Kapitel 4: Dúnedain
6. März 3019 D.Z. Früher Morgen (Rohan)
Éomer hatte die ganze Nacht schlecht geschlafen. Es hatte leider nichts damit zu tun das er zu viel getrunken hatte, sondern viel mehr mit dem Gespräch das er gestern mitbekommen hatte. Er verstand immer noch nicht wie Amáries Verbindung zu den drei Elbenbrüdern war, aber es wurde immer offensichtlicher das es eine sehr enge war.
Neugierde war noch nie eine Eigenschaft gewesen die man mit ihm in Verbindung bringen konnte, doch die Waldläuferin schaffte es das zu ändern.
Nicht nur war sie ganz anders als die meisten Frauen die er kannte, sondern kannte auch die sonderbarsten Leute. Aber das war nicht was was ihn bis spät in die Nacht wach gehalten war die Sache mit dem Schild und Schwert die ihm keine Ruhe ließ. Als er es den anderen gegenüber erwähnt hatte, war es in dem Versuch mehr darüber heraus zu bekommen, doch alles was es ihm eingebracht hatte war mehr Verwirrung.
Auch wenn er nur die Hälfte von dem verstanden hatte, was gesprochen wurde war es auch dem Dümmsten ersichtlich das es gefährlich war, mit Amárie zu tun hatte und die Elben ihr verbieten wollten zu kämpfen. Letzteres war nichts neues, die Auseinandersetzung in Helms Klamm hatte sich um das selbe Thema gehandelt. Und sie reagierten auf die gleiche Weise wie er es tun würde, ginge es um Éowyn. Aber wie war ihre Verbindung zu Aragorn?
Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg fort. Es war noch früh und nach der nächtlichen Feier hielten sich die morgentlichen Aktivitäten in Grenzen. Éomer wusste das er später an Théodens Seite verlangt wurde. In Helms Klamm waren sie zwar als Sieger hervorgegangen aber der Krieg war damit noch nicht entschieden.
Doch bis dahin war noch etwas Zeit und diese wollte er für einen ausgedehnten Ritt ausnutzen, sowie er es sonst jeden Morgen mit Feuerfuß getan hatte. Er näherte sich den Ställen mit raschen Schritten und spürte wie sich ein Gefühl freudiger Erregung in ihm ausbreitete.
Seine morgentlichen Ausritte hatten immer dazu gedient ihm einen klaren Kopf zu verschaffen und sein Gemüt zu beruhigen. Er genoss den Wind im Gesicht und die Einsamkeit, wenn er und Feuerfuß über die Wiesen und Felder galoppierten und er sich einreden könnte es gäbe nichts um das er sich sorgen müsste. Hin und wieder nutzte er die Zeit um über Dinge bewusst zu werden oder Lösungen zu finden doch die meiste Zeit drängte er alles beiseite und atmete durch.
Die vertrauten Gerüche und die Wärme umfingen ihn augenblicklich als er den Stall betrat und es dauerte einen Moment bevor er die Stimme aus einer der hinteren Boxen hörte. Er konnte die Worte nicht verstehen, da sie elbisch waren und da die Stimme eindeutig weiblich war konnte es sich nur um Amárie handeln. Sie war die einzige Frau in Rohan von der er wusste das sie dieses Sprache beherrschte. Etwas verwundert über das Fehlen einer zweiten Stimme trat er näher und stellte fest das sie allein war.
Sie hatte den Rücken in seine Richtung gewandt und ihre volle Aufmerksamkeit gehörte Nachtschatten der sie immer wieder freundschaftlich mit der Nase anstubste als wollte er sie aufmuntern.
Eine Weile hörte er schweigend zu und stellte erneut fest wie schön die fremden Worte klangen. Selbst wenn sie ihm Beleidigungen an den Kopf warf fehlte der Sprache jeglicher harte Unterton, so als wäre sie nicht dafür geschaffen worden über unschöne Dinge zu sprechen.
Dennoch je länger er zuhörte umso mehr konnte er einen traurigen Beiklang ausmachen der ihm seltsam nahe ging.
Er musste ein Geräusch gemacht haben, den urplötzlich wirbelte sie herum und starrte ihn für einen Moment erschrocken an, bevor sie sich wieder fasste.
„Was tut ihr hier?"
„Die Frage ist wohl eher, was tut ihr hier Fálawyn, oder sollte ich besser sagen kleine Nachtblume?" Éomer wusste noch im selben Moment in dem die Worte seinen Mund verließen das es ein Fehler gewesen war sie mit ihren Spitznamen aufzuziehen. Die grüne Farbe ihrer Augen intensivierte sich so sehr, das er es selbst über die Distanz meinte leuchten zusehen, während sich ihr Körper derart versteifte das es lächerlich schien.
