Als ich morgens vor Sonnenaufgang aufwachte, war von der wohlwollenden Stimmung nichts mehr zu spüren. Murtagh brummte nur unwillig, als ich ihn ansprach, machte aber ansonsten den Eindruck, als habe er Zweifel bekommen, dass er gestern Abend zurechnungsfähig gehandelt hatte.
Besser Mund halten, dachte ich mir.
Ich vermutete, dass er insgeheim gehofft hatte, ich würde verschlafen. Er war mit Packen nämlich schon fertig, als ich gerade aufstand. Doch ich war nicht im Geringsten dazu geneigt, ihm irgendeinen Grund zu geben, seine Entscheidung vom Vorabend zu bereuen. Also verzichtete ich auf jede Art des Morgenrituals und sammelte meine wenigen Sachen schnell zusammen.
Meine Verletzung schmerzte ziemlich und wahrscheinlich hätte der Verband gewechselt werden müssen, doch ich biss mir auf die Zunge, um bloß keinen Laut von mir zu geben. Die Blicke, die er mir zuwarf, reichten völlig.
Mein Plan sah vor, dass ich mich auf gar keinen Fall als lästiges Anhängsel präsentieren lassen wollte, sondern jeden Beweis dafür liefern würde, dass meine Anwesenheit mindestens die gleiche Berechtigung hatte, wie die von Murtagh. Also Offensive bis es knallte.
Ohne uns weiter abzusprechen, ritten wir schon bald los, allerdings höchstens eine Meile, als Murtagh mir Zeichen gab, abzusteigen. Wir gingen noch ein paar Schritte und führten die Pferde, als ein riesiger blau schimmernder Drache vor uns auftauchte. Klar, er musste uns gehört oder gewittert haben. Er brüllte uns an, dass mir die Knie zitterten. Und das will was heißen. Aber Angst hatte ich keine. Es gab keinen Grund, uns anzugreifen und vermutlich wollte er uns nur einschüchtern und verjagen, denn der Drache kam nicht näher. Ohne auf Murtagh zu achten, ging ich weiter, behielt den Drachen aber im Auge. Ich erinnerte mich an etwas, dass in den Geschichten, die Murtagh mir früher erzählt hatte, vorgekommen war. Darin war erwähnt worden, dass Drachen hochintelligente Tiere waren.
„Das hier ist Murtagh und mein Name ist Sida. Wir wollen Dir und Deinem Reiter unsere Unterstützung anbieten." Ich machte eine artige Verbeugung. Meine Stimme klang höflich und fest zugleich. Ich war zufrieden mit mir.
Der Drache sah mich mit unergründlichen Augen an. Er richtete sich hoch auf, breitete die Schwingen zu ihrem vollen Umfang aus und sah einfach nur atemberaubend imposant aus. Ich hörte Murtagh anerkennend durch die Zähne pfeifen. Der Drache legte den Kopf etwas schief und musterte uns eine Weile, dann ließ er uns vorbei. Ich achtete nicht darauf, was Murtagh tat, sondern trat entschlossen in die Lichtung, auf der ich den jungen Reiter neben der Frau aus Gil'ead knien sah. Sie sah krank aus. Zu dumm, dass ich vom Heilen keinen blassen Schimmer hatte. Der Drachenreiter blickte auf, doch sein Blick streifte mich nur kurz. Vermutlich verständigte er sich mit seinem Drachen, dann stand er auf und ich ging auf ihn zu. Sein Blick kündete von innerer Stärke und einem doch sanften Wesen. Es war ein prüfender Blick, doch nicht auf die Art, die einen durchbohrt, wie es bei dem Drachen der Fall gewesen war. Er war mir sofort sympathisch.
Ich sprach ihn mit denselben Worten an, wie zuvor den Drachen und streckte ihm dabei die Hand entgegen. Er sah mich lange an und schüttelte meine Hand schließlich. Dann fiel mir Murtagh wieder ein und ich drehte mich zu ihm um. Er bewunderte immer noch den Drachen, der diese Aufmerksamkeit augenscheinlich genoss.
„Ich brauche keine Unterstützung," meinte der Reiter, der sich als Eragon vorgestellt hatte.
Murtagh war inzwischen zu der Frau am Boden gegangen und kniete sich nun neben sie.
„Wenn ich mir sie so ansehe, dann braucht Ihr sehr wohl Unterstützung," meinte er kess. „Sie braucht Medizin, sonst stirbt sie."
