A/N: eingangs eine Bemerkung darüber, warum Chase und House immer noch beim „Sie" sind und auch bleiben werden. Das ist einer von mehreren Gründen, weshalb ich manchmal lieber in Englisch schreiben würde. Denn ich denke, dass sie trotz aller Vertrautheit beim Nachnamen als Anrede blieben (wie House und Cuddy in der Serie ja auch). „Du Chase" und „Du House" klingt einfach nicht richtig für mich, ebenso wenig wie „Robert" oder „Robbie" und „Greg". Es ist eine kleine Eigenheit in ihrem Umgang miteinander, die ich meiner künstlerischen Freiheit gegönnt habe. (O; Ich hoffe, ihr sehr sie mir nach…
oOo
Als er sein Ziel erreichte, schien es, als hätte er nur eine Stunde in der Luft verbracht: an der Westküste war es aufgrund der Zeitverschiebung von drei Stunden zur Ostküste gerade vier Uhr Nachmittags.
Schon auf dem direkt im Stadtgebiet gelegenen Flughafen umwirbelte ihn Staub und flirrende Hitze. Als er aus dem klimatisierten Gebäude trat, hatte er das Gefühl, von einer überdimensionalen Faust niedergestreckt zu werden, so immens war der Temperaturunterschied. Doch es war trockene Hitze, die von einer leichten Küstenbrise auf das Maß des Erträglichen geschraubt wurde. House hatte gesagt, dass er sich ein Surfbrett leihen könne, wenn er es wünsche und den Pazifik bis nach Australien durchpflügen, um mal kurz Hallo zu sagen.
Schnaufend stellte er das Gepäck ab, schälte sich aus seiner Jacke, fächelte sich durch das an der Brust klebende Hemd Luft zu und überlegte, ob er ein Taxi rufen sollte. Vielleicht auch sich umziehen; er war klatschnass; seine Bemühungen, sich für seine Gastgeberin herauszuputzen, hätte er sich sparen können. Er hatte eine Weile am Schalter der Fluglinie gewartet, doch Mrs. House war nicht aufgetaucht, und er hatte auf einmal Bedenken, dass sie ihn vergessen hatte. Es juckte ihn in den Fingern, zum Mobiltelefon zu greifen und daheim anzurufen, House' ruhige, vertraute Stimme zu hören oder am besten gleich ein Rückflugticket zu ergattern.
„Dr. Chase!" Jäh ruckte sein Kopf in die Richtung, aus der sein Name erschallte. „Robert!"
Aus einer Menschenmenge löste sich die mütterliche, winkende Mrs. House; er erkannte sie auf Anhieb, und sie nahm ihm die Angst und Befangenheit, die sich während des Fluges in ihm trotz aller rationalen Argumente in ihm aufgestaut hatten. Als sie ihn umarmte, hätte er vor Freude um ein Haar aufgeschluchzt.
Dezenter Veilchenduft stieg ihm in die Nase. Seine verschwitzte Erscheinung schien ihr nichts auszumachen, obwohl sie sich - adrett in ihrem lavendelfarbenen Blazerkostüm - wohltuend kühl anfühlte, bevor sie ihn ein Stück von sich weg schob, um ihn aus strahlenden braunen Augen zu begutachten, die so ganz anders blickten als House'.
„Wie schön, Sie wieder zu sehen! Ich denke so viel an Sie und Greg. Wie geht es ihm?"
„Gut, danke", antwortete er ein wenig atemlos und überrumpelt von ihrer Impulsivität. „Er kommt vielleicht in ein paar Tagen nach, aber die Arbeit in der Klinik-..."
Trotzdem wünschte er sich, dass es so war. Er vermisste ihn jetzt schon.
„Ohne die Arbeit ist er nur ein halber Mensch", bekräftigte sie ohne Groll und lachte, während sie ihm das Handgepäck abnahm, damit er sich die schwerere Tasche vorknöpfen konnte. „Hauptsache, Sie sind da."
