,,Sag, wie lange möchtest du so weiter machen?''. Hannibals Worte rissen Will aus ihrer Lektüre. Für ihren Komfort, hatte er seit längerem, ihre Handfesseln gelöst und nur ihr linkes Bein an das Bett gekettet. Sie blickte ihn fragend, über den Rand ihres Buches an. Seine gesamte Körperhaltung verriet, dass er eine Antwort erwartete, doch Will strafte ihn nur mit sturem Schweigen. ,,Wenn du so weiter machst, werde ich dich wohl Zwangs ernähren müssen'', darauf sah sie ihn entsetzt an. ,,Wenn du mir keine andere Wahl lässt, werde ich es tun, denn ich werde nicht mit ansehen, wie du dich zu Tode hungerst.'' Da Will überzeugt davon war, dass Hannibal seine Drohung völlig ernst meinte, begann sie widerstrebend, von dem perfekt zubereiteten Gericht zu kosten.

Hannibal lächelte erleichtert, lehnte sich etwas entspannter in seinem Sessel zurück und überschlug die Beine.
Dies war zu einer täglichen verstörenden Routine geworden. Hannibal brachte ihr liebevoll zubereitete Mahlzeiten, die sie jedes Mal verschmähte. Er blieb lange bei ihr, entweder versuchte er ein Gespräch zu beginnen oder sie zum Essen zu bewegen, doch die meiste Zeit, saß er in seinem schwarzen Sessel und beobachtete Will mit einem undurchschaubarem Blick, der ihr eine Gänsehaut bescherte.
Doch heute schien Hannibal rastlos zu sein. Seine Körperhaltung sprühte eine enorme Unruhe aus. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen.
,,Sag, Will glaubst du, dass ein Mann so sehr von einer Frau besessen sein kann, dass er täglich den Schmerz des Begehrens spürt und bereits bei ihrem Anblick Labung findet?'', fragte er sie nachdenklich, während seine Augen tief in ihre Seele zu blicken schienen. Sein Blick machte sie nervös. ,,Also, wenn das eine Liebeserklärung werden soll, dann lass es lieber'', antwortete Will mit vollem Mund. Hannibal konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, ,,Diese Antwort, war wohl zu erwarten.''
Auf diese Bemerkung hin, schenkte sie ihm einen gleichgültigen Blick und stellte das fast leere Tablett zu Seite. ,,Wie soll ich deiner Meinung nach denn antworte?'', erfragte Will nüchtern, während sie Brotkrümel, die auf das Bett gefallen waren, auf den Boden verteilte. Sie wusste, dass Hannibal solche Dinge verabscheute. Wie erhofft, folgte sein missbilligender Blick, den nieder rieselnden Krumen. Doch Hannibal ließ sich nichts anmerken und antwortete mit ruhiger Stimme, ,,Wie wäre es mit der Wahrheit.''
,,Also, ich weiß nicht Hannibal, vielleicht kannst du diese Frage besser beantworten, als ich.'', konterte Will angriffslustig. Sie konnte mit ansehen, wie sich die Muskeln in seinem Kiefer anspannten. Ihr war bewusst, dass sie Hannibal unnötigerweise provozierte, aber wer konnte es ihr verübeln. Sie war, soweit sie es beurteilen konnte, mindestens eine Woche in diesem Zimmer eingesperrt. Ohne Kontakt zur Außenwelt, geschweige denn ihren Hunden. Will wusste, dass sich Hannibal um alle kümmerte, aber sie vermisste sie trotzdem fürchterlich.
Mit jedem verstrichenenTag, hatte sie das Gefühl langsam aber sicher, wahnsinnig zu werden. Doch das schlimmste war, dass Will klar geworden war, dass ein Teil von ihr, trotz all seiner Taten, Hannibal immer noch liebte. Und sich nach dem Mann sehnte, den sie kennen und lieben gelernt hatte. Doch Hannibal durfte nie davon erfahren, denn Will war sich sicher, dass die Konsequenzen verheerend sein würden.
