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Lex bekam einen Anruf. Nachdem Clark einige Minuten zugehört hatte, wie Lex mit zunehmend ungeduldigem Ton seinen Gesprächspartner nach Einzelheiten zu einem Geschäftabschluss ausfragte, entschied er, sich zurückzuziehen. Er konnte die Hände bewegen. Daher fischte er rückwärts das oberste Buch vom Stapel und ließ sich auf der bequemeren Couch nieder. Zuerst wollte er den Raum verlassen, aber wenn Lex allein hätte telefonieren wollen, wäre er gegangen, oder hätte Clark hinaus gescheucht. Also blieb er, hörte aber nicht weiter zu.
Mit einiger Mühe platzierte er das Buch, es war Biologie, auf dem kleinen Couchtisch und schaffte es bald darauf sogar, das Kapitel über Evolutionstheorien aufzuschlagen. Das Umblättern erwies sich als schwieriger, doch da Lex sich gerade zum Fenster gedreht hatte, wagte er, seinen Atem subtiler einzusetzen als zuvor. So war es kein Problem, die nächste Seite zu erreichen.
„Clark?"
Clark schreckte hoch. Er hatte nicht gemerkt, dass Lex das Telefongespräch beendet hatte. Er stand vor ihm.
„Es tut mir leid. Ich muss kurz weg. Es gibt Probleme mit einigen Dokumenten, die meine Anwesenheit erfordern."
„Oh."
„Es wird nicht lange dauern. Höchstens zwei Stunden, wahrscheinlich weniger. Dafür brauchen wir das Experiment nicht abzubrechen. Außerdem wird dir jeder hier helfen, wenn du etwas brauchst."
„Ich werde mich schon beschäftigen können. Aber... ehmm, Lex? Würdest du mich vorher losbinden, damit ich... zur Toilette kann?"
„Sicher. Komm her."
Geschickt löste Lex die Knoten. Die Seide fühlte sich jetzt warm an. Clarks Körpertemperatur...
„Aah, das tut gut..."
Clark streckte die Arme aus und ließ seine Schultern kreisen. Erst jetzt stellte er fest, dass die ungewohnte Haltung selbst auf seine Muskeln Auswirkungen hatte.
Plötzlich erstarrte er.
Da waren Hände auf seinen Schultern. Lex' Hände! Und sie begannen, ihn mit leichtem Druck zu massieren. Hmmm... Clark entspannte augenblicklich, es fühlte sich so gut an. Lex schien genau zu wissen, welche Punkte er treffen musste, um die Verspannungen zu lösen. Clark schloss die Augen und konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken.
So überraschend es begonnen hatte, so abrupt hörte es auf.
Als Clark sich umdrehte, hatte Lex die Hände in seinen Hosentaschen und war einen Schritt zurückgetreten. Sein Gesicht war neutral, aber Clark meinte, eine Spannung zu spüren, die vorher nicht da gewesen war. Keiner von beiden rührte sich. Ihre Augen waren fest aufeinander gerichtet.
Lex bewegte sich als erster, was auch Clark aus seiner Erstarrung löste. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
„Ich geh dann mal eben..."
Als die Tür ins Schloss gefallen war, ließ Lex sich auf die Couch fallen. Idiot! Verdammter Idiot!, verwünschte er sich selbst.
Noch während er seine Hände erhob, um sie auf Clarks Schultern zu legen, war ihm bewusst geworden, dass er dies nicht tun sollte, dass er Clark nicht anfassen sollte, nicht jetzt, nicht so, doch er konnte den spielenden Muskeln nicht widerstehen... Er musste ihn einfach berühren... Dann hatte er Clarks Wärme gespürt... Durch das T-Shirt... Clarks Verspannungen lockerten sich merklich und Lex wollte den Stoff loswerden und die nackte Haut unter seinen Händen fühlen... wollte ihn einatmen... Es war Clarks leiser Seufzer, der ihn in die Realität zurückgerissen hatte. Rechtzeitig...
Lex kämpfte die sinnlichen Empfindungen nieder, obwohl er Clark noch immer an seinen Handflächen spürte.
Es war nur eine Massage. Er war verspannt. Du hast ihn massiert. Fertig.
Er versuchte, sich davon zu überzeugen, dass es keine verwerfliche Tat gewesen war. Schließlich hatte er selbst schon hunderte von Massagen bekommen, ohne dass darauf irgendwelche sexuelle Handlungen gefolgt waren. Und doch war der Gedanke an Clark, an Clarks Haut, an seinen Körper, so verlockend, dass er ihn nicht verdrängen konnte.
Das war nichts Neues für Lex. Clark faszinierte ihn seit er ihn kannte. Neu war lediglich die Situation. Und wo er normalerweise bei Clarks Anwesenheit seine Handlungen unter Kontrolle hatte, war ein gefesselter Clark einfach zu viel für ihn. Ein wahr gewordener Traum. Wie sollte man sich dagegen wehren?
Streng dich verdammt noch mal an!, rief er sich selbst zu und sprang auf. In dem Moment kam Clark wieder zur Tür hinein. Leicht grinsend.
„Okay. Du kannst mir die Fesseln wieder anlegen. Und dann geh deine Geschäfte retten. Ich werde zurechtkommen."
