Veritaserum und Co…

Am nächsten Morgen wurde sie von neugierigen Fragen nur so bombardiert und Harry starrte sie ungläubig an, als sie gespielt zerknirscht gestand, dass sie eingeschlafen war und nicht mehr in der Bibliothek gewesen war. Heimlich gab sie ihm auch den Tarnumhang zurück.

"Willst Du nicht mehr suchen, Mine?"

"Weißt Du, Harry, eigentlich habe ich genug zu tun und so wichtig ist es nun auch wieder nicht..."

Harry starrte sie an und konnte kaum glauben, was er gehört hatte: "Du gibst auf, Mine?!"

"Naja, nicht direkt... Ich will erstmal sehen, wie es weitergeht - vielleicht ist auch weiter nichts dahinter und dann will ich meine Zeit nicht mit etwas so Unwichtigem vertrödeln..."

"Wow, Mine, Du gibst WIRKLICH auf!"

"Ach, Ron!", fauchte sie genervt und verschwand Richtung Verwandlungen. Innerlich war ihr aber ziemlich mulmig, dass sie ihre besten Freunde anlog. Ihr wurde nicht gerade froher zu Mute, als sie daran dachte, dass sie heute ja auch noch Zaubertränke hatte.

"Hoffentlich beherrschst Du Dich, Snape!", knurrte Hermine ziemlich übel gelaunt.

Nicht weniger nervös war Snape selbst. Er hatte zwar den passenden Zauber gefunden, aber ihm wäre ein Trank lieber gewesen, an dem er herumprobieren konnte. So musste er sich darauf verlassen, dass er die Zauberstabbewegungen und die Formel so zuschneiden konnte, dass sie genau die gewünschte Wirkungen hätte - und er wollte auf gar keinen Fall irgendeinen seiner Kollegen um Hilfe fragen, denn sie würden natürlich wissen, wozu er ausgerechnet diesen Spruch brauchte und spätestens in drei Tagen wüsste das ganze Schloss, welches Problem er hatte.

Er konnte nur hoffen, dass Hermine nicht gleich ihren ganzen Bekanntenkreis alarmiert hatte. Potter und Weasley hatte sie aber bestimmt eingeweiht. Der Gedanke, dass er sich auf deren Verschwiegenheit verlassen musste, hob seine Laune nicht gerade. Und als ihm einfiel, dass sie oft die Köpfe mit Ginny Weasley zusammensteckte, drehte sich ihm der Magen um.

Nach Hermines Geschmack gingen die Stunden immer viel zu schnell vorbei, aber dieses eine Mal hätte sie sich wieder einen Zeitumkehrer gewünscht, um vor Zaubertränke zu entkommen, aber alles Wünschen half nichts - es schien nur Sekunden zu dauern bis Professor McGonagall ihnen Unmengen von Hausaufgaben aufhalste und sie dann aus dem Klassenraum scheuchte.

Hermine wurde mit jedem Schritt Richtung Kerker langsamer und unsicherer bis schließlich ausgerechnet Harry sie zur Eile antrieb. Als würde sie zum Henker geführt, betrat Hermine mit hängendem Kopf den Klassenraum und setzte sich in die allerletzte Reihe, denn sie hatte ohnehin das Gefühl, als würden sie mindestens 3 Scheinwerfer anstrahlen.

Snape ignorierte sie sicherheitshalber einfach komplett und ließ mit einem Schlenker seines Zauberstabs das Trankrezept für die heutige Stunde an der Tafel erscheinen. Ihm war nicht sonderlich nach Reden zu mute, also bellte er sein wohlvertrautes "Beginnen Sie!" und vertiefte sich wieder in das Buch mit Zauber.

Hermine las aufmerksam, was von ihr verlangt wurde, aber immer wieder schien sie den Faden zu verlieren, sodass sie insgesamt vier Mal in der Vorratsraum laufen musste, um alle ihre Zutaten zusammenzusuchen.

Snape entging Hermines Zerstreutheit natürlich nicht und auch der Grund dafür war ihm kein Rätsel, aber er hielt lieber seine Zunge im Zaum - man wusste ja nie, was bei einem ganz simplen, bissigen Kommentar so alles herauskam.

Auch beim Vorbereiten der Inhaltsstoffe hatte Hermine heute nicht wie üblich ein geschicktes Händchen - sie ruinierte ihre Mooswurzeln, ohne dass sie es bemerkte, wodurch ihr Trank viel schwächer werden würde, dafür verkochte sie die Fledermausflügel und beißender Rauch hing im Kerker, aber da Neville sowieso seinen Trank in einen übelriechenden Klumpen verwandelt hatte, fielen ihre Missgeschicke weiter niemandem auf.

