Kapitel 4: "Scherben"

Sie stieß die Tür auf.

Erleichtert registrierte sie, dass es nicht mehr Darrens Kinderzimmer war, sondern das man den Raum zu einem kleinen Wohnzimmer umfunktioniert hatte.

Anscheinend wohnte Annie im oberen Stockwerk der Eltern.

Und anscheinend hatten sie den Tod des Sohnes verwunden.

Das Leben ging weiter.

Umso wütender machte es sie, Steve Leopard auf dem Sofa sitzen zu sehen, die Arme lässig über der Lehne, ein Bein über das andere gekreuzt.

Sie hatten zu Abend gegessen, auf dem Tisch standen die Reste einer Mahlzeit zu zweit.

Als Gillian die Tür aufschlug und so unvermittelt im Raum stand, zuckte Steve zusammen und sprang auf.

„Gillian!", rief er erschrocken.

Die Augen der Vampaneze waren kleine Schlitze: „Du fieses Arschloch!", zischte sie.

Er wich vor ihr zurück.

Sie kam drohend auf ihn zu. „Wie kannst du es wagen, dich an Darrens Schwester zu vergreifen?"

Steve blieb stehen, und seine Augen wurden ebenfalls zu dünnen Schlitzen.

„Das ist etwas, womit ich euch beiden weh tun kann!", spie er aus und trat vor, um an Gillian vorbei den Raum zu verlassen.

„Fass sie nicht an!", fauchte Gillian und versetzte Steve einen Stoß, der ihn nach hinten taumeln ließ.

„Ich kann machen, was ich will!", rief er und wollte wieder weg, doch Gillian flittete nach vorne, und verpasste Steve einen so heftigen Stoß gegen die Brust, dass er von den Füßen gerissen und in hohem Bogen durch das geschlossene Fenster nach draußen flog.

Die Glasscheibe zerbarst splitternd, und in einem blitzenden Schauer von Scherben sauste der Lord der Vampaneze aus dem ersten Stock.

Gillian setzte sofort nach, und sprang in die Hocke auf die Fensterbank und sah durch die scharfkantig gezackte Öffnung wie Steve unten hart auf dem Rasen aufschlug.

Noch während ein Schauer von Glassplittern ihm den Weg hinab folgte, sprang Gillian mit gefletschten Zähnen hinterher.

Ihre Haare folgten ihr wie eine Piratenflagge, als sie auf Steve heruntersprang, die Hände zu Klauen geformt.

Steve war bei dem Aufprall alle Luft aus der Lunge gepresst worden, doch er hatte keine Zeit, sich zu erholen, er riß ein Bein hoch, und trat nach der Vampaneze, die drohte, sich auf ihn zu stürzen.

Er erwischte Gillian mit dem Schienbein in der Leibesmitte, und lenkte ihren Sprung ab, so dass sie keuchend wenige Meter neben ihm aufschlug.

Sie schlug ihre Krallen in die Erde, knurrte und drehte sich mit Schwung herum.

Steve richtete sich auf einem Arm und einem Bein auf, noch immer benommen, von dem Sturz.

Unter seiner Hand knirschten Glasscherben.

Gillian kauerte vor ihm, wie eine sprungbereite Katze, doch er wartete nicht ab, bis sie angriff, sondern schoß vor, und schlug mit den messerscharfen Fingernägeln seiner rechten Hand nach ihrem Gesicht.

Gillian konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen, Steves Klauen schossen Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt neben ihr durch die Luft.

Sie packte ihn am Kragen, zog ihr Knie an.

Doch er nutzte den Schwung aus, und rollte sich herum.

Gillian kam auf die Beine und hob die rechte Hand, bereit zuzuschlagen.

Steve trat ihr die Beine weg, und Gillian knallte hin.

Er packte sie an den Haaren, und sie schrie auf.

Ein schwarzer Schleier schob sich vor ihre Augen, und ein tiefes Knurren regte sich in ihrer Brust.

Steve zog sie schmerzhaft an den Haaren herum, so dass er ihr ins Gesicht sehen konnte.