,,Will korrigiere mich, falls ich mich irre, aber kann es sein, dass du heute erpicht darauf bist meine Nerven zu strapazieren?'', fragte er sie gereizt.
,,Was willst eigentlich von mir?'', fuhr Will ihn mit schriller Stimme an.
Hannibals Blick verfinsterte sich und er atmete tief durch, bevor er angespannt darauf antwortete. ,,Erstens, besteht kein Bedarf dafür mich anzuschreien. Falls du es dir erhoffst, hören wird dich hier sowieso niemand und ich verstehe dich auch so sehr gut! Um auf deine Frage zurück zukommen. Du wirst es mir wahrscheinlich nicht glauben, aber ich weiß selbst nicht so Recht, was ich mit dir anfangen soll.'', antwortete Hannibal, wieder etwas gefasster und blickte sie nachdenklich an. ,,Ich hätte da eine hervorragende Idee, wie wäre es damit mich gehen zu lassen!'', knurrte Will in einem kaum kontrollierten Tonfall.

Hannibal war jetzt erregt aufgesprungen, ,,Du machst mich wahnsinnig! Ich weiß nicht was du von mir willst? Ich sorge doch gut für dich, dir fehlt es an nichts! Du hast Bücher, gutes Essen und ich leiste dir so oft ich kann, Gesellschaft.''
Will blickte ihn mit harten Augen an, ,,Und was ist mit meiner Freiheit, ist das Nichts?''
Hannibal lachte erschöpft auf, doch in ihren Ohren klang es wie Verhöhnung.
Will spürte, wie in ihr ein noch nie gekannter Hass aufstieg und in ihrer Wut stürzte sie sich, wie eine Furie, auf Hannibal.
Doch dieser war schneller, er wich ihrem Angriff geschickt aus und hielt sie stattdessen an seinen Körper gepresst. ,,Du verstehst es wirklich einen Mann zur Weißglut zu bringen'', donnerte er, drückte sie auf das Bett und mit einem letzten Blick in ihre lodernden Augen, küsste er sie, hart und fordernd.
In ihrer rasenden Wut, die ihre aufsteigende Panik, bei weitem übertraf, versuchte sie sich aus seinem Griff zu winden, doch er hielt sie eisern gefangen.
Sie biss ihn, in der Hoffnung, dass er von ihr ablassen würde. Das schien jedoch, dass genaue Gegenteil zu bewirken, denn Hannibals Griff wurde nur unnachgiebiger und sein Kuss bestrafender. Da sie keinen anderen Ausweg sah, versuchte sie, ihre angespannten Muskeln zu lockern und Hannibal, in Resignation gewähren zu lassen. Als er spürte, dass sie ihre Angriffshaltung aufgegeben hatte, wurden seine Küsse zärtlicher, aber nicht weniger leidenschaftlich. Seine Hände begannen, jeden Teil ihrer Haut zu berühren, den sie erreichen konnten. Hannibal fühlte sich wie im Rausch und sie war seine Droge. Als er sich von ihren Lippen löste, um tief durchzuatmen und wieder einen klareren Kopf zu bekommen, vernahm er ihre tränenerstickte Stimme, ,,Nicht, bitte hör auf, Hannibal'', flehte Will.
Hannibal spürte, wie sich ihre zitternden Hände in sein Hemd gekrallt hatten und versuchten, ihn vergeblich von sich zu drücken. Als er in ihr tränenüberströmtes Gesicht sah, fuhr er, wie aus einer Trance erwachend hoch. Sein Herz schlug wild in seiner Brust und er kämpfte darum die Fassung zu bewahren.
,,Es..., ich, es tut mir Leid.'', waren Hannibals letzten zittrigen Worte, als er mit schnellen Schritten das Zimmer verließ.