Aurorenleiter Robards und der Vergissmich-Chef Arnold Friedlich wanderten gemächlich durch einen lichten Lärchenwald, der mit seinen vielen Vögeln, die zwitscherten, und den weichen Waldwegen ein wunderbares Erholungsgebiet darstellte. Die beiden Männer hatten sich vergewissert, dass alle ihre Untergebenen an den Aktivitätsprogrammen teilnahmen und jetzt gönnten sie sich einen Spaziergang durch den Forst mit Moospolster und Farnwedel zwischen den Bäumen. Genauso hatten sie sich ihren eigenen Kurs vorgestellt.
Plötzlich blieb Arnold stehen und sagte: „He, hast du das Schild da drüben gesehen?"
„Nein, aber jetzt, da du es sagst, sehe ich es auch", erwiderte Robards. „Komm wir gucken mal, was darauf steht. In unseren Wäldern hab ich selten Schilder gesehen und schon gar keines, das ein blaues, gelbes und rotes Rechteck aufgemalt hat."
Neugierig traten die beiden Herren näher und studierten den Text auf der Tafel.
Vita-Parcours
Körperliche Ertüchtigung im Grünen
Die Teilnehmer des Kurses, Mister Robards und Mister Friedlich, absolvieren zu Beginn die vorgegeben Aufwärm- und Dehnübungen, biegen bitte rechts ab und joggen dann in gleichmässigem Tempo über die kleinen Hürden bis zum nächsten Schild. Verlassen Sie den Waldpfad nicht! Die ganze Strecke ist magisch überwacht.
Die Aufgaben mit blauem Symbol dienen dem Ausdauertraining, dazu gehört auch die Laufstrecke.
Aufgaben mit gelber Markierung fördern die Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Bei den rot markierten Übungen wird die Kraft trainiert. Das Gesundheitsgremium wünscht Ihnen viel Spass bei der Fitness im Wald.
Robards und Friedlich sahen sich grinsend an.
„So viel zu unserer Interpretation, die belebende Waldwanderung sei ein gemütlicher Kurs, den wir entspannt und ohne Anstrengung hinter uns bringen können", kommentierte Gawain die Kursanleitung. Dann lockerte er sein Gewand, damit er bei den folgenden Dehnübungen nicht behindert wurde.
„Nur eine Wanderung wäre auch zu einfach gewesen, wenn man es mit den anderen Kursen vergleicht", stimmte Arnold zu.
Wenig später joggten die beiden Arbeitskollegen auf dem weichen Waldweg hinein in den dichter werdenden Forst. Etwa alle zwei Meter war eine vierzig Zentimeter hohe Hürde aus Brettern quer über den Weg gebaut. Die Hindernisse waren nicht sehr hoch, doch es reichte, dass auch die erwachsenen Männer während des Joggens ihre Füsse ein gutes Stück anheben mussten und alle Gelenke und Muskeln der Beine gleichermassen trainiert wurden.
Nach fünf Hürden hörte Robards seinen Begleiter leise vor sich hin murren, er komme sich vor wie ein Pferd, das über Cavaletti hüpfen muss. Nach seinem Empfinden wären fünf Hindernisse bereits genug der Pflicht. Doch wie unschwer zu erkennen war, hatten sie noch zehn weitere Hürden vor sich.
Friedlich linste schon zum Rand des Weges, wo man die Bretter leicht umgehen konnte. Doch es wurde sicher nicht umsonst davor gewarnt, den Pfad zu verlassen. So übte sich der kleinwüchsige Leiter der Vergissmich-Zentrale weiterhin als Hürdenläufer.
Robards wartete stets geduldig bei den nächsten Schildern. Denn auch den Balanceakt über den zweihundert Meter langen Balken, welcher über einen Teich führte, hatte der Auror rasch überwunden. Friedlich hatte etwas länger gebraucht, da er die hübschen Fische im Wasser unter sich bewunderte und auf seinem Weg immer wieder stehen blieb.
Gawain stand inzwischen stirnrunzelnd vor einem Holzgerüst, an dem Ringe an Ketten herunterhingen. Immer wieder blickte er zwischen dem Turngerät und einer sportlich gekleideten Dame hin und her. Die Frau mit den kurzen Haaren, welche offensichtlich auf die Männer gewartet hatte, kam Arnold Friedlich bekannt vor.
„Guten Tag die Herren, mein Name ist Rolanda Hooch und ich wurde vom Ministerium gebeten, Sie bei einigen der Übungen anzuleiten", stellte sich die Frau nun vor.
Beide Kursteilnehmer begrüssten Madame Hooch und kamen neugierig näher, um zu sehen, was es mit den Ringen auf sich hatte.
„Da es beim Sport nicht nur auf Kraft und Beweglichkeit ankommt, sondern auch auf die gute Belüftung der Lunge, werden wir jetzt auch diese ins Training mit einbeziehen", begann die Sportlehrerin mit der Erklärung.
Genau nach Anweisung stellten sich die Männer unter das Turngerät und angelten nach den Ringen, die hoch über ihnen hingen.
„Gut festhalten und die Muskeln locker lassen, Sie müssen sich bei dieser Aufgabe nicht hochziehen", sprach Hooch und trat hinter Robards. Dieser fühlte eine Hand an seinem Rücken und die andere kurz darauf beim Rippenbogen.
„Rücken und Schultern entspannen und tief ein- und ausatmen", murmelte die Frau. „Ein und aus und ein uns aus … ja genau so. Die Atemübung zehn bis fünfzehn Mal wiederholen bitte. Sie dürfen dabei auch die Augen schliessen und den Vögeln zuhören, um sich besser entspannen zu können."
Der Auror kam ihrem Vorschlag nach und mit jedem Heben und Senken seines Brustkorbs nahm er das Atmen bewusster wahr. Es war nicht mehr nur ein automatischer Vorgang, sondern ein schönes Erlebnis, die frische, würzige Waldluft in seine Lungen strömen zu fühlen.
Madame Hooch war bereits weitergegangen und half Arnold Friedlich, die für ihn passende Ringhöhe zu finden. Doch der entspannte Gesichtsausdruck und das zufriedene Lächeln von Robards waren ihr nicht entgangen. Der Auror fühlte sich wohl und konnte den Kurs nur empfehlen. Da hatte das Gesundheitsgremium wirklich eine gute Idee gehabt, er würde jederzeit wieder bei so einem Programm mitmachen.
