Love against the odds
Kapitel 4
Auswirkungen
Noch immer ist Snape sehr still, obwohl schon eine ganze Weile vergangen ist, seitdem ich mich zu ihm gesetzt habe. Fast schon in sich selbst zurückgezogen starrt er vor sich hin, bis er plötzlich den Kopf hebt und mich ansieht. Beinahe erschrecke ich über seinen Anblick. Mir kommt es so vor, als wäre er in den letzten Minuten um Jahre gealtert, nicht dass er je sonderlich attraktiv gewesen wäre. Nein. Aber erst jetzt wird mir so richtig bewusst, dass er im Hinblick auf gewisse Ereignisse oder Situationen nicht ganz so unbeeinflusst bleibt, wie er immer tut.
Ich schlucke schwer und bemühe mich, seinem Blick standzuhalten, der sich ungläubig in mich bohrt, als würde er hoffen, eine Erklärung von mir zu erhalten.
„Warum wollten Sie das tun, Miss Granger?", fragt er mit rauer Stimme.
Zu meiner Überraschung klingt es so, als würde die Enttäuschung über mich seine Wut in den Schatten stellen, was vielleicht mit ein Grund ist, warum er es zulässt, dass ich mich nach wie vor in seiner Nähe aufhalte.
Ich blinzle ihn an und registriere, wie sehr er mit sich kämpft, überhaupt mit mir zu reden. Doch die Erklärung, die er sucht, kann ich ihm nicht geben, dabei hatte ich erwartet, dass ich mir über meine Gefühle im Klaren sein würde, nachdem wir es getan haben. Irritiert muss ich jetzt feststellen, dass damit alles nur noch komplizierter geworden ist. Vor allem, was Snapes Verhalten angelangt.
„Sie kennen mich, Professor", sage ich ernst. „Ich bin nicht wie andere. Ich bin neugierig und hinterfrage Dinge oder Vorgänge. Ich möchte wissen, wie sie funktionieren und etwas darüber lernen ..."
„In der Tat", fällt er mir ins Wort. „Sie sind nicht wie der Rest Ihrer Kollegen. Doch anscheinend ist Ihnen noch immer nicht klar, was Sie damit ausgelöst haben."
„Ausgelöst? Verzeihen Sie, aber Sie hätten nicht nachgeben müssen. Ich habe Sie gefragt, ob Sie es tun würden, wenn Sie sich erinnern."
Er rollt übertrieben mit den Augen. „Natürlich haben Sie das. Und ich habe Sie dazu aufgefordert, zu gehen, was Sie ignoriert haben."
Es stimmt, dafür kann ich ihm keinen Vorwurf machen. Snape aber sieht noch längst nicht so aus, als sei er zufriedengestellt. Tief Luft holend schiebt er seine Hände durch die unordentlichen Strähnen. Dann stützt er die Ellenbogen auf die Knie und bettet sein Kinn darauf, den Blick abwesend geradeaus gerichtet.
„Haben Sie vergessen, wer ich bin, Granger? Offensichtlich, denn anderenfalls wären Sie nie soweit gegangen, ausgerechnet mich dazu zu bringen, nicht wahr? Hatten Sie es wirklich derart nötig, das zu tun, dass Sie sich dabei ausgerechnet an mich wenden mussten?"
Was er sagt, trifft mich hart. Im Grunde genommen war ich noch nie der Flittchen-Typ, der sich einfach mal so an jemanden rangeworfen hat. Trotzdem bemühe ich mich, ihn zu verstehen, schließlich bin ich nicht ganz unschuldig daran, dass es dazu gekommen ist.
„Wieso sagen Sie das?", frage ich vorwurfsvoll. „Denken Sie das wirklich von mir? Oder denken Sie, Sie sind weniger wert als irgendjemand sonst?"