Doch statt wie er erwartete hatte einer Hasstirade ausgesetzt zu sein, oder einem weiteren rechten Haken beobachtete er wie sich ihre Hände immer wieder zu Fäusten ballten und wieder öffneten bevor sie ihm einen letzten vernichtenden Blick zuwarf und mit steifen Schritten an ihm vorbei starkste. Bevor sie an ihm außer Reichweite war, griff er nach ihrem Arm und hielt sie fest.
„Verzeiht," Beeilte er sich zu sagen. „Das stand mir nicht zu." Éomer war sich nicht ganz sicher warum er sich entschuldigte. Er gehörte nicht zu den Menschen die sich schnell dazu hinreißen ließen, auch wenn es eigentlich angebracht war. Und in diesem Falle konnte er sich nicht einmal vorwerfen etwas schlimmes getan zu haben. Aber Amárie schien heute besonders leicht reizbar.
Seufzend fiel die Anspannung von ihr ab. „Nein, ich bin es die sich entschuldigen sollte. Ihr habt nichts getan außer mich bei meinem Namen genannt."
Sie blickte ihn nicht an, macht allerdings auch keine Anstalten sich aus seinem Griff zu lösen. Zum ersten Mal wirkte sie ein wenig verloren. Normalerweise hatte die Waldläuferin eine Aura um sich die gerade zu danach schrie ihr Beachtung zu verleihen und nicht an ihr wirkte schwach oder unsicher. Da war immer etwas an ihr das ihr seinen Respekt einbrachte auch, wenn er es nicht offen zeigen mochte.
„Rohan ist zur dieser Stunde am schönsten," hörte er sich plötzlich selber sprechen. „Und auf dem Rücken eines Pferdes am besten zu betrachten!" Lud er sie tatsächlich gerade dazu ein mit ihm aus zureiten?
Offensichtlich tat er das und dem Lächeln auf ihren Lippen nach zu urteilen, hatte sie seine Einladung angenommen.
Zwei Stunden später fühlte sich Amárie besser als seit Tagen. Der einfache Ritt über die Wiesen und Felder hatten ihr eine Ruhe vermittelt die es ihr ermöglicht hatte durchzuatmen. Éomer stocherte nicht nach Antworten, obwohl sie wusste das er viele Fragen haben musste nach der gestrigen Nacht. Im Grunde genommen hatten sie überhaupt nicht miteinander gesprochen. Es herrschte ein angenehmer Friede zwischen ihnen und sie war dankbar, dass Éomer ihn nicht durch Reden unterbrach.
Doch natürlich hätte sie damit rechnen müssen, dass der neu gefundene Friede nicht lange anhalten könnte. Schon kurz nachdem sie die Tore nach Edoras passiert hatten konnten sie spüren das etwas passiert war. Die Leute waren aufgeregt und es wurde schnell klar, dass sich die Aufmerksamkeit auf Meduseld richtete. Sie tauschte einen schnellen mit Éomer, der genau wie sie die Aufregung um sie herum mitbekommen hatte. Fast gleichzeitig trieben sie ihre Pferde zu einem schnelleren Gang an um die Ursache herauszufinden.
„Was geht hier vor?" Herrschte Éomer eine der Wachen an noch während er vom Pferd sprang. Amárie zögerte nicht lange und folgte seinem Beispiel.
„Eine Gruppe von Männern, etwa dreißig Mann stark ist vor wenigen Minuten hier angekommen und verlangte mit den König zu sprechen." Beeilte sich der Mann Auskunft zu geben. „König Théoden und der Herr Aragorn sprechen zur Zeit mit ihnen."
Amárie war genauso ratlos wie Éomer aussah und drückte ebenso wie er, der Wache die Zügel ihres Pferdes in die Hand und folgte ihm in die Thronhalle Rohans.
Als sie die Halle betrat weiteten sich ihre Augen beim Anblick der sich ihr bot. In der Tat standen gut dreißig Mann vor dem Thron des Königs und unterhielten sich mit Théoden und Aragorn. Auch Gimli, Legolas und ihre Onkel waren anwesend, standen in der Menge und sprachen mit dem ein oder anderen. Ihr Eintreten weckte die Aufmerksamkeit aller, doch bevor sie etwas sagen konnte ergriff der König das Wort und stellte seinen Neffen vor.
Amárie war sich nicht sicher ob Théoden sie schlichtweg ignorierte oder von ihrer Verbindung zu den Anwesenden wusste und eine Vorstellung somit für unnötig hielt.
