Wie fast jeden Abend saßen die beiden Jungen auf dem großen Bett und versorgten ihre Wunden. Meistens waren es nur Hämatome und kleinere Schürfwunden, selten auch mal kleine Rötungen, die von einem Feuerzauber stammten. Diese Verletzungen versorgte der Arzt, damit sie auch wieder verschwanden.
Glücklicherweise waren sie, wie bereits erwähnt, eher selten. Selten war leider der Verbrauch des Verbandes nicht und dementsprechend schnell musste jener wiederbeschaffen werden.
„Ich hole uns neue Verbände."
„In Ordnung."
Während der jüngere der beiden Jungen sich auf den Weg ins Krankenzimmer begab, kümmerte sich der andere um eine Prellung sowie ein paar Kratzern an seinem Handgelenk und Unterarm. Eigentlich hätte er damit zum Arzt gehen sollen, aber seine Beziehung zu diesem Mann hatte sich natürlich noch immer nicht verbessert. Wie auch? Er konnte ihn von Anfang an nicht leiden und das hatte sich in den letzten Jahren nicht geändert, warum sollte es das jetzt tun?
In der Zeit, in der er alleine in seinem Zimmer auf dem Bett saß, dachte er ein wenig über die letzten Wochen und Monate nach. Er und sein Freund hatten in letzter Zeit mehr als sonst trainiert. Auch hatten sie sich intensiver mit der Vergangenheit der Magier beschäftigt.
Sie waren beide um einiges stärker geworden.
Zwar vertrat er noch immer die Meinung, dass nur er stark sein musste und nur er in den Gundu gehen sollte, aber sein Freund konnte seine eigenen Entscheidungen treffen.
Solang jener keinen „Divine Staff" erhielt, war er für den Gundu sowieso ungeeignet beziehungsweise die Chancen, dass er in den Gundu musste waren geringer.
Mehr schlecht als recht hatte er sich schlussendlich das Handgelenk und den Unterarm verbunden. Vielleicht hätte er doch um Hilfe bitten sollen. Der Verband war aufgebraucht, daher hieß es nun warten. Ohne Verband konnte er immerhin schlecht weiter machen. Wobei er eh fast fertig war.
Die Wunden wurden von Übungskampf zu Übungskampf immer weniger, was zum einen daran lag, dass sein Borg immer stärker wurde und zum anderen wurde auch er und seine Magie immer mächtiger. Die ganzen zusätzlichen Trainingseinheiten zahlten sich allmählich aus.
Mit einem lauten Seufzer ließ er sich rücklings auf die Matratze fallen. In wenigen Tage würde es ein Fest zu Ehren ihres Königs David Fest geben. Er hatte den Mann bis her nie gesehen und laut der anderen Kinder, die bereits an dem Fest hatten teilnehmen dürfen - erst ab einen gewissen Alter, mit einem Divine Staff und wenn man noch nicht in einem Gundu stationiert war, durfte man mitfeiern -, war der König auch nie erschienen. Wahrscheinlich war er viel zu beschäftigt. Es gab Gerüchte, die besagten, dass König David mit Ill Ilah selbst kommunizieren konnte.
Dieses Jahr würde er auch auf das Fest gehen, egal ob man ihn freiwillig mit ließ oder nicht. Die Kinder, die in der Kirche zurückblieben, durften den gesamten Tag über die schlechte Laune der zurückgebliebenen Priester ertragen und das gesamte Gebäude schrubben. Es könnte ja sein, dass der König sich an so einem wundervollen Tag dazu entschloss, die Kirchen besuchen zu gehen. Dass das total Schwachsinn war, wussten selbst die jüngsten Kinder, aber irgendeine Ausrede brauchte man wahrscheinlich, um sie zu ärgern. Er fragte sich, ob es an anderen Orten genauso war, wie hier. Wahrscheinlich nicht.
