4. Kapitel: Am Abgrund
Tanhis hörte den Hufschlag der Pferde, lange bevor sie schemenhaft die Silhouette der Tiere ausmachen konnte, erst dann machte sie Aragorn und Gimli darauf aufmerksam. Auch den beiden Freunden standen ihre Erwartungen deutlich zu Gesicht und sie selbst versuchte ihr möglichstes, um sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Sie wusste einfach nicht, wie sie diese Ungewissheit länger ertragen sollte, wie sie noch länger versuchen sollte, die Ruhe zu bewahren und überlegt und besonnen zu handeln, wo doch alles in ihr im Aufruhr war.
Doch dann spürte sie plötzlich eine warme Hand auf ihrem Arm und Augenblicklich merkte sie, wie ihr Atem ruhiger wurde, sich der Schlag ihres Herzen verlangsamte und die Einsamkeit sie nicht mehr einzuschnüren versuchte.
Aragorn löste erst dann den Körperkontakt wieder, als Elladan endlich das Lager erreicht hatte und die fragenden Blicke reichten aus, um den Elben dazu zu veranlassen, ihnen genau zu berichten, was vorgefallen war. Als er endete, konnte er deutlich die Zweifel in den Gesichtern der Freunde erkennen und jetzt, da auch er mit Ruhe über den Plan von Elrohir nachdachte, kamen auch ihm starke Zweifel. Hatten sie richtig gehandelt? Oder waren sie zu übereilt und unbedacht an die ganze Sache heran gegangen?
Abwartend musterte er das Gesicht von Aragorn, denn er konnte sehen, wie dieser das Gehörte verarbeitete und schon bald zeichneten sich die ihm wohl bekannten Falten auf dessen Zügen, die Elladan nur zu gut kannte. Als Aragorn dann zu sprechen begann, wurden die Vermutungen des Elben bestätigt.
„Ich hätte es mir denken können, Bruder. Elrohir handelt immer überstürzt und überlegt erst hinterher richtig, wenn er sich in einer ausweglosen Lage befindet und ihr nicht mehr zu entkommen vermag! Aber du hättest es besser wissen müssen!" Ein rauer Husten unterbrach seine Worte. „Aber es lässt sich jetzt nichts mehr daran ändern und wir müssen sehen, dass wir das Berste daraus machen, obwohl ich denke, ihr habt uns keinen Gefallen mit eurem Handeln getan. Jetzt sind unsere Gegner gewarnt! Sie wissen, dass jemand nach Legolas sucht und sie werden nicht so dumm sein zu glauben, dass sich Elrohir alleine auf der Suche befunden hat! Wir werden vorsichtig sein müssen und unser weiteres Handeln genau überdenken."
Elladan seufzte, hütete sich jedoch davor, seinem Ziehbruder zu widersprechen, denn dieser hatte nur zu Recht! Er warf einen Blick in die Runde und hoffte dort ein aufmunterndes Lächeln oder eine andere zuversichtliche Geste zu finden, aber auch der Zwerg und Tanhis waren wie Aragorn in tiefe Gedanken versunken. So verging einige Zeit schweigend, nur unterbrochen von den schweren Atemzügen und unterdrücktem Husten, den Aragorn quälte.
Schließlich war es Tanhis, die als erste zu sprechen begann.
„Wir müssen uns trennen. Ich glaube nicht, dass sie damit rechnen, dass mehr als ein Suchtrupp losgezogen ist! Und selbst wenn sie dann eine Gruppe von uns entdecken und ebenfalls gefangen nehmen, kann die andere immer noch Verstärkung holen oder zu Hilfe eilen…"
Gimli runzelte die Stirn. „Aber wenn wir uns aufteilen, wären wir nur zu Zweit! Und du hast selber gehört, dass das Gelände um den Eingang nur durch den schmalen Pass zu erreichen ist. Es ist also sinnlos sich zu trennen, wenn es sowieso nur einen Weg gibt! Und zu Viert können wir uns leichter verteidigen."
„Nun Gimli, es gibt schon noch eine Möglichkeit an den Eingang zu gelangen – von oben!" Elladan rieb sich das Kinn. „Zugegeben, der Abstieg wäre nicht ungefährlich, denn man kann an der Felswand nur zu leicht entdeckt werden. Es sei denn…"
„Es sei denn, die Aufmerksamkeit der Wachen wäre abgelenkt.", vollendete Tanhis den Satz und ihre Augen leuchteten erfüllt von dem Gefühl, endlich etwas tun zu können. "Wie teilen wir uns auf?"
Aragorn räusperte sich und sah Gimli an. „Bei allem Respekt Dir gegenüber, mein Freund, aber ich glaube nicht, dass es für dich zu schaffen ist einen solchen Abstieg zu bewältigen…"
„Aber in Höhlen findet sich wohl kaum jemand so gut zurecht, wie ein Zwerg!", fiel ihm Gimli mit geschwellter Brust ins Wort. „Unter der Erde bin ich schließlich zu Hause!"
Aragorn lachte heiser. „Ein gut zu berücksichtigender Aspekt! Aber dann musst du mit jemanden gehen, der im Notfall in der Lage ist, dein Gewicht zu halten."
„Oh, ich habe nicht vor den Halt zu verlieren…", brauste der Zwerg auf.
Aragorn lächelte milde, aber Elladan kam ihm mit einer Entgegnung zuvor. Also werden Tanhis und ich euren Abstieg sichern! Wir können uns besser in den Felsen am Pass verbergen und euch mit Pfeil und Bogen den Rücken frei halten. So beschäftigen wir diese Kreaturen sicher lange genug und ihr könnt den Grund erreichen und den Stein vom Eingang rollen."
Tanhis wäre natürlich viel lieber mit in die Höhlen gegangen, doch sie sah ein, dass sie Gimli niemals würde halten können. Elladan legte ihr aufmunternd den Arm auf die Schulter. „Wenn wir alle Orks aus dem Weg geräumt haben, folgen wir den Beiden!"
Aragorn erhob sich, schloss kurz die Augen und erklärte dann: „Also worauf warten wir noch? Je eher wir aufbrechen, desto eher finden wir Legolas und meinen zu leichtsinnigen Bruder."
Das Lager war schnell abgebrochen, denn in der Zeit ihrer Wanderschaften, wusste jeder um seine Aufgaben und erledigte sie mit geübter Hand. Alles, was sie nicht mit in die Berge nehmen konnten, packten sie auf den Rücken der Pferde und schulterten nur das Notwendigste. Mit einem aufmunternden Klaps auf die Flanken trieben sie die Tiere zum Trab an, die auch sogleich ihren Weg zurück in die Wälder antraten. Um sie brauchten sie sich keine Sorgen zu machen. Sie kannten den Weg zurück in den warmen Stall und waren in der Lage, sich selbst um ihr Futter zu kümmern.
Aragorn sah ihnen dennoch nach und kam nicht umhin, die Trennung von Brego zu betrauern. Sein treuer Gefährte hatte ihn in dieser Kälte wenigstens etwas zu wärmen vermocht und wenn er an den langen Fußmarsch und die ihm bevorstehende Kletterpartie dachte, überkam ihm nicht gerade große Zuversicht. Er fühlte sich matt und niedergeschlagen, seine Brust schmerzte bei jedem Atemzug, doch der Stein in seiner Hand lag warm und schwer darin und erinnerte ihn an sein Versprechen. Er straffte die Schultern, atmete tief durch, ignorierte den Protest seiner Lungen und riss sich vom Anblick der Pferde los, wandte sich um und schloss zu den Freunden auf, die sich bereits ein Stück von der alten Lagerstatt entfernt hatten.
Bei Einbruch der Nacht erreichten sie die Ausläufe der Berge und sie beschlossen, dass restliche Licht noch auszunutzen und so lange weiter zu gehen, bis es zu dunkel war. Also trennten sie sich und jede Gruppe schlug den Weg ein, um schließlich an die Stelle zu gelangen, die Elladan ihnen beschrieben hatte.
Erst spät veranlasste Aragorn Gimli mit einer Geste dazu zu rasten und sie legten sich, jeder in seinen Umhang gewickelt, auf den steinigen Boden und versuchten etwas Schlaf zu finden. Bereits beim ersten Sonnenstrahl machten sie sich wieder auf den Weg und nahmen ihr Frühstück im Gehen zu sich. Je weiter sie vorankamen, desto unwegsamer wurde das Gelände. Schotter und lose Steine brachte sie immer wieder ins Rutschen und nachdem Gimli einige Male fast ausrutschte und nur mit Mühe Halt finden konnte, zog Aragorn das Seil von seiner Schulter.