Das Haus mit dem Vorgarten und der Schaukel auf der Veranda übten in den letzten Zügen des Frühlings einen noch größeren Zauber auf ihn aus. Mrs. House war passionierte Gärtnerin; alles blühte und grünte wildromantisch verträumt wie im Märchen. Schwere Pfingstrosen schwangen sanft an ihren Stielen, und eine spezielle Art einer historischen Züchtung kletterte über das Eingangspalier und verbreitete einen betäubenden Duft. Es hätte ihn nicht verwundert, leises Elfenkichern in den Blüten zu vernehmen.
„Man nennt diese Sorte Old Blush,aus der Familie der Chinarosen", erklärte sie stolz, während er ehrfürchtig das zackenblättrige Köpfchen einer Rose anhob und daran schnupperte. „Mrs. Marshall, meiner Nachbarin, gingen sie ein, daher hat sie sie mir geschenkt. Haben sie sich nicht prächtig erholt?"
Er nickte beeindruckt, obwohl er den vorigen Zustand der Pflanzen nicht gekannt hatte.
„So ist das mit exotischen Dingen. Man muss auf ihre Bedürfnisse hören, die nun mal heikler sind als die der heimischen."
Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass House nicht nur den Verstand von ihr mitbekommen hatte, sondern auch die Vorliebe für metaphorische Gedankengänge.
„Wenn Sie möchten, können wir uns zusammen ein bisschen um den Garten kümmern. Es gibt viel zu tun in der Trockenzeit, und ich werde nicht jünger."
„Das mache ich gern", versicherte er, froh, dass er eine Hilfe sein konnte. Überdies würde es ihm wirklich Spaß machen. Früher hatte er einen kleinen Gemüsegarten gehabt, in dem er Karotten und Tomaten kultiviert hatte. Ideale Bedingungen hatte das wechselhafte Wetter in Melbourne nicht geboten, aber er war dennoch überzeugt gewesen, dass keine im Supermarkt gekaufte Möhre den Geschmack seiner eigenen gezogenen erreicht hatte.
Im Inneren verdunkelten halb heruntergelassene Jalousien die Zimmer, um sie einigermaßen kühl zu halten. Mit dem Glutofen hatte Foreman nicht übertrieben. Aber er mochte dieses Klima, es erinnerte ihn genauso wie die überall rotierenden Ventilatoren in allen erdenklichen Größen an zuhause, an Tante Amys Reich im Outback. Die Räume waren klein, die Wände tapeziert mit Urkunden und prunkvollen Orden aus Mr. House' glorreicher Zeit als Pilot bei den Marines, und Familienfotos. Das ganze Anwesen, klein, aber ordentlich und sauber bis in die letzte Nische, strahlte den Charme einer verwunschenen Waldhütte aus, in dem es in jeder Ecke Neues zu entdecken und zu bestaunen gab. Er hoffte, nicht zu neugierig zu erscheinen, als er sich genau im Flur umsah, der zum Gästezimmer führte und von vorn nach hinten sozusagen die Familienchronik dokumentierte. Ein verwaistes Kinderzimmer gab es nicht; die Eltern waren erst kurz vor Gregs Studium von Illinois nach Kalifornien gezogen.
Auf einem der vielen mit Siegelwachs und Wappen verzierten Beförderungsschreiben vom Corps an Daddy House las er das Glaubensbekenntnis der Marines. Schon nach den ersten Zeilen begriff er, weshalb House gegen seinen Vater aufbegehrt hatte. Was da in vermeintlich hehren Worten stand, war erschreckend martialisch und in Anbetracht der Übertitelung nahezu gotteslästerlich. Als hätte man den Verfasser einer Gehirnwäsche unterzogen.
Dies ist mein Gewehr.
Es gibt viele wie dieses, aber dieses ist meins.
Mein Gewehr ist mein bester Freund. Es ist mein Leben.
Ich muss es meistern, so wie ich mein Leben meistern muss.
Mein Gewehr ohne mich ist nutzlos.
Ohne mein Gewehr bin ich nutzlos.
Ich muss mein Gewehr richtig abfeuern.
Ich muss besser schießen als mein Feind, der versucht, mich zu töten.
Ich muss ihn erschießen, bevor er mich erschießt. Das werde ich …
„Ich weiß, das klingt radikal."
Er zuckte ein wenig zusammen. Ohne einen Laut war Mrs. House hinter ihn getreten und legte die Hände an seine Schultern.