Die Stadt in der er lebte und in der folglich auch die Kirche lag, war eigentlich eher ein Dorf und weit abgelegen von den großen Städten. Wobei die großen Städte nicht so viel größer waren. Erfahrene Magier konnten ihren Alterungsprozess verlangsamen und mit ihrer Magie waren sie den anderen Spezies überlegen, somit mussten sie nicht fürchten vorzeitig zu sterben. Selbst gegen die meisten bekannten Krankheiten gab es einen Heilungszauber. Kinderzeugung war dementsprechend nicht zwingend notwendig und daher gab es auch eher wenige Kinder - klang seltsam, wenn man bedachte, wie viele Kinder es in den Kirchen gab.
Die Siedlungen der Menschen waren in der Regel eher klein und früher auch verstreuter als heute. Heute waren die meisten "Städte" nahe König Davids Palast, dort war es angeblich am Sichersten, immerhin war König David der mächtigste Magier! Gerüchten zufolge soll der König bereits seit über 800 Jahren leben. Aber dafür gab es natürlich keine Beweise und selbst wenn ein Magier seine Alterung verlangsamen konnte, unsterblich war er deswegen noch lange nicht.
Unsterblichsein klang nicht schlecht. Magier waren zwar in der Lage ihr Leben zu verlängern, aber schlussendlich würden auch sie eines Tages sterben. Krankheiten waren weniger ein Problem, da sie mit Heilmagie eigentlich bisher alle Krankheiten und auch Verletzungen heilen konnten – dafür war es ja eben „Heilmagie". Aber keiner Magie der Welt konnte einen ewiges Leben geben. Was hatte man davon? Wollte man wirklich für immer leben? Er fand den Gedanken gruselig. Auf der einen Seite hatte es schon einen gewissen Reiz, aber was wenn es irgendwann keinen Spaß mehr brachte? Irgendwann wären doch alle Menschen, die man liebte, verstorben und man würde immer mit dem Wissen leben, dass jeden den man traf und gegebenenfalls befreundet überleben würde. Der Gedanke seinen Freund zu verlieren und Jahr um Jahr ohne ihn weiterzuleben erschien ihm sinnlos. Natürlich konnte er auch ohne seinen bisher einzigen Freund überleben, hatte er die ganzen Jahre davor auch geschafft, aber warum sich ein unsterbliches Leben antun, wenn man auch ein sterbliches haben konnte, das man dann aber vermutlich viel eher zu wertschätzen wusste? Und würde Unsterblichkeit nicht auch bedeuten, dass man nie ein Teil der Rukh wurde? Man würde nie an die Seite ihres Vaters zurückkehren.
Was bedeutete es überhaupt an Ill Ilahs Seite zurück zu kehren? Was erwartete einen dort? Wie sollte man sich das vorstellen? Würde er noch er selbst sein oder würde er dann gar nicht mehr existieren? Würde er sich in Rukh verwandeln und ohne Erinnerungen an sein Dasein in dieser Welt wo auch immer herum schwirren?
Vielleicht sollte er einen der Priester mal danach fragen, immerhin wussten die doch angeblich alles. Oder er versuchte es mal mit einem Buch, sofern es eines zu dieser Thematik gab.
Als sein Freund nach einer Weile mit einer Ladung Verbänden zurückkam, überlegte er kurz, ob er jenen vielleicht fragen sollte, was jener so über Unsterblichkeit dachte. Vielleicht fand sein Freund den Gedanken ja großartig. Und wenn sie beide unsterblich waren, dann würde es doch eigentlich keinen Grund geben, nicht da nach zu streben. Eigentlich ein dummer Gedanken, denn schlussendlich würde Unsterblichkeit nicht bedeuten, dass sie auf ewig zusammen sein würden. Sie könnten sich zerstreiten oder die Welt könnte sich derartigen verändern, dass in dieser nicht mehr zurechtkamen und sie würden noch immer nicht an die Seite ihre Vaters zurückkehren.
Er sollte von diesem lächerlichen Gedanken abkommen. Immerhin war er mehr oder weniger zufrieden mit seinem Leben und auch mit dem Gedanken, dass es eines Tages – in ferner, ferner Zukunft – vorbei sein würde.