„Ich denke, es ist für uns beide sicherer.", bemerkte er auf Gimlis empörte Widerrede. Nachdem auch er sich den Strick um den Leib geschlungen hatte, übernahm er die Führung, prüfte bei jedem Schritt den Untergrund auf seine Beschaffenheit und nahm auch einen kleinen Umweg in Kauf, wenn dieser mehr Sicherheit versprach. Neben ihnen ragte auf der einen Seite eine steile Felswand empor und eine eben solche stürzte neben ihnen in die Tiefe, gab aber auch eine freie Aussicht auf die weite Ebene. So waren sie zügig eine gute Zeit lang vorangekommen und konnten bereits den Gipfel vor sich im Dunst der Wolken erkennen, als Gimlis einen überraschten Laut ausstieß und sich im nächsten Moment auch schon das Seil straffte und sich um Aragorns Brust schnürte. Bevor er richtig reagieren konnte, fiel er auch schon auf die Knie und wurde auf den Abgrund zugezogen, ebenso wir Gimli. Verzweifelt versuchte er einen Halt zu finden, schürfte sich dabei die Hände schmerzhaft auf und bekam erst einen größeren Felsbrocken zu packen, als Gimli mit einem Aufschrei über den Rand des Vorsprunges verschwunden war.
Gimlis Gewicht zog mit immer mehr Kraft das Seil um Aragorns Brust zu und der kantige Fels schnitt Aragorn tief in die Hände, doch mit verzweifelter Entschlossenheit klammerte er sich an dem Felsen fest, während er versuchte, mit den Füßen einen Halt zu finden um sich abzustützen. Schließlich fand er einen schwachen Halt, versuchte den Schmerz in seinen Händen zu verdrängen und begann, sich Stück für Stück höher zu schieben und zu ziehen. Bald schon brannten seine Muskeln in den Armen vor Anstrengung und der Schweiß lief ihm über Gesicht und Rücken. Gimli rief um Hilfe und zappelte, ruderte in der Luft mit den Armen und brachte so das Seil zum Schwingen.
„Halt endlich still.", stieß Aragorn hinter zusammengepressten Zähnen hervor und augenblicklich verstummten Gimlis Hilferufe und wurden von einer Schimpftriade abgelöst, die Aragorn in einer weniger brenzlichen Situation ein Lachen entlockt hätte. Mühsam zog er sich immer höher und als er das Gefühl hatte, wenigstens den Versuch wagen zu können, löste er eine Hand vom Fels und packte das Seil. Unter all seiner noch verbliebenen Kraft zog er es Zentimeter um Zentimeter höher, stemmte sich mehr mit den Füßen ab und nahm auch die andere Hand vom Fels. Nachdem er sich das Tau einige Male um das Gelenk geschlungen hatte, nestelte er an dem Knoten an seiner Brust, bis er ihn gelöst hatte. Sofort entglitt ihm unter Gimlis Gewicht das Seil und grub eine tiefe Furche in sein Fleisch, aber dann konnte er es wieder abfangen und wickelte es um den Felsvorsprung. Nachdem er sicher war, dass der Knoten halten würde, kroch er an den Abgrund und fand Gimli gar nicht weit von sich baumelnd, immer noch schimpfend, aber er hielt sich fest an das Seil geklammert.
„Gimli!"
Der kurze Ruf genügte und als der Zwerg Aragorn über sich erblickte stieß er einen erleichterten Seufzer aus, doch sofort überspielte er seine Angst mit weiteren Flüchen.
„Bei den Valar! Du hast dir ganz schön viel Zeit da oben gelassen!"
Doch als er die Hand erblickte, die sich ihm nun entgegenstreckte, verstummte er augenblicklich.
„Lass das Seil los und versuche mich zu packen.", versuchte Aragorn seinen Freund zu überreden, doch Gimli kostete es sichtliche Überwindung, die verkrampften Finger zu lösen und wiederum kostbare Minuten gingen verloren, bis sich die Hände und Finger ineinander gefasst hatten.
Aragorn zog Gimli langsam aber stetig auf die Kante zu, bis dieser selbst den Rand packen konnte und die Rettung mit seiner eigenen Kraft unterstützen konnte. Die Handschuhe die der Zwerg trug, und die Aragorn eben noch im stillen verflucht hatte, weil sie den Halt ihres Griffes minderten, schützten nun jedoch Gimlis Hände, sodass er schmerzlos die Kanten und Splittern des Felsen packen konnte und schließlich konnte Aragorn ihn am Gürtel greifen und ihn völlig in Sicherheit ziehen. Immer noch hatte Aragorn jeden seiner Muskeln angespannt und erst als sie ein Stück vom Abgrund entfernt an einem flachen Felsen gelangten, glaubte er an ihre Rettung.
„Ich habe dir gleich gesagt, dass das mit dem Seil keine gute Idee ist!", schimpfte Gimli. „Fast wären wir beide in die Tiefe gestürzt!"
Aragorn begegnete seinem aufgebrachten Blick. „Ohne das Seil wärst du jetzt tot.", entgegnete Aragorn leise.
„"Ich hätte mich viel besser halten können, wenn du mich nicht so vorangezerrt hättest, Ich…"
Gimli verstummte, als Aragorn sich erschöpft auf den Rücken rollte und der Zwerg die rasselnden, schweren Atemzüge vernahm. Ohne ein weiteres Wort löste er seinen Wasserschlauch vom Gürtel und reichte ihn Aragorn, der dankbar einige tiefe Züge nahm und ihn dann an den Zwerg zurückgab.
„Wir sollten weiter. Bis zum Gipfel ist es nicht mehr weit und wir können vor Einbruch der Nacht dort sein." Aragorns Stimme zitterte leicht, doch der Blick mit dem er Gimli begegnete ließ keinen Einwand des Freundes zu und so blieb ihm nichts, als dem Menschen zu folgen.
Sie kamen langsamer voran, weil es Aragorn sichtlich Mühe kostete, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Seine Muskeln waren steif und verkrampft von der Anstrengung und in Hände und Gelenk pulsierte der Schmerz im Schlag seines Herzen. Doch sie gelangten an ihr Ziel, als die Sonne bereits so tief stand, dass sie die Berge in oranges – rotes Licht tauchte. Aragorn fand nicht die Kraft, auch nur den Blick auf seine Umgebung zu lenken, geschweige denn, auch nur noch einen Schritt weiter zu gehen und ließ sich einfach auf die Knie sinken. Seine Schultern verließen die Anspannung und sanken nach vorn, sein ganzer Körper drückte grenzenlose Erschöpfung aus.
„Ich kann einfach nicht mehr, Gimli." Seine Stimme war nur noch ein schwacher Hauch.
Gimli zuckte zurück, als er die Hand auf Aragorns Schulter legte und in dessen Gesicht sah. Dort spiegelte sich nicht nur die Anstrengung der letzten Stunden und die Sorgen um Legolas, dort fanden sich auch alle Anzeichen dafür, dass die Erkältung an seinen Kräften zehrte. Er war blass, Schweiß glänzte auf Stirn und Schläfen und obwohl sein Körper eine ungeheure Hitze ausstrahlte, spürte Gimli das gleichmäßige Zittern wenn Aragorn eine erneute Welle der Kälte über die Haut lief. Er brauchte erst gar nicht die Hand an dessen Stirn legen, um sich sicher zu sein, dass er vor Fieber glühte.
„Was denkst du eigentlich, woraus du gemacht bist? Aus überstrapazierbarem Gestein? Du ruhst dich jetzt aus und ich werde unser Lager für die Nacht aufschlagen – und wehe, du rührst dich!"
Aragorn wollte etwas erwidern, doch als er die Luft einzog, reizte das seinen Hals derart, dass er gar nicht aufhören konnte zu Husten. Als der Hustenkrampf endlich verebbte, wagte er keinerlei Widerspruch mehr, sondern saß einfach nur da, die zerschundenen Hände im Schoß und wartete darauf, dass Gimli mit seiner Arbeit fertig wurde.
Er merkte erst, dass er eingeschlafen war, als Gimli ihn sacht rüttelte und ihm einen Becher Tee an die Lippen hielt. Eine Decke hing um seine Schultern und ein lebhaftes, kleines Feuer tanzte vor ihm und hielt den Frost von ihnen fern. Ein großer Felsbrocken schützte sie vor dem eisigen Wind der über den Gipfel wehte.
Der Tee schmeckte bitter, aber er wärmte ihn langsam von innen, breitete sich in seinem Körper aus und das Zittern seiner Hände ließ nach.