Alle wunderten sich darüber, dass Snape heute so schweigsam war, aber eigentlich waren sie recht dankbar dafür, denn so war es möglich, in Ruhe zu arbeiten. Nur Hermine wurde immer nervöser; sie fürchtete, dass die große Katastrophe - wie auch immer sie aussehen würde - sicher noch kommen sollte.

Immer wieder stahl Snape einen Blick auf Hermine, um darauf zu achten, dass sie nichts Gefährliches tat: Gerade hatte sie den Löffel mit Morgentaugift über ihren blubbernden Kessel gehalten, um 30 Tropfen hineinzuzählen, als er sie mit gespielt gelangweilter Stimme unterbrach:

"Miss Granger, erleuchten Sie uns und zitieren Sie den 3. Zaubertränkegrundsatz von Crookwood!"

Hermine hielt inne und spulte automatisch ab: "Du sollst nie unaufmerksam an einen Kessel treten und stets mit Deinen Gedanken beim Brauen sein"

"Gut, ich dachte schon, Sie hätten ihn vergessen. Dann muss ich davon ausgehen, dass Sie unbedingt Selbstmord begehen möchte, Ich darf Sie aber darauf hinweisen, dass Sie das in Ihre Freizeit verlegen sollten..."

Hermine starrte ihn an und brachte nur ein verwirrtes "Sir?" heraus.

Snape seufzte theatralisch und holte sie zu sich nach vorne. "Miss Granger, Sie werden heute meine liebreizende Assistentin sein..." Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen, als er den Satz beendet hatte, aber noch konnte man ihm die Wahl des Adjektivs als Ironie auslegen. Tapfer machte er weiter: "Bringen Sie einen halben Fingerhut Ihres Gebräus mit..."

Hermine schöpfte vorsichtig die gewünschte Menge ab und machte sich auf den Weg zum Lehrerpult. Snape zog eine Phiole mit Morgentaugift aus seinem Umhang und füllte behutsam einen winzigen Tropfen in eine Pipette.

Dann legte er einen starken Schildzauber rund um sein Pult und ließ mit seinem Zauberstab den Tropfen aus der Pipette in den Fingerhut mit Hermines halbfertigem Trank fallen.

Die Explosion hätte fast seine Schutzbanne gesprengt: Vom massiven Pult war nichts mehr zu sehen, aber der Steinboden hatte ein Loch, das einen halben Meter tief war. Snape drehte sich zu Hermine um, um einen Kommentar zu abzugeben, aber sie starrte ihn nur entsetzt an und sackte dann lautlos in sich zusammen.

Er bekam sie gerade noch um die Schultern zu fassen, damit sie nicht unangenehme Bekanntschaft mit dem Steinboden machte. Innerlich dankte er Merlin für ihre schwachen Nerven, denn er hatte gerade zu einem weiteren fatalen Satz ansetzen wollen, der mit ihren Augen zu tun hatte...

Mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er die Inhalte aller Kessel verschwinden und knurrte:

"Sie schreiben mir alle bis zur nächsten Stunde fünf Rollen Pergament über die Sicherheit beim Zaubertränkebrauen und zwei Rollen über die Verwendung und die Gefahren von Morgentaugift. Die Stunde ist beendet"

Jeremy kam dienstfertig herbeigeeilt, während er immer noch die bewusstlose Hermine im Arm hielt. "Sir..."

Barsch wandte sich Snape um: "Und Sie, Michelson, halten einmal Ihren Mund, auch wenn es das erste Mal in Ihrem Leben sein sollte".

Mit einem stummen Levicorpus ließ er Hermine vor sich herschweben und schritt aus dem Raum.

Madam Pomfrey kam sofort herbeigewuselt, als Snape die Tür zum Krankenflügel öffnete.

"Meine Güte, Severus, was ist denn nun schon wieder passiert?!"

Genervt fauchte er: "Gar nichts! Miss Granger ist ohnmächtig geworden, als sie sich dem Ausmaß ihrer Dummheit bewusst wurde!"

Die Hexe starrte ihn sprachlos an und er sah sich gezwungen, Hermine auf ein Bett zu manövrieren und murmelte Enervate.

Unsicher blinzelnd kam Hermine wieder zu sich und starrte ihn immer noch so entsetzt an. Ihre Augen wanderten von ihm zu Madam Pomfrey, was Snape selbst wieder daran erinnerte, dass sie nicht alleine waren.