„Sag mal, wärst du gerne unsterblich?"
Jetzt fragte er doch.
Verwundert wurde er angesehen. Schweigen.
„Hm, ich weiß nicht."
Sein Freund setzte sich auf das große Bett und legte den Kopf schief. Er dachte nach.
„Es klingt an sich verlockend, aber ich kann mir nicht vorstellen, welchen Sinn es hätte. Irgendwann wären doch alle, die mir etwas bedeutet haben, gestorben und dann wäre ich doch alleine. Ich mag nicht alleine sein. Wenn jetzt aber alle unsterblich wären, dann wäre es vielleicht nicht so schlecht."
„Aber was wenn dir das Leben und die Welt nicht mehr gefällt?"
„Das wäre schlecht. Aber warum sollte mir das Leben oder die Welt nicht mehr gefallen?"
„Gefällt dir denn dein Leben und die Welt, wie sie jetzt ist, immer? Gibt es nicht auch Tage, an denen du dir denkst, dass es besser wäre, wenn du jetzt einfach weg wärst?"
Wieder kurzes Schweigen.
„Solche Tage gibt es durchaus, aber die Tage an denen ich zufrieden bin, sind in der Überzahl."
Jetzt war er es der schwieg und nachdachte.
„Aber was macht man denn so die ganze Zeit? Ich kann mir ja nicht mal vorstellen, was ich das nächste Jahr tun werde oder danach. Würde es nicht irgendwann langweilig werden?"
„Hm, das könnte passieren. Aber sowas weiß man vorher nicht. Man muss einfach etwas finden, mit dem man sich beschäftigen kann, egal ob man ewig lebt oder nicht."
„Glaubst du, du könntest dich auf ewig beschäftigen?"
„Keine Ahnung. Warum willst du das eigentlich alles wissen?"
„Nur so. Neugierde."
Damit war das Thema erst einmal beendet und die beiden Jungen kümmerten sich um ihre restlichen Wunden.
Nachdem diese auch endlich versorgt waren, ging es zum gemütlichen Teil des Tages über. Dass die beiden Jungen unterschiedliche Auffassungen von „gemütlich" hatten, war ihnen schnell klar geworden. Der eine empfand es als gemütlich, sich mit einem Lehrbuch auf das Bett zu setzen und weiter zu lernen, während der andere es vorzog nichts zu tun oder seine Magi dazu zu nutzen Schabernack zu treiben. Auf Grund der Uhrzeit ließ letzterer den Schabernack aber lieber bleiben. Am morgigen Tag konnte er noch genug anstellen und dann nur dank der Hilfe seines Freundes diversen Strafen entkommen, wobei er sich inzwischen auch schon gebessert hatte und durchaus auch schon mal ein Lehrbuch zur Hand nahm – von nichts tun waren seine magischen Fähigkeiten nämlich nicht besser geworden. Seine Stärke lag nur nicht die Theorie, sondern in der Praxis. Leider gehörte beides irgendwie zusammen und wer ein mächtiger Magier werden und Ill Ilah dienen wollte, der musste in beiden Bereichen glänzen.
Heute aber ließ er das Buch bleiben, dafür war sein Kumpel umso mehr von einem Gefangen. Schon seit einiger Zeit las jener in fast jeder freien Minute in diesem.
„Sag mal, was liest du da eigentlich für ein Buch? Muss ja richtig spannend sein."
Nur nicht interessiert oder neugierig klingen!
„Oh, das ist ein Buch über Feuermagie."
„Feuermagie? Warum denn das?"
„Nun ja, ich bin ein Wassermagier. Feuermagie ist logischerweise die Magie, die mir am Schwersten fällt. In diesem Buch geht es genau darum. Wie lerne ich am Effektivsten und Schnellsten einen bestimmten Magietypen."
„Hm … Mir ist bis jetzt aber nicht aufgefallen, dass deine Feuerzauber schwach oder so wären."
