iv. Schmecken
Er konnte sich an jede Menge Tage erinnern, die die Hölle waren—an die überwältigende Leere nach dem Tod seiner Mutter, an Nordirland, Jugoslawien, Afghanistan, auf ihn gerichtete Waffen, Todesängste, betrunkene Ratlosigkeit nach seiner Scheidung und Sorgen um Emily—doch der Tag heute definierte Höllenqualen für ihn neu.
Seine Hände umklammerten das Telefon noch lange nachdem sie aufgelegt hatte. Er wusste, dass es keinerlei Sinn machte zurückzurufen und sich in Entschuldigungen zu verlieren. Und so verlor er sich stattdessen in Gedanken, saß bewegungslos hinter seinem Schreibtisch, bis die Fälle zu ihm getragen wurden und er sie harsch abwies.
Der Geschmack des Verlustes lag auf seiner Zunge und war bitterer als je zuvor.
Es ging bis zum Abend so; er, bewegungsunfähig, die Gedanken ohne Ergebnis und die Augen auf das gerahmte Foto vor sich gerichtet. Sie und er, fröhlich lachend, ihr erster Tag in diesem Büro. Es schien nicht nur zeitlich weit, weit entfernt.
Erst als die Sonne am Horizont unterging und die Nacht die Stadt vor seinen Augen in die deprimierende Finsternis tauchte, die auch er in sich spürte, fühlte er sich bereit, um zu gehen. Und sein Ziel war mehr als klar.
Er hatte im Vorfeld überlegt, was zu tun sei, wenn sie die Tür nicht öffnen würde, doch die Überlegungen waren hinfällig, als sie nach dem zweiten Klopfen vor ihm stand und sie beide nur noch eine Türschwelle trennte. Und auch dieser Schutzwall fiel rasch, nachdem sie ihn wortlos hereinbat.
"Willst du was trinken?", fragte sie und bahnte sich vor ihm ihren Weg, ohne sich umzusehen, ohne zurückzuschauen.
Er nickte, auch wenn sie es nicht sah, und eine heisere Bestätigung verließ seinen trockenen Hals. Während sie in die Küche ging, blieb er im Wohnzimmer stehen und sah sich verloren um. Sein Blick blieb an ihrem Bücherregal hängen. Nicht wegen der kitschigen Liebesschnulzen die er dort vielleicht, vielleicht auch nicht finden würde, sondern weil etwas anderes seine Aufmerksamkeit erregte: Fotos.
Da war sie, stolz und voller Vorfreude auf das, was kommen mochte, mit ihrer Mutter am Tag ihres Uniabschlusses. Er fragte sich, ob es ihr Vater war, der hinter der Kamera stand oder ob der vage Hauch von rotumrandeten Augen, den er zu erkennen glaubte, darauf hindeutete, dass er auch diesen Meilenstein wie so viele verpasst hatte.
Dann sie mit ein paar Freundinnen aus Schultagen; das Bild erst ein paar Jahre alt, doch die Wege inzwischen wieder durch meist tausende von Meilen getrennt.
Sie am glücklichsten Tag ihres Lebens, wie sie nicht müde wurde zu betonen. Er erinnerte sich an den Glanz in ihren Augen, wann immer sie davon erzählt hatte. Der gleiche Glanz, den er auch auf dem Foto sah. Inzwischen erzählte sie nicht mehr davon und nun war es auch nur noch sie, die auf dem Bild im atemberaubenden Brautkleid lächelte. Er fragte sich, was mit dem gemeinsamen Bild von ihr und Alec geschehen war, das er früher stattdessen ab und an auf ihrem Kaminsims betrachtet hatte.
Mittendrin ein Foto, das nach unten gedreht war. Er musste es nicht hochheben, um zu wissen, was es zeigte. Dafür kannte er den Rahmen zu gut und war sich schmerzlich bewusst, dass sie die Erinnerung an ihren vielleicht größten verlorenen Wunsch nicht immer ertragen konnte.
Und zuletzt ein Bild von ihr und ihm. Er kannte es, war sich bewusst, dass es schon länger da war und trotzdem packte es ihn wie eine eiskalte Überraschung von hinten. Es war dem Bild in seinem Büro, das er heute so intensiv studiert hatte, nicht unähnlich—sie beide glücklich lachend, sein Arm um ihre Schultern gelegt—und trotzdem war es so viel anders.
