Mittlerweile war es stockfinster draußen und ein leichter Wind hatte dafür gesorgt, dass es merklich kühler geworden war. Am liebsten hätte Castle seine Jacke geholt, aber er hatte keine Lust, Beckett zu begegnen. Also marschierte er, etwas schneller, um die Kälte zu vertreiben, einen der beleuchteten Pfade entlang. Dieser führte weit weg vom Wohnhaus, direkt an einem Waldstück entlang. Auch hier waren kleine Pavillons mit Sitzgelegenheiten in regelmäßigen Abständen zu finden, die meisten leer, aber hin und wieder konnte man auch Paare darin sitzen sehen.
Diese ganze Aktion war völlig hirnrissig! Trotzdem hatte er mitgemacht und sich bemüht, seinen Teil zur Lösung des Falls beizutragen – und wurde zur Belohnung von Beckett angezickt!
Wütend trat er mit dem Fuß gegen einen der Findlinge, die dekorativ in der Nähe eines Blumenbeets lagen. Zumindest lenkte ihn der Schmerz im großen Zeh sofort von seinem Ärger ab; über den Kratzer im Leder seines Schuhs würde er sich dann später aufregen.
„Hey Rambo, bringen Sie sich nicht versehentlich um." In der Dunkelheit hatte Castle den Mann gar nicht gesehen, der vielleicht zehn Meter entfernt auf einer Bank saß und ihn belustigt beobachtete. „Drinnen gibt es einen Fitnessraum mit sämtlichen Geräten – sogar einem Punchingball." Er deutete auf den Platz neben sich. „Setzen Sie sich. Haben Sie Ärger mit Ihrer Lady gehabt?"
„So in der Art", gab Castle zu und nahm Platz. Dabei fiel sein Blick auf ein Schachspiel, das auf dem kleinen Tisch aufgebaut war.
„Ich löse nur ein paar kleine Schachaufgaben hier", erklärte der Mann, Castle schätzte ihn auf vielleicht Ende vierzig. „Ich heiße übrigens Max."
„Rick", stellte Castle sich nun seinerseits vor. „Nett, Sie kennenzulernen, Rick. Sie sind neu hier, richtig? Ich habe Sie vorhin beim Essen gesehen. Zusammen mit dieser attraktiven Brünetten."
Bei diesen Worten verdüsterte sich Castles Miene wieder. „Ja, das war meine Frau Kate. Wir hatten leider gerade eine kleine Meinungsverschiedenheit, wir…"
Abwehrend hob Max die Hände. „Mir müssen Sie nichts erklären, ich kenne das nur zu gut. Aber Sie werden sehen, Sie bekommen das in den Griff. Ein Freund von mir war hier und war ganz begeistert. Die Woche hier hat seine Ehe gerettet, sagt er. Und so hat er sich den Streit ums Sorgerecht erspart. Haben Sie Kinder?"
„Eine Tochter aus erster Ehe. Kate und ich haben keine gemeinsamen Kinder."
„Ach, dann ist das schon Ihre zweite Ehe?"
„Die dritte", gestand Castle.
Max pfiff leise durch die Zähne, entschuldigte sich aber sofort dafür. „Bei mir ist es die zweite Ehe. Meine Scheidung hätte mich damals fast in den Bankrott getrieben, das Luder hat mich bis aufs letzte Hemd ausgezogen. Jetzt stehe ich finanziell endlich wieder gut da, da erwischt mich meine jetzige Frau dummerweise mit meiner Sekretärin. Aber noch einmal passiert mir das nicht."
„Was?", erkundigte sich Castle ehrlich interessiert, „die Scheidung oder das Erwischtwerden mit der Sekretärin?"
„Nach Möglichkeit beides. Ich hab Lucinda versprochen nicht mehr fremdzugehen und wir versuchen unsere Beziehung zu kitten. Sie wissen schon, gemeinsame Interessen entdecken und so. Bei Ihnen wird es wahrscheinlich ähnlich sein."
Castle seufzte und schilderte kurz, was ihn und Kate angeblich hergeführt hatte.
Max nickte verständnisvoll, warf einen Blick auf seine Armbanduhr und packte die Schachfiguren zusammen. „Ich sollte allmählich zurückgehen. Lucinda war bei der Massage und wird jetzt sicher schon fertig sein. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, Rick. Wir sehen uns in den nächsten Tagen garantiert noch häufiger." Mit dem Schachspiel unter dem Arm verschwand Max Richtung Haus.
Castle blieb noch eine Weile sitzen, genoss die Stille, nur unterbrochen von einigen Eulenrufen aus dem Wald und dem Rauschen des Windes. Irgendwann raffte er sich seufzend auf und wanderte langsam zurück.
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Kate hatte sich, kaum dass sie in der Suite war, ein heißes Schaumbad eingelassen, um wenigstens eine der Annehmlichkeiten für sich auszunutzen, und sich mit einem spannenden Krimi dorthin zurückgezogen. Aber wie zu erwarten, währte das Vergnügen nur kurz. Sie war noch nicht richtig in die Handlung vertieft, als ihr Handy klingelte. Genervt blickte sie auf, dummerweise hatte sie das Telefon im Wohnraum liegenlassen. Also raus aus dem warmen Wasser und schnell in einen der weißen kuscheligen Bademäntel geschlüpft.