„Und vielleicht sogar barbarisch, wie mein Sohn es immer ausgedrückt hat. Aber die Marines waren für meinen verstorbenen Mann sein Leben. So wie es für Greg die Forschung ist und der Drang, Rätsel zu lösen. Es ist nichts Falsches daran, sein Land vor Feinden schützen zu wollen. Patriotismus ist nicht schlecht. Wahrscheinlich hat er Ihnen von John erzählt, und das nicht besonders herzlich. Aber er war ein guter Ehemann und wollte auch ein guter Vater sein. Er hat sich Mühe gegeben, und das war nicht leicht für ihn. Ich weiß, dass Greg ihm die Schuld für ihren Streit gibt. Wäre er ihm jedoch ein bisschen entgegengekommen, hätte das nicht passieren müssen. Greg war schon als Kind schwierig und unangepasst."
Jedes Wort, das er dazu gesagt hätte, wäre unehrlich gewesen. Kommentarlos folgte er ihr in das für ihn vorgesehene Zimmer, in dem bei seinem ersten Besuch House genächtigt hatte. Er selbst hatte das Sofa im Wohnzimmer vorgezogen.
Zu seiner Überraschung fand er doch Spuren von House darin. Medizinische Bücher und Zeitschriften stapelten sich in Kartons und Regalen; an der Wand prangte ein großes Foto von ihm im Smoking mit einem Mädchen im Arm, das eine riesige Hornbrille auf der Nase balancierte. Beide mochten um die achtzehn sein, nicht mehr ganz nüchtern, und lachten übermütig in die Kamera. Er hatte ihn erst in Frankreich so lachen gesehen, als sie allein im nicht fahrbereiten Karussell am Montmartre gesessen hatten. Am regelmäßigen Gebiss erkannte er ihn eindeutig, nicht aber an den wilden Haaren, die nach vorne frisiert und dennoch gewollt provokant verwuschelt waren, als wäre er gerade aufgestanden. Schon zu jener Zeit überdurchschnittlich groß und schlank, hatte seine Statur etwas Schlaksiges, fast Linkisches, das sich später in sehnige Hagerkeit verwandeln sollte. Wie eigenartig, dass ihm der House auf diesem Foto unwirklicher vorkam als der sommersprossige Junge im Gang auf den Kinderfotos, von denen sich einige Kopien auch hier im Zimmer wieder fanden.
Die Inbrunst, mit der das Mädchen House' Nacken umschlang und dem Fotografen zuprostete, versetzte seinem Herz einen Stich vor Eifersucht. Sie hatte ein albernes Prinzessinnenkrönchen auf das lockige Haar geklemmt und ein Champagnerglas in der Hand. Er konnte den Blick nicht von der gerahmten Aufnahme loseisen.
1976, stand als Jahreszahl darunter, der einzige Hinweis auf die Entstehung des Bildes. Erst drei Jahre später war er geboren worden. Seltsam.
„Oh, fragen Sie mich nicht nach dem Namen des Mädchens." Es war unheimlich, als würde sie Gedanken lesen. Wieder eine Gemeinsamkeit mit House. Unbehaglich wandte er sich ihr zu und versuchte ein Lächeln, das vermutlich fragend ausfiel, denn sie fuhr erläuternd fort: „Das war auf der Abschlussfeier der Highschool. Greg und die junge Dame wurden zu Prom-King und Prom-Queen gekürt. Er war so betrunken in der Nacht, als er heimkam, dass ich glaube, er hat beides gleich nach dem Abend vergessen. Die Nacht und das Mädchen."
Spitzbübisch zwinkerte sie ihm zu. Ob House ihr etwas von ihnen erzählt hatte oder ihr mütterlicher Instinkt etwas ahnte? Soweit er wusste, unterhielt House trotz der geografischen Entfernung und der Entzweiung vom Vater ein gutes Verhältnis zur Mutter.
„In Australien gibt es wohl keine Prom-Night?"
„Nein", bestätigte er und widmete sich der Reisetasche. Wie ein Zwang überfiel ihn bei jeder Ankunft das Verlangen, sich heimisch zu machen, indem er seine Sachen dorthin verteilte, wo sie hingehörten. Kleider in den Schrank, Toilettenartikel ins Badezimmer. „Eine Prom-Night nicht. Schulabschlüsse schon."
