Schmerz.

Das war das dominante Gefühl, dass sich in Arthur breitmachte. Er fühlte sich, als wäre er von einem Auto überfahren, k.o. geschlagen und zwischen zwei Felsen zerquetscht worden, und das in zehnfacher Stärke.

Vorsichtig richtete er sich auf und konnte einen Schmerzenslaut nicht unterdrücken. Sein Kopf tat weh, er konnte nur eingeschränkt atmen und er hatte am ganzen Körper blaue Flecken und Kratzer, an seiner Stirn befand sich eine Platzwunde, aus der ein dünner Blutfaden an seinem Gesicht entlanglief und in seinen Hemdkragen tropfte.

Unwillkürlich fasste er sich mit der Hand an den Kopf. Was war passiert? Mühsam versuchte er, sich an die Ereignisse der vergangenen Minuten (oder waren es Stunden?) zu erinnern. Als er vergeblich versuchte, sich seine Erinnerungen ins Gedächtnis zu rufen, entschied er sich dafür, sich umzusehen.

Er saß in einem Trümmerhaufen. Um ihn herum sah er nichts anderes als Asche, Schnee und Schutt. Das Flugzeug! Dumpf rekonstruierte er seine Lage. Sie waren abgestürzt…

Er konzentrierte sich genauer auf seine Umgebung. Neben ihm lag der Pilot, mit dem er zuvor noch über ihre prekäre Lage debattiert hatte; er war tot. Sein Hals war unnatürlich verdreht und die Augen starrten ins Nichts. Blutspritzer klebten an seinem Gesicht, und seine Extremitäten waren zerschmettert. Sein Co-Pilot befand sich in ähnlicher Verfassung.

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass Arthur entsetzt war. Ehrlich gesagt war er auf eine ähnliche Situation schon vorbereitet gewesen; zwei Menschen in der Flugkanzel bei einem Absturz hatten so gut wie gar keine Chancen auf Rettung. Zudem hatte er in seinem Leben wahrlich schon Schlimmeres gesehen. Er hoffte nur, dass die restlichen Passagiere überlebt hatten.

Ungelenk stand er auf, ungeachtet des bohrenden Schmerzes, der seine Beine hinaufschoss. Er hatte noch Glück gehabt; nur seine linke Hand war allem Anschein nach gebrochen. Es hätte auch schlimmer kommen können, wie er sehr genau wusste. Aber auch die Tatsache half, dass er widerstandsfähiger war als jeder Mensch und als Nation nur sehr schwer zu verwunden, geschweige denn zu töten war.

Er wagte einen Schritt, dann den zweiten. Erleichtert, dass seine Beine ihn trugen, humpelte er in Richtung der übrigen Passagiere. Erst jetzt nahm er das Stöhnen und Schreien der übrigen Personen wahr, er war vorher zu abgelenkt gewesen, um darauf zu achten.

Der Brite fluchte innerlich, als er sich ein genaues Bild machen konnte: Viele Menschen waren bewusstlos, hingen zwischen den Trümmern, lagen eingeklemmt unter Metall und Plastik oder wälzten sich schwerfällig auf dem Boden. Er konnte keine Toten ausmachen, aber das sollte nicht viel heißen.

Die Überlebenden konnten sich glücklich schätzen, am Leben zu sein. Das Flugzeug musste in einer Schneewehe gelandet sein; zudem hatten ein paar kahle Bäume, die jetzt niedergedrückt unter dem Wrack lagen, den Fall ein wenig abgebremst. Wenn sie auch nur zwanzig Meter davon entfernt gelandet wären… Nun, dann wäre niemand mehr hier, um davon zu berichten.

Arthur zwang sich, praktisch zu denken. Er musste Hilfe anfordern, und das schnell. Hastig kramte er nach seinem Handy und seufzte erleichtert, als er es unversehrt gefunden hatte. Dann hielt er inne; er kannte die Notrufnummer in Russland nicht!

Fluchend überlegte er, was zu tun sei, was ihm bei der Geräuschkulisse nicht ganz leicht fiel. Dann suchte er in seiner Telefonliste nach einem Namen und drückte den Wählknopf.

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Derweil saß Ivan in einem Rettungswagen des örtlichen Krankenwagens. Glücklicherweise hatte das Flugzeug-Unglück ganz in der Nähe seines Aufenthaltsortes stattgefunden, sodass er selbst zum Ort des Geschehens fahren konnte.