„Wo finde ich solche Medizin?"
Ich fand, dass es sehr für ihn sprach, dass Eragon bereit war, auch einen fremden Rat anzunehmen.
„Dort, wo Ihr ohnehin hin wollt."
„Bei den Varden." Ich hielt es für an der Zeit, mich in das Gespräch einzuklinken. „Wir können Euch zu ihnen bringen."
Murtagh sah mich nicht an, ich ihn um so genauer. Doch war seine ganze Konzentration auf Eragon und seinen Drachen, der uns als Saphira vorgestellt worden war, gerichtet. Der nickte.
„Folgt mir." Murtagh übernahm ganz selbstverständlich die Führung.
Ich ging zu der Frau am Boden und stutzte einen Moment. Sie war eine Elfe und so schön, dass ich mich ganz elend fühlte. Ich nahm ihren Arm, um ihr aufzuhelfen, als Eragon auch schon neben mir stand und die Elfe auf der anderen Seite stützte.
„Sie soll mit Saphira fliegen," sagte er und wir trugen sie zu dem Drachen. Dabei sprachen wir nicht, doch ich merkte, dass er mich musterte. Ich mag es nicht, wenn Menschen mich so lange anschauen. Es muss die Gewohnheit sein, so unauffällig wie möglich zu sein, die langen Augenkontakt unangenehm werden lässt. Gut, ich gebe zu, dass ich nicht die unauffälligste Erscheinung habe, aber das hatte ich bisher immer damit wettgemacht, dass ich nie lange an einem Ort blieb.
„Warum schaust du mich so an?"
„Entschuldige, aber ich habe noch nie eine Frau wie dich gesehen." Er schaute weg, doch kurz darauf wieder zu mir. Er war neugierig. „Was hast du mit deinen Haaren gemacht, dass sie so aussehen? Du siehst aus, wie eine Piratin."
Darüber musste ich lachen.
„Ich konnte es nie leiden, wenn meine Mutter mir die Haare bürsten wollte, also habe ich mich geweigert und dann sehen die Haare von alleine irgendwann so aus. Es ist bequemer so." Tatsächlich hingen sie mir in dicken Flechten über den Nacken und ich hielt sie mir mit einem grünen Stofftuch aus dem Gesicht. Ich schüttelte den Kopf so, dass die Flechten hin und her schwangen und die Perlen darin klingelten. Eragon grinste und half dann der Elfe auf Saphiras Rücken. Saphira drehte dabei den Kopf in meine Richtung und knurrte mich herausfordernd an.
Murtagh grinste nur breit. Mir lief ein Schauer über den Rücken.
„Wie es scheint, musst du ihre Freundschaft erst noch gewinnen."
„Mach dir keine Sorgen Reiter, von uns hast du nichts zu befürchten," mischte Murtagh sich ein, der die Zügel unserer Pferde in der Hand hielt und damit zu uns gekommen war.
Ich musste blinzeln und aufpassen, dass mir nicht der Mund offen stehen blieb. Übernahm er hier etwa Verantwortung für mein Tun und Lassen? Ganz wohl war mir dabei nicht, aber da Murtagh mich immer noch nicht ansah, bemerkte er davon nichts. Nur Saphira sah mich immer noch mit diesem seltsamen Blick an. Sie musterte mich und ich wand mich ein wenig unter ihrem Blick, ging er mir doch durch und durch. Nein, sie vertraute mir ganz eindeutig nicht.
Murtagh grinste immer noch, als wir schließlich unsere Pferde bestiegen und unter seiner Führung los ritten.
Zwei Tage lang versuchte er sein Bestes, mich zu ignorieren. Wir gingen höflich miteinander um, hielten Unterhaltungen aber so kurz wie möglich. Eragon fragte noch am späten Abend nach unserem Aufbruch nach dem Verhältnis, in dem wir zueinander stünden. Murtagh hatte so getan, als habe er die Frage nicht gehört und war los gezogen, um Wasser zu holen.
„Wir haben uns als Kinder sehr gut gekannt," antwortete ich stattdessen und blickte Murtagh etwas enttäuscht hinterher.
„Was ist geschehen?"
„Wie meinst du das?"
„Es sieht so aus, als wärt ihr nicht freiwillig miteinander unterwegs."
„Sind wir auch nicht." Ich scharrte mit den Füßen über den Boden. „Aber wir werden alle vom Imperium gesucht und sollten besser zusammen halten."