Gimli zog die Augenbrauen hoch, stieß ein missbilligendes Brummen aus und durchwühlte Aragorns Bündel. Zufrieden zog er eines der alten Hemden hervor und noch eher der Besitzer protestieren konnte, hatte er es auch schon in breite Streifen gerissen, die er zum Teil in den Topf über dem Feuer warf.
„Altes Zwergenrezept.", brummte er in Aragorns Richtung. „Hilft gegen fast alles. Aber vor allem bei Fieber. Trotzdem wird es deinen Händen sicher nicht schaden:"
Aragorn nickte müde und erhob auch keinen Einwand, als Gimli sich schließlich daran machte, seine Hände von Staub, Steinsplittern und Dreck zu befreien und zu bandagieren. Hin und wieder zuckte er unter einer weniger sanften Berührung zurück, doch ohne auch nur eine Klage zu äußern. Zufrieden mit sich und seinem Werk erhob sich Gimli endlich und holte etwas ihres Reiseproviants aus seinem eigenen Bündel.
„Hier, du solltest etwas essen und dich dann schlafen legen. Morgen brauchst du deine Kräfte für den Abstieg. Ich möchte nicht mit dir in dieser Steilwand hängen und du bist zu schwach um dich zu halten. Ein Absturz reicht mir vollkommen!"
Aragorn musste trotz aller Müdigkeit und größerer und kleinerer Schmerzen lächeln. „Ich werde mein bestes tun, mellon nin. Wecke mich wenn die Nacht halb herum ist, damit ich dich ablösen kann."
Gimli nickte ihm kurz zu und sie speisten schweigend. Anschleißend wickelte sich Aragorn fester in seine Decke und war auch schon eingeschlafen, bevor Gimli ihm noch eine gute Nacht wünschen konnte.
Als Gimli die Wachablösung nahte, kroch der Zwerg zur Feuerstelle, in der nur noch die letzte Glut schwelte und legte Brennholz nach, dann versuchte er Aragorn zu wecken, doch alle Versuche blieben Erfolglos. Er schlief den tiefen Schlaf der Erschöpfung.
„Ha! Wecke mich zur Wachablösung! Das ich nicht lache! Wie lange hast du schon nicht mehr eine Nacht durchgeschlafen, Jungchen?" Fürsorglich zog er die Decke bis hoch unter Aragorns Kinn und setzte die Wache bis zum Morgen fort.
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„Noch ein Elb? Kannst du mir sagen, was ich mit noch einem Elben will?"
Môrrash sah gereizt auf den Orkführer vor sich.
„Er hat Euch verhöhnt mein Herr!"
„Warum habt ihr ihn nicht umgebracht?"
„Wir dachten, Ihr könntet ihn noch gebrauchen..."
Môrrash musterte die unfähige Kreatur, die ihn mehr zugrunzte, als dass sie mit ihm sprach. Er dachte nach – sollte er sich den Elben ansehen, bevor er ihn umbringen würde? Oder konnte sich ein Gefangener mehr, als Vorteilhaft herausstellen? Schließlich konnte jeder Hinweis sich als sehr nützlich erweisen – sei er vielleicht auch noch so klein. Immerhin war es besser, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen, um vor bösen Überraschungen gefeit zu sein!
Einige Minuten betrachtete er die abscheuliche Kreatur vor sich mit unbewegter Mine, dann knurrte er ungehalten: „Bringt ihn her! Zusammen mit dem anderen!"
Während der Ork davon ging, nahm Môrrash wieder auf seinem steinernen Sitz platz. Seine Hände griffen in seinen Nacken und hoben die Kapuze seines Umhangs tief in sein Gesicht. Er wollte sich zuerst ein Bild von dem neuen „Besuch" machen, bevor dieser sich eines von ihm machen konnte und er wußte, dass es manchmal besser war, wenn ein Gegner nicht wußte, mit wem genau er es zu tun hatte.
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Mit einem lauten Knarren, schob sich die Tür auf, die die beiden Elben in ihrer Zelle hielt. Legolas sah kurz zu Elrohir, doch dieser nickte ihm zu – er würde an seinem Entschluss, sich als Prinz des Düsterwaldes auszugeben, festhalten. Ohne sich zu wehren – es würde ihnen ohnehin nichts nutzen, die Orks waren in der Überzahl und die Elben ohne Waffen – ließen sie sich die Arme auf den Rücken binden und gingen wortlos mit den Kreaturen in Richtung der großen Halle.
„Gibt es hier gar keine Fluchtmöglichkeiten?", fragte Elrohir Legolas auf elbisch, als sie gerade in Reichweite nebeneinander gingen. Legolas schüttelte den Kopf.
„Ich habe nichts entdecken können!"
„Haltet eure dreckigen Mäuler!", kam ein Ruf von hinten und Elrohir wurde wieder von Legolas weggezogen.
Kurz bevor sie die große Halle erreichten, in der Môrrash seinen Sitz hatte, überkam Legolas die schon gewohnte Hitze, sicherer Vorbote, für einen erneuten Anfall. Ihm wurde schwarz vor Augen und Schwindel überkam ihn, wobei er für den Bruchtal einer Sekunde schwach erleuchtete Felswände sah und das Knurren und Stampfen von Orks, die sich dem dunklen Eingang näherten, der sich wie ein schwarzes Auge vor ihm auftat. Legolas taumelte, wollte sich instinktiv an der Wand abstützen, doch so schnell die Empfindungen diesmal gekommen waren, waren sie auch schon wieder verflogen. Ein kurzer Blick, glitt zu Elrohir, doch dieser schien nichts bemerkt zu haben.
Die beiden Elben wurden in den Saal gezerrt und vor den erhöhten Sitz des dunklen Herrschers, der schon fast einem Thron glich, geführt. Als sie keine Anzeichen machten, nieder zu knien wurden sie gewaltsam dazu gezwungen und mit rauen Händen hinunter gedrückt.
„Tztz...du müsstest es doch eigentlich schon kennen, vor mir nieder zu knien...und doch machst du es nicht freiwillig...so ein dummes Elbchen...", sagte Haldur im amüsierten Unterton, erhob sich langsam und geschmeidig und ging auf die beiden zu. Während seiner Worte, streichelte er Legolas beinahe fürsorglich über die Haare, bis er ihn, als wäre er ihm lästig geworden, nach vorne schmiss. Legolas, seiner Arme beraubt, konnte sich nicht abfangen, drehte sich jedoch auf die Seite, bevor er auf dem Boden aufkam und ersparte sich so die größten Schmerzen.
Haldur schien dies allerdings nicht zu interessieren und ging weiter zu Elrohir, doch dann stockte ihm der Atem. Er kannte diesen Elben! Es war einer der Zwillinge, einer der Bastarde Elronds! Nein, das konnte nicht sein! Grob griff er nach dem Kinn des Elben und zwang ihn so, ihn anzusehen. Es bestand kein Zweifel – er hatte Elrohir ó Imladris in seiner Gewalt. Im Stummen schickte er ein Stoßgebet an die Valar, dass sein Gesicht in den Tiefen der Kapuze verborgen war und der Elb es nicht sehen konnte…
Haldur wand sich in der Umklammerung seines Gegners und versuchte alles, um diesen Kampf zu seinen Gunsten zu ändern, doch obwohl er körperlich dem Zwilling weit überlegen war, hatte dieser ihn so geschickt gepackt, dass jeder Versuch zwecklos war.
Sein Bruder stand mit einem triumphierenden Lächeln am Rand des Übungsplatzes, und betrachtete sich das Schauspiel, das sich ihm bot, ohne einzugreifen. Elrohir lachte schließlich auf, lockerte seinen Griff und verlagerte sein Gewicht so geschickt, dass Haldur auch den letzten Halt verlor und sich die eine Hälfte seines Gesicht in den Schlamm drückte.
„Besiegt!", stellte er mit Stolz in der Stimme fest und befreite seinen Gegner aus seiner misslichen Lage, gab ihn frei und bot ihm die Hand zu Hilfe, als er selbst stand. Haldur ignorierte diese Geste und versuchte seine Wut zu unterdrücken, die in ihm kochte, rappelte sich vom Boden auf und griff nach seinem Schwert, das er während des Kampfes verloren hatte.
Elladan klopfte seinem Bruder auf die Schulter und grinste Haldur an: „Das du dich inzwischen von so einem Winzling´ wie meinem Brüderchen besiegen lässt…! Also wirklich, Haldur. Dein Ruf als bester Kämpfer dürfte darunter sehr leiden!" Die Zwillinge brachen in schallendes Gelächter aus, und Haldur merkte, wie seine Wangen bei diesen Worten vor Zorn brannten. Die Brüder wandten sich ab und in jenem Moment verlor er seine Beherrschung, stürmte mit erhobenem Schwertknauf auf sie zu und schlug seinen Kampfpartner nieder, der immer noch lachend und freudig über den Sieg redend, auf dem Rückweg war.