Es klang wie eine Rechtfertigung für die primitiven Hinterwäldler, für die man Australier in der westlichen Hemisphäre häufig hielt, und sie lachte versöhnlich, während sie flüchtig und wie um Verzeihung bittend über seinen Rücken strich.
„Entschuldigen Sie. Ich bin viel zu neugierig."
Auf das Kissen hatte sie einen mit einem weißrot karierten Tuch ausgeschlagenen Korb gestellt, was er erst bemerkte, als er die Reisetasche aufs Bett wuchtete. Beglückt drehte er sich zu ihr um. „Für mich?"
„Ich habe ins Schwarze getroffen", frohlockte sie. „Nein, im Ernst. Ich wollte Ihnen eine kleine Aufmerksamkeit als Willkommensgruß verehren und dachte an Pralinen oder Schokolade. Greg meinte aber, dass Sie die gesündere Variante bevorzugen. Am liebsten Ananas und Mango. Da sind Sie hier genau richtig. Südfrüchte finden Sie in der Stadt an jeder Ecke und sogar in meinem Garten. Unbehandelt, selbstverständlich." In ihren bisher so warmen, ausdrucksvollen Blick mischte sich Verlegenheit. „Ich hatte lange keinen Sohn mehr um mich. Falls ich Sie zu sehr verhätschle oder Sie sich von mir belästigt fühlen, scheuen Sie sich nicht, es mir zu sagen. Ich habe diesen Fehler bei Greg gemacht, und ich möchte ihn nicht wiederholen."
Verzweifelt suchte er nach einer Antwort. Ihre Geradlinigkeit bestürzte ihn, zumal er sie nicht als gluckenhaft oder hinderlich erlebt hatte, auch nicht während seines ersten Besuchs. Sie war liebenswürdig, Anteil nehmend. Das waren keine Fehler, sondern äußerst rar gesäte Qualitäten, für die sich niemand schämen musste. „Mrs. House ..."
Sie lächelte.
„Werden Sie mir einen Gefallen tun und mich Blythe nennen? Oder Mom? Wenn Sie möchten?" Greg muss es ja nicht erfahren."
„Blythe", entschied er, den Blick in sein Gepäck senkend. Sein Gesicht flammte vor Röte. Fehlte nur noch, dass er ins Stottern geriet. „Ich werde bestimmt nicht brüskiert sein. Ich hatte – keine so fürsorgliche Mutter wie er."
„Oh Liebling", sagte sie, als wäre er es tatsächlich. „Ich weiß."
House hatte es ihr erzählt. Vor längerem wäre er darüber erbost gewesen, aber jetzt erleichterte es ihn. Er musste nicht mehr selbst darüber sprechen. Das Thema ermüdete und regte ihn gleichermaßen auf. Es war ihm ohnehin lieber, zuzuhören.
Seine Finger in der Reisetasche ertasteten am Rand etwas Rundes, Hartes mit filzartiger Oberfläche. Er erstarrte. Das Heiligtum! House' überdimensionaler Tennisball, der seinen Platz an dessen Schreibpult für die Dauer der Reise verlassen hatte, um ihm ein kleiner Trost zu sein, eine Erinnerung an seinen Mentor. Das war für dessen Verhältnisse hoffnungslos romantisch, und nicht zuletzt fühlte er sich irgendwie ertappt, während unvermittelt Tränen in seine Augen sprangen. Bereits vor ihrer freundschaftlichen Beziehung hatte der Ball indirekt dazu beigetragen, sich seinem Boss zu nähern. Von Anfang an hatte er eine zaudernde, sich jedoch als zielbewusst erweisende Brücke geschlagen zu House. Warum es so war, blieb ein Mysterium – möglicherweise für sie beide -, doch er war der einzige, der das Spielzeug vom Tisch pflücken und damit spielen durfte, ohne Gefahr zu laufen, sich missmutige Blicke einzuhandeln. Nicht einmal Dr. Wilson, den House viel länger kannte und somit eigentlich die älteren Rechte bekleidete, vergriff sich daran.