„Warum wirst du gesucht?"
Meine Füße scharrten tiefer.
„Wir haben eines gemeinsam, Eragon. Wir sind alle keine Freunde von Galbatorix."
Dabei beließ ich es erstmal. Auch Murtagh war nicht bereit, über das Thema zu sprechen und Eragon war feinfühlig genug, nicht mehr danach zu fragen.
Stattdessen begannen die beiden Männer zu trainieren. Eragon hatte eindeutig Nachholbedarf, doch war er bei weitem nicht so schlecht mit dem Schwert, wie ich vermutet hätte. Die zwei lieferten sich lange spektakuläre Kämpfe und ich machte mir einen Spaß daraus, Eragon lauthals anzufeuern und um die Kämpfenden herumzutänzeln. Ich brachte Eragon damit am Anfang noch häufig zum Lachen, doch irgendwann konzentrierte ich mich darauf, Murtagh abzulenken, um Eragon einen Vorteil zu verschaffen. Zugegeben, das war nicht sehr nett, doch wollte ich Murtagh dazu zwingen, mich endlich wieder zu sehen und auf mich zu reagieren. Nur ein einziges Mal schaffte ich es, aber in dem Moment musste Eragon gerade selber so sehr lachen, dass mein Plan nicht aufging. Am Abend des zweiten Tages klinkte ich mich in den Kampf mit ein, indem ich erst gemeinsam mit Eragon gegen Murtagh kämpfte, dann gegen beide und schließlich, auch wenn es ihm eindeutig nicht passte, zusammen mit Murtagh gegen Eragon. Welche Konstellation auch immer, wir profitierten von dem Training alle Drei.
Meine Verletzung mal ausgenommen. Die fing an dem Abend wieder an zu bluten. Ich hatte es bisher zu vermeiden gewusst, noch mals von Murtagh verarzten zu werden. Eragon wusste nichts davon. Also ging ich nach dem Training alleine zum Bach in der Nähe, wusch mich und reinigte die Wunde. Sie blutete nicht sehr stark, doch hatte ich keine Idee, was ich als Verbandszeug nehmen könnte, als Murtagh wie aus dem Nichts neben mir erschien, mir auftrug, mich hinzusetzen und mir einen frischen Verband um den Leib wickelte.
„Das wäre nicht nötig gewesen," brummte ich. Ich fühlte mich ertappt.
„Weiß ich," knurrte er, packte seine Sachen ein und war wieder weg, bevor ich noch mehr nörgeln konnte.
Im Lager hatte Eragon sich neben Saphira gelegt. Arya, die Elfe, lag neben ihm. Sie sah sehr schlecht aus und wir wollten nur ein paar Stunden rasten. Es galt Eile.
Ich hatte mich gerade auf meine Decke gelegt, um ein wenig zu schlafen, als drei Gestalten in die Lichtung sprangen. Sie waren so lautlos erschienen, dass sogar der Drache zusammenfuhr. Ohne lange darüber nachzudenken, sprang ich auf die Füße und hatte dem ersten schon meinen Dolch in den Nacken gerammt und sprang mit meinem Schwert auf den nächsten zu. Er kämpfte verwegen und ein Seitenblick ließ mich stutzen. Ich kannte ihn. Ein Schwertstreich gegen die Beine, der Dolchknauf gegen den Nasenrücken und der Angreifer lag bewusstlos auf der Erde. Den dritten Gegner hatte Murtagh schon erledigt. Eragon, der schützend vor Arya stand, sah mich aufmerksam an.
„Wo hast du gelernt, so zu kämpfen?"
Es war eine andere Art des Kampfes gewesen, als dass, was wir im Training praktiziert hatten.
„Das meiste hat Murtagh mir beigebracht." Ein Blick zu ihm zeigte mir, dass er mich das erste Mal seit Tagen offen ansah. „Und der Rest ist Erfahrung."
„Wird man als Fährtenleser oft in Kämpfe verwickelt?"
Ich runzelte natürlich die Stirn und sah Murtagh an, der entschuldigend ´ü+ölmkdie Schultern zuckte. Ich verstand und verzichtete trotzdem auf eine Antwort. Stattdessen wandte ich mich dem Angreifer zu, der zu meinen Füßen auf dem Boden lag.
Gut verschnürt dauerte es eine Weile, bis er wieder zu sich kam.
„Jack."
„Sida. Ich hätte wissen müssen, dass du schneller bist." Er war wütend und beeindruckt zugleich. Das kannte ich von ihm.