Schadenfreude übermannte ihn, als er sich daran erinnerte, wie er den Zwillingen ihre Erniedrigungen heimgezahlt hatte und auf seinem Gesicht zeigte sich ein höhnisches Grinsen.
Er ließ Elrohir los und stieß dessen Kopf mit mehr Kraft als nötig nach hinten. Es bot sich hier für ihn die Gelegenheit, den Elben all die Demütigungen und den Spott heimzuzahlen, den er und sein Bruder ihm zugefügt hatten. Nicht zu schweigen vor der Schmach, die er hatte ertragen müssen, als er sich vor dem angeblich „unehrenhaften" Angriff vor Herrn Elrond hatte rechtfertigen müssen.
„Wer bist du? Und was willst du hier?", fragte er. Auf die Antwort war er gespannt...
Elrohir funkelte ihn wütend an, und Legolas der sich wieder aufgerappelt hatte, blickte ein wenig unsicher zu seinem Freund, doch dieser schien zu wissen, was er tat.
„Ich finde es unhöflich, Fragen zu stellen und sich dabei zu verbergen! Ich bin es gewohnt, demjenigen, mit dem ich spreche, direkt in die Augen zu sehen!"
Auf einen Wink Haldurs hin, griff ein Ork in Elrohirs dichte Haare und riss seinen Kopf nach hinten. Haldur selbst beugte sich nah an das Gesicht des Elben heran und säuselte: „Du bist aber nicht in der Position Wünsche zu äußern oder gar Befehle zu stellen... Also: Wer bist du?"
Der Griff in seinen Haaren lockerte sich wieder ein wenig. Elrohir blickte kurz zu Legolas, bevor er wieder zu Môrrash sah.
„Nennt mir einen Grund, warum ich Euch das sagen sollte?" Er wollte zumindest erst versuchen, seinen Gegner auf Schwachstellen zu testen...
Môrrash sah ihn einen Moment lang an, bevor er in schallendes Gelächter ausbrach. „Einen Grund? Bitte schön!" Er winkte einen Ork herbei und deutete auf Legolas. Mit einem Grunzen, ging dieser zu dem silberhaarigen Eben und hielt ihm ohne Umschweife, sein Krummschwert an den Hals.
„Wenn du es nicht sagst, ist er tot!", erklärte Haldur fachmännisch und sah zwischen den beiden Elben hin und her.
Elrohir stockte der Atem, er musste handeln – dass sein Gegenüber direkt so handgreiflich werden würde, hatte er nicht gedacht. Andererseits...was hatte er erwartet?
Legolas schluckte unmerklich und sah nervös zu Elrohir. Er glaubte nicht mehr so ganz an den Plan seines Freundes...
„Wenn ich es sage, lasst Ihr ihn leben!"
Haldur verdrehte die Augen und winkte bejahend ab.
„Ich bin der Prinz des Düsterwaldes!", entgegnete Elrohir nun mit fester Stimme, die er sich selbst gar nicht zugetraut hätte.
Haldur stutzte einen Augenblick und hätte er etwas getrunken, er hätte sich unweigerlich vor Lachen daran verschluckt. Aber auffallen durfte er jetzt nicht! Was wollte dieser Bruchtalelb ihm da erzählen? Er, Elrohir, sollte der Prinz des Düsterwaldes sein? Für wie dumm hielt er ihn eigentlich? Wenn er eines nicht leiden konnte, dann war es, das man versuchte, ihn an der Nase herumzuführen. Er blickte mit neuem Interesse zu dem anderen Elben und betrachtete ihn mit mehr Sorgfalt. Man sah direkt, dass seine Gegenüber von zwei verschiedenen Elbenvölkern stammten... Aber wieso sollte sich Elrohir als Prinz des Düsterwaldes ausgeben? Damit er ihn nicht umbringen würde? Nun...das konnte ein Grund sein, wobei er, jetzt wo er wusste, dass es Elrohir war, ihn sowieso nicht umgebracht hätte. Da wären viel schönere Erpressungen drin gewesen... Sein Blick glitt wieder zu Legolas und er musterte ihn noch einmal ganz genau. Elrohir und der Düsterwaldprinz waren Freunde...das wusste er. Der blonde Elb vor ihm stammte außerdem ganz zweifelsfrei ebenfalls von den Waldelben ab, dass konnte er anhand der Kleidung, aber vor allem an den typischen Merkmalen, wie Haar- und Augenfarbe erkennen. Könnte es nicht...?
Môrrash durchlief eine freudige Erregung und er ging wieder zu seinem Sitz, rief einen der Orks herbei und sprach in orkisch zu ihm, so dass die Elben ihn nicht verstehen konnten: „Geh zu meinem neuen „Haustier" und kitzele ihn mit deiner Lanze. Danach kommst du wieder!" Es gab da ein Gerücht, dass sich nun entweder bestätigen würde, oder aber als falsch erweisen würde. Doch es war immerhin einen Versuch wert…
Der Ork nickte und eilte krummbeinig aus der Halle. Haldur sah wieder zu den beiden Elben und begegnete Elrohirs festem Blick.
„Was ist? Hat es Euch die Sprache verschlagen?", giftete der jüngere Bruchtalzwilling.
„Oh ja...das hat es ganz gewiss!", antwortete Haldur amüsiert und befahl, die Waffe von Legolas' Hals zu nehmen. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern... Stille kehrte ein und Haldur war damit beschäftigt, die Ringe an seinen Fingern zu betrachten.
Elrohir wandte unauffällig den Blick zu Legolas und sah ihn fragend an, doch dieser schien genauso wenig zu wissen, was ihr Gegner vorhatte. Doch plötzlich sackte er zusammen und krümmte sich vor Schmerzen. Wieder kam diese Hitze über ihn und es war ihm fast, als spürte er Stiche in der Seite, wie als würde man ihm mit einer Schwert oder einer Lanze die Haut einritzen. Ein unterdrücktes Stöhnen entrann seinen Lippen und er biss die Zähne zusammen, damit nicht ein zweites folgen würde.
„Mellon!", rief Elrohir und sah mit Schreckgeweiteten Augen zu Legolas. Flink sprang er auf die Beine und war in wenigen Schritten bei seinem Freund, doch helfen konnte er mit gefesselten Armen nur wenig. Legolas wandte sich vor ihm auf dem Boden und Schweiß benetzte seine Schläfen. „Mellon...", flüsterte Elrohir eindringlich und endlich schien der Anfall Legolas los zulassen. Er richtete sich vorsichtig auf und sah Elrohir mit schmerzverzerrtem Gesicht an. „Es ist nichts...", brachte er aus zusammengebissenen Zähnen hervor und Elrohir wurde umgehend wieder von ihm fortgezogen.
Haldur hatte dies alles stillschweigend mit angesehen und war sich nun seiner Macht bewusst. Wieso hatte er nicht schon früher daran gedacht? Er wusste, dass zwischen dem Prinzen – dem echten Prinzen – und dem Wesen eine Verbindung bestehen musste wenn er den Geschichten über das Drachenblut Glauben schenken konnte. Nun sah er voll Genugtuung und Wut auf die beiden Elben vor ihm. Sie hatten tatsächlich versucht ihn hinters Licht zu führen! Aber er hatte es zu vereiteln gewusst. Er hatte den Prinzen! Und den Sohn Elronds noch dazu! Besser konnte es gar nicht mehr kommen! Aber Strafen würde er sie! Strafen, für ihre eigene Dummheit. Sterben lassen konnte er sie nicht, aber er konnte sie an den Rand des Lebens führen... Gut gelaunt machte er sich daran, den Spieß umzudrehen und sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.
„Bringt den Blonden dort rüber und bindet ihn fest!"
Die Orks grunzten, packten Legolas an den Armen, so dass sie im unnatürlichen Winkel abstanden und schleiften ihn hinüber zu einer Wand. Legolas biss die Zähne zusammen und versuchte, in dem er seine ganzen Muskeln anstrengte, die Haltung seiner Arme zu korrigieren. Doch die Strapazen seines letzten Anfalls machten ihm noch zu schaffen. Schnell jedoch spürte er kaltes Metall an seinen Handgelenken, doch die gewonnene Freiheit seiner Gelenke währte nur kurz und er wurde in die Höhe gezogen, seine Arme über seinem Kopf zusammengebunden und mit einem Schnitt eines Messers, war seine Tunika entzwei.
Elrohir beobachtete dies mit Besorgnis. Was hatten sie vor? Zornerfüllt wandte er sich an Môrrash. „Was tut Ihr? Ihr habt mir Euer Wort gegeben, dass Ihr ihm nichts tun werdet!" Er zerrte und ruckte verzweifelt an seinen Fesseln.