Die Dúnedain, das Volk der Waldläufer und ihrer Ahnen, brauchte jedoch wirklich nicht mit ihr bekannt gemacht zu werden. Die Männer nickten ihr kurz zu und einige lächelten sogar offen bevor sie sich wieder Aragorn und Théoden zuwendeten.
„Wenn du heute noch aufbrichst kannst du in zwei bis drei Tagen den Stein von Erech erreichen, Estel!" Erschall eine Stimme dessen Besitzer sie bisher noch nicht unter den Anwesenden entdeckt hatte, ihr aber vertraut klang. Elladan oder war es Elohir? Suchend blickte sie sich um. Beide Söhne Elronds standen dicht beisammen und es gelang ihr nicht die beiden auseinander zu halten.
„Das ist Irrsinn!" Protestierte Théoden und sie konnte es ihm nicht verübeln. „Die Wege der Toten werden nicht umsonst seit Jahrhunderten gemieden! Sie sind verflucht!"
„Es deine einzige Chance!" Protestierte einer der Zwillinge. „Sauron wird Minas Tirith angreifen und ohne die Hilfe der Herrscharr wird unsere Armee nicht groß genug sein um etwas auszurichten!"
„Die Armee der Toten gehorcht niemanden!"
„Sie wird dem Erben Isildurs gehorchen!" Dieses Mal waren es beide Zwillinge gleichzeitig und Amáries Mundwinkel zuckten, trotz der ernsten Situation, nach oben.
Éomer neben ihr beobachtete wie die meisten der Dúnedain die Situation schweigend und hatte wie sie sein Hauptaugenmerk auf Aragorn gerichtet. Der Erbe Isildurs sah alles andere als glücklich aus in seiner momentanen Lage. Offensichtlich hin und her gerissen zwischen dem was er tun musste und seiner eigenen Angst zu versagen.
„Estel, du musst sie an den Eid erinnern den sie einst geschworen haben!"
„Das ist doch Irrsinn! Eine Armee von Toten!" Schnaufte der Zwerg. „Kindermärchen!"
„Es ist kein Irrsinn!" Widersprach Amárie bevor sie sich selbst davon abhalten konnte. „Isildur hat das Heer verflucht, nachdem sie den Treueeid den sie ihm geschworen hatten gebrochen haben. Er rief sie in die Schlacht um ihn gegen Sauron beizustehen, doch feige und falsch flohen sie in die Berge. Isildur verfluchte sie dazu niemals Ruhe zu finden, bis zu dem Tag an dem sie ihren Eid erfüllen." Die meisten der Anwesenden kannten die Legende so gut wie sie selbst, dennoch befand sie sich nun Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und bereute so gleich etwas gesagt zu haben.
„Und ihr glaubt sie werden euch folgen, wenn ihr sie ruft und behauptet Isildurs Erbe zu sein?" Théoden war anzuhören, das er mehr als nur leichte Zweifel an dem Plan hatte.
„Nein," Es war einer der Zwillinge der wieder das Wort ergriff. „Aber sie werden ihm glauben, wenn er sie ruft und das hier vorzeigen kann!" Die Stimme des Elben hatte einen stählernen Beiklang als er etwas unter seinem Umhang hervor zog das eine Reihe von Gemurmel und überraschten Ausrufen nach sich zog.
„Ist es das wofür ich es halte?"
„Narsil!"
„Aber ich dachte die Klinge sei zerbrochen?" Es war das erste Mal das Éomer das Wort erhob und seine Frage war berechtigt. Wie der Pferdeherr auch, starrte sie voller Wunder auf die Klinge die einst Sauron den Ring entrissen hatte und nun in die Hände in seines rechtmäßigen Erben übergehen sollte. Alle blickten gebannt auf Aragorn der zu zögern schien.
Als würde er ihren Blick quer durch den Raum spüren blickte er hoch und starrte ihr direkt in die Augen. Fast wie eine stumme Bitte ihr bei seiner Entscheidung zu helfen.
„Es ist dein Schicksal!" Erwiderte sie. Ihre Aussage nahm nicht die Last von seinen Schultern und sie minderte auch nicht seine Angst vor dem was vor ihm lag. Sie zeigte ihm keinen Weg die Schlacht zu gewinnen oder bescherte ihm traumlose Nächte. Sie war einfach nur das was sie war: Eine unüberwindliche Wahrheit.
Man konnte sich sich sein Schicksal nicht aussuchen, lediglich lernen damit zu leben. Sich von dem Schwert seines Vorvaters abzuwenden würde nichts an dem ändern wer er war.