Es hatte nichts mit ihrer Arbeit zu tun, stammte von irgendeinem Ausflug, bei dem Emily den Auslöser betätigt hatte und die Tatsache, dass er sich nicht mehr so wirklich genau daran erinnern konnte, machte die Realisierung, die im gleichen Moment kam, noch überwältigender.
Er war von all denjenigen hier der Einzige, der noch verblieben war; der, auf den sie baute.
Erst nach ein paar Sekunden seines stolpernden Herzschlages merkte er, dass sie längst hinter ihm stand, ein Wasserglas in ihrer Hand.
"Tut mir leid", murmelte er aufgewühlt und betrachtete ihre Finger, die das Glas so fest umklammerten, als wolle sie es nie mehr loslassen.
Sie schüttelte mit dem Kopf. "Du kannst sie ruhig ansehen", erwiderte sie und deutete auf die Fotos.
Doch das war es nicht, für was er sich entschuldigte, und so schüttelte er ebenfalls mit dem Kopf. "Nein, ich meine, tut mir leid—wegen allem."
Er konnte nicht erklären, was gerade in ihm vorging, was die Parade der vielleicht so unschuldigen Bilder in ihm ausgelöst hatte, und sah in ihrem Gesicht, dass sie nicht verstand. Verwirrt und traurig und mit zu vielen Gefühlen konfrontiert stand sie vor ihm. Das Glas wirkte dabei wie ein neuerlicher Schutzwall.
"Tut mir leid, dass ich dich so oft behandle, als wärst du mir nicht wichtig." Tut mir leid, dass ich dich so oft wie Dreck behandle, wollte er eigentlich sagen, doch es verließ nicht seine feigen Lippen.
Sie stand weiter fast regungslos vor ihm und blickte nur ratlos zurück. "Ich verstehe dich nicht."
Ihre Gesichtszüge verdeutlichten es ihm schmerzlich und er ließ seine Augen durch den Raum wandern, als es zu sehr weh tat. Feigling, Feigling, Feigling, schallte es durch seinen Kopf.
"Ich verstehe nicht, wie du in der einen Sekunde das sein kannst und in der anderen das. Wie ich in der einen Sekunde das für dich sein kann und wenig später wieder etwas ganz anderes. Ich verstehe es nicht", erklärte sie verzweifelt und hielt sich an dem Glas wie an ihrem Leben fest.
Er stopfte die Hände in die Hosentaschen seiner Jeans und zog sie sogleich wieder heraus, weil es plötzlich nicht wie das richtige Zeichen erschien, das er senden wollte. Er war sich darüber im Klaren, dass sie versuchte ihn zu lesen und vielleicht war es dieses bedrängende Gefühl, das dazu führte, dass er bei ihr gar nichts mehr außer unendlicher Traurigkeit sah.
"Im einen Moment bin ich deine ebenbürtige Geschäftspartnerin und im anderen eine gewöhnliche Angestellte, die du herumschubsen kannst. Ich bin die, die sich um den nervigen Kleinkram der Firma kümmern soll, weil er dir zu langweilig, nicht angemessen genug oder was auch immer ist, aber wenn das heißt, dass ich Verantwortung für unsere Finanzen übernehme und durchgreife, dann ist es auch nicht recht."
Der unartige, zu nichts fähige Schuljunge, da war er wieder. Kleinlaut versuchte er ihrem Blick standzuhalten, doch es gestaltete sich noch schwieriger jetzt, wo ihre traurigen Augen von den ehrlichen Worten begleitet wurden, die ihn unangenehm trafen.
"Komplizin oder Mutter Oberin, Freund oder Feind. Du sagst, ich erdrücke dich mit meiner Fürsorge, aber wenn du ab und an zusammengesunken auf meiner Türschwelle stehst, dann gibst du mir das Gefühl, dass du froh bist, dass ich mich sorge."