Mitunter warf House es ihm sogar völlig überraschend zu. Die unterschwellige Erotik der immer wiederkehrenden Maßnahme und der befriedigte Blick dabei – vielleicht ein schüchterner, wenn auch absonderlicher Annäherungsversuch seitens des unterkühlt wirkenden Chefs – waren ihm erst spät aufgegangen. Genauer gesagt erst, als sie bereits eine Weile zusammen waren.
Was es hieß, dass er ihm den Ball mitgegeben hatte, wussten nur sie beide. Die Vorstellung gefiel ihm.
Er holte ihn heraus und ließ ihn sinnend und sicher in der Hand hüpfen. Wenn man es richtig machte, entwickelte der Ball eine Eigendynamik und hopste wie von selbst wieder in die Hand zurück. Blythe nahm ihm das Spielzeug ab und musterte es perplex, die akkurat geschwungenen Brauen hochgezogen.
„Der ist von Prankster."
„Ma'am?"
„Wir waren beim Vornamen", ermahnte sie ihn nachsichtig. „Was halten Sie von einer Tasse Kaffee und ofenfrischen Muffins? Greg sagt, Sie kochen gern. Ich muss sagen, das spricht für Sie und erklärt auch, weshalb er Sie behalten möchte. Er kann gerade mal die Mikrowelle einschalten."
Ihr etwas rücksichtsloser Humor erinnerte ebenfalls an House'. Er beschloss, deswegen nicht beleidigt zu sein; schließlich hatte sie es nett gemeint. Obwohl es ihm tatsächlich ein wenig sauer aufstieß, in ihren Augen der Hauskoch zu sein. Aber allemal besser als dass sie die Wahrheit erfuhr. Die sie wahrscheinlich sowieso ahnte. Kein einziges Mal hatte sie bislang nach Frauen gefragt, weder ob Greg eine Freundin hatte oder er. Vielleicht war ihr schon bei ihrer ersten Begegnung klar geworden, dass ihn mehr mit ihrem Sohn verband als nur ein Lehrer/Schüler-Verhältnis. Ihre Scharfsichtigkeit verbarg sie hinter Mütterlichkeit so wie House seine hinter Sarkasmus.
„Die Königsklasse ist das Backen. Wenn Sie gut aufpassen, erzähle ich Ihnen nachher von Prankster."
Vermutet hatte er schon lange, dass es sich bei dem Ball um ein Spielzeug für Tiere handelte und House es nicht aus Jux und Tollerei bei sich aufbewahrte. Nach dem Grund seiner Existenz hatte jedoch nie jemand gefragt. Der Ball lag auf dem Chefschreibtisch, House nahm ihn zur Hand, um besser über einen Fall nachdenken zu können oder die Reflexe seiner verblüfften Angestellten zu testen, und damit hatte es sich. Anlass zu Spekulationen hatte er manchmal bei der analytischen Cameron gegeben, die mit irgendeiner verqueren Freud-Theorie ankam, die sie wohl von Wilson aufgeschnappt hatte (House kompensierte mit dem Ball den Mangel an menschlicher Zuwendung). Der bodenständige Foreman meinte, er habe eben das Teil wie andere abergläubische Verrückte eine Hasenpfote, und Chase selbst hatte sich am allerwenigsten Gedanken darüber gemacht.
Es war spannend, zu erfahren, dass es doch einen Hintergrund dazu gab.
Die Geschichte von House' schwarzem Labrador entpuppte sich als noch tragischer als die seines heißgeliebten Dandylion.