Amárie hatte das vor langer Zeit für sich selbst begriffen.
„Dann nehme ich mein Schicksal an!" Damit ergriff der Mann der ein mal König sein sollte nach seinem Erbe und Amárie hatte den Eindruck das er im gleichen Moment auch nach ihrem eigenen Griff. Nun wo er selbst das Schwert war wurde sie sein Schild.
Mit einem tiefen Seufzen blickte Aragorn in die Runde und nickte schließlich Elladan und Elohir zu. „Ich werde gehen!"
„Ich werde dich begleiten!" Versicherte Amárie ihm.
„Nein!" Erschall es gleich in mehreren Sprachen und von mindestens fünf Personen und erinnerte sie unangenehm an die gestrige Nacht. Nur das sich neben ihren Onkeln auch noch einige der Dúnedain und selbst Aragorn gegen sie verschworen hatten. Ihre Onkel rührten sich nicht von der Stelle, doch sie konnte die Entschlossenheit in ihren Gesichtern sehen und wusste das es ein weiteres Gespräch unter ihnen geben würde. Eines in dem keine Sterblichen anwesend waren um ihre Worte zurück zu halten. Seufzend ließ sie ihren Blick zu den anderen wandern und erblickte Legolas auf der anderen Seite des Raumes der sie mit einer Mischung aus Mitleid und Humor angrinste und sie war sich sicher das sie eine gute Portion Spott ernten konnte, wenn sie den Kopf zur Seite drehen würde wo Éomer stand.
„Es ist meine Aufgabe dich zu begleiten!" Versuchte sie es erneut, doch Aragorn blieb hart.
„Nein Amárie, deine Aufgabe liegt woanders."
„Wir wissen beide worin meine Aufgabe besteht und ich werde nicht gleich bei der ersten Gelegenheit versagen!"
„Niemand spricht davon das du versagst!"
„Wie soll ich dir Schild sein, wenn du mich nicht mit dir ziehen lässt. Sag mir, Aragorn wie soll ich mein Schicksal erfüllen, wenn jeder versucht mich davon abzuhalten?" Rief sie frustriert und zwang sich ihre Arme nicht wie ein bockiges Kleinkind vor der Brust zu verkreuzen.
„Wenn die Legende wahr ist, gibt es nichts wovor du mich beschützen musst." Argumentierte Aragorn und traf damit leider eine unliebsame Wahrheit. „Deine Aufgabe liegt hier. Du musst sie führen!"
Einen langen Augenblick herrschte Schweigen. Niemand konnte auf Anhieb die volle Tragweite von dem verstehen, was der Waldläufer gerade gesagt hatte. Es war Théoden der die Situation bis zu diesem Zeitpunkt höchst interessiert verfolgt hatte, der sich zuerst fasste. Noch bevor sie selbst einen Ton über die Lippen brachte ließ er seine Augen geschwind von ihr zu Aragorn gleiten und wieder zurück.
„Ihr wollt diese junge Frau zur Anführerin eurer Männer machen?" Fragte er ungläubig und starrte sie an als sähe er sie zum ersten Mal. Amárie fragte sich was er in ihre sah und was er denken würde, wenn er mehr über sie wüsste.
„Ich versichere euch Amárie hat mehr Winter erlebt als ihr selbst und versteht mehr von Kampf und Krieg als jeder eurer Männer!" Schaltete sich Aragorn wieder ein.
Die einzigen die über seine Aussage erstaunt waren, waren der König, Gimli und Éomer, der sie mit scharfen Blick von der Seite musterte.
„Ihr seid eine Dúnedain, Herrin?" Gimlis Frage bekräftigte sie mit einem raschen Nicken, bevor sie sich Aragorn zu wandte.
„Lass Halbarad die Dúnedain führen, Aragorn. Er kennt sie besser als jeder von uns beiden und ist ein guter Krieger. Lass mich mit dir kommen."
Aragorns Cousin hatte sie nie gut leiden können und hatte sicherlich keine Träne vergossen als sie fortgebracht wurde um in Lórien aufzuwachsen. Aber trotz allem war er ein guter Krieger und ein tapferer Mann. Die anderen Männer schätzten ihn und er würde ihnen ein besserer Anführer sein, als sie es je vermochte.
„Nein Amárie," Es war Halbarad der ihr widersprach und ihre Überraschung das ausgerechnet er Aragorns Entscheidung unterstützte, musste ihr deutlich im Gesicht stehen. „Es fällt dir zu uns zu führen. Es ist dein Weg und wir werden dir auf ihm folgen!"