Er dreht den Kopf zurück in meine Richtung und blickt mich durchdringend mit seinen schwarzen Augen an. Eine Weile scheint er über meine Reaktion erstaunt zu sein, fast so, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich ihm gegenüber wieder die Beherrschung verlieren würde. Doch der Eindruck hält nur kurz an, dann ist er wieder ganz er selbst.
„Ersparen Sie mir das", sagt er kühl. „Von all meinen Schülern müssten Sie am besten wissen, was es bedeutet, Respekt vor anderen zu haben, Granger. Sie haben sich immer im Griff gehabt, haben Sich für andere eingesetzt. Und, in diesem Punkt haben Sie Recht, Sie haben Dinge hinterfragt. Doch das gibt Ihnen noch lange nicht die Erlaubnis, so weit zu gehen."
Ich reiße den Mund auf, um etwas zu sagen, doch er schüttelt den Kopf.
„Lassen Sie mich ausreden", fährt er mit fast schon erstaunlicher Gelassenheit fort. „Ist Ihnen denn überhaupt nicht bewusst, was für einen Schaden Sie mit Ihrer Neugierde angerichtet haben? Sie haben Grenzen zu mir überschritten. Mir, Ihrem Professor! Sie haben mich neulich nicht nur körperlich verletzt, sondern mich dazu gebracht, mich Ihnen wie ein räudiger Teenager zu nähern, der die Kontrolle über sich verloren hat."
„Das ist nicht wahr", werfe ich energisch ein. „Ich weiß sehr wohl, was Sie meinen, Professor. Aber dieser Vorfall wird nicht die Autorität untergraben, die Sie mir gegenüber haben."
„Nein? Wie können Sie nur so naiv sein? Natürlich wird sich dadurch etwas ändern. Und wenn es nur Kleinigkeiten sind. Irgendeinen Effekt wird ein solches Handeln immer auslösen."
„Professor, wie ich bereits sagte, bin ich anders. Sie können mich nicht mit meinen Klassenkameraden vergleichen."
„Nein, das kann ich wirklich nicht", äußert er spöttisch, das Gesicht nun wieder in seinen Händen vergraben, „denn niemand je zuvor hat gewagt, so etwas zu tun."
Abwesend nicke ich mit dem Kopf. „Das ist offensichtlich. Sie müssen mir das nicht sagen. Ich dachte nie, dass Sie zu der Sorte von Männern gehören, die so etwas tut. Doch genau darum bin ich überzeugt davon, dass irgendetwas zwischen uns steht. Wir müssen der Sache nur erst auf die Schliche kommen."
Sichtlich erregt fährt er herum. „Das ist nicht Ihr Ernst! Haben Sie denn noch immer nicht genug?"
Wie beiläufig zucke ich mit den Schultern. „Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, Professor. Aber es war nicht so, dass ich es ungeschehen machen möchte. Verstehen Sie? Ich meine ..."
Weiter komme ich nicht, denn Snape schüttelt vehement den Kopf. „Was auch immer Sie damit sagen wollen, lassen Sie es besser bleiben."
„Wieso? Haben Sie etwa Angst davor, wir könnten wie ganz normale Menschen miteinander plaudern?"
„Wohl kaum."
„Verstehe", gifte ich ihn an. „Sie bevorzugen andere Gesellschaft."
„Seien Sie nicht lächerlich. Ich habe keine Freunde, mit denen ich plaudern könnte."
„Das meinte ich auch nicht. Ich sprach von Voldemort und seinesgleichen."
„Natürlich, Granger. Denken Sie wirklich, ich bin so blöd, das nicht zu wissen?"
Langsam schüttle ich den Kopf. Es ist wirklich nicht leicht, aus ihm schlau zu werden. „Nein. Im Grunde genommen denke ich anders über Sie, Professor. Aber vermutlich würden Sie mir nicht glauben."
Er sieht mich lange an. Dann schnaubt er, wobei er bemüht ist, unbeeindruckt zu wirken. Nachdem ich ihm aber so nahe bin, fällt es ihm alles andere als leicht. Langsam nimmt er die Hände hoch und legt sie in seinen Nacken.