„Er war zwölf oder dreizehn", begann Mrs. House und nippte am Kaffee. Ihr Blick kehrte sich nach innen. „Wir dachten, weil er so wenig Kontakt zu Gleichaltrigen hat, kaufen wir ihm einen Hund, der es ihm leichter macht, mit anderen Kindern ins Gespräch zu kommen, Freunde zu gewinnen, vielleicht andere Hundebesitzer kennen zu lernen. Jedenfalls ich dachte es. Aber er hat sich völlig zurückgezogen mit dem Tier. Machte Spaziergänge durch die Felder und Wiesen und war oft bis spät nachts draußen. Ich habe mir große Sorgen gemacht. Damals gab es noch keine Mobiltelefone, wissen Sie (er musste schmunzeln über diese Bemerkung. In der Zeit, von der sie sprach, hatten viele Ozeanier noch nicht einmal einen Fernseher besessen). Und selbst wenn er eines gehabt hätte, hätte er es aus Trotz nicht benutzt. Wenigstens war Prankster bei ihm. Er war eine Seele von einem Hund. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, er hat Gregs Einsamkeit gespürt und ihn beschützt. Man sah ihn immer an seiner Seite, sogar in seinem Zimmer schlief er, manchmal sogar am Fußende des Bettes. Nach den Ferien musste mein Mann ihn im Hof festketten, wenn Greg morgens zur Schule ging, und das war wohl der Anfang vom Ende. Gegen jede Form von Disziplin – an Mensch oder Tier - war mein Junge außerordentlich allergisch (und ist es heute noch, dachte Chase). Ich habe seine Auflehnung, seinen Hass zuerst auf die Pubertät geschoben, doch wenn ich es genau überlege, war der Widerwille gegen John von Anfang an da und wurde von Jahr zu Jahr stärker."
Sie holte tief Atem und sah ihn wohlwollend und ein bisschen zweifelnd an. „Langweile ich Sie?"
„Nein", sagte er schnell. „Ganz und gar nicht."
„Wenn John es nicht sah, band er Prankster heimlich los, und wie wir später herausfanden, schwänzte er zu diesen Gelegenheiten den Unterricht und trieb sich stattdessen wer weiß wo herum, bis ein Brief von der Schule kam. Meinen Mann hat das so erzürnt, dass er ihm Prankster zur Strafe wegnahm und abrichten ließ. Ein Schoßhund sollte er nicht sein, meinte er, nachdem Greg sich nicht in der Art und Weise um den Hund gekümmert hatte wie er es von ihm erwartete. Die Ausbildung war teuer, aber auch gründlich. Das Tier kam völlig verändert wieder. Man hätte glauben können, dass sie den gutmütigen Prankster gegen eine scharfe Bestie ausgetauscht hatten. Von jetzt an war sein Platz an der Kette. Nur John wagte es, ihn zu füttern; er zog dazu derbe Handschuhe an und bewaffnete sich mit einer Peitsche. Das war nötig, weil Prankster mittlerweile jeden attackierte. Er unterschied nicht zwischen Freund oder Feind. Er war so dressiert worden, dass er jeden als Bedrohung empfand, der sich ihm näherte. Ich hätte nie geglaubt, dass er so bösartig werden konnte."
Im Lauf ihrer Schilderung hatte sie zunehmend mit Emotionen zu kämpfen; jetzt hielt sie inne und schöpfte zitternd Atem. In Ermangelung eines Taschentuchs händigte Chase ihr seine mit Rosen bedruckte Serviette aus. Ihre eigene hatte sie bereits vor lauter Erregung zerknüllt und auf den Teller gelegt. Hemmungslos schniefte sie in die dargebotene hinein, während er überlegte, ob er ihr eine Valiumtablette aufnötigen sollte.
Wie auf Kohlen saß er da, auf der Kante des Bugholzstuhls, und vernahm seinen lauten Atem störend mit dem Ticken der zierlichen Kommodenuhr, die gerade glockenklar die halbe Stunde schlug. Der Bissen in seinem Mund schmolz zu einem zähen Klumpen aus Teig und Schokolade. Es war überraschend und auch eigenartig zu erfahren, dass House wie er die stumme Gesellschaft eines vierbeinigen Freundes mehr geschätzt hatte als die seiner Altersgenossen. Dann wiederum aber auch nicht.
„Ich kann Greg nicht verübeln, dass er furchtbar wütend war auf John. Er hatte ihm seinen einzigen Spielkameraden genommen. Einmal in der Nacht versuchte er, ihn zu bändigen, ihn wieder zu dem alten Prankster zu machen und mit ihm fortzulaufen, wie er mir später gestand, aber der Hund hat sich sofort in seine Kehle verbissen. Das war der Biss, der ihm beigebracht wurde, um Eindringlinge kampfunfähig zu machen."
