Ein Problem mit dem Wasser bestand auch anderswo. Cho, Zacharias und Terry suchten kein Wasser, sie mussten es aber überqueren. Ein Fluss, der sich tief in die Landschaft gegraben hatte, versperrte den drei jungen Rekruten den Weg. Die Schlucht mit den vielen spitzen knochenähnlichen Felszacken im Flussbett war alles andere als idyllisch.

Schon der Weg zu der Schlucht hin sah überhaupt nicht einladend aus. Der Umstand, dass man bis zu dem Einschnitt in der Landschaft nicht geradeaus laufen konnte, war das erste Hindernis. Die abschüssige Wiese, übersät mit Geröll, und die schroffe Abbruchkante, versprach eine unangenehme Rutschpartie hinunter in den Schlund des tosenden Wildbachs zu werden.

„Wie war das gleich mit nicht lebensmüde?", fauchte Cho ihren blonden Begleiter an und verpasste ihm einen Rippenstoss. Dieser wich etwas zur Seite und äugte über die abstossende Geröllhalde. „Du siehst das nur aus dem falschen Blickwinkel. Es ist eigentlich ganz einfach."

Terry hatte sich das Bündel mit den Pollen über die Schulter geworfen. Gespannt sah er zwischen Zacharias und Cho hin und her. Die Diskussion konnte noch interessant werden, aber zum Herumstehen und plaudern hatten sie keine Zeit.

„Bitte zeige uns die richtige Sichtweise, dann guckt auch Cho wieder freundlicher", versuchte Terry zu schlichten und gleichzeitig die beiden etwas anzutreiben.

Zacharias nickte und legte sich seinen Zauberstab auf die flache Hand. Unter dem skeptischen Blick Cho Changs, murmelte er verschiedene komplizierte Zaubersprüche. Sein Stab aus Zedernholz drehte sich um sich selbst, bevor er schliesslich flussabwärts zeigte. Gleichzeitig wippte er aber auch etwas nach unten in Richtung Boden.

„Irgendetwas stimmt da nicht", kommentierte der Zauberer das seltsame Verhalten seines magischen Stabes. „In den Chroniken las ich nur von einem Ort bei der Schlucht, bei dem man übersetzen kann. Ehrlich gesagt habe ich auf eine Art Brücke gehofft und nicht auf einen Test unserer Schwimmkünste im Wildwasser."

„Spekulationen helfen uns nicht weiter. Also was haben wir für Möglichkeiten? Das Gewitter, das da aufzieht, mal ausser Acht gelassen, müssen wir weiter", begann Terry.

Cho rieb sich nachdenklich über die Nase, sie vertraute Zacharias' Kenntnissen über diesen Fluss und gab sich einen Ruck. „Wir können weder vor noch zurück. Flussaufwärts wird das Terrain mit den spitzen Felsnadeln noch schlimmer und apparieren ist uns nur in lebensgefährlichen Notfällen oder bei Prüfungsabbruch erlaubt. Also dann dir nach Zach, auf geht's!"

So eilten sie mit wehenden Umhängen entlang des abfallenden Hangs immer flussabwärts, und hofften, bald ein Möglichkeit zu finden, den Fluss überqueren zu können. Der unebene Weg zog sich dahin und alle drei blieben keuchend stehen, als sie ein brausendes Geräusch wahrnahmen. Der Pfad führte jetzt um einige grosse Gesteinsbrocken und dahinter stieg leichte Gischt empor. Böses ahnend schritten sie um die Steine und Zacharias stöhnte auf.

„Nein, bitte, bitte nicht, ich bin jetzt bald sechs Stunden auf den Beinen. Ich mag nicht mehr hinter dem Wasserfall die glitschigen Felsen runterklettern."

Cho seufzte auch auf, ging aber dennoch ein Stückchen weiter, um sich das Gelände genauer anzugucken.