„So? Habe ich das? Nun, ich habe nur gesagt, dass ich ihn nicht sterben lasse..."
Mit einem Lächeln auf den Lippen ging er zu Legolas hinüber, der ihn entschlossen, allem standzuhalten, ansah. Haldur griff nach dem Dolch des Orks und hielt ihn galant in seiner Hand. Legolas spannte derweil alle Muskeln in seinem Körper an – sein Gegenüber konnte nichts Gutes im Sinne haben...
„Und? Wirst du mir auf meine Fragen antworten – Prinz des Düsterwaldes?", fragte er an Elrohir gewandt und sah nicht einmal zu Legolas, als er ihm den Dolch über die Brust zog. Der Elb zuckte zusammen und biss die Zähne aufeinander und fast gleichzeitig ließ sich ein schauerliches Gebrüll vernehmen, dass selbst den Boden der Halle vibrieren ließ.
Elrohirs Augen weiteten sich. „Was wollt Ihr wissen?"
„Alles!", erklärte Haldur und ritzte Legolas' Haut ein zweites Mal ein. Legolas fühlte die warme Flüssigkeit seinen Bauch hinunterlaufen und das Brennen, das von den Wunden herrührte.
„Fragt! Bei den Valar, ich kann nicht antworten, wenn Ihr mir keine Frage stellt! Verschont ihn! Er ist nur ein Krieger und hat mit der Sache nichts zu tun!", rief Elrohir und wünschte, dass Legolas durchhalten würde.
Môrrash überkam wieder der Zorn. ‚Nur ein Krieger...' Beinahe gelangweilt holte er wieder mit dem Dolch aus und ließ ihn auf Legolas nieder sausen, doch diesmal hatte der Elb reagiert und sich soweit an die Mauer gedrückt, dass die Schneide ihn nur leicht steifte. Haldur drehte sich erzürnt um und gab ihm darauf hin eine saftige Ohrfeige, während das Grollen in der Tiefe langsam erstarb.
„Haltet ihn fest!", rief er zu den Orks und deutete dabei auf Legolas. Seinem Befehl wurde umgehend Folge geleistet und eine der Kreaturen griff in dessen Haare und hielt seinen Kopf zurück, andere packen seine Arme und hielten ihn so, dass er nicht mehr zurück weichen konnte. „Und jetzt halten wir still...", säuselte Môrrash und ließ seinen Dolch über die Wangen des Elben gleiten.
„Was für eine Frage hättet Ihr denn gerne...Prinz?", rief er wieder zu Elrohir und wickelte sich eine Strähne von Legolas' Haaren um seine Finger.
Elrohir sah ihn mit offenem Mund an – was spielte dieser Môrrash für ein Spiel? Als er nicht antwortete, hörte er nur, wie Haldur Legolas die Strähne abriss und der hellhaarige Elb aufstöhnte.
„Fragt! Fragt irgendetwas!", sagte Elrohir finster. „Und verschont ihn endlich!"
„Jetzt wo ich darüber nachdenke...mir gefällt es, Euch vor mir winseln zu sehen. Macht Ihr das vor Euren Untertan auch?", fragte er wieder an Elrohir gewandt, trat aber im gleichen Moment Legolas die Beine weg, so dass der Elb sein ganzes Gewicht mit den Armen halten musste und ihm die Hände bald taub wurden. Wieder erklang ein entferntes, unterirdisches Knurren, dass Elrohir einen Schauer über den Rücken jagte.
„Hört auf mich zum Narren zu halten!", rief Elrohir finster. „Fragt endlich!"
„Oh...wo wir gerade bei Thema sind...", sagte Haldur, sah noch einmal zu Legolas und fuhr mit dem Dolch über seinen Bauch, so dass dieser aufstöhnte. Er gab den Orks ein Zeichen ihn loszulassen und Legolas wäre gefallen, wäre er nicht an die Wand gekettet gewesen. Jetzt hob er unter Anstrengung den Kopf und sah Môrrash nach, der auf Elrohir zuging.
Die Orks, die Legolas in Schach gehalten hatten, schmissen Elrohir auf die Erde und drückten ihn so zu Boden, dass er sich nicht mehr rühren konnte.
„Wer will hier wen zum Narren halten...mein Prinz...oder sollte ich lieber sagen: Elrohir?"
Der angesprochene Elb sah ihn mit aufgerissenen Augen an. „Ihr müsst mich verwechseln!"
Er wurde unterbrochen, als Môrrash auch ihm den Dolch über die Wange zog.
„Oh nein mein Elb...ich täusche mich nicht! Und ihr beide täuscht mich auch nicht! Ich weiß, dass ich den Prinzen habe und den Fürsten von Bruchtal! Aber ihr...ihr hättet mich nicht für so dumm halten sollen! Es wäre euch besser ergangen...!"
Er gab den Orks ein Zeichen, die sogleich auf Elrohir eintraten, der sich kaum wehren konnte, ohne Arme, die ihm immer noch auf den Rücken gebunden waren. Er biss die Zähne zusammen und versuchte an etwas anderes zu denken, damit die Schmerzen ihn nicht übermannen würden.
„Lasst ihn! Wenn Ihr schon wisst, dass ich der Prinz bin, warum tut Ihr ihm dann so etwas an?", kam es leise, aber drohend von Legolas, der den Kopf gesenkt hatte. Zum einen, weil ihm die Kräfte durch den Blutverlust schwanden, zum anderen, weil er nicht sehen konnte, wie sie Elrohir folterten.
„Das ist eure eigene Schuld!", sagte Haldur nur und sah zu Elrohir. Die Orks hatten von ihm abgelassen und er lag ohnmächtig vor ihm. Blaue Flecken bildeten sich bereits im Gesicht des Zwilling und Haldur war sicher, dass dieser die ein oder andere gebrochene Rippe davongetragen hatte. Ein Grinsen trat auf sein Gesicht.
„Bringt die beiden zurück in ihre „Gemächer"!"
Knurrend griffen die Orks nach Elrohir und schliffen ihn hinter sich her. Legolas wurde losgebunden und ebenfalls mitgeschleppt. Als sie an der Zelle ankamen, wurden sie grob hineingeworfen und ihnen die Fesseln abgenommen. Legolas nahm das alles kaum war, das Bewusstsein schwand auch ihm. Er schaffte es noch, den Blick zu heben und zu sehen, wie die Türe mit Knarren zu ging, dann fiel auch er neben Elrohir in tiefe Bewusstlosigkeit.
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Gimli fuhr erschrocken hoch, als er von einem Aufschrei geweckt wurde und blickte sich, noch vom Schlaf gefangen, verwirrt um. Kurz vor Morgengrauen hatte ihn die Müdigkeit überwältigt und er war im Sitzen neben dem Feuer eingenickt. Jetzt glühte es nur noch schwach und die Kälte des neuen Herbsttages hatte seine klammen Finger nach den beiden Gefährten ausgestreckt.
Aragorn hatte das Gesicht in den Händen vergraben und stützte sich auf den Knien ab, sein Atem bildete weiße Dampfwolken in der Morgenluft. Gimli traute sich nicht, auch nur das kleinste Geräusch zu verursachen, denn er konnte sehen, dass jeder von Aragorns Muskeln aufs Äußerste gespannt war und der Mensch trotzdem noch im Schlaf gefangen war. In diesem Zustand würde er sich sicher auf alles stürzen, dass ihn reizte und erst hinterher würde er sich die Zeit nehmen, in die Realität zurück zu kehren. Dennoch wollte Gimli den Freund aus diesem Albtraum befreien, der ihn scheinbar quälte und so stand er leise auf und machte sich zur Abwehr bereit, bevor er Aragorn laut beim Namen nannte. Seine Stimme war noch nicht ganz verklungen, als Aragorn hochfuhr, den Dolch in einer fließenden Bewegung in der Hand hatte und schwer atmend sein Ziel anvisierte, doch als er Gimli erfasste, klärte sich sein Blick und sein Arm sank kraftlos hinab.
„Gimli.", murmelte er benommen, rieb sich mit der freien Hand über die Augen und schüttelte den Rest des Schlafes ab. „Wie spät ist es? – Lass uns aufbrechen, Tanhis und Elladan warten sicher schon in Sichtweite der Steilwand…"
Gimli beobachtete mit einem missmutigen Brummen, wie Aragorn sich an seiner Lagerstatt zu schaffen machte und diese mit zitternden Fingern zusammenpackte, doch er wußte, dass er auf seine Frage nach einer Erklärung nur einen stummen Blick erhalten würde. Also machte er sich ebenfalls daran, seine sieben Sachen aufzuräumen und in seinem Bündel zu verstauen. Hin und wieder wagte er einen Seitenblick auf Aragorn, der nach dem Schlaf zwar etwas erholter aussah, dessen Husten aber immer noch keuchend in regelmäßigen Abständen erklang. Doch auch zu diesem Umstand verlor der Zwerg kein Wort, verstaute sein Bündel auf seinem Rücken und erstickte die restliche Glut mit Sand und Steinen.