„Nur weil sie nicht schwach sind, heißt das nicht, dass es mir leicht fällt sie zu nutzen oder zu kontrollieren. Während des Trainings mit den anderen nutze ich nur Zauber, die ich auch gut beherrsche, also auch kontrollieren kann. Wenn ich meine Feuerzauber mit meinen anderen vergleiche, gibt es da nur sehr wenige, die ich wirklich kann. Und das möchte ich halt ändern. Dir würde es im Übrigen auch nicht schaden deine anderen Zauber zu verbessern."
Wo er Recht hatte, hatte sein Kumpel nun mal Recht. Bis jetzt hatte er sich eigentlich ausschließlich auf seine Blitzmagie verlassen, womit er auch relativ gut gefahren war, doch rein logisch betrachtet – und ja dazu war er in der Lage – war es besser auch Zauber aus anderen Bereichen zu beherrschen. Man wusste ja nie, was kommen würde. Trotzdem hatte er jetzt im Moment nicht wirklich Lust dazu, sich mit derartigem auseinander zu setzen. Er war müde und wenn er das Thema weiter verfolgen würde, würde es schlussendlich darauf hinaus laufen, dass sein Kumpel ihn mit „lernen" nerven würde. Er lernte jeden Tag mehr als genug. Irgendwann musste doch auch mal Schluss sein! Und um genau diesen Schluss zu setzen, drehte er sich zur Seite, mit dem Rücken zu seinem Freund. Vielleicht sollte er jetzt einfach ein wenig schlafen. Wer müde war, sollte schlafen!
Schweigen legte sich zwischen die beiden und wahrscheinlich wäre er auch eingeschlafen, hätte sich seinen Kopf nicht entschieden, doch noch einen Gedanken zu produzieren, der auch noch meinte, er müsse ausgesprochen werden.
„Setta, ich hab dich lieb!"
Dieser Satz, diese Worte fühlten sich so richtig an und doch breitete sich ein Gefühl der Angst und Unsicherheit aus. Außerdem kam dieser Satz so unerwartet, so plötzlich, so zusammenhangslos.
Was wenn Setta nicht so empfand?
„Ich hab dich auch lieb, Ithnan!"
Erstaunt drehte sich Ithnan zu Setta um. Warum genau er so erstaunt darüber war, dass der andere ihn ebenfalls lieb hatte, wusste Ithnan selbst nicht so genau. Vielleicht lag es einfach daran, dass er diese Worte zum ersten Mal in Bezug auf sich selbst hörte.
„Für mich bist du inzwischen sowas wie ein großer Bruder geworden. Einer, wie in den Büchern. Du beschützt mich vor den anderen Kindern, die immer nur auf Streit aus sind. Und du bis talentiert und auf deine Art und Weise hilfsbereit."
Nie hätte Ithnan gedacht, dass so ein paar simple Worte, die er unter anderen Umständen vielleicht als Sarkasmus aufgefasst hätte, ihn derartig tief berühren konnten.
Sie beide hatten nie eine Familie gehabt. Waren immer allein gewesen. Zu wissen, dass ein anderen Person einen lieb hatte und einen sogar als „großen Bruder", also als ein Familienmitglied, sah, war etwas ganz Besonderes. Der Gedanke Teil einer Familie zu sein war verlockend. Ithnan konnte förmlich die ganzen glücklichen Familien vor Augen sehen, die er immerzu erblickte, wenn er die Kirche verließ. Er hatte sich immer vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn er eines dieser Kinder wäre.
„Wenn ich für dich, wie ein großer Bruder bin, bedeutet das, dass du mein kleiner Bruder bist und wir eine Familie sind!"
Ein viel zu breites Lächeln hatte sich auf Ithnans Lippen gelegt. Er war so glücklich und stolz!
Setta hingegen sah ihn erst leicht verdutzt an eher zurücklächelte.
„Korrekt, du bist mein großer Bruder und ich dein kleiner Bruder und wir sind eine Familie! Und das wird sich auch nie mehr ändern!"