Über den zerklüfteten Berghang stürzten die tosenden Wasser des Flusses in die Tiefe, gabelten sich und bildeten mehrere Wasserfälle, zwischen denen etliche Felsen emporragten. Einer der Felsbrocken aber war eben wie eine Tischplatte und lag fast waagrecht im Fluss. Eigentlich führte kein Weg durch das schroffe Gelände zu dem einladenden Sonnenplatz mitten in dieser Wildnis. Dennoch lag ein grosser Mann auf dem Felsen, hatte die Beine leicht angewinkelt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Geruhsam blinzelte der überaus grosse Kerl zu den funkelnden Wassertropfen der Fälle und scherte sich wenig um die bestürzten Rekruten da oben am Berghang.

„Ein Riese oder zumindest ein Halbriese", stellte Terry leise fest. Zacharias war nahe dran, sich den Schädel gegen einen der hohen Steine zu schlagen. „Übersetzen über einen Fluss, dass tut normalerweise ein Fährmann. Wie konnte ich das vergessen. Dieser „Fährmann" sieht nicht so aus, als würde er uns auf die andere Seite helfen", jammerte er gestresst.

Plötzlich fühlte der junge Mann, wie ihn jemand von den Steinen wegzog. „Ach Zacha, lass den Kopf nicht hängen. Wir haben es gemeinsam bis hierher geschafft und gemeinsam finden wir auch zum Ziel." Die sanften Worte von Cho trösteten ungemein und erinnerten ihn daran, dass er die Aufgabe nicht alleine meistern musste.

„Hm ja also ...", murmelte Zacharias, „wenn du meinst es geht weiter, ja dann werde ich dir folgen."

Jetzt ging die junge Frau voran und führte die Jungs den beschwerlichen Weg hinunter zu den Ufern des Flusses. Teilweise war gar kein Pfad vorhanden und die Rekruten mussten sich von Baum zu Baum abseilen. Nach dem mühlevollen Abstieg kamen sie endlich zu dem Platz, wo man über den Fluss spazieren konnte, wenn man ein Riese war.

Noch hatten sie aber keine Ahnung, wie sie den „Fährmann" auf seinem Felsen überreden könnten, ihnen über den Fluss zu helfen. Hoch über ihnen aufragend stand der Halbriese mitten im Fluss, strich sich seinen burgunderfarbenen Umhang glatt und stützte sich auf seinen dicken knorrigen Stock, um die kleinen Menschen dort am Flussufer näher zu betrachten.

„Was ist euer Begehren?", fragte er mit einer Stimme, die den jungen Zauberern in den Ohren dröhnte.

Nach kurzer Absprache untereinander verneigten sich alle drei und erwiderten gemeinsam: „Wir erbeten höflich die Erlaubnis den Fluss mit Ihnen überqueren zu dürfen. Nichts als das Bestreben unseren Prüfungsauftrag als Rekruten zu erfüllen, lässt uns diesen Weg beschreiten."

Der Mann sah die Gruppe kritisch an und erwiderte: „Wohl gesprochen. Doch ihr wisst gewiss auch, dass hinter diesem wilden Wasser das Gebiet der Dryaden beginnt und diese beharren rigoros auf ihren Geboten."

Die Rekruten sahen sich besorgt an, nickten aber. Ja sie wussten, dass sie das Reich der Dryaden durchqueren wollten. Wie würde der Halbriese als Hüter der Flussfurt über ihren Antrag entscheiden.

„Dir, junge Frau, dir ist es erlaubt, ohne Pfand den Hain der Dryaden zu passieren. Zudem ist in Ausnahmefällen eine Begleitperson gestattet."

Cho blickte zu dem „Fährmann" auf, dessen Gebaren gar nicht so ungehobelt wirkte, wie man das bei Riesen sonst gewohnt war. Mit welchem magischen Wesen waren seine Ahnen wohl eine Verbindung eingegangen? Das Blut welcher Art floss in seinen Adern? Trotz ihrer Neugierde auf seine Herkunft stellte sie nun eine andere Frage. „Was muss eine Begleitperson erfüllen, um als Ausnahme zu gelten?"