Unwillkürlich bedeckte er Mund und Nase mit beiden Händen. Der Gedanke, dass man House wehtat, ihm körperliche Schmerzen zufügte, war unerträglich. Zu dem kleinen Außenseiter, der er gewesen war, hatte er bereits zarte Bande geknüpft. Sie hätten sich gut verstanden, davon war er überzeugt. Vielleicht sogar mehr ergänzt als heute, wenngleich er sicher war, dass es stimmte, was seine Mutter über ihn sagte. Einfach hatte er es seinen Mitmenschen wohl nie gemacht. Naiverweise hatte Chase sich in die Illusion verliebt, dass er vor dem Infarkt ganz anders gewesen sei. Aber bereits seine Kindheit war einprägsam genug, um seine Gesinnung als Erwachsenen zu beeinflussen, sich abzukapseln von Gefühlen und Menschen, die einen verletzten so wie Mr. House den kleinen Greg.
Narben hatte er an House' Hals nie entdeckt oder gespürt. Meistens war der allerdings zu stoppelig, um Unebenheiten auf der Haut zu ergründen. Dessen ungeachtet hoffte er, sie übertrieb zugunsten der Dramatik, zu der vielleicht sogar eine Frau wie Mrs. House neigte.
„Der Biss war nicht tief, aber eine Taktik, Angreifer am Boden zu halten. Greg war wie gelähmt vor Angst. Glücklicherweise hat John den Hund sofort knurren gehört. Es ist ihm gelungen, Greg zu befreien, bevor er weitere Wunden davongetragen hätte. Er hat selbst einiges eingesteckt dabei; noch in derselben Nacht mussten sie im Krankenhaus behandelt werden; Greg sogar mehrere Tage. Das Tier war nicht mehr Prankster; es war ein Hohn, dass er es so getauft hatte. Am nächsten Morgen hat John es erschossen. Ich kann nicht sagen, dass ich nicht froh darüber war."
Ihr Bericht endete mit einem Schneuzen in die Serviette.
Da er nicht wusste, was er sonst tun sollte, legte er ihr ein wenig täppisch die Hand auf den Arm. Wie House darauf reagiert hatte, konnte er sich trotz der offensichtlichen Gemeingefährlichkeit des Hundes denken. Er fühlte mit ihm. Der Vater, auf dessen Porträt er im Flur einige Male gestoßen war, wirkte gar nicht so streng und einschüchternd wie die Episode ihn darstellte. Zumindest nicht so streng wie seiner. Ein bisschen erinnerte er ihn an James Stewart in älteren Jahren.
„Ich erschrecke Sie mit meiner Hysterie", entschuldigte sie sich und strich ihm über die Wange. Ihre Hand war ein wenig schwielig und fühlte sich an wie Schmirgelpapier, und am Rücken war sie von blau schimmernden Venen durchzogen. „Es ist schon lange her und längst vergessen. Aber manchmal fürchte ich, John hätte das Problem diplomatischer lösen können." Sie seufzte und rieb sich die Stirn. „Kurz darauf wurde er befördert und auf den militärischen Stützpunkt in Japan und zu den Philippinen delegiert … monatelang waren wir kaum zuhause, da er darauf bestand, seine Familie um sich zu haben. Insofern wäre ein Hund nur hinderlich gewesen. Noch Kaffee?"
„Danke."
Die restliche Zeit ihres Kaffeekränzchens verlief in Grabesstille, ehe er sich in das Zimmer zurückzog, um ein wenig nachzudenken und auszuruhen. Auf dem Bauch liegend, griff er nach Pranksters Spielzeug auf dem Nachttisch und betrachtete es, während er es vor seinen Augen hin und herrollte. Bestimmt hatte es House nicht nur zum Gedenken an einen guten Freund aufgehoben, sondern auch als Denkzettel dafür, wie schnell man Kreaturen ohne Verstand umpolen und zu seinem Werkzeug gestalten konnte.
Ein salziger Geschmack drang in seinen Rachen, und die Übelkeit, die ihn seit Blythes Bericht nicht losgelassen hatte, quälte ihn derart, dass er hastig aufsprang, um gerade rechtzeitig ins gegenüberliegende Badezimmer zu gelangen.