Gillian fletschte die Zähne.

„Hör auf. Ich will nicht mit dir kämpfen", sagte Steve.

Ihre Augen waren schwarz wie Tinte, und sie schien ihn nicht zu hören.

Sie schnappte mit ihren Zähnen nach ihm, und Steve wich erschrocken zurück.

Er ließ sie los, und wollte weiter vor ihr zurück weichen.

Doch Gillian knurrte wie ein Tier, und flittete vor.

Erneut versetzte sie dem Lord der Vampaneze einen Stoß vor die Brust, der ihn davon schleuderte.

Er knallte mit Wucht gegen den Fuß eines Baumes und brach zusammen.

Gillian ging auf alle Viere herab, und kauerte wie zum Sprung bereit auf dem Rasen, die schwarzen Augen auf die Beute geheftet, die wenige Meter entfernt am Fuße desselben Baumes zusammengesackt war, an dem sie einst gelegen hatte.

Sie lauerte darauf, dass er wieder aufstand.

Doch er rührte sich nicht.

Der schwarze Schleier begann zu weichen.

Warum stand er nicht auf?

Die Gestalt lag zusammengesunken neben den mächtigen Wurzeln des Baumes, so wie er hingefallen war, mit dem Rücken am Boden, den Kopf zur Seite gerollt, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.

„Steve?"

War das Blut?

Unter seinem Rücken bildete sich eine Lache.

„Steve!", keuchte Gillian und kroch näher an ihn heran.

Jetzt sah und roch sie, wie unter seinem Rücken Blut hervorquoll und im Mondschein glitzernd in die Erde sickerte.

Sie beugte sich über ihn.

Sein Kopf lag schlaff auf der Seite, seine Augen waren geschlossen.

Mit zitternden Fingern hob sie eine Hand und fasste sein Gesicht und drehte seinen Kopf, so dass sie ihn ansehen konnte.

Er rührte sich nicht.

„Nein….", flüsterte sie.

Tränen schossen ihr in die Augen.

Sie legte sanft seinen Kopf auf der Erde ab, und packte ihn an einer Schulter, und schob ihn ein Stück herum, so dass sie seinen Rücken ansehen konnte.

Aus seinem Mantel ragte ein großes scharfkantig aufblitzendes Stück Glas.

Es steckte tief in seinem Rücken, und der Mantel tränkte sich rot.

Erschrocken zog Gillian die Luft ein, und schlug bei dem Anblick eine Hand vor den Mund.

Die Scherbe musste in der Erde gesteckt haben, und Steve war genau darauf gefallen, und sie hatte sich in ihn gebohrt.

„Steve?", flüsterte sie ängstlich, und zog ihn in ihren Arm, vorsichtig darauf bedacht, die Scherbe nicht zu berühren.

Als er keine Antwort gab, schluchzte sie auf.

„Nein! Bitte…"

Sie fuhr ihm mit der Hand über die Wange. „Du darfst nicht…"

Tränen liefen ihr übers Gesicht, und tropften auf ihn herab.

„Das wollte ich nicht…", schluchzte sie.

Sie sah auf die schlaffe Gestalt in ihrem Arm herab, und eine kalte Hand griff nach ihrem Herzen und drückte unbarmherzig zu.

Was habe ich getan?, dachte sie entsetzt.

Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände, beugte sich herab, so dass ihre Haare wie ein Vorhang rechts und links von ihm herab fielen, und küsste ihn auf die kalten Lippen.

Als sie sich wieder aufrichtete, schlug Steve die Augen auf.

Und grinste.

Gillians Herz setzte aus, nur um dann holpernd umso schneller weiterzuschlagen.

„Du…!", keuchte sie.

Sein Grinsen wurde breiter.

„Du…du Arschloch!", rief sie und schlug mit der flachen Hand nach ihm.

Er sah sehr zufrieden aus mit sich selbst, und das machte Gillian fuchsteufelswild.

Sie schlug ihm ins Gesicht, wenn auch nicht sehr fest, und Steve versuchte ihre Hand festzuhalten, doch Gillian rutschte von ihm weg.

