Kapitel IV
„Setzt Euch bitte.", bot Romulus Morton an und zeigte dabei auf einen Stuhl in seinem Haus. Er hatte ihn eingeladen, sich unter vier Augen mit ihm zu unterhalten. Wenn Romulus Morton auf seine Seite ziehen wollte, musste er ihn zunächst einmal kennen lernen.
Morton nahm das Angebot wortlos an. Romulus nahm ihm gegenüber Platz.
„Da Ihr nun wisst, wer ich bin, wäre es nur höflich, wenn auch Ihr mir Euren Namen verratet.", sagte Morton.
„Romulus.", stellte Romulus sich vor und hielt Morton die Hand der Höflichkeit halber hin. Morton jedoch sah lediglich Romulus´ Hand verständnislos an. „Diese Geste scheint Euch nicht vertraut zu sein.", stellte Romulus deshalb fest.
„So ist es.", bestätigte Morton, dennoch selbstsicher.
„Ein Zeichen der Höflichkeit. Man ergreift die Hand des anderen, schüttelt sie einmal kurz und lässt wieder los." Genau das tat Morton nun auch. „Genau so geht das."
„Wo ich herkomme, verneigt man sich, als Zeichen des Respekts. Respektiert man jemanden nicht, beachtet man ihn gar nicht."
„Das werde ich mir merken.", versprach Romulus, „Lasst uns nun zum Wesentlichen kommen: Was können wir für den jeweils anderen tun?"
„Was Ihr für mich tun könnt, ist doch wohl offensichtlich: Ihr könnt mir Eure Form der Zauberei beibringen. Und kommt mir bloß nicht wieder mit dem Geschwätz von Zauberstäben, die sich die Zauberer suchen."
„Was Hermann, der Zauberstabschnitzer gesagt hat, entspricht durchaus der Wahrheit, man darf es aber nicht zu wörtlich nehmen: Zauberstäbe sind mit verschiedenen magischen Objekten gefüllt, wie Einhornhaaren, Drachenherzfasern, Phönixfedern, wodurch man mit Zauberstäben überhaupt erst zaubern kann, und es ist nicht jede Zutat für jeden Zauberer geeignet."
„Mit anderen Worten haben die Zauberstäbe Eurer Handlanger deshalb nicht auf mich reagiert, weil sie für mich die falschen waren?"
„Das wäre zumindest eine Möglichkeit…"
„Aber?" Morton verschränkte die Arme vor der Brust.
„Für gewöhnlich hätten auch die falschen Zauberstäbe irgendwie reagieren müssen, dass ein Zauberstab überhaupt nicht reagiert, ist ein Indiz dafür, dass man ein Muggel ist."
„Und ein Muggel ist?"
„Ein normaler Mensch, der nicht zaubern kann und einen Zauberstab nicht von einem Ast unterscheiden kann… Dass mehrere Zauberstäbe keine Reaktion bei Euch zeigen, wäre eigentlich ein unzweifelhafter Beweis dafür, dass auch Ihr ein Muggel seid." Romulus achtete bei diesen Worten besonders auf seine Betonung, um Morton klar zu machen, dass noch ein Aber folgen würde, und er ihn nicht unterbrach. „Aber, das Interessante an Euch ist, dass Ihr keinesfalls ein Muggel sein könnt. Mit anderen Worten müssen wir herausfinden, was an Euch anders ist, als an uns, und dazu bitte ich Euch, mir etwas über Euch zu berichten."
„Was wollt Ihr denn wissen?" Aus irgendeinem Grund schien Morton sich auf das Nötigste beschränken zu wollen. Das hieß also, er hatte etwas zu verbergen. Romulus sollte es Recht sein.
„Woher kommt Ihr?"
„Ich denke nicht, dass Ich Euch diese Frage beantworten kann."
„Ich muss es aber wissen, wenn ich Euch helfen soll."
Morton überlegte, ehe er antwortete: „Dann muss ich Euch bitten, vollkommenes Stillschweigen über Folgendes zu bewahren, denn Gerüchten zu Folge hätte es Schwerwiegende Konsequenzen, wenn Ihr von meiner Herkunft wisst."
Romulus runzelte unabsichtlich die Stirn. Was sollte schon schlimmes passieren? „Ich verspreche, dass ich keiner Seele erzählen werde, was Ihr mir in diesem Raum verratet."
