsorge, ist nicht der Typ Omega den Alphas behalten oder lieben.
Eggsy möchte seinen Kopf gegen die nächste Wand schlagen, denn das war eine Lektion gewesen die er gelernt hatte als er klein war und er hätte niemals glauben sollen das sich die Dinge ändern würden.
Kingsman hat ihn in dieser Hinsicht weich gemacht, hatte ihm Vertrauen gelehrt wie und wo er dies noch nie getan hatte.
Sein Fehler.
„Bitte Eggsy." Roxy bricht schließlich wieder die Stille zwischen ihnen beiden. „Lass mich das richten. Sag mir wie ich das richten kann."
„Ich weiß nicht ob du das kannst", sagt Eggsy ihr ehrlich und er ist sich nicht sicher wem die Worte mehr weh tun, ihm oder ihr.
Roxy hält ein Geräusch zurück das sich beinahe wie ein Schluchzen anhört. Ein verräterischer, instinktiver Teil von Eggsy möchte sie trösten. Dieser fürsorgliche Teil von ihm, dieser Omegateil von ihm sieht Roxy als einen Alpha und eine Freundin an und möchte versuchen ihr die Zuwendung zu geben, die er nur einer Handvoll anderer ungeschickt gegeben hatte. Aber Eggsys Schmerz, ihr Verrat ist stärker als dieser Instinkt so dass er sich zurückhält und sich an die eine Sache hält die noch immer Bedeutung hat.
Beschütze Daisy.
Er dreht sich stattdessen auf dem Absatz um und marschiert zum Shuttle.
Dieses Mal folgt ihm niemand.
Er behält die Fassung so gut er kann bis er im Shuttle ist. Daisy ist warm und ein willkommenes Gewicht auf seinem Schoß. Sie ist bisher relativ ruhig gewesen, aber sie hat ihr Gesicht in seiner Halsbeuge vergraben auf eine Weise die ihm sagt, dass sie Trost in seinem Geruch sucht. Es ist etwas das Kinder normalerweise nur bei ihren Eltern tun, aber Daisy war immer mehr auf ihn und seinen Geruch fixiert gewesen als sie je auf Michelle fokussiert gewesen war. Sie waren, merkwürdigerweise, immer mehr Vater und Tochter als Bruder und Schwester gewesen und es sind Momente wie diese die diese Tatsache verstärkt. Daisy gehört zu ihm.
Sein eigenes Gesicht ist in Daisys Haar vergraben, sein Rucksack liegt auf dem Sitz neben ihm und JB sitzt zu seine Füßen als das Shuttle zum Halt kommt - viel zu früh als das sie das Schneidergeschäft bereits erreicht haben könnten.
Eggsy weiß sofort wer verantwortlich ist und er muss tief und gleichmäßig Atem holen um sich ruhig zu halten und nichts zu sagen. In diesem Moment vermisst er die Omegaruhe, vermisst die Art wie sie ihn ruhig und beständig gehalten hatte, aber er entdeckt, dass er nicht wieder nach ihr greifen kann, nicht so bald.
„Merlin", sagt Eggsy schließlich als die Stille im Shuttle für seine spärliche Geduld zu lange anhält. Seine Brille ist abgeschalten und in seiner Jackeninnentasche, aber der Shuttle hat Gegensprechanlagen und eine Kamera, er weiß also das Merlin ihn hören kann.
Er ist kurz davor ernsthaft darüber nachzudenken sein Feuerzeug dazu zu verwenden eine kleine lokale Explosion zu verursachen so dass er die Shuttletüren aufsprengen und zur Savile Row laufen kann als Merlin ihm schließlich antwortet.
„Eggsy." Merlin hört sich noch immer zögerlich an, die Stimme überdeutlich ruhig und bedacht auf die Weise wie sie wird wenn er unter Druck gerät. Eggsy hat die letzten Monaten mit Merlins Stimme in seinem Ohr verbracht und er ist immer vertrauter mit den Bedeutungen seiner verschiedenen Tonfälle geworden. „Du solltest zum Anwesen zurückkehren. Es gibt Dinge die...besprochen werden müssen."
„Ich glaube nicht das viel getan werden muss." Eggsy hält seine Stimme leise und ruhig, er ist sich der Anwesenheit von Daisy und JB immer bewusst. Er war mit Schreien und Knurren und Gebrüll als immerwährendes Schlaflied aufgewachsen und er soll verdammt sein wenn er das einem seiner Kleinen antun würde. „Ein paar Monate zu spät dafür, Alter."
„Junge, ich weiß das du stinksauer auf uns bist, aber es gibt noch immer Dinge die du hören musst, Dinge die du wissen musst." Merlins Stimme ist von Frustration gefärbt. Eggsy kann sich vorstellen wie er im Moment aussieht, der weiche Pullover zerknittert, den Mund zusammengekniffen und die Augenbrauen zusammengezogen. „Dinge über deine Zukunft bei Kingsman."
„Bin kein ordentlicher Ritter, oder? Ich hab' gehört was du sagtest, drei Positionen, drei Auswahlverfahren. Das bedeutet es gibt keinen Platz für solche wie mich." Eggsy stößt ein freudloses Lachen aus und blinzelt schnell um die Nässe die sich in seinem Augenwinkel sammelt zurückzuhalten. „Ich bin niemand der bleibt wo er nicht gewollt ist Merlin. Das weißt du."
Auch wenn das nicht ganz richtig ist. Denn Eggsy war nie wirklich irgendwo gewollt gewesen und er musste viel zu oft am Rand aller Geschehnisse verweilen.
„Verdammt noch mal", flucht Merlin laut und barsch genug um JB aufzuschrecken und Daisy an Eggsys Hals wimmern zu lassen. Eggsy ist daher sofort wachsam. „Ich habe es dir verfickt noch mal gesagt, Harry. Ich habe dir gesagt, dass du mit dem Jungen reden musst, aber du bist ein ungeduldiges Arschloch so wie immer."
Die Vorstellung das Harry dort sein könnte, auf der anderen Seite der Sprechanlage und dem Ganzen zuhört ist genug um seine Tränen die begonnen hatten sich gegen Eggsys Willen in seinen Augenwinkel zu bilden, sofort zu trocknen. Es lässt ihn sich fragen wie oft Harry während Merlins Videoanrufe außer Sichtweite dagestanden gewesen war, wie vielen Missionen er stumm gelauscht hatte. Wie oft er von der Stille, durch Merlins Aufmerksamkeit die leicht vom Monitor abwich, durch abgebrochene Sätzen und Themen die gewechselt wurden angelogen wurde.
„Entweder du lässt mich gehen oder ich werde die gottverdammte Tür aufsprengen." Eggsy besteht wieder aus Eis, besteht aus brüchig zusammengehaltenen Zorn und Winterfrost.
„Das würdest du nicht." Merlin scheint nicht besonders sicher zu sein, daran gewöhnt wie Eggsy gewillt ist zeitweilig einen Hauch waghalsig zu sein um die Scheiße erledigt zu bekommen.
Als Antwort bewegt sich Eggsy auf seinem Platz so, dass er mit seiner freien Hand in seine Tasche langen und ein Feuerzeug herausziehen kann. „Schau mir verdammt noch mal dabei zu."
Er könnte es auch, das weiß er. Könnte Daisy und JB hinter eine Sitzreihe packen, den Timer stellen und sich dann über sie beide beugen.
Das Kevlargewebe seines Anzugs würde ihn vor Hitze oder Schrapnell wie auch vor der Kraft der Explosion schützen und Eggsy könnte das Geräusch gut genug mit seinen Händen dämpfen.
Merlin kann ihn, wenn man ehrlich ist, nicht allzu lange gegen seinen Willen in dem Shuttle festhalten. Eggsy ist nun zu gut im Entkommen, ein Leben in dem er auf die eine oder andere Weise gefangen war, gepaart mit seinem Training macht es besonders schwer ihn festzuhalten.
„Eggsy...schön." Merlin seufzt und der Shuttle ist sofort wieder in Bewegung. Eggsy steckt das Feuerzeug wieder in seine Tasche, entspannt sich aber nicht.
Er weiß, dass er dies nun nicht tun kann bis er das Shuttle verlassen hat.
„Ich gebe dir ein paar Tage", sagt Merlin ihm sanft, seine schottische Aussprache ist nicht zu verkennen und es hört sich warm und sanft an. „Ordne dich und kümmere dich um deine Blume. Aber dann musst du zurückkommen, Eggsy. Du bist ein Kingsman Junge, zweifle nicht daran, zweifle nicht an mir. Ich würde dir das nicht antun. Du weißt das."
„Weiß ich das?", kann Eggsy nicht anders als zu fragen.
Ein Teil von ihm ist überrascht, dass Harry sich nicht in die Unterhaltung eingemischt hat, aber ein anderer Teil von ihm ist das nicht. Harry wird warten wenn er muss, wird warten um Eggsy in genau der richtigen Position zu haben bevor er etwas tut oder sagt nun da Eggsy aus dem Anwesen entkommen ist. „Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen."
Er bekommt keine Antwort, aber dann wiederum hatte Eggsy nicht wirklich eine erwartet. Der Rest der Fahrt vergeht schweigend.
Er hat das Geschäft verlassen bevor Dagonet mehr tun kann als einen Schritt auf ihn zuzugehen. Mit Daisy fest an sich gepresst, hebt Eggsy JB fest mit seiner freien Hand und läuft in einer Geschwindigkeit die beinahe als Rennen beschrieben werden muss.
Er geht ein oder zwei Blocks weit bevor er einem vorbeifahrendem Taxi bedeutet stehen zu bleiben, einem, von dem er innerhalb eines Blicks sehen kann das es ein echtes Taxi ist und nicht von Kingsman ist. Er muss etwas Abstand zwischen sich und allem was Kingsman ist bringen, zwischen sich und allem was Harry ist.
Die Fahrt ist lauter als die ihm Shuttle. Daisy hat sich schließlich weit genug von ihm gelöst um sich zu bewegen und Geräusche zu machen. Eggsy behält ein Auge auf ihrer Route und dem Taxifahrer während er mit ihr spielt, sie mit ihren winzigen süßen Hände an seine Krawatte und seine Wangen packen lässt; sie hält sich an seinen Ohren fest und grinst ihn glücklich an.
„Das ist meine Blume", säuselt Eggsy als er seine Wange an ihrer reibt. „Meine hübsche Blume, schöner als jede Prinzessin bist du Daisy-May."
„Eggy!" Ihre Stimme ist süß und sanft wie ihr Geruch, ganz Gekicher und Sonnenschein. Es ist Balsam für sein Herz.
Der Taxifahrer lässt sie vor einem Hotel raus in das sich Eggsy zuvor nie gewagt hätte einen Schritt zu tun. Es ist zu teuer, zu luxuriös für seinen Geschmack und er wäre in der Vergangenheit nie in der Lage gewesen es sich zu leisten, aber nun hat er ein Bündel Bargeld und eine schwarze American Express in seinem Geldbeutel die sagen das er es kann.
Er überbezahlt den Taxifahrer, schwingt sich die Tasche auf den Rücken, Daisy auf seine Hüfte und nimmt JBs Leine.
Die Frau am Empfang hebt eine perfektgeschwungene Augenbraue, schürzt ihre Lippen bei seinem Anblick mit dem Baby und einem Hund im Schlepptau und Eggsy weiß dass sie ein "Kein Zimmer frei" auf den Lippen hat, bevor sie ihm einen zweiten Blick schenkt.
Oder besser gesagt schaut sie hinter die blauen Flecken und die Schnitte auf seinem Gesicht und konzentriert sich auf den offensichtlich teuren Schnitt seines Anzugs, auf das silberne Aufblitzen seiner gestohlenen Manschettenknöpfe und die luxuriöse Seide seiner Krawatte. Es schreit alles förmlich Geld und Einfluss und die Tatsache, dass Eggsy sicherstellt sich auf eine Weise zu präsentieren die förmlich Selbstbewusstsein und Alpha schreit vervollständigt das Bild.
„Wie darf ich Ihnen helfen?" Sie ist ganz gutgelaunte Dienstbarkeit als er schließlich an die Rezeption tritt. Eggsy kann die Empfangsdame riechen, ein süßes blumiges Parfüm über einem warmen Duft wie warmes Brot. Beta.
Eggsy bekommt ein Zimmer, zahlt für eine Woche im Voraus und arrangiert das alles was er für Daisy und JB brauchen wird zu ihm hochgebracht wird. Es ist teuer, auf eine Weise die ihn sich unwohl fühlen lässt aber er tröstet sich mit dem Fakt, dass es nicht sein Geld ist. Es ist Geld von Kingsman, Teile der Mittel die Agenten auf Missionen gegeben werden und die Eggsy seit Monaten nicht einmal annähernd ausreichend verwendet.
Er macht sich keine Gedanken darüber das die Benutzung der Karte nachverfolgt werden könnte. Er gibt sich keinerlei Illusionen hin das Merlin und Harry nicht bereits wissen wo er ist. Die Kameras der Videoüberwachung stehen Merlin schließlich zur Verfügung, es gibt also keinen Sinn zu versuchen sich zu verstecken.