"Madam Pomfrey, würden Sie uns bitte alleine lassen - ich habe ein paar Dinge mit Miss Granger zu klären"

Die Krankenschwester schaute ihn an, als hätte er gerade etwas sehr Unanständiges gesagt, aber nach einem bitterbösen Blick suchte sie das Weite.

"Professor, ich..."

"Miss Granger, hören Sie mir bitte einen Moment zu..."

Hermine schaute ihn an, als wäre er von allen guten Geistern verlassen - Snape hatte "bitte" gesagt!

"Ich kann Ihnen nicht erklären, was mit mir los ist - ich vermute, dass ich all diese unsinnigen Dinge über Sie von mir gebe, weil ich eine Art Veritaserum zu mir genommen habe. Ich arbeite an einem Gegenzauber, aber es wird noch eine Weile dauern, bis dieser anwendungsbereit ist. Bis dahin müssen Sie es wohl ertragen, dass ich irgendetwas fürchterlich Kitschiges über Ihre Augen oder was auch immer zu Ihnen sage. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich versuchen werde, den Mund zu halten. Und wenn ich denjenigen erwische, der mir den Trank untergejubelt hat, setze ich Ihr Einverständnis für einige hübsche Flüche voraus..."

Hermine nickte ein wenig benommen und er fuhr fort: "Ich kann mir vorstellen, dass es doch etwas verstörend für Sie ist, dass ich solche Dinge sage, aber ich halte einfach nichts davon, dass Sie sich deshalb von Ihrer Arbeit abhalten lassen. Ich denke, das war alles."

Damit wollte er sich eigentlich aus dem Staub machen, aber Hermine war wieder weitgehend bei sich, um die alles entscheidende Frage zu stellen: "Sir, wenn es ein Veritaserum ist, heißt das, dass Ihre Aussagen über mich der Wahrheit entsprechen?"

Snape starrte sie einen Moment wie versteinert an und drehte sich dann schwungvoll um, um mit wehenden Roben zu verschwinden. Aber ihr war nicht das fast unmerkliche Nicken entgangen...

Nachdem Madam Pomfrey sie noch einmal gründlich durchgecheckt und Hermine ihr ungefähr drei dutzend Mal versichert hatte, dass es ihr WIRKLICH gut ging, durfte sie den Krankenflügel wieder verlassen.

Das Mittagessen hatte sie durch ihre Eskapade verpasst und ihr knurrender Magen sagte ihr ziemlich deutlich, was er davon hielt. Also machte Hermine sich auf den Weg in die Küche, um sich noch ein Sandwich zu ergaunern.

Natürlich wollten die Hauselfen nicht, dass sie sich mit einer solchen Kleinigkeit begnügte und sie bekam ein Hirschgulasch mit Kroketten und ein Mouse au Chocolat vorgesetzt, das sie artig und begeistert verdrückte.

Danach machte sie sich auf den Weg in die Bibliothek, um ihre Hausaufgaben für Verwandlungen anzufangen und traf auf dem Weg dahin Neville.

"Hermine, geht's wieder? Wir haben uns alle solche Sorgen gemacht, aber Snape war so wütend, dass sich keiner getraut hat, zu bleiben. Wir dachten..."

""Mir geht's gut, danke Neville! Hat Professor Snape irgendwelche Aufgaben gestellt?"

Neville erklärte ihr mit vielen Unmutsbekundungen, was sie genau tun sollten und Hermine erbot sich gutmütig, ihm zu helfen. Sie hoffte, dass er noch ein wenig mehr über das erzählen würde, was im Kerker vorgefallen war, nachdem sie ohnmächtig geworden war. Leider war Neville keine sonderlich gute Informationsquelle, sodass ihr die feinen Nuancen in den Geschehnissen doch entgingen, aber sie bekam einen groben Eindruck von den Ereignissen.

Zwei Stunden später war Hermine mit ihren Aufgaben fertig, aber ihre wirbelnden Gedanken hatten sich nicht beruhigt.

Wenigstens, dachte sie mit Zwangsoptimismus, habe ich ein Wochenende vor mir, um mir einen Durchblick zu verschaffen...

Neville war so weit gediehen, dass sie ihn mit gutem Gewissen alleine lassen konnte und sie suchte ihre treulosen Freunde Harry und Ron.

Die beiden kamen gerade vom Quidditchfeld und wirkten sehr vergnügt. Als sie allerdings Hermine sahen, stand ihnen das schlechte Gewissen förmlich ins Gesicht geschrieben:

"Mine, wir..."