Sie setzten zügig den beschriebenen Weg fort und ihre Schritte fanden bald wieder den inzwischen aufeinander abgestimmten Rhythmus und ließ sie gut vorankommen. Aragorn behielt immer den Stand der Sonne im Blick, sowohl als Orientierung, als auch dazu, die Zeit einzuschätzen, denn er wollte pünktlich am vereinbarten Treffpunkt erscheinen, damit sie so rasch wie möglich den Elben finden und befreien konnten.
Noch immer steckte ihm die Erkältung in den Knochen, aber noch mehr machte ihm sein Traum zu schaffen, der sich hartnäckig in seinem Kopf festgesetzt hatte und ihm nur zu lebendig vor Augen stand. Dazu mischte sich eine dunkle Bedrohung, die ihn schon eine ganze Weile auf dieser Suche begleitete und die ihn in erhöhte Unruhe versetzte…
Er konnte sich des Gefühls nicht erwähren, dass mehr hinter dieser ganzen Sache steckte, als sie sich jetzt alle bewusst waren. Aber umso mehr er sich bemühte, dieses Gefühl zu deuten oder seine Ursache zu bestimmen, desto weniger konnte er es fassen. Also versuchte er es nicht weiter und konzentrierte sich wieder auf ihren Weg, doch schon bald spukten in seinem Kopf wieder die Bilder des Traumes.
Er hatte Legolas gesehen, viele Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit, die sowohl friedvoll gewesen waren, als auch an die Kämpfe, bei denen sie sich beigestanden hatten. Und dann hatte er ihn wieder so gesehen, wie er ihn damals zusammen mit Tanhis in den Höhlen und Tunneln gefunden hatte; schwach, verletzt und nur noch ein Schatten von dem schönen Elb, der er sonst gewesen war. Die Narbe auf seiner einen Gesichtshälfte, zwar verblasst und dünn, die Rinyaviê ihm damals zugefügt hatte, war nicht das einzige Überbleibsel an diese Zeit. Noch immer, wenn er dem Freund heute ins Gesicht sah, fand er darin die nicht vergessenen Qualen und auch die Spuren, die ihm diese Gefangenschaft bereitet hatte. Sicher konnten auch Tanhis und Gimli sehen, was für jemanden, der den Elben nicht so gut kannte, nicht ersichtlich war. Und was würden dieses Mal für Spuren bleiben? Welche Erinnerungen sich in Legolas' Gedächtnis einbrennen – gerade in diesem Augenblick – die nie wieder auszulöschen waren?
Aragorn merkte gar nicht, wie er seine Schritte beschleunigte, weil er schon jetzt das Gefühl hatte, zu viel kostbare Zeit verloren zu haben. Er setzte alles nur auf dieses eine Ziel, nämlich so schnell wie möglich zu Legolas zu gelangen und dabei vergaß er alles um sich herum! Gimli, seine Umgebung, seine Vorsicht und auch seine eigene Verfassung.
„…Aragorn! Aragorn! Halte ein!"
Gimlis Stimme riss ihn so aus seinen Gedanken, dass er einen Moment nicht wußte, wo er sich befand, oder wer ihn überhaupt gerufen hatte. Er verharrte regungslos, starrte auf seine Hände, die sich an die Felsen vor ihm klammerten, doch das Bild verschwamm vor seinen Augen, verzerrte sich und klärte sich erst, nachdem er kurz die Augen geschlossen und tief durchgeatmet hatte. Fast gleichzeitig spürte er auch die Erschöpfung, die Enge in seiner Brust und die Hand des Zwerges, die sich sachte auf seine Schulter legte.
„Junge! Kannst du mir vielleicht einmal erzählen, was du hier eigentlich tust? Weißt du eigentlich, was Legolas mit mir machen würde, wenn er wüßte, dass ich dich in deinem Zustand hier herauf gelassen habe? Verflucht seinen Elladan und vor allem Elrohir! Dieser Narr hat alles nur noch schlimmer gemacht….."
Einige Zeit schimpfte Gimli so weiter vor sich hin, wobei er Aragorn die Wasserflasche in die eine Hand drückte und wenig einfühlsam den Verband, oder das, was noch davon übrig war, von der anderen Hand entfernte. Er achtete nicht auf Aragorns Reaktion angesichts dieser rauhen Behandlung, noch auf seine Widersprüche über die Notwendigkeit einer erneuten Versorgung. Der Zwerg machte seinem Ärger gehörig Luft und endete erst, als er auch Aragorns zweite Hand neu umwickelt hatte und er sah, dass sich dessen Atem wieder weitgehend normalisiert hatte. Dann zog er selbst die Luft tief in seine Lungen und begleitete seinen tadelnden Blick mit eben solchen Worten.
„Du willst dich wohl selbst umbringen, anstatt diese Kreaturen von Orks das erledigen zu lassen, was? Taumelst hier wie ein Wahnsinniger, am Ende deiner Kräfte durch jede Schlucht und das in einem Tempo, als wären alle dunklen Feinde Gondors noch hinter dir her? Was glaubst du, wie lange du das noch durchhalten kannst? – Ach, ich will gar keine Antwort darauf haben. Jetzt ruhst du dich noch etwas aus, schließlich bist du so gerannt, dass wir viel zu früh sind und noch mindestens drei Stunden haben, bevor Tanhis und Elladan endlich ihren verabredeten Standort erreichen!"
Verwirrt blickte Aragorn auf den Stand der Sonne und sah sich dann seine unmittelbare Umgebung genauer an. Gimli hatte Recht! Die Sonne stand noch nicht sehr hoch am Himmel und hinter dem nächsten Tal erhob sich bereits der Berg mit der Steilwand, die Elladan ihnen beschrieben hatte! Nicht einmal eine Stunde würden sie bis dorthin benötigen und in Tanhis' und Elladans Blickfeld geraten, wenn diese ebenso pünktlich waren.
Aragorn ließ müde den Kopf gegen den Fels hinter sich sinken und schloss die Augen. Es war ihm, als fehle ihm jede Erinnerung daran, wie er an diesen Ort hier gelangt war. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er den Weg bis hierher nicht einmal wahrgenommen hatte, sondern regelrecht „blind" hinter sich gebracht hatte. Nicht auszudenken, was seine Unvorsichtigkeit sie alle hätte kosten können! Ein falscher Schritt in der Nähe einer Schlucht, oder ein verräterisches Geräusch, das die Aufmerksamkeit eines Spähers erregt hätte und nicht nur er selbst, sondern auch Gimli wäre verloren gewesen.
Aragorn machte sich nichts vor - durch seine Schuld hätte ihr ganzer Plan scheitern können! Von nun an würde er sich zusammennehmen und sich nicht wieder in Gedanken verlieren, die ihm jetzt ohnehin nicht weiter brachten, sondern eher das Gegenteil bewirkten.
Er trank einen Schluck aus dem Wasserbeutel und genoss die Kühle, die das Kratzen im Hals für einen Moment linderte, doch dann reizte ihn wieder der Husten und nachdem er endlich abgeklungen war, begegnete er dem Blick von Gimli.
„Geht's wieder? Hier, der Tee ist zwar kalt, aber er wird helfen – etwas Besseres haben wir nicht. Und iss auch das hier."
Aragorn fand einen Becher und ein Stück Lembas in seinen Händen wieder und widersprach dem Zwerg nicht. Erst jetzt merkte er, wie hungrig er war und so saßen die beiden Freunde bei ihrem kargen Mahl zusammen und stärkten sich für den schwierigsten Abschnitt ihres Weges.
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Aragorn war froh über seinen Mantel, als die Aufwinde von der Schlucht tief unter ihnen, in kalten Böen über die Felswand bliesen. Der Herbst hatte nun endgültig die Herrschaft über das Land ergriffen und während in Minas Tirith sicher noch der ein oder andere wärmere Sonnenstrahl die Landschaft und Menschen verwöhnte, hatte sich hier in den Bergen letzte Nacht bereits wieder Wolken gebildet. Hoffentlich machte ihnen jetzt nicht auch noch ein Regenschauer einen Strich durch die Rechnung, denn sie mussten heute klettern – ein zurück gab es zudem nicht mehr.