„Das ändert gar nichts", sagt er leise und dennoch durchdringend. „Verstehen Sie? Gar nichts."
„Vielleicht nicht, Professor. Aber Sie sollten wissen, dass ich es wirklich wollte."
Vorsichtig hebt er den Blick und mustert mich wieder einmal, als wäre ich vollkommen verloren.
„Warum?"
Ich klemme meine Lippe zwischen die Zähne. Ihm das klarzumachen dürfte ebenso schwierig werden, wie alles andere, weil ich es mir selbst nicht richtig erklären kann. Snape ist kein besonders anziehend wirkender Mann. Er ist auch nicht attraktiv oder liebevoll, womit er so ziemlich genau das Gegenteil von jemandem ist, auf den man sich normalerweise zubewegen würde, genauso wie er es gesagt hat. Und trotzdem habe ich das Gefühl, hier sein zu müssen, so, als würde ich lernen wollen, ihn zu verstehen.
„Sehen Sie ...", beginne ich unsicher, wobei ich meine Beine hochnehme, um es mir (unter kritischer Beobachtung stehend) im Schneidersitz neben ihm bequem zu machen.
Snape sagt nichts dazu, sein Blick aber besagt deutlich, dass dieses Gespräch etwas länger dauern könnte, woraufhin er mich gewähren lässt.
„Als Sie mir neulich sagten, dass ich vielleicht unter dem Einfluss meiner Hormone stehen könnte, ist mir bewusst geworden, dass Sie gar nicht so unrecht haben könnten. Ich bin in einem Alter, in dem man Erfahrungen sammelt und so war ich neugierig geworden. Und nachdem Sie meinten, ich könnte mich zu Ihnen hingezogen fühlen, konnte ich das nicht einfach so hinnehmen. Das muss Ihnen doch bewusst sein, nicht wahr?"
Er nickt. „Das ist das, was ich nicht verstehe, Granger, und glauben Sie mir, es fällt mir nicht leicht, das vor Ihnen zuzugeben, aber was Sie getan haben, war sehr töricht von Ihnen. Nicht nur, weil Sie sich mir aufgedrängt haben. Sehen Sie, ich hätte Sie ohne Weiteres verletzen können, was in Anbetracht der Umstände noch sehr milde ausgedrückt ist. Abgesehen davon kann ich nicht gutheißen, dass ich mich habe gehen lassen, was einem Mann in meiner Postion nicht zusteht."
„Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Niemand wird es erfahren. Außerdem glaube ich nicht, dass Sie mich absichtlich verletzt hätten, denn selbst dann, wenn Sie wütend waren, sind Sie zu beherrscht, um so etwas zu tun."
Er legt den Kopf schief und kneift die Augen zusammen. „Woher wollen Sie das wissen?"
„Ganz einfach. Ich vertraue Ihnen. Wenn Sie mich hätten verletzen wollen, hätten Sie die Gelegenheit gehabt, als ich Ihnen den Federkiel in die Hand gerammt habe." Ich setze ein gequältes Lächeln auf und beobachte, wie er verwundert die Brauen zusammenzieht. „Und dieser Vorfall tut mir aufrichtig leid, Professor, glauben Sie mir."
Snape schüttelt resignierend den Kopf. „Dafür ist es jetzt zu spät. Wir können weder das rückgängig machen, noch alles andere."
„Und was ist, wenn ich das andere gar nicht rückgängig machen will?"
Ungläubig starrt er mich an. „Fangen Sie nicht wieder damit an, Granger."
„Warum nicht? Sie selbst haben mich erst dazu gebracht, darüber nachzudenken, als Sie meinten, es könnte mehr dahinterstecken."
„Es war falsch von mir, so etwas zu Ihnen zu sagen. Ist Ihnen das denn nicht bewusst? Ich war wütend auf Sie, weil Sie an diesem Pult saßen, ohne dazu berechtigt zu sein."