„Hast dich mal wieder überschätzt. Was willst du hier?"
„Ich brauche das Geld."
„Geld?"
„Auf jeden von Euch ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Auf den da ein besonders hohes, wobei ich keine Ahnung habe, warum." Er nickte mit dem Kopf in Eragons Richtung. War er blind? Konnte er den Drachen nicht sehen? Konnte er sich nicht denken, warum der König gerade ihn aus dem Weg schaffen wollte?
„Dann wirst du so dumm wohl auch sterben müssen."
„Du verteidigst ihn? Bist du so zahm geworden, Sida? Eine höfliche, vornehme Dame vielleicht?"
Ich bebte vor Wut. Was bildete der sich eigentlich ein?
„Halt den Mund!" Ich schlug ihm ins Gesicht. Jack grinste dümmlich.
„Oder wartest du nur auf einen günstigen Augenblick, um dir das Kopfgeld selber zu holen? Die gesellige Kameradin zu spielen, liegt dir doch nicht."
Ich holte noch mal aus. Dieser Schlag würde dem eingebildeten Drecksack zeigen, wo der Hammer hing. Doch jemand hielt meinen Arm fest. Aufgebracht drehte ich mich um und sah Murtagh über mir stehen.
„Was fällt dir ein?", brüllte ich ihn an. „Dieser Mistkerl hat es nicht anders verdient. Es ist nicht das erste Mal, dass er mir auflauert!"
„Wir lassen ihn hier liegen."
„Hast du nicht gehört, was er über mich behauptet?"
Ein Blick zu Eragon zeigte mir, dass er es sehr wohl gehört hatte. Sein Blick war misstrauisch geworden.
In mir verknotete sich alles und als ich Jack ansah, konnte ich kaum noch an mich halten.
„Hab ich etwa eure kleine Idylle hier gestört? Wissen deine neuen Freunde etwa nicht, wer du bist?"
Ich spuckte ihm ins Gesicht, bevor ich aufstand. Meine Hände waren zu Fäusten geballt, ohne dass ich es wusste.
„Wovon spricht er, Sida?" Eragon war näher gekommen.
„Ja, wovon spreche ich, liebe kleine Sida?", höhne Jack. Das war immer seine einzige Glanzleistung gewesen. Zu provozieren und die Leute dadurch dazu zu bringen, unvorsichtig zu werden. Ich kannte diese Masche nur zu gut und ärgerte mich, dass Murtagh mich hatte zurückhalten müssen. Zähne knirschen half da auch nicht. Ich blickte Eragon an.
„Er ist ein Lügner."
„Es soll also eine Lüge sein, dass du eine miese kleine…." Wumm.
Ich drehte mich um und sah gerade noch, wie Murtagh sich die Fingerknöchel rieb. Jack lag zusammen gesunken daneben. Mir wurde plötzlich ganz warm ums Herz. Er wusste genau, was Jack hatte sagen wollen, wollte mir aber die Schmach vor Eragon ersparen. Ich hätte ihn am liebsten umarmt.
Eragon fuhr Murtagh wütend an.
„Was sollte das? Was ist hier los? Wer seid ihr eigentlich?"
Doch Murtagh blieb immer noch ruhig. Er sah mir lange in die Augen. So lange, dass ich schlucken musste.
„Wir müssen sofort weiter. Wenn die Kopfgeldjäger hinter uns her sind, dann sollten wir keine Zeit mehr verlieren. Schuldzuweisungen und Erklärungen müssen auf einen späteren Zeitpunkt warten."
Ja, ich war Eragon eine Erklärung schuldig. Diesmal würde ich mich nicht zurückhalten können. Ich wollte nicht, dass eine Lüge zwischen uns stand. Dafür stand er mir schon jetzt zu nah.
Es war überdeutlich, dass Eragon mit Murtaghs Anweisung nicht zufrieden war und auch Saphira warf unwillig den Kopf hin und her, doch war die Wahrheit hinter Murtaghs Worten so offensichtlich, dass wir alle unsere Sachen so schnell wie möglich zusammenglaubten und unsere Pferde sattelten. Als ich meine Tasche zu meinem Pferd trug und an Murtagh vorbei kam, berührte ich ihn kurz an der Schulter und sah ihn dankbar an.
Warum hatte er das für mich getan?
Er nickte mir zu, dann ritten wir los. In meinem Bauch war ein Ameisen-Vulkan expodiert.