Sie holte tief Luft und schloss kurz die Augen, bevor sie fortfuhr. "Und immer wenn ich glaube, dass da vielleicht doch mehr zwischen uns sein könnte, dann setzt du das, was wir haben, aufs Spiel, verwickelst dich selbst in die waghalsigsten Aktionen ohne jede Rücksicht, oder reibst mir Liebschaften unter die Nase, von denen du weißt, dass ich sie nicht gutheiße. Du rennst davon, drängst mich weg oder tust alles dafür, dass ich anfange zu glauben, wir beide zusammen ergeben einfach keinen Sinn mehr."
Sie seufzte leise und sah ihn eindringlich an. "Was soll ich denken, Cal?"
"Dass ich ein Mistkerl bin", bot er hilflos an. Er wünschte sich so sehr erkennen zu können, ob das das Ende war oder es so etwas wie einen ehrlicheren Neuanfang geben könnte, doch seine Fähigkeiten ließen ihn im Stich. Es war nie leicht für ihn gewesen, sie zu lesen, ohne sich dabei in seinen eigenen Gefühlen zu verlieren, doch so unmöglich wie jetzt war es noch nie.
"Ich habe eine Entscheidung getroffen", verkündete sie, als hätte sie ihn gar nicht gehört, die wahrscheinlich allzu offensichtliche Panik auf seinem Gesicht nicht gesehen, und ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.
Das Glas würde zerspringen irgendwann, da war er sich sicher. Und sich dann zu den Scherben gesellen, durch die sie ohnehin schon wateten.
Ihre Worte spielten sich in seinem Kopf noch einmal ab und erst dabei schien er zu realisieren, was genau sie eigentlich gesagt hatte. Er ging auf sie zu, bis wirklich nur noch das Glas zwischen ihnen war. "Ich habe widersprüchliche Gefühle für dich. Mein Herz sagt, dass ich mehr will, aber mein Kopf sagt, dass es nicht gutgehen kann, dass du jemand Besseres verdient hast als mich."
Er holte tief Luft, doch der nötige Sauerstoff gelangte nicht in seinen Körper. Der Raum war luftleer und ohne jede Hoffnung. "Wenn ich dich wegstoße, dann nur, weil es zu sehr weh tut, dich bei mir zu haben und zu wissen, dass daraus nicht mehr werden kann und sollte."
Sie atmete ebenfalls ein, zittrig und trotzdem so, als wüsste sie, was jetzt kommen würde. Sie hatte sich die Worte zurechtgelegt. "Ich will die Firma verlassen."
Endlich drückte sie ihm das Glas in die Hand und zog sich zurück, bevor er ihre Worte überhaupt begriffen hatte. Wieder war es so, als habe sie ihn gar nicht gehört, doch im gleichen Moment verstand er auch, dass sie nichts anderes machte als er. Sie versuchte, ihre Gefühle zu beschützen, indem sie ihn wegstieß und davonlief. Wortwörtlich.
Er folgte ihr bis in die Küche, vorbei an den Fotos, von denen er vielleicht auch bald verschwinden würde. "Das kannst du nicht machen", sagte er und klang dabei vorwurfsvoller, als es gemeint war. In Wirklichkeit war er einfach nur verzweifelt und sah sein Leben auseinanderfallen. "Es ist gerade mal ein Tag vergangen. Denk nochmal in aller Ruhe darüber nach."
"Das habe ich", erwiderte sie leise und beschäftigte sich mit Dingen, die in diesem Moment nicht unwichtiger hätten sein können. "Ich glaube, es ist am besten, wenn du jetzt gehst."
Er sah, wie sie eine verstohlene Träne wegwischte und von ihm weggewandt darauf wartete, dass er ihren Worten Folge leisten würde.
"Bitte", flehte sie irgendwann, als er sich immer noch nicht bewegt hatte. "Mach es nicht noch schwerer, als es ohnehin schon ist."
Sein Blick fiel auf das Glas in seiner Hand, auf die kleinen, sprudelnden Perlen, die so zielstrebig an die Oberfläche traten, um dort wie ein zu schöner Traum zu zerplatzen. Er stellte das Glas schließlich ab und dachte daran, dass er etwas stärkeres als Wasser brauchte, um den Geschmack des Verlustes je wieder zu übertünchen.
Auf dem Weg nach draußen überlegte er, ob er die nächste Bar erreichen würde, bevor er wütend auf sich selbst und die Welt zusammenbrach. Was danach kommen würde, wusste er ohnehin nicht.