Lex gewann seine geistige Balance zurück und schaffte es, Clark offen anzulächeln. Nur eine Massage. Er hat auch nichts anderes darin gesehen.
Wie zuvor bewies Lex große Geschicklichkeit beim Binden der Knoten, doch er achtete darauf, sich nur auf die Knoten zu konzentrieren. Als er fertig war, fragte er, was Clark vorhabe.
„Ich hab gerade mit Bio angefangen, aber...", er überlegte.
„Wenn du willst, kannst du dir einen Film anschauen. Oder Musik hören. Du kennst dich hier ja aus. Soll ich jemanden hochschicken, um den Fernseher einzuschalten?"
„Würde es dich sehr schockieren, wenn ich es mit meiner Nase versuche?"
Beide lachten.
„Mach was du willst, Clark, aber brich dir nicht den Hals, ja? Das würde ein extrem schlechtes Licht auf mich werfen."
„Ich bemühe mich."
„Gut, ich sehe dich zum Mittagessen."
„Bis dann."
Allmählich erstarb das Lachen auf seinem Gesicht, als Clark noch minutenlang die Tür anstarrte, durch die Lex verschwunden war. Dann entfuhr ihm ein lauter Seufzer. Jesus, was ist nur in mich gefahren?
Er setzte sich wieder auf die Couch, die gebundenen Arme waren schon gar kein Problem mehr. Etwas Zeit für sich allein zu haben, war jetzt genau richtig. Er konnte seine Gedanken nicht ordnen, wenn Lex im Raum war. Zumindest nicht, wenn es um derartige Gedanken ging.
Lex hatte ihn massiert. Lex hatte das wunderbar gemacht... die Berührung allein hatte ihn entspannen lassen und dann hatte Lex sicher jeden schmerzenden Muskel gefunden... nun, er hatte nicht wirklich Schmerzen gehabt, das zu behaupten, wäre übertrieben gewesen, aber die was, nur zwei Stunden? in ungewohnter Haltung waren zumindest spürbar. Und da hatten sich Lex' Hände so gut angefühlt...
Clark schloss seine Augen und spürte erneut die Hände auf seinen Schultern... die kreisenden Bewegungen... den sanften Druck... eine warme Welle fuhr durch seinen Körper, als er sich vorstellte, dass diese Hände unter sein T-Shirt glitten und seine Haut berührten... Clark erschauerte.
Dann sprang er wie vom Blitz getroffen auf.
Das waren Gedanken, die er nicht jetzt und auf keinen Fall hier zulassen würde! Er würde auf der Stelle tot umfallen, wenn Lex oder jemand vom Personal herein käme und ihn stöhnend auf der Couch vorfände.
Außer ihm war niemand anwesend, aber Clarks Gesicht verfärbte sich leuchtend rot. Gott! Er ließ sich zu erotischen Gedanken verleiten, dabei hatte Lex sich doch nur seiner Verspannung annehmen wollen! Wahrscheinlich hatte er ihn auch noch durch sein Aufstöhnen erschreckt. Kein Wunder, dass Lex so schnell von ihm abgelassen hatte. Er hatte mit Sicherheit keine falschen Vorstellungen in Clark wecken wollen.
„Falsch. Ha!"
Schon seit einiger Zeit dachte Clark darüber nach, ob er Lex wissen lassen sollte, dass er nicht immer nur rein freundschaftliche Gefühle für ihn hegte. Insbesondere, da er manchmal etwas Entsprechendes in Lex' Augen zu lesen vermeinte. Manchmal... manchmal, wenn er ihn ansah... schien Lex' Blick zu glühen. Er spürte dann die Augen förmlich auf seinem Körper. Wie eine Liebkosung... Und dann war es wieder weg, und Clark fragte sich, ob er geträumt hatte. Andererseits schien Lex jeden, wirklich jeden, so anzusehen! Was frustrierend war. Manchmal hatte Clark den Eindruck, Lex würde mit allen seinen Gesprächspartnern flirten. Ob er nun mit der Frau an der Tankstelle sprach, mit Lana, Chloe oder mit dem Bürgermeister. Das war etwas, dass Clark Kent an Lex Luthor hasste. Man wusste nie, woran man war. Man konnte nie ganz sicher sein, ob er meinte, was er sagte. Schon oft hatte Clark überlegt, ob hinter Lex' Worten eine Bedeutung lag, die ihm entging. Der Mann war ein Rätsel.
Er machte sich auf den Weg ins Fernsehzimmer. Auf einen kompletten Film wollte er sich jetzt gar nicht konzentrieren. Irgendwas Banales würde das Fernsehprogramm schon hergeben. Obwohl auf Lex' riesengroßem Flachbildschirm wahrscheinlich nichts banal aussehen würde. Er kickte die Schuhe von sich, legte rückwärts die Fernbedienung auf den Tisch und betätigte sie recht geschickt mit dem großen Zeh.
Eine sinnlose Talk Show. Genau das richtige.
Clark lehnte sich zurück und sah einer Handvoll Menschen beim Streiten zu. Leute, eure Probleme möchte ich haben..., dachte er kopfschüttelnd, hatte aber keine Lust, abzuschalten.
tbc.