Ihr Blick glitt wieder zu den Elben auf der anderen Seite, doch ihren Mienen war nichts zu entnehmen. Sie blickten ihr bloß ausdruckslos entgegen. In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher als ein aufmunterndes Lächeln. Irgendetwas das ihr versicherte das ihre Entscheidung, welche auch immer es war, in Ordnung sein würde. Doch da war nichts. Elben waren nicht wie Menschen. Sie gingen anders mit Situationen um und ganz egal wie viele Jahrzehnte sie in ihrer Gegenwart verbracht hatte, es änderte nicht daran das sie ein Mensch und von solchen sterblichen Gesten abhängig war.
Seufzend nickte sie Aragorn zu, der sie wie die meisten der Dúnedain anlächelte, doch sie registrierte es kaum. Immer wieder wanderte ihr Blick zu den Elben hinüber, während die anderen die kommende Schlacht besprachen.
Das Wesentliche bekam sie mit. Legolas und Gimli genau wie Elronds Söhne wollten Aragorn auf seiner Reise begleiten. Sie erfuhr auch das Gandalf bereits mit Pippin nach Minas Tirith aufgebrochen war. Warum konnte sie nicht heraus hören, nur das es etwas mit dem Palantir zu tun hatte, den den sie von Isengart mitgebracht hatten.
Auch die Rohirrim würden sich sammeln und Gondor beistehen, sowie es in alten Zeiten Sitte gewesen war. Doch ihre Chance die anstehende Schlacht zu gewinnen, war immer noch lächerlich gering. Théoden rechnete mit zehntausend Streitern, aus Gondor konnten sie bestenfalls mit fünftausend rechnen während die Zahl der Streiter aus den umliegenden Lehnen ungewiss war. Fünfzehntausend gegen eine unglaubliche Überzahl. Wenn es Aragorn nicht gelang die Verfluchten an ihren Eid zu erinnern würden sie kläglich und ruhmlos auf auf den Feldern der Pelennor sterben. Und dann würde Sauron nichts mehr im Wege stehen.
Am Ende ihrer Besprechung wurde klar, dass Aragorn noch am selben Tag zu den Wegen der Toten aufbrechen wollte, während der Rest von ihnen am nächsten Tag ins Hargtal reiten würde. Dort fand traditioneller weise die Herrschau der Rohirrim statt.
Sie wollte mit Haldir sprechen, doch als sie sich das nächste Mal um blickte war er genau wie seine beiden Brüder schon aus dem Raum verschwunden. Amárie seufzte und versuchte sich nicht noch mehr von den Familienzwistigkeiten ablenken zu lassen, als es eh schon der Fall war.
Der Tag hatte kaum angefangen und schon jetzt fühlte sie sich ausgelaugt und sie wusste das er noch lange nicht beendet war. Sie besprach sich mit Halbarad und kam zu dem Schluss, dass die Männer eine kurze Rast und etwas zu essen brauchten, bevor sie ihr weiteres Vorgehen besprechen konnten.
Éomer erwies sich als hilfsbereiter als sie erwartet hatte und somit verlief die Suche nach einem Quartier und etwas zu Essen problemloser als befürchtet. Leider war das lediglich die erste Hürde auf einer weiten Stecke, auf der sie das Ziel nicht einmal sehen konnte.
7. März 3019 D.Z. Früher Morgen (Rohan)
Neugierig betrachtete Éomer die Frau neben sich und überlegte wie er am besten mit seinen Fragen beginnen sollte. Es gab einiges das er nicht verstand und er hatte den Eindruck das jede Minute in ihrer Gegenwart mehr Fragen auf warf als beantwortete.
Seit sie gestern zur Anführerin der Dúnedain bestimmt worden war hatte er sie nicht mehr gesehen, denn er war damit beschäftigt gewesen die Vorbereitungen für ihren Aufbruch ins Hargtal zu treffen und war bis spät in die Nacht nicht zur Ruhe gekommen. Als er heute Morgen aufgewacht war, hatte er sich vorgenommen noch einen letzten Ausritt um Rohan zu unternehmen -wer wusste schon ob er je wieder zurückkehren würde?
Als er am Stall ankam hätte er eigentlich nicht überrascht sein sollen, Amárie dort anzutreffen wie am Tag zuvor. Wie es schien war er nicht der einzige der einen Ritt zu Pferd am frühen Morgen als entspannend ansah. Dieses Mal hatte er sie nicht fragen brauchen, sie war einfach mit ihm gekommen. In wenigen Stunden würden sie aufbrechen und somit bot sich ihm hier wohl vorerst die letzte -oder zumindest ungestörteste Chance mit ihr zu sprechen.