„Danke. Ich komme aus Threeking´s."
„Nie davon gehört."
„Selbstverständlich nicht."
„Warum ist es dann so schlimm, wenn ich davon höre?"
„Threeking´s ist ein Königreich in einer anderen Welt, von der Ihr in dieser Welt angeblich nicht erfahren dürft. Warum Ihr nicht davon wissen dürft, konnte mir niemals jemand sagen, doch es wird schon seine Gründe haben."
„Ich verstehe noch nicht so ganz, was Ihr mir erzählt, aber es fasziniert mich." Das warf allerdings ein neues Problem auf: Es wäre möglich, dass Morton zwar über Macht verfügt, er nach den Maßstäben dieser Welt dennoch ein Muggel war, weil es zwei verschiedene Formen von Magie gab, die rein gar nichts miteinander gemein hatten, außer dass man ähnliche Dinge bewirken konnte. Dann könnte Romulus Morton niemals helfen, die ihm bekannte Zauberei zu erlernen. Morton sollte das jedoch vorerst noch nicht erfahren, deshalb würde Romulus erst mal eine andere Möglichkeit, die ihm allerdings unwahrscheinlich erschien, äußern: „Vielleicht liegt der Unterschied nur darin, dass Euch die Zauberei anders beigebracht worden ist, als uns, und Ihr Euch nur umgewöhnen müsst." Romulus fiel kein besseres Wort ein.
„Das könnte sein.", sagte Morton nachdenklich, „Leider hieße das, dass ich zwar lernen könnte, wie Ihr zu zaubern, ich dadurch aber nicht mächtiger würde."
„Gesetzt den Fall, meine Vermutung trifft zu, habt Ihr Recht. Doch lasst uns nicht voreilig Schlüsse ziehen.
Wenn Ihr also aus Threeking´s stammt, warum seid Ihr hier?"
„Ich bin nicht freiwillig hier. Man hat mich aus meiner Heimat verbannt."
„Warum?"
„Aufgrund von Taten, die so mancher als Böse bezeichnen würde. Angefangen hat es damit, dass ich die Drachenritter erschuf, aus Menschen und Drachen, und ich mit Ihrer Hilfe eine bessere Welt schaffen wollte. Dieses ignorante Pack nannte meine großartige Schöpfung allerdings Dämonenritter, mich einen Schwarzmagier, und verstanden meine hehren Ziele einfach nicht."
Romulus konnte sich denken, was für Ziele das waren: Morton hat nach immer mehr Macht gestrebt, womöglich auch nach der Herrschaft über Threeking´s, dabei aber behauptet, dass er auf diese Weise die Welt verbessern würde. Egoisten taten gerne so, als wären sie selbstlos.
„Wünscht Ihr Euch, Ihr könntet nach Threeking´s zurück?"
„Durchaus."
„Wenn ich Euch also nicht zu Machtgewinn verhelfen kann, würde es Euch dann auch zufrieden stellen, wenn ich Euch zurück bringe?"
„Ich bezweifle, dass Ihr dies vermögt, schließlich kennt Ihr Threeking´s nicht mal, aber ich lasse mich gerne überraschen."
„Zuvor sollten wir jedoch herausfinden, ob Ihr nicht doch von mir lernen könnt. Denn, vielleicht könnt Ihr dann selbstständig zurückkehren."
„Ihr scheint ein weiser Mann zu sein, Romulus. Lasst uns nun das Thema wechseln: Was versprecht Ihr Euch von einer Zusammenarbeit mit mir?"
„Eure Mithilfe bei einem kleinen persönlichen Feldzug. Und vielleicht gelingt es uns sogar, dabei zwei Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen: Je mehr ich nämlich über Eure Zauberkunst in Erfahrung bringen kann, desto leichter kann ich Euch helfen, egal bei welchem Eurer Ziele. Und zu diesem Zweck, was gäbe es da Besseres, als Euch zu beobachten?"
„Ich akzeptiere Euren Vorschlag, ich werde Euch bei Eurem Feldzug helfen. Doch ich warne Euch, wenn dies ein Trick ist, damit ich ohne Gegenleistung für Euch die Drecksarbeit erledige, werdet Ihr den heutigen Tag noch bereuen."