Ihr Gesprächspartner wiegte bedächtig den Kopf und blickte zum anderen Flussufer, wo ein lang gezogener Hain mit zierlichen Bäumen begann. „Nun, ist deine Begleitung weiblich, so sollte dies deine Schwester sein."

Zacharias seufzte auf und wollte sich schon zum Gehen wenden. Er als Mann hatte ohnehin keine Chance.

Cho hielt ihn jedoch am Ärmel fest, da sich der Halbriese anschickte weiterzusprechen.

„Ein männlicher Begleiter sollte den gleichen Stellenwert einnehmen. Um dies zu prüfen, gibt es eine einfache Methode."

Jetzt horchten alle drei Rekruten auf.

„Junge Frau, schenke dem Begleiter deiner Wahl das Schönste und Kostbarste, was du besitzt", beendete der Fährmann seine Erklärung.

Perplex starrte Cho ihn an und überlegte, was sie schenken könnte. Terry und Zacharias ging es nicht besser. Verwirrt sahen sie zunächst an ihren Kleidern herunter, danach wieder zu dem Halbriesen. Ihnen war klar, dass sie alle nur das Nötigste mit dabei hatten. Darunter war nichts, was als Geschenk taugen würde. Auf der Suche nach einer schönen Blüte an einem Baum, blieb Chos Blick an Zacharias hängen. Wieder fielen ihr die Momente während ihrer Ausbildungszeit ein, wo sie ihn heimlich beobachtet hatte. Sie fragte sich, ob es mehr war als seine Gesichtszüge und der sanfte Ausdruck in seinen Augen, die so anziehend auf sie wirkten. Was schenkte man einem solchen Menschen? Auf alle Fälle keine der bunten Steine, die hier am Ufer herumlagen.

Cho unterbrach ihre Überlegungen, trat entschlossen vor den dunkelblonden Jungen und umarmte ihn behutsam.

„Lieber Zacharias", begann die junge Frau, „das Schönste und Wertvollste, dass ich dir geben kann, trage ich immer bei mir. Ich schenke dir mein Herz, nicht weil dies gefordert wird, sondern weil ich wirklich etwas für dich empfinde."

Zacharias lauschte sichtlich berührt der Offenbarung seiner Partnerin. Als sie ihm dabei sanft den Nacken streichelte, bekam er ungeahntes Herzklopfen. „Cho, es ist ... deine Worte ... mir wird ganz anderes", stammelte der Jüngling und schloss Cho ebenfalls in die Arme.

Terry stand nur stumm daneben. Es schien noch nicht bis zum ihm durchgedrungen zu sein, dass er somit aus dem Rennen war und nicht mit rüber durfte. Hingerissen starrte er auf seine Mitschüler, die sich sanft liebkosten und scheinbar echte Gefühle füreinander hegten. Rasch unterdrückte er den aufkommenden Neid. Wieder war er leer ausgegangen. Terry fühlt die schmerzliche Einsamkeit eines Singles, beim Anblick des hübschen Mädchens in den Armen seines sportlich gekleideten Kollegen, noch mehr als sonst.

Erst nach einer Weile fanden Zacharias und Cho zurück in die Realität und blickten auf zu dem geduldig wartenden Fährmann. Dieser schmunzelte amüsiert und meinte: „Einen eindrücklicheren Beweis gibt es wohl nicht. Obwohl Geschwistergefühle auch gereicht hätten."

Vorsichtig streckte er seine Hände aus, umfasste das Paar und hob sie sicher über den Fluss. Die beiden winkten Terry zum Abschied, denn dieser musste einige Kilometer weiter den Fluss hinunter. Es gab eine weitere Möglichkeit bei der „Himmelsbrücke", wie der zurückbleibende Rekrut wusste. Allerdings standen dort die Dryadenwachen und dafür brauchte Terry die Pollen des Jacaranda.