„Meine Ohren werden ihre Form nicht verändern, ganz egal wie lange ihr darauf starrt!"
Schuldbewusst wandte er seinen Blick wieder nach vorne. Sie hatten beide ihre Pferde gezügelt und ritten in einem gemächlichen Tempo nebeneinander her.
„Wie kommt es das ihr so viele Elben kennt?" Irgendwo musste er schließlich beginnen und die Frage erschien ihm so gut wie jede andere. Zudem hatte er sich in den letzten Tagen öfter dabei ertappt wie er ihr auf Ohren schaute.
„Ich bin unter ihnen aufgewachsen, in LothLórien."
„Aber ich dachte -"
„Das ich eine Dúnedain wäre?" Unterbrach sie ihn und blickte ihn an. Nickend bestätigte er ihre Frage.
„Das bin ich auch." Mit gekrauster Stirn wartete er darauf das sie weiter sprach, denn bisher schaffte sie mehr Verwirrung als Klarheit.
„Meine Mutter starb bei meiner Geburt, mein Vater wenige Jahre später!" Das Schicksal ihrer Eltern erinnerte ihn an das seiner eigenen, die beide getötet wurden als er gerade einmal elf Jahre alt gewesen war. Allerdings klärte das noch immer nicht warum sie unter Elben aufgewachsen war, statt bei ihrem eigenen Volk.
Sie schwieg eine lange Zeit ohne ihn an zu blicken und es schien als würde sie über etwas nachdenken. Schließlich schien sie eine Entscheidung getroffen zu haben und warf ihm einen flüchtigen Blick zu.
„Meine Ur-ur-urgroßmutter war Halbelbin. Der Elb in meiner Linie war ein Vetter von Haldir, Rúmil und Orophin. Sie haben ihm versprochen auf seine Tochter und deren Nachkommen acht zu geben sollte ihm etwas zustoßen."
Amárie musste nicht weiter reden damit er verstand was sie damit sagen wollte. Offenbar war der Fall eingetreten das ihre übrigen Verwandten sich um sie kümmern konnten.
„Dann seid ihr auch unsterblich?" Éomer konnte sich die Frage nicht verkneifen, ebenso wie er es sich nicht davon abhalten konnte sie ein weiteres Mal eingehend zu betrachten. In der Regel war er weder sonderlich neugierig noch gehörte er zu der Sorte Mann die eine Frau anstarrte. In Amáries Gegenwart schien er das jedoch öfter einmal zu vergessen.
„Nein!" Lachte die Waldläuferin und er empfand die Antwort als seltsam beruhigend. „Allerdings ist das Elbenblut in meiner Linie stärker als in den der meisten der Dúnedain. Mein Volk wurde vor Urzeiten von den Erstgeborenen mit einem unnatürlich langen Leben beschenkt und durch meinen Vorfahren, darf ich wohl mit einer ziemlich langen Lebensspanne rechnen. Sollte ich die Schlacht überleben, heißt das."
Damit traf sie sie ihn unerwartet. Für einen Moment hatte er die Schlacht und die Gefahr die aus Mordor drohte vergessen gehabt.
„Die Hoffnung auf einen Sieg ist gering!" Schnaufte er verdrossen. Éomer machte sich keinerlei falsche Illusionen. Sie würden kämpfen und bis zum letzten Mann das verteidigen was ihnen wichtig war, aber es war nicht anzunehmen das sie als Sieger aus dem Kampf hervorgehen konnten.
„Aber die Hoffnung ist es die uns kämpfen lässt." Erwiderte Amárie seufzend. „Und wenn es mein Schicksal ist in dieser Schlacht zu sterben, werde ich nicht davor fortlaufen!"
„Ihr sprecht immer wieder von eurem Schicksal, so als wäre es eine Bürde die euch von Kindheitsbeinen an aufgezwungen wurde! Was ist es das euch bestimmt ist?"
Dieses Mal schwieg sie solange das er schon nicht mehr damit rechnete das sie antwortete. Statt beharrlich auf eine Antwort zu pochen wie er es sonst vielleicht tun würde, nutzte er die Zeit um in ihrer Erscheinung nach ihren elbischen Wurzeln zu suchen. Es war weder eine lange noch eine schwere Suche. Ihre Größe und die feinen Züge ihres Gesichtes ebenso wie ihre schlanke Gestalt waren wahrscheinlich Zeichen ihres unsterblichen Erbes, während ihr widerspenstiges Gemüt wohl rein menschlich war.