Sie hatte wirklich geglaubt, sie hätte ihn verloren.

Noch immer brannte eine Leere in ihrem Herzen, die Trauer saß so tief und war so schmerzhaft, dass Gillian erschrocken über ihre eigenen Gefühle war.

Der Gedanke, Steve könnte sterben, entsetzte sie mehr, als sie in Worte fassen konnte.

Und er?

Er spielte mit ihr!

Sie stieß ihn von sich, und drehte sich weg, wollte nicht, dass er sie ansah, dass er es mitbekam, wollte nicht, dass er wusste, wie es in ihr aussah…

Es war, als hätte man ihr das Herz herausgerissen, und würde es schutzlos in die kalte Nachtluft halten…

„Gillian, warte!", lachte er, doch sie flüsterte: "Ich hasse dich."

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter, und wollte sie herumdrehen, so dass er ihr Gesicht sehen konnte.

Sie fuhr herum, mit fliegenden Haaren und wiederholte: "Ich hasse dich!"

Sein Grinsen erlosch.

Steve ließ sie erschrocken los, als er den Ausdruck in ihrem Gesicht sah.

Er war zu weit gegangen.

Hastig sprang Gillian auf und wollte einfach nur fort.

Doch Steve packte sie am Fußgelenk.

„Gillian!"

Sie stolperte und fiel der Länge nach hin.

Steves Hand umklammerte noch immer ihren Knöchel und sie trat nach ihm.

Doch er ließ nicht los, und kroch auf sie zu.

Sie stutzte.

Konnte er nicht aufstehen?

Ihr Atem ging schnell, und sie blickte mit brennenden Augen auf den Jungen, der sich auf die Ellbogen gestützt über den Rasen auf sie zu schob.

„Ich hasse dich…", zischte sie.

Aus Steves Gesicht war alle Überheblichkeit gewichen.

Bei ihren Worten sah er sie an, als verletze ihn das Gesagte schwer.

„Gillian, nicht…", bat er. „Geh nicht weg."

Er packte sie an der Hüfte und zog sich zu ihr heran, scheinbar unter Schmerzen.

Sie starrte ihn an.

„Verlass mich nicht…", sagte er und das Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Plötzlich sah er so jung aus.

Gar nicht wie der Steve, den sie kannte.

Er zog sich zu ihr heran, und sah zu ihr auf aus flehenden, verletzlichen Augen.

Der violette Glanz war schwächer als sonst, und Gillian sah in diesen Augen einen anderen Steve. Einen kleinen Steve, der von seiner Mutter geschlagen, misshandelt und alleine gelassen worden war.

Einen Steve, der keinen Vater hatte.

Genau wie sie.

Als sie ihn nicht von sich stieß, schlang er seine Arme um sie und verbarg sein Gesicht an ihrer Brust.

„Bleib bei mir…", flehte er und Gillians Herz verkrampfte sich.

Die kleine Gillian tief in ihr drin, kannte dieses Gefühl, sie verstand Steve.

Und sie fühlte genau so.

Sie schlang die Arme um ihn, und drückte ihn an sich.

Sie fühlte, wie er zitterte.

„Schon gut…", flüsterte sie sanft.

Sie streichelte seinen Kopf und fuhr ihm durchs Haar.

Weinte er?

Sie küsste ihn auf die Stirn. „Ich bin ja da…"

„Aber du gehst weg…"

„Ich geh nicht weg… Ich geh nicht weg."

Er drückte sie fester an sich, und Gillian klammerte sich ebenfalls an ihn.

„Aber du hasst mich!", klagte er.

Sie fuhr ihm mit der Hand durchs Haar. „Nein. Ich hasse dich nicht, Steve."

Er wurde ruhiger.

„Ich hasse dich nicht…", murmelte sie.

Eng aneinander geschlungen lagen die beiden auf dem Rasen hinter dem Haus von Darren Shans Eltern.

Hunderte Glasscherben umgaben sie glitzernd im Gras.

Sie klammerten sich einander, wie zwei Ertrinkende auf offener See.