„Und weil ich Ihnen das Pergament nicht geben wollte, nicht wahr?"
„Das auch." Er seufzt langanhaltend und fährt sich mit den Fingern durch die Haare. Dann faltet er sie in seinem Schoß ineinander und sieht mich an. „Wissen Sie, Granger, erst später ist mir klar geworden, dass Sie nicht ahnen konnten, dass ich Sie an diesem Tag unterrichten würde. Genau genommen hatte ich kein Recht, Ihnen einen Vorwurf zu machen, dort zu sitzen, denn normalerweise wäre Professor Slughorn in das Klassenzimmer gekommen, nicht ich."
„Wollen Sie damit sagen, dass es also nur dumme Zufälle waren, die dazu geführt haben, dass alles so gekommen ist?"
„Ja."
Ich starre ihn an. Sein Gesicht ist gefasst und beherrscht, dennoch denke ich, dass er mir etwas verheimlicht.
„Sie lügen", sage ich ernst.
Snapes Blick verfinstert sich. „Tatsächlich?", fragt er mit sarkastischem Unterton in der Stimme. „Es ist erstaunlich, dass das ausgerechnet von Ihnen kommt, wo Sie es doch vorgezogen haben, sich selbst zu belügen, nicht wahr?"
„Wie meinen Sie das?", erkundige ich mich vorsichtig. Die Art und Weise, wie er mich ansieht, gefällt mir gar nicht.
„Sie geben vor, als wäre es das Natürlichste auf der Welt gewesen, das mit mir zu tun, Granger. Doch ich kann sehen, dass es Sie beschäftigt. Und das weitaus mehr, als Sie zugeben möchten."
Ich blinzle ihn an. „Was?"
„Denken Sie, mir ist entgangen, dass Sie so etwas noch nie zuvor getan haben? Sie spielen hier die starke Frau, vielmehr noch die Verführerin, dabei ist es in Wirklichkeit anders."
Mir bleibt fast die Luft weg, als er mich so damit überfällt. Kurz darauf aber habe ich mich wieder gefasst, schließlich hat auch er nicht gerade einen besonders erfahrenen Eindruck gemacht.
„Und was ist mit Ihnen?", frage ich streng. „Sie haben auch nicht gerade gewirkt, als würden Sie das allzu oft tun. Habe ich Recht? Wer weiß, vielleicht war es ja sogar ebenfalls Ihr erstes Aufeinandertreffen mit einer Frau."
Snapes Augen blitzen auf. Es ist nicht zu übersehen, dass er wütend ist. „Schön, Granger", knurrt er mich an, „ich schlage vor, Sie verschwinden jetzt besser, bevor ich Ihnen tatsächlich noch etwas antue."
Ich muss mich stark zusammennehmen, um jetzt nicht schon wieder die Nerven zu verlieren, doch nicht, weil er mich eingeschüchtert hat, sondern, weil er schon wieder dabei ist, sich zurückzuziehen, um mir nicht direkt darauf antworten zu müssen.
„Nein, das würden Sie nicht", sage ich entschieden. „Ich bin Ihre Schwäche, Professor. Schon vergessen?"
Mit gezügelter Wut schnaubt er vor sich hin. „Das mag für diesen einen Vorfall zutreffen, doch Sie können sicher sein, dass es nicht noch einmal vorkommen wird."
Er hebt die Hand und deutet auffordernd damit zur Tür. „Gute Nacht, Granger. Und vergessen Sie nicht, Ihre zerknitterte Bluse zu richten, ehe Sie aus meinem Büro marschieren. Wir wollen doch nicht unnötige Aufmerksamkeit auf uns ziehen, nicht wahr?"
Ein fieses Grinsen taucht auf seinem Gesicht auf und ich rolle mit den Augen. Ob er auf lange Sicht das letzte Wort haben wird, werden wir noch sehen. Für gewöhnlich bin ich nicht gewillt, so schnell aufzugeben. Und das dürfte seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen sein.