Wieder wagte er einen Blick in die Tiefe und schluckte. Es war ihm nicht klar gewesen, wie hoch diese Steilwand wirklich war, als Elladan ihnen davon berichtet hatte und der Grund lag noch in weiter Ferne. Er versuchte, sich besser an dem Felsvorsprung fest zu halten und schaute zu Gimli auf, der sich verbissen abwärts bemühte, was aufgrund seiner Größe noch schwieriger war, als für Aragorn.
Aragorn blickte erneut hinunter und versuchte abzuschätzen, wie weit es noch war und wo sie eine Verschnaufpause einlegen könnten. Er spürte, wie Gimli an dem Seil ruckte, als dieser den nächsten Abschnitt in Angriff nahm und setzte auch seinerseits den Fuß vorsichtig auf den nächsten Vorsprung. Als seine Finger und Zehen halt fanden, kehrte seine Zuversicht zurück, dass sie es schaffen würden und er ließ seinen Blick diesmal nicht in die Tiefe, sondern über die Landschaft gleiten. Die Aussicht war fantastisch und er hätte sie genossen, wären sie nicht aus diesem unerfreulichen Grund hier. Fast fühlte er sich, als würde er von den Winden getragen und hätte er Flügel, so würde er sich in die Lüfte hinaufschwingen und über die Schlucht hinwegfegen…
„Gib Acht, Aragorn!" Gimlis Befehl ließ ihn aufmerken und erinnerte ihn daran, dass er eindeutig keine Schwingen besaß; er ließ sich auf den Absatz hinab und stand schwer atmend da, bis Gimli neben ihm war.
„Macht Spaß, was? Ich meine, mir immer neue Sorgen zu bereiten! Ich dachte schon, du bist wieder so unaufmerksam, wie heute Morgen! Wie weit ist es eigentlich noch?"
Aragorn lachte freudlos auf. „Weit genug, um sich den Hals zu brechen! Komm, es warten da unten eine Menge Orks auf deine Axt!"
Sie stiegen weiter hinab und Aragorn sah zu, dass er sichere Handgriffe fand und sich so langsam hinabließ, dass Gimli mit seinem Tempo mithalten konnte. Er suchte gerade einen sicheren Tritt für seine Füße, als er hörte, wie Metall auf dem Fels aufschlug, sein Kopf fuhr herum und er sah gerade noch, wie etwas Graues, leicht Rostiges neben ihm in die Schlucht stürzte. Er sah nach oben, wo Gimli mit ausgestreckten Armen und Beinen am Fels klebte.
„Gimli!"
„Weiter, Aragorn! Sie haben uns entdeckt und wir geben prächtige Zielscheiben ab!"
Aragorns Herz blieb bei dieser Vorstellung einen Moment lang stehen und er veränderte seine Position, um besser sehen zu können. Von dem schmalen Vorsprung, auf dem sein rechter Stiefel stand, rieselten Steinchen hinab.
Unter sich entdeckte er nun den Grund und in den Schatten sah er mehrere Gestalten die wild durcheinander riefen und hin und her rannten. Einige bleiben stehen und richteten ihre Schusswaffen nach oben – Pfeil und Bogen, aber auch die ein oder andere Armbrust. Wie zur Bestätigung vernahm ein zischen und nahm das Blitzen eines weiteren Pfeils wahr.
„Beeil dich Gimli! Noch ein kurzes Stück, und wir gelangen an einen breiteren Vorsprung, um Atem zu schöpfen und das Feuer zu erwidern! Wenigstens so lange, bis Tanhis und Elladan endlich auftauchen und uns Deckung geben können!"
„Wo stecken die beiden denn nur!", schimpfte der Zwerg, wartete jedoch nicht erst auf eine Antwort, sondern kämpfte sich weiter abwärts. Endlich gelangten sie auf den Absatz. Weitere Pfeile schlugen neben ihnen ein und salziger Schweiß lief über Aragorns Gesicht und brannte ihn in den Augen. Rasch hatte er Pfeil und Bogen in der Hand und riskierte einen Blick über die Felskante. Augenblicklich brauste der Bolzen einer Armbrust an seinem Gesicht vorbei und er riss seinen Kopf zurück.
„Mindestens neun Orks, sechs mit Bogen und drei mit Armbrust.", teilte er Gimli mit und griff in seinen Köcher. Pfeile besaß er genug, nur war es die Frage, wie er unter Beschuss seine Ziele treffen sollte, oder besser gesagt, wie viele er traf, bevor er getroffen wurde. Doch sie konnten nicht zu lange auf Tanhis' und Elladans Unterstützung warten, denn sie wußten nicht, ob schon nach Verstärkung geschickt worden war und noch mehr Orks bedeutete auch mehr Schusswaffen! Aragorn sah zu Gimli, dessen Blick zeigte, dass er wußte, was ihm durch den Kopf ging. Er nickte dem Menschen seufzend zu und Aragorn legte den ersten Pfeil auf die Sehne. So schnell er es vermochte, suchte er sich seine Ziele und vier Orks fielen, noch bevor sie selber ihren Gegner im Visier gehabt hatten.
Aragorn folgte mit seinem Blick dem Schaft des Pfeils und suchte sich das nächste Opfer, als Gimli plötzlich aufschrie und ihn für den Bruchteil einer Sekunde ablenkte. Zu dem Schrei, der zu einem Schmerzlaut überging, mischte sich das vertraute Brummen eines Bolzens und dann breitete sich ein Brennen auf seinem Unterarm aus, sodass er überrascht die Bogensehne losließ. Dieses Mal sah er nicht, ob der Pfeil ein Ziel fand, denn er drückte sich gegen den Felsen zurück und presste seinen Arm gegen den Brustkorb.
„Ich habe dich doch gewarnt, zum Kuckuck!", polterte Gimli los, doch als Aragorn sich zu ihm wandte, um dem Zwergen darauf eine eben solche Antwort zu geben, verstummte er bei dessen Anblick. Der schmutzige Schaft eines Pfeils ragte aus seinem Bein oberhalb des Knies und er hatte das Gesicht vor Schmerz verzogen.
„Gimli, bei den Valar! Lass mich sehen, wie schlimm es ist!"
„Schlimm genug! Nicht nur, dass ich jetzt auf nur einem Bein hier herunter klettern darf, sondern auch, dass du trotz Warnung deinen Arm in die Schusslinie hälst!"
Aragorn fühlte Wut in sich hochsteigen und seine nächsten Worte sprach er härter aus, als beabsichtigt.
„Lenkt nicht ab, Herr Zwerg! Lass mich sehen, wie tief der Bolzen steckt! Vielleicht habe ich Glück und es ist nicht so schlimm, dass ich dich den Rest dieser Kletterpartie auf dem Rücken tragen muss."
Aragorns Worte brachten den Zwerg vorübergehend zum Verstummen und er ließ es schließlich auch zu, sich genauer untersuchen zu lassen. Aragorn stellte mit Erleichterung fest, dass das dicke Lederwams die Kraft des Treffers gedämpft hatte und lediglich die Spitze ins Fleisch des Freundes eingedrungen war. Mit einem kurzen Ruck hatte er den Bolzen entfernt, drückte unter den Protesten von Gimli ein Stück Stoff seines Mantels auf die Wunde und verband sie notdürftig.
Während Gimli sich etwas von der Behandlung erholte, begutachtete er selber seinen Unterarm, fand aber nur einen langen Riss, wo der Bolzen ihn gestreift hatte. Auch diesen verband er und schob sich dann wieder an den Felsrand.
Augenblicklich sausten wieder einige Pfeile auf den Vorsprung zu und zeigten ihm, dass die Orks noch nicht aufgegeben hatten.
„Tja, sieht so aus, als müssten wir hier ausharren und auf Tanhis und Elladan warten. Ohne ihre Unterstützung kommen wir weder vor, noch zurück!"
Gimli schnaubte und begann zum wiederholten Male an diesem Tage, seiner Wut über die Verspätung der Gefährten, durch die fürchterlichsten Flüche Luft zu machen.
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Tanhis und Elladan waren auf ihrem Weg gut vorangekommen, denn er führte durch weit weniger gefahrvolles Gelände, als Aragorn und Gimli es vor sich hatten. Dennoch sprachen sie wenig miteinander und hielten sich in den Schatten der Felsen verborgen, denn sie wollten es nicht riskieren, dass sie womöglich entdeckt zu werden.
Elladan hielt jedoch plötzlich inne, als er an die Stelle kam, wo ihr Weg einen Bogen machte und seine Augen waren sofort damit beschäftigt, eine Lösung für das Problem zu finden, dass sich vor ihnen ganz unerwartet aufgetan hatte.