Amárie war nicht das was man als unirdische Schönheit bezeichnen würde, aber niemand konnte abstreiten das sie hübsch war mit ihrem pechschwarzen Haaren und den lebhaft grünen Augen. Während die Elben, die er bisher kennen gelernt hatte, alle ein wenig unterkühlt wirkten schien die Waldläuferin das absolute Gegenteil. Fast überfüllt mit Energie und Leben, selbst wenn sie sich nicht aufregte oder kämpfte.
Trotzdem war es hart zu begreifen, das die junge Frau neben ihm wahrscheinlich älter war als selbst der älteste Mann in Rohan. Sie wirkte keinen Tag älter als seine Schwester und die zählte keine fünfundzwanzig Winter. Er überlegte sie gerade nach ihrem wahren Alter zu fragen, als sie wieder das Wort erhob.
„Aranarth, aus der Linie Isildurs war der letzte mit Anspruch auf den Thron Gondors. Doch statt seinen Platz einzunehmen verließ er Gondor und wurde der erste Stammesführer der Dúnedain – der Waldläufer. Aranarth ist ein direkter Vorfahr von Aragorn, dem letzten lebenden Erben Isildurs!"
Éomer hörte ihr aufmerksam zu. Im groben kannte er natürlich die Geschichte, sein Wissen beschränkte sich jedoch darauf das Aragorn Nachfahre Isildurs war. Von dem Waldläuferkönig hatte er nur bruchstückhaft gehört, kannte aber bis heute weder seinen Namen noch mehr über seine Person.
„Aranarth hatte zwei Söhne und eine Tochter." Fuhr sie fort und Éomer fragte sich worauf sie hinaus wollte. „Aus der Linie des Erstgebornene stammt Aragorns Vater ab, aus der des Zweitgeborenen seine Mutter Gilaren und da sie genau wie ihr Mann ohne Geschwister war, vereinten sie die beiden Linien durch ihren Sohn. Aragorn hat also in mehr als nur einer Weise Anspruch auf den Thron."
Noch fehlte ihn das Verständnis um das was sie sagte mit seiner ursprünglichen Frage zu verknüpfen, aber er konnte sehen das sie noch nicht fertig war. Also schwieg er für den Moment und wartete darauf das sie weiter sprach. Offensichtlich zufrieden mit seiner Geduld nickt sie.
„Die Linie von Aranarths Tochter endet mit mir."
Das ließ ihn den Kopf zu ihr herumreißen. Gondor wurde seit jeher von Männern regiert, wie die meisten Länder Mittelerdes, somit hatte sie keinen Anspruch auf den Thron. Jedoch war sie mit ihrer Abstammung dem Titel einer Prinzessin Gondors näher als jede andere Frau in diesen Landen. Amárie schien seinen Gedankengang offenbar nachzuvollziehen, denn sie lachte und schüttelte aber verneinend den Kopf.
„Nein ich bin keine Prinzessin. Zur Zeiten Isildurs gab es jedoch eine Tradition die heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Die erst geborene Frau der königlichen Familie bekleidete den Rang der Maharlika."
Stirn runzelnd blickte er sie an. „Maharlika? Von solch einem Rang habe ich noch nie etwas gehört!"
„Wie ich euch sagte, dieser Tage ist diese Tradition so gut wie vergessen. Der Titel besagt so viel wie Kriegs- oder Herrführerin. Sie würde-"
„Eine Frau als Herrführerin?" Schnaufte er und unterbrach sie harsch, bereute es aber sogleich als er in ihre Augen blickte.
„Ihr wart derjenige der mir eine Frage gestellt hat!" Schnappte sie sogleich. „Das euch meine Antwort nicht gefällt ist nicht mein verschulden. Und bevor ihr euch abfällig über die kämpferischen Fähigkeiten einer Frau auslasst solltet ihr sie erst einmal kämpfen lassen. Bei euch scheint es jedoch Sitte zu sein, einer Frau den Umgang mit der Waffe zu verbieten. Welch Wunder ist es da das sie damit nicht umgehen kann?" Fauchte sie aufgebracht und Éomer musste ihr bedingt recht geben.
Er war derjenige der sie gefragt hatte und es hatte ihm nicht zugestanden sich über sie lustig zu machen. Éomer hielt nichts davon Frauen kämpfen zu lassen. Es war nicht einmal die Tatsache das er es ihnen nicht zutraute, brauchte er sich doch lediglich Amárie anzuschauen um zu wissen das dieses Vorurteil nicht stimmte. Er war lediglich der Ansicht das kämpfen Aufgabe des Mannes war. Seine Aufgabe war es seine Familie zu beschützen. Frauen hatten andere Sorgen und Aufgaben und sollten sich nicht auch noch in die Schlacht stürzen müssen.