"Mine, was bin..."

Beide fingen gleichzeitig an, sie zuzutexten und Hermine hob lachend die Hände, um die Wortflut aufzuhalten.

"Hey, Jungs, keine Panik, mir geht's gut und Professor Snape hat mir offensichtlich auch nicht den Kopf abgerissen..."

Beide waren froh, dass Hermine wieder wohlauf war, und schimpften so leidenschaftlich über den Zaubertränkemeister, dass Hermine gar keine Erklärungen abgeben musste.

Sie verbrachten einen vergnüglichen Nachmittag mit Zauberschach und einem Besuch bei Hagrid, sodass Harry und Ron auch viel zu abgelenkt waren, um irgendwelche verfänglichen Fragen zu stellen.

Allerdings hielt sich Hermines Glück nicht so lange, denn als sie von ihrem Ausflug von Hagrid zurückkamen, lief ihnen Jeremy über den Weg. Ron wollte sich am liebsten verkrümeln, aber Harry packte ihn unauffällig am Umhang, sodass Ron keine Fluchtmöglichkeit hatte.

Bevor Jeremy ansetzen konnte, bemerkte Hermine, dass sie vor dem Eingang zu den Kerkern standen, aber sie hoffte, dass deren griesgrämiger Bewohner sich nicht diesen Moment aussuchen würde, um auf der Bildfläche zu erscheinen...

Sehr ausführlich begann Jeremy von seiner heldenhaften Rettungsaktion zu berichten und Hermine schaffte es erst nach dem dritten Anlauf, ihn halbwegs abzuwürgen. Aber bevor sie wieder ihrer Wege gehen konnte, tauchte Snape auf, musterte sie alle und bevor er sich eines Besseren besinnen konnte, hatte er auch schon "Sieh an, die wunderschöne Miss Granger mit ihren Verehrern" gesagt und war dann im Sturmschritt verschwunden.

Die drei Jungs starrten ihrem Lehrer sprachlos nach und schauten dann Hermine an - Harry und Ron entrüstet und Jeremy mit einem riesigen Fragezeichen in den Augen. Hermine sah die drei einen Moment lang schweigend an und spürte, wie sie sich einfach nicht mehr zurückhalten konnte - einer ihrer berüchtigten Lachanfälle war im Anflug.

Harry und Ron, die das schon kannten und auch wussten, dass dann aus Hermine kein vernünftiges Wort herauszubringen war, zuckten nur mit den Schultern und gingen mit ihr - immer mehr lachend - Richtung Gryffindorturm. Jeremy allerdings heftete sich dreist an ihre Fersen und wollte unbedingt eine Erklärung. Schließlich drehte sich Harry genervt um: "Jeremy, merkst Du eigentlich nie, wann Du nicht willkommen bist?!"

Empört machte er kehrt und verschwand ohne ein weiteres Wort, worauf Hermines Lachen noch unkontrollierter wurde.

Als die drei endlich im Gemeinschaftsraum saßen, hatte Hermine sich immer noch nicht ganz beruhigt, aber aus ihrem Lachen war mittlerweile ein albernes Kichern geworden, was den beiden Jungs ganz schön auf die Nerven ging.

Schließlich hielt es Ron nicht mehr aus und er fauchte: "Hermine, ist ja klasse, dass Du Dich so blendend amüsierst, aber langsam reicht's! Außerdem haben Harry und ich ein paar Fragen..."

Hermine wurde schlagartig ernst und nach einigem Nachbohren hatte sie soweit alles erzählt. Zum Glück klingelte weder bei Harry noch bei Ron irgendein Glöckchen, als sie das Veritaserum erwähnte und sie verlegten sich auf das Grübeln, wer Snape einen solchen Trank untergeschoben haben könnte. Die Antwort auf diese Frage kannte Hermine schon seit ihrem merkwürdigen Gespräch mit Dumbledore - er hatte es zwar nicht direkt zugegeben, aber so gut wie. Sagen durfte sie aber trotzdem nichts, denn sie hatte dem Schulleiter ja Stillschweigen versprochen. Also hörte sie mehr oder minder gelangweilt die Mutmaßungen der Jungs mit an und beschäftigte sich eher mit der Frage, welche Gründe Dumbledore gehabt haben konnte. Harry und Ron kamen langsam auch auf das "Warum?!" und sie schaltete sich wieder in die Diskussion ein, die endlich von Rons knurrendem Magen unterbrochen wurde.

Zusammen machten sie sich auf den Weg zum Abendessen.