Ryan rief an. Lanie hatte zufällig Perlmutter gegenüber die beiden Morde erwähnt. Dieser hatte voriges Jahr selbst eine Leiche auf dem Tisch gehabt, deren Tod durch die gleiche Art Munition verursacht worden war. Eine Überprüfung ergab, dass auch hier derselbe Täter am Werk gewesen war, diesmal hatte sich der Mord in der Nähe des Yogastudios, das das Opfer zweimal wöchentlich aufgesucht hatte, ereignet.
„Das Opfer ist eine Rebecca Curtis, Afroamerikanerin, 38 Jahre alt, verheiratet und war angeblich im letzten Urlaub gemeinsam mit ihrem Ehemann Jeffrey in San Francisco. Wir haben das überprüft, keine einzige Kreditkartenzahlung wurde in Frisco getätigt, dagegen haben wir mehrere Abbuchungen in New York, überwiegend auf Staten Island und eine davon…" „… vom Everlasting Love-Institut", beendete Beckett den Satz. „Korrekt", bestätigte Ryan. „Gut, dann wissen wir wenigstens, dass wir mit unserer Vermutung richtig liegen. Vernehmen Sie den Ehemann, vielleicht bekommen Sie aus ihm heraus, wer der Killer ist, und wie das Ganze hier abläuft." „Wie ist es denn dort?", fragte Ryan neugierig nach.
„Hoffen Sie einfach, dass Sie und Jenny hier nie herkommen müssen", lautete Becketts knappe Antwort. „Halten Sie mich auf dem Laufenden und schicken Sie mir gleich noch sämtliche Ergebnisse per E-Mail zu. Gute Nacht!"
Sie ging zurück ins Bad. Mit Bedauern stellte sie fest, dass das Badewasser nur noch lauwarm war. Aber jetzt war ohnehin keine Zeit mehr entspanntes Plätschern in der Wanne, sobald die E-Mail von Ryan da war, wollte sie sich alles genauestens ansehen, womöglich fiel ihr etwas auf, was die beiden Detectives auf dem Revier übersehen hatten. Sie zog sich rasch etwas Bequemes an, setzte sich auf die Couch und schaltete ihren Laptop ein. Schon nach wenigen Minuten war die E-Mail da. Beckett notierte sich die wichtigsten Fakten auf verschiedenen Notizzetteln, die sie dann auf dem Couchtisch hin und her schob, eine Art horizontales Mordfallbrett sozusagen.
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Sie verglich gerade die drei Fälle, als es leise an der Tür klopfte.
„Wir sollten uns eine zweite Schlüsselkarte geben lassen", sagte sie und ließ Castle hinein. „Ja, wäre sicher besser." Mit Erstaunen nahm Castle das improvisierte Mordfallbrett wahr. „Ryan und Esposito haben noch einen Mord mit der gleichen Vorgehensweise gefunden. Eigentlich hat ihn dein spezieller Freund Perlmutter für uns entdeckt."
Gespannt, was der sarkastische Pathologe gefunden hatte, vergaß Castle sogar die Auseinandersetzung von vorhin und ließ sich von Beckett informieren. Anschließend starrten beide auf den Couchtisch, der inzwischen unter all den Zetteln kaum noch zu sehen war.
„Also, die Stambergs waren Mitte Mai hier, die Morgans im März und das Ehepaar Curtis im vergangenen Juni", fasste Beckett zusammen. „Das hilft uns insofern, als dass wir jetzt sämtliche Angestellten ausschließen können, die erst seit Juli hier sind." Sie schob alle Zettel in eine Mappe und versteckte sie in ihrem Koffer. „Die beiden Jungs befragen morgen den trauernden Witwer, womöglich wissen wir danach mehr. Ich gehe jetzt schlafen."
Sofort erhob sich Castle von der Couch. „Natürlich. Bist du sicher, dass du hier schlafen willst?"
„Diese Couch ist vermutlich bequemer als mein eigenes Bett. Ich muss nur noch kurz ins Bad, dann bist du im Schlafzimmer ungestört."
Sie schnappte sich ihren Pyjama und verschwand, um sich bettfertig zu machen. Castle ging ins Schlafzimmer und schaltete den Fernseher ein. Ziellos zappte er durch die Programme, bis Beckett das Bad verließ, ihm eine gute Nacht wünschte und ins Wohnzimmer huschte, wobei der zarte Duft ihres Parfums in der Luft zurückblieb. Er schloss die Augen und atmete tief ein und stellte sich vor, dass sie hier neben ihm liegen würde. Hätte er nicht per Zufall erfahren, dass sich Beckett genau an seine Liebeserklärung erinnerte, hätte er bestimmt diese Gelegenheit hier genutzt, ihr endlich seine Gefühle zu gestehen.
»Nur um dann von ihr zurückgewiesen zu werden«, dachte er verächtlich. Doch wenigstens wusste er jetzt, woran er war, und konnte aufhören, sich eine gemeinsame Zukunft mit ihr zusammenzuphantasieren. Ein Drink wäre jetzt genau das richtige, nur gab es als einzigen Unterschied zu einem normalen Hotel keine Minibar hier.
»Damit sich die Ehepaare nicht betrinken und dann gegenseitig umbringen«, schoss es ihm leicht zynisch durch den Kopf. Dann musste er eben so versuchen einzuschlafen. Er schaltete den Fernseher aus und ging zu Bett.
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Der fröhliche Gesang eines Vogels weckte Castle am nächsten Morgen. Er lag mit geschlossenen Augen da und lauschte schlaftrunken dem Vogelgezwitscher.
Moment, Vogelgezwitscher – mitten in Manhattan? Ruckartig setzte er sich auf und sah sich um. Oh, richtig, die Morde, Everlasting Love, der Undercovereinsatz mit Kate, langsam fiel ihm alles wieder ein. Verschlafen kratzte er sich am Kopf. Ob Beckett schon wach war? Offensichtlich ja, denn wenn er genau hinhörte, konnte er sie leise reden hören. Vermutlich telefonierte sie mit dem Revier. Nutzte er also am besten die Gelegenheit und sprang unter die Dusche.
Frustriert legte Beckett ihr Handy beiseite.
Wie Esposito ihr gerade mitgeteilt hatte, war Jeffrey Curtis auf unbestimmte Zeit ins Ausland verreist. Hier würden sie also garantiert nicht weiterkommen. Wasserrauschen aus dem Badezimmer verriet ihr, dass Castle mittlerweile aufgestanden war. Sie hoffte nur, dass er sich beeilte, damit sie auch noch duschen konnte, bevor sie zum Frühstück mussten.
Na endlich, das Wasser wurde abgestellt. Beckett suchte die Kleidung zusammen, die sie nach dem Duschen anziehen wollte, und wartete darauf, dass Castle endlich aus dem Bad kam. Sie wartete und wartete.
»Was macht der bloß so lange?« Allmählich wurde die Zeit knapp. Schließlich verlor sie die Geduld und hämmerte an die Badezimmertür. „Hättest du die Güte und würdest mich auch mal ins Bad lassen?" Ihr scharfer Ton tat ihr sofort leid, aber die Gesamtsituation zerrte an ihren Nerven, mal ganz abgesehen davon, dass sie wieder kaum geschlafen hatte.
Kurze Stille im Bad, dann wurde die Tür geöffnet. „Dir auch einen guten Morgen, liebe Kate!" Beckett reagierte wohlweislich nicht auf seinen sarkastischen Tonfall, stattdessen stürmte sie an Castle vorbei ins Bad und knallte die Tür hinter sich zu.
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Nachdem sie geduscht war, hatte sich Beckett wieder beruhigt. Um fair zu bleiben, musste sie zugeben, dass sie am Vorabend nicht geklärt hatten, wer wann das Bad benutzen konnte. Diesmal hatte Castle allen Grund, sauer auf sie zu sein.
Voll schlechten Gewissens verließ sie das Bad, sie sollte sich wirklich für ihr Verhalten von eben entschuldigen. Im Schlafzimmer war er nicht, doch aus dem Wohnzimmer hörte sie seine Stimme.
„Nein, Mutter, alles in bester Ordnung." Beckett sah durch die offenstehende Tür, wie Castle mit dem Rücken zu ihr am Fenster stand und telefonierte. Irgendetwas schien Martha aufzuregen, selbst auf die Entfernung konnte Beckett deutlich ihre Stimme hören. „Ich sage dir doch, dass ich alles im Griff habe", versuchte Castle seine Mutter erneut zu beruhigen, klang aber doch etwas resigniert. „Gib Alexis einen Kuss von mir und sag ihr, dass ich sie später anrufe. Mach's gut, Mutter. Und viel Erfolg für das Vorsprechen nachher!" Er steckte das Smartphone ein und sah gedankenverloren aus dem Fenster.
Beckett räusperte sich leise. „Alles in Ordnung zu Hause?", fragte sie vorsichtig.
Castle drehte sich jäh zu ihr um, offenbar hatte er gar nicht mitbekommen, dass sie den Raum betreten hatte. Doch sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Ja, alles bestens." Eine Sekunde herrschte ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen. Beckett setzte gerade zu einer Entschuldigung wegen der Sache im Bad an, da fiel Castle ihr ins Wort: „Gehen wir frühstücken. Hoffentlich haben die hier vernünftigen Kaffee!"
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Der Kaffee war sogar hervorragend, genau wie das restliche Frühstück, und fand Castles uneingeschränkte Zustimmung. Auch Beckett, die normalerweise gar nicht frühstückte, griff kräftig zu. Beide bemühten sich unverbindlichen Smalltalk zu machen, im Hinterkopf die nun gleich drohende erste Paartherapiestunde.