„Verzeiht! Bitte sprecht weiter."
Für einen langen Augenblick sah es so aus als würde sie sich lieber die Zunge abbeißen, als noch ein weiteres Wort mit ihm zu sprechen, doch schließlich fuhr sie fort.
„Die Maharlika begleitete den König von Gondor in die Schlacht und stand ihm beiseite. Während er das Schwert war, das die Feinde zurück trieb war sie das Schild das ihn schützte. Castamir, der Thronräuber brach mit dieser Tradition und obwohl er nur zehn Jahre regierte fand man nie wieder zu der alten Sitte zurück." Éomer hatte beim besten Willen keine Ahnung wann dieser Thronräuber regiert hatte, aber da allein die Herrschaft der Truchessen bald tausend Jahre wehrte konnte er verstehen wie diese Tradition vergessen werden konnte.
„Aranarth erzog seine Tochter jedoch, wie man zu Zeiten Isildurs eine Maharlika erzogen hätte. Er unterrichtete sie im Kampf mit dem Schwert, dem Bogen und auch wie sich sich bar jeglicher Waffen verteidigen konnte. Unter den Dúnedain ging der Brauch niemals verloren und jede Tochter die in dieser Linie geboren wurde, wurde auf die gleiche Weise erzogen und unterrichtet. Bis zur heutigen Zeit."
Obwohl ihm natürlich klar war was sie damit sagen wollte, benötigte er einige Zeit um das volle Ausmaß ihrer Worte zu fassen zu kriegen.
„Damit seid ihr also..."
„Maharlika, Schild von Gondor – Herrführerin der der gondorianischen Armee an zweiter Stelle nach dem König. Ja!" Etwas an der Art wie sie das sagte ließ ihm einen Schauder über den Rücken rinnen. Es war keine Arroganz in ihren Worten zu hören, nicht mal ein übermäßiger Anteil Stolz, eher so etwas wie Resignation.
„Ihr hört euch nicht sonderlich glücklich an." Stellte er nüchtern fest und wieder lachte sie freudlos.
„Traditionell hat nicht eine Maharlika die Herrschaft ihres Königs überlebt. Alle haben ihre Aufgabe erfüllt. Aber nun sagt mir wie ich meiner Aufgabe gerecht werden soll, wenn jeder mich davon abhält?"
Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er sie. „Mir scheint ihr könnt über den Rand eures Tellers nicht hinaus sehen." Entgegnete er und konnte das Gewitter das in ihren Augen aufzog nur bewundern. „Habt ihr eure eigenen Worte nicht gehört? Ihr seid Herrführerin und genau die Aufgabe hat er euch zugeteilt. Mir scheint also das Isildurs Erbe euch in keinster Weise davon Abhält eure Bestimmung zu erfüllen. Ihr scheint eure Aufgabe jedoch lediglich darin zu sehen für ihn zu sterben." Entgegnete er bestimmt und seine die Wahrheit seiner Worte störe ihn ungemein.
Amárie wollte etwas erwidern doch er schnitt ihr das Wort ab. „Ihr solltet für ihn kämpfen und ein wenig mehr Vertrauen beweisen für das was ihr so leidenschaftlich verteidigt. Oder reichen eure Fähigkeiten nicht zu mehr als einem heldenhaften Tod?"
Hätten Blicke töten können, wäre er sicherlich auf der Stelle regungslos vom Pferd gekippt ohne noch einmal mit der Wimper zu zucken. Ihre Augen hatten so ein intensives Grün angenommen, das sie zu leuchten schienen und er konnte nur einmal mehr davon fasziniert sein. Ob das auch von ihrem elbischen Erbe kam? Ihre nächsten Worte kamen ganz sicher daher und trotz des schönen Klangs war er sich der Beleidigung sicher bewusst.
Mit einem letzten Blick in seine Richtung stieß sie Nachtschatten schließlich ihre Fersen in die Flanken und galoppierte davon.
Seufzend blickte er ihr nach. Er hatte seine Worte nicht halb so ernst gemeint wie sie geklungen hatten, aber er wusste aus Erfahrung, das Wut manchmal ein guter Antrieb war. Sicherlich besser als Selbstmitleid und Vorwürfe und in diesen schien sie in den letzten zwei Tagen zu ersticken, seit sie die Auseinandersetzung mit ihren Verwandten hatte.
Wenn sie in der Schlacht jedoch nur den Hauch einer Chance haben wollten konnte es sich keiner Selbstzweifel leisten. Am allerwenigsten ein Herrführer.
TBC