Als Tanhis neben ihn trat, sah auch sie, was den Freund davon abhielt weiter zu gehen. Ein Erdrutsch hatte den halben Pfad weggerissen und den Rest durch einen Wall aus Erdreich und Geröll unpassierbar gemacht, doch Tanhis vertraute auf ihre und Elladans Sinne. Sie durften sich davon nicht aufhalten lassen, wie schwierig sich die Überquerung dieses Hindernisses auch erweisen würde. Sie mussten schließlich rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt sein, um den Abstieg der Freunde zu sichern und natürlich wollte Tanhis endlich zu Legolas gelangen. Selbst dieser Geröllhaufen konnte sie nicht aufhalten – komme was wolle!
Entschlossen holte sie tief Atem und da keine Stelle besser aussah, als eine andere, setzte sie einfach den ersten Schritt auf den unberechenbaren Boden.
Anfangs lagen nur verstreute Steine hier und da, doch schon bald mischte sich Erde, Felsbrocken und scharfkantiger Splitt darunter. Elladan folgte ihr schließlich vorsichtig und bemühte sich, Tanhis Spur zu folgen, doch bald stellte sich heraus, dass sich unter der obersten Schicht, Risse und Spalten verbargen, die sehr tief sein konnten, wie Tanhis bald selbst entdeckte, als sie bis zum Knie in eine solche Falle geriet. Ohne Hast befreite sie sich langsam daraus, denn sie wollte das Schicksal nicht unnötig herausfordern und kletterte noch umsichtiger weiter. Als sie schließlich kurz innehielt und sich umschaute, verließ sie beinahe der Mut. Sie bewegten sich auf einer abschüssigen Geröllhalde, aus der eine glatte Felswand emporragte und am Rand ebenso abfiel. Wenn die Steine unter ihnen ins Rutschen gerieten, traten sie eine Reise ohne Wiederkehr an, denn kein Baum, kein Strauch, kein Vorsprung bot ihnen eine Möglichkeit, sich festzuklammern und einen Sturz abzufangen. Nichtigkeiten wuchsen plötzlich zu lebensbedrohlichen Gefahren heran, wie das Drehen des Windes, oder ihr Haar, das ihnen in die Augen wehte. An einer noch weniger Vertrauen erweckenden Stelle ließ Tanhis sich sogar auf alle Viere nieder und kroch auf Händen und Knien weiter.
Tanhis verlagerte unendlich langsam ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, weil sie bei jedem Schritt fürchtete, auf den Abgrund zu zurutschen. Kleine Steinlawinen klapperten und prasselten immer wieder rings um sie herum, spritzten über die Kante ins Leere und ließen sie keine Sekunde vergessen, wie heimtückisch der Boden war. Und dann, nur einen Lidschlag später, wurden ihre Ängste Wirklichkeit.
Alles um sie herum kam in Bewegung, erst kleinere, dann größere Steine und sie bleib stocksteif stehen.
„Beweg dich nicht!", erklang hinter ihr Elladans Stimme und Tanhis musste ein gereiztes Lachen unterdrücken, dass sich ihre Kehle herauf zwang.
„Darauf wäre ich alleine gar nicht gekommen!", entgegnete sie barsch, um das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken.
„Rühr dich nicht – ich komme."
Elladan ignorierte ihre Entgegnung und nahm den Untergrund erneut in Augenschein. Man konnte deutlich erkennen, wo die obere Schicht ins Rutschen gekommen war, denn Feuchtigkeit und Erde hatten dunkle Spuren hinterlassen und der Elb wünschte sich, er wüßte besser Bescheid über Erdrutsche! Die Angst, die ihn packte, befahl ihm: „LAUF!", doch die Vernunft zwang ihn zur Ruhe. Die Abwärtsbewegung der Steine hatte ein gutes Stück über Tanhis begonnen und war um sie herum geflossen; sie befand sich zwar immer noch etliche Meter über der Abbruchstelle, doch wenn das Geröll wieder ins Rutschen kam, gab es für sie kein Halten mehr. Elladan musste kaltblütig handeln.
Entschlossen setzte er den ersten Schritt auf sie zu und ließ die kleinen Steinkaskaden unbeachtet, die er auslöste. Er biss sich auf die Lippen und fragte sich dumpf, was er tun würde, wenn auch sie ins Rutschen kam. Würde er sich in dem sinnlosen Versuch sie zu retten, selbst ins Verdereben stürzen, oder zuschauen, wie sie über die Felskante glitt und für den Rest seines Lebens von der Erinnerung heimgesucht werden, wie ihre flehenden Augen ihn anstarrten?
Die Steine knirschten und mahlten unter seinem Gewicht und er sank tiefer ein, als Tanhis, die um einiges leichter war, als er. Er überlegte, das Seil zu Hilfe zu nehmen, das er bei sich trug, doch woran es fest machen? Und ein Wurf konnte eine weitere Lawine auslösen!
Während er diese Gedanken hatte, tastete er sich immer weiter vorwärts, einen behutsamen Schritt nach dem anderen. Die Steine entwickelten ein tückisches Eigenleben, stießen einer den anderen an, dann seine Knöchel, hüpften und sprangen ins Tal. Ihn packte die Angst, als er spürte, wie unter seinem Fuß das Geröll nachgab und bevor sein Verstand ihn einholen konnte, hatte er einen Schritt nach vorn getan. Um ihn herum glitten die Steine immer schneller den Abhang hinab und er wußte nicht, was er tun sollte – sich flach hinwerfen, um sein Gewicht auf eine größere Fläche zu verteilen? Er entschied sich dagegen und zählte zehn Atemzüge, bis das Geriesel aufhörte. Um den nächsten Schritt zu tun, musste er all seinen Mut zusammennehmen und als er Tanhis endlich erreichte, klebte ihm sein Hemd schweißnass am Rücken und seine verkrampften Kiefernmuskeln schmerzten.
Sehr, sehr langsam ließ er sich neben Tanhis auf ein Knie nieder, die sich ebenfalls hingekauert hatte. Ohne zu wissen warum, flüsterte er.
„Nur keine hastigen Bewegungen – egal was geschieht!"
Tanhis nickte nur ganz zaghaft und ergriff vorsichtig die ihr dargebotene Hand. Ihr brach der Schweiß nun ebenfalls aus und gemeinsam verweilten sie noch einen Moment in kniender Haltung und überlegten ihre nächsten Bewegungen. Elladan zog einen Fuß nach vorne und erhob sich sehr langsam – sehr langsam – und Tanhis passte sich ihm an. Trotzdem gerieten
sogleich um sie herum wieder Steine ins Rollen und sie zwangen den Impuls nieder, einfach zu rennen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Strom der Steine um sie herum abriss und als endlich wieder Ruhe einkehrte, zitterten sie vor Anstrengung, ihre Muskeln ruhig zu halten und sie standen knöcheltief in losem Schutt.
„Wir können nicht weiter gehen", flüsterte Tanhis mit rauer Stimme. Sie wunderte sich, dass sie überhaupt einen Laut hervor brachte, denn ihre Kehle war wie zugeschnürt.
„Ich werfe das Seil!", entgegnete Elladan, nachdem wieder einige Zeit verstrichen war. Entschlossenheit stand auf seinem Gesicht.
„Nein" Tanhis selbst hatte nicht einen Ton ihrer eigenen Stimme vernommen, doch Elladan drückte ihre Hand, als Zeichen, dass er sie verstanden hatte.
„Bring dich in Sicherheit – egal was passiert!" Bei seinen Worten hatte er das Seil um seine Schulter gelöst und begann es, Tanhis um den Leib zu binden. Ihr einziger Protest war ein vorwurfsvoller Blick, denn mehr wagte sie nicht.
Elladan lächelte schließlich schwach. „Sag Legolas, dass ich es genossen habe!", und bevor sie fragen konnte, was er meinte, presste er auch schon sanft seine Lippen auf ihre; als er sich von ihr löste, wirkte er verlegen. „Ich wollte das eigentlich erst tun, wenn du das Brautgewand trägst und ihr verheiratet seid, um Legolas zu ärgern – aber…"
Sie legte ihm die Hand an die Lippen und Tränen glänzten in ihren schönen, tiefen Augen. „Das wirst du auch…"
Sie tauschten noch einen langen Blick, dann begann Elladan vorsichtig, die Schlinge am Ende des Seils zu schwingen. Tanhis verfolgte sein Tun mit gemischten Gefühlen, hielt aber unentwegt den Untergrund im Auge und wie sie – und wohl auch Elladan selbst – es befürchtet hatte, geriet ihm Augenblick des Abwurfs alles um sie herum in Bewegung.