Er fühlte sich ein wenig unwohl, einmal abgesehen von den Bränden, die ihn immer noch physisch beeinträchtigten. Der Russe mochte es nicht, ein Unglück aus nächster Nähe zu erleben, aber andererseits war er neugierig. Abgesehen von den Länder-Treffen, die alle paar Jahre in Russland stattfanden, war schon ewig keine Nation mehr freiwillig bei ihm gewesen, und er fragte sich unwillkürlich nach dem Grund.

Andererseits hatte er viel zu viel in die Sache hineininterpretiert. Es war wahrscheinlicher, dass besagte Person nur durch Zufall oder wegen einer unbedeutenden Kleinigkeit in seinem kalten Land gelandet war, oder besser gesagt, landen wollte.

Beruhige dich, sagte er zu sich selbst. Er würde einfach abwarten, wie sich die Sache entwickeln würde.

Im selben Moment klingelte sein Handy. Kurios blickte er auf das kleine Display. Der Name England leuchtete in neongelben Buchstaben auf. Merkwürdig… was wollte England von ihm? Er drückte auf den Hörer und hielt sein Telefon ans Ohr. „Da?", fragte er, wie üblich betont fröhlich.

Schweigen begrüßte ihn. Im Hintergrund konnte er vage vereinzelte Schreie ausmachen. „England? Ich weiß, dass das deine Nummer ist. Was ist los?"

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Der Engländer hatte nicht erwartet, dass Russland seinen Anruf so schnell annehmen würde. Er öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder; was genau wollte er dem Russen eigentlich sagen? Er beschloss, mit dem Flugzeugabsturz anzufangen.

Plötzlich überkam ihn Schwäche; ihm war schwindelig, und sein Blickfeld verschwamm. Der Schmerz nahm überhand, sein Handy rutschte aus seinen zitternden Fingern und knallte auf den Boden. Dann brach er zusammen und blieb reglos liegen.

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„Hallo?" Russland versuchte, einzelne Geräusche auszumachen. Erst hatte die Person am anderen Ende der Leitung nichts gesagt, und dann hatte er einen Knall gehört. Hm. Merkwürdig. Er seufzte, klappte sein Handy wieder zu und verstaute es sicher in den Taschen seines beigefarbenen großen Mantels. Dann plötzlich überkam ihn eine jähe Erkenntnis. Die Nation, die kurze Zeit vorher sein Land betreten hatte, musste England gewesen sein, oder zumindest Englands Handy geklaut haben!

Zu dieser Einsicht passten auch die Schreie im Hintergrund und der Knall. Russland konnte sich nicht recht vorstellen, was genau passiert war, aber er beschloss, sich ein genaueres Bild vor Ort zu beschaffen. Ungeduldig lehnte er sich in seinem Sitz zurück und fuhr die schneebedeckte Straße entlang. Hoffentlich kam er nicht zu spät.

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Amerika hatte bereits eine andere Person abgefangen, um ihn nach England zu fragen. „Hey Japan!" Die asiatische Nation drehte sich um, beugte höflich den Kopf und sagte: „Konnichiwa, Amerika-San. Womit kann ich dir dienen?" Amerika grinste breit. Er fand es wie immer sehr interessant, wie sich der kleine Japaner ausdrückte.

„Tja, ich suche Iggy, und ich wollte fragen, ob du ihn gesehen hast…" Er wusste genau, dass Japan ein Mann war, der England relativ nahe stand; seit der Anglo-Japanischen Allianz trafen sich die beiden häufig zum Tee. Der Amerikaner war manchmal fast ein wenig neidisch auf den Asiaten. Er kam so gut mit England aus! Während sich die beiden mit Respekt und Freundlichkeit behandelten, konnte Amerika seinem ehemaligen großen Bruder allenfalls Beleidigungen oder verächtliche Blicke abgewinnen.

Japan schüttelte bedauernd den Kopf. „Es tut mir leid, Amerika-San. Ich habe schon seit längerem nichts mehr von Igirisu gehört. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest…" Er ließ den Satz offen, um anzudeuten, dass er auf keinen Fall unhöflich erscheinen wollte, es aber eilig habe. Dann eilte er auf Griechenland zu, der ausnahmsweise einmal wach war und verschlafen seine Katze kraulte. Zusammen verschwanden sie.

Amerika schmollte. Keiner hatte etwas von Arthur gehört, keiner hatte Zeit für ihn. Verdammt. Aber ein Held gab nicht so einfach auf!

Anmerkungen des Autors: Tja, wieder ein Kapitel fertig. Das Schreiben hat sich etwas verzögert (ich schreibe zurzeit nur noch Klausuren :s), aber das nächste wird auch bald fertig sein~

Danke an alle, die sich die Zeit für Rückmeldungen, Verbesserungsvorschläge und Wünsche für diese Geschichte nehmen… I love you guys!