Alles an das Eggsy zu diesem Zeitpunkt interessiert ist, ist Abstand und Erholung.
Und da er kein echtes Zuhause hat muss das hier genügen.
Das Zimmer ist schöner als alles andere in dem er bisher übernachtet hatte, abgesehen vom Anwesen und Harrys Haus.
Er nimmt sich Zeit um durch das Zimmer zu gehen und es abzusichern. Es ist groß und hat ein Bett, keine Verbindungstüren und hat auch ein Fenster das den Blick auf ein Dach eines Nachbargebäude bietet. Perfekt für eine Flucht und dennoch so gelegen, dass es verdammt schwer für einen Scharfschützen oder für ähnliche Gestalten wäre ihn zu überraschen. Es ist inzwischen beinahe instinktiv solche Dinge zu überprüfen und mit Daisy die bei ihm ist, ist Eggsy sogar noch aufmerksamer als er es normalerweise ist.
Insgesamt fühlt sich das Zimmer beinahe zu gut für Eggsy an, beinahe zu luxuriös um es zu entschuldigen.
Das Klopfen an der Tür ein paar Minuten später reißt ihn aus seiner Benommenheit.
Er nimmt dem Hotelpagen die Taschen ab und gibt ihm genug Trinkgeld das die Augen des Jungen groß werden und verschließt die Tür dann hinter ihm.
Er gibt JB eilig Essen und zu trinken und kümmert sich dann auch um Daisys Bedürfnisse.
Er zieht sich bis auf Unterhose aus, hängt seinen Anzug im Badezimmer auf und versucht danach Freude darin zu finden Daisy ein Bad zu geben, während JB glücklich auf den kalten Fliesen hechelt.
Die Mahlzeit die er für sich selbst hochschicken hatte lassen ist längst kalt und vergessen, als er aus dem Bad kommt und sie trockengerieben hat. Sie lässt sich problemlos und artig in den Pyjama stecken, der in den Taschen die der Page ihm gegeben hatte mit drin gewesen war. Sie gähnt, offensichtlich müde und Eggsy entdeckt das er ihrer Meinung ist.
Schlaf hört sich...wenn nicht gut, dann im Moment notwendig an.
Das Bett ist zu groß und zu weich als er es mit einer Hand testet. Einen Moment lang kann er es nur verwirrt anstarren. Er hat noch nie in so etwas Feinem geschlafen, nicht seitdem er seine vierundzwanzig Stunden mit Harry verbracht hatte.
Der Gedanke lässt ihm zusammenzucken denn Harry hat ihn auch hierher verfolgt, Gedanken an ihn stören sogar im Hier und Jetzt.
Wütend packt Eggsy die dicke Daunendecke mit seiner Hand und reißt sie vom Bett hinunter. Er wird nicht in solch einem großen, noblen Bett, an solch einem Ort der zu luxuriös und zu viel für so einen wie ihn ist, schlafen können.
Der Schrank dagegen sieht vertraut und überraschend geräumig aus.
Es geht schnell und ist eine ihm gewohnte Handlung ein Nest auf dem Schrankboden zu bauen. Die Decke und die Kissen sind dicker als alles was er je in der Wohnung gehabt hatte. Die Tätigkeit ist durch ihre Vertrautheit auf eine merkwürdige Weise beruhigend und als Eggsy sich hinlegt fühlt er sich..nicht besser, aber vielleicht auch nicht schlechter.
Endlich, beinahe behaglich, verschlossen in der Stille und Dunkelheit des Hotelzimmerschranks, Daisy in seinen Armen und JB an seiner Seite, prasseln die Geschehnisse des Tages schließlich in ihrer ganzen Bandbreite auf ihn ein.
Harry ist am Leben. Gott, Harry ist am Leben und Eggsy liebt ihn noch immer. Unter dem Schmerz unter dem Verrat und den Qualen, liebt Eggsy ihn so verdammt sehr das es weh tut.
Eggsy liebt Harry noch immer und er ist noch immer nicht die Art von Omega die Alphas behalten.
Er ist noch immer nicht gut genug für diese Art von Liebe.
Oder, anscheinend, auch nur gut genug für einen Teil Vertrauens, denn Harry ist am Leben und sie haben ihn alle monatelang angelogen.
Und, mit niemanden der da ist vor dem er es verstecken muss, mit keinem Grund sich zu zwingen stark zu sein, rollt Egggsy sich fest um seine Blume.
Und